Das Passiv im Walisischen
Y Goddefol
Dieser Artikel ist Teil des Walisisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das gewöhnliche walisische Passiv wird mit einer Form von cael („bekommen, erhalten“) gebildet: Passivsubjekt + cael + Possessivform + Verbalnomen. So bedeutet Cafodd y llyfr ei ysgrifennu „Das Buch wurde geschrieben“; wörtlich erinnert die Konstruktion etwa an „Das Buch bekam sein Schreiben“.
Überblick
Im Aktiv nennt ein Satz normalerweise zuerst den Handelnden: „Die Autorin schrieb das Buch.“ Im Passiv steht dagegen die Person oder Sache im Mittelpunkt, die von der Handlung betroffen ist: „Das Buch wurde geschrieben.“ Dieses betroffene Satzglied ist das Passivsubjekt (also das, worüber der Passivsatz eine Aussage macht).
Im Deutschen baut man ein Vorgangspassiv meist mit werden + Partizip II: „wird gemacht“, „wurde gesehen“. Walisisch geht anders vor. Es verwendet cael zusammen mit einer Possessivform wie fy „mein“, ei „sein/ihr“ oder eu „ihr“ und einem Verbalnomen (berfenw, die Grundform des Verbs, etwa gweld „sehen“ oder gwneud „machen“). Ein eigenes Partizip wie deutsches „gesehen“ oder „gemacht“ braucht man dabei nicht.
Diese B2-Struktur begegnet häufig, wenn der Handelnde unbekannt, unwichtig oder bereits aus dem Zusammenhang klar ist: in Nachrichten, Berichten, Anleitungen und ganz normalen Gesprächen. Die Form von cael zeigt Zeit und Person; die Possessivform verweist zurück auf das Passivsubjekt und löst oft eine Anlautmutation am Verbalnomen aus.
So funktioniert die Konstruktion
Das Grundmuster
| Baustein | Aufgabe | Beispiel |
|---|---|---|
| Passivsubjekt | Person oder Sache, die betroffen ist | y llyfr „das Buch“ |
| Form von cael | trägt Person und Zeit | cafodd „bekam/wurde“ |
| Possessivform | verweist auf das Passivsubjekt | ei „sein“ |
| Verbalnomen | bezeichnet die Handlung | ysgrifennu „schreiben“ |
| Urheber mit gan | nennt bei Bedarf den Handelnden | gan Siân „von Siân“ |
Daraus entsteht:
Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân.
„Das Buch wurde von Siân geschrieben.“
Die wörtliche Vorstellung „Das Buch bekam sein Schreiben“ kann beim Lernen helfen. Sie ist aber nur eine Merkhilfe; im natürlichen Deutschen übersetzt man den Satz als ganz gewöhnliches Passiv.
Personen: Possessivform und Mutation
Bei Personen richtet sich die Possessivform nach dem Passivsubjekt. Die folgende Übersicht verwendet talu „bezahlen“, weil daran die verschiedenen Mutationen gut sichtbar werden. Eine Mutation ist die regelmäßige Veränderung des ersten Konsonanten eines Wortes.
| Person | Passivmuster | Deutsche Bedeutung | Veränderung von talu |
|---|---|---|---|
| ich | Ces i fy nhalu (i). | Ich wurde bezahlt. | Nasalmutation: t → nh |
| du | Cest ti dy dalu (di). | Du wurdest bezahlt. | weiche Mutation: t → d |
| er | Cafodd e ei dalu (e). | Er wurde bezahlt. | weiche Mutation: t → d |
| sie | Cafodd hi ei thalu (hi). | Sie wurde bezahlt. | aspirierte Mutation: t → th |
| wir | Cawson ni ein talu (ni). | Wir wurden bezahlt. | keine Mutation |
| ihr/Sie | Cawsoch chi eich talu (chi). | Ihr wurdet/Sie wurden bezahlt. | keine Mutation |
| sie | Cawson nhw eu talu (nhw). | Sie wurden bezahlt. | keine Mutation |
Die Pronomen in Klammern heißen verstärkende Pronomen. Im gesprochenen Walisisch hört man häufig etwa fy nhalu i oder ei thalu hi. Sie machen den Bezug deutlich, sind aber nicht in jedem Satz zwingend. Im Beispielsatz Ces i fy ngweld gan y meddyg kann nach gweld zusätzlich i stehen: Ces i fy ngweld i gan y meddyg.
Wichtig ist: Nicht nur die Form fy, dy, ei, ein, eich, eu zählt, sondern auch die dadurch ausgelöste Mutation. Bei gweld verschwindet zum Beispiel das anlautende g nach der weichen Mutation:
- dy weld di – „dein Gesehenwerden“, also „du wirst/wurdest gesehen“
- ei weld e – „er wird/wurde gesehen“
- fy ngweld i – „ich werde/wurde gesehen“
- ei gweld hi – „sie wird/wurde gesehen“; die aspirierte Mutation verändert g nicht
Nomen: Geschlecht und Zahl beachten
Ist das Passivsubjekt ein Nomen, richtet sich der Rückverweis nach dessen grammatischem Geschlecht beziehungsweise seiner Zahl. Das grammatische Geschlecht teilt walisische Nomen in männlich und weiblich ein; es stimmt bei Sachen nicht unbedingt mit einer natürlichen Eigenschaft überein.
| Passivsubjekt | Rückverweis | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| männlicher Singular | ei + weiche Mutation | Cafodd y dyn ei gyfweld. | Der Mann wurde interviewt. |
| weiblicher Singular | ei + aspirierte Mutation | Cafodd y ferch ei chyfweld. | Das Mädchen/die Frau wurde interviewt. |
| Plural | eu; vor Vokal meist zusätzlich h- | Cafodd y llyfrau eu hysgrifennu. | Die Bücher wurden geschrieben. |
Die beiden Formen ei sehen gleich aus. Die Mutation verrät jedoch, ob „sein“ oder „ihr“ gemeint ist: ei gyfweld enthält die weiche Mutation c → g, ei chyfweld die aspirierte Mutation c → ch. Beginnt das Verbalnomen mit einem Vokal, steht nach weiblichem ei sowie nach ein, eich, eu gewöhnlich ein h-; daher ei hysgrifennu „ihr Geschriebenwerden“ und eu hysgrifennu „ihr Geschriebenwerden“ im Plural.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Für ein einmaliges, abgeschlossenes Ereignis in der Vergangenheit sind die kurzen Vergangenheitsformen von cael besonders wichtig:
| Person | Vergangenheit von cael |
|---|---|
| ich | ces i |
| du | cest ti |
| er/sie | cafodd e/hi |
| wir | cawson ni |
| ihr/Sie | cawsoch chi |
| sie | cawson nhw |
Bei einem Nomen verwendet man die Form der dritten Person: Cafodd y llyfr ei ysgrifennu. Nach der kurzen Form steht kein yn vor der Possessivgruppe: cafodd … ei ysgrifennu, nicht cafodd … yn ei ysgrifennu.
Andere Zeitbezüge entstehen meist mit einer Form von bod „sein“ und yn cael:
| Zeitbezug | Muster | Beispiel |
|---|---|---|
| Gegenwart/Vorgang | mae … yn cael … | Mae'r drws yn cael ei beintio. – Die Tür wird gestrichen. |
| Verlauf in der Vergangenheit | roedd … yn cael … | Roedd y ffordd yn cael ei thrwsio. – Die Straße wurde gerade repariert. |
| Zukunft | bydd … yn cael … | Bydd y gwaith yn cael ei wneud. – Die Arbeit wird erledigt werden. |
| vollendetes Ergebnis | mae … wedi cael … | Mae'r cais wedi cael ei dderbyn. – Der Antrag ist angenommen worden. |
Hier gehört yn beziehungsweise wedi zur Verbindung mit bod: bydd … yn cael, mae … wedi cael. Die Possessivform folgt erst nach cael.
Den Handelnden mit gan nennen
Wer die Handlung ausführt, kann mit gan „von, durch“ ergänzt werden:
- Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân. – Das Buch wurde von Siân geschrieben.
- Ces i fy ngweld gan y meddyg. – Ich wurde vom Arzt untersucht/gesehen.
- Cafodd hi ei chyfweld gan y rheolwr. – Sie wurde von der Leiterin/dem Leiter interviewt.
Diese Ergänzung heißt Urheberangabe (sie nennt die handelnde Person). Wie im Deutschen lässt man sie weg, wenn sie unbekannt oder für die Aussage unwichtig ist. Bei Pronomen verwendet gan seine gebeugten Formen, zum Beispiel ganddo fe „von ihm“ und ganddi hi „von ihr“.
Beispiele im Zusammenhang
| Walisisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Cafodd y llyfr ei ysgrifennu. | Das Buch wurde geschrieben. | Abgeschlossenes Ereignis |
| Ces i fy ngweld gan y meddyg. | Ich wurde vom Arzt untersucht. | Erste Person; fy ngweld |
| Bydd y gwaith yn cael ei wneud erbyn dydd Gwener. | Die Arbeit wird bis Freitag erledigt. | Zukunft |
| Mae'r drws yn cael ei beintio heddiw. | Die Tür wird heute gestrichen. | Laufender oder geplanter Vorgang |
| Roedd y ffordd yn cael ei thrwsio pan gyrhaeddon ni. | Die Straße wurde gerade repariert, als wir ankamen. | Verlauf in der Vergangenheit; weibliches ei |
| Mae'r cais wedi cael ei dderbyn. | Der Antrag ist angenommen worden. | Vollendete Handlung |
| Cafodd e ei gyfweld gan newyddiadurwr. | Er wurde von einem Journalisten interviewt. | Männlicher Rückverweis; c → g |
| Cafodd hi ei chyfweld gan y rheolwr. | Sie wurde von der Leitung interviewt. | Weiblicher Rückverweis; c → ch |
| Cawson ni ein gwahodd i'r briodas. | Wir wurden zur Hochzeit eingeladen. | Erste Person Plural |
| Cafodd y plant eu gwobrwyo am eu gwaith. | Die Kinder wurden für ihre Arbeit belohnt. | Plural mit eu |
| Chafodd y neges ddim ei hanfon. | Die Nachricht wurde nicht gesendet. | Verneinte Vergangenheit |
| Gafodd y penderfyniad ei gyhoeddi ddoe? | Wurde die Entscheidung gestern bekannt gegeben? | Frage in der Vergangenheit |
| Caiff y canlyniadau eu cyhoeddi yfory. | Die Ergebnisse werden morgen veröffentlicht. | Knappere, eher schriftsprachliche Form |
Häufige Fehler
Das deutsche Muster Wort für Wort nachbauen
- Falsch: Roedd y llyfr ysgrifennu gan Siân.
- Richtig: Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân.
- Warum: Walisisch verwendet hier weder eine direkte Entsprechung von „wurde“ noch ein deutsches Partizip. Benötigt werden cael, die passende Possessivform und das Verbalnomen.
Die Possessivform an der handelnden Person ausrichten
- Falsch: Ces i ei ngweld gan y meddyg.
- Richtig: Ces i fy ngweld gan y meddyg.
- Warum: fy verweist auf das Passivsubjekt i „ich“, nicht auf den Arzt. Der Arzt erscheint erst in der gan-Gruppe.
Die Mutation vergessen
- Falsch: Ces i fy gweld.
- Richtig: Ces i fy ngweld.
- Warum: fy löst die Nasalmutation aus. Ebenso heißt es dy weld di, ei weld e, aber ei gweld hi.
Bei weiblichem und männlichem ei dieselbe Form sprechen
- Falsch: Cafodd hi ei dalu.
- Richtig: Cafodd hi ei thalu.
- Warum: Weibliches ei verlangt bei talu die aspirierte Mutation t → th. Männliches ei ergibt dagegen ei dalu mit weicher Mutation.
yn an die falsche Stelle setzen
- Falsch: Cafodd y gwaith yn ei wneud.
- Richtig: Cafodd y gwaith ei wneud.
- Auch richtig: Bydd y gwaith yn cael ei wneud.
- Warum: Nach der kurzen Vergangenheitsform cafodd folgt die Possessivgruppe direkt. In der Zukunft verbindet yn dagegen bydd mit cael.
Den Urheber mit einer deutschen Präpositionslogik anschließen
- Falsch: Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gyda Siân.
- Richtig: Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân.
- Warum: Der Handelnde eines Passivsatzes wird mit gan angegeben. gyda bedeutet gewöhnlich „mit“ im Sinn von Begleitung oder Besitz und erfüllt hier nicht dieselbe Aufgabe.
Hinweise zum Gebrauch
Das cael-Passiv ist im heutigen Walisisch eine normale, produktive Konstruktion. Obwohl cael wörtlich „bekommen“ heißen kann, muss der Passivsatz weder ein unerwartetes noch ein unangenehmes Ereignis bezeichnen. Cafodd y plant eu gwobrwyo ist ebenso möglich wie Cafodd e ei arestio.
Trotzdem ist das Passiv nicht automatisch die beste Wahl. Wenn der Handelnde wichtig und bekannt ist, klingt ein Aktivsatz oft direkter: Ysgrifennodd Siân y llyfr „Siân schrieb das Buch“. Das Passiv Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân lenkt die Aufmerksamkeit dagegen auf das Buch. Diese Wahl ähnelt dem Deutschen, auch wenn die grammatische Form ganz anders aussieht.
Achten Sie außerdem auf den Unterschied zwischen Vorgang und Zustand. Deutsches „Die Tür ist geschlossen“ kann lediglich einen Zustand beschreiben. Dafür ist je nach Zusammenhang etwa Mae'r drws ar gau natürlicher. Mae'r drws wedi cael ei gau betont dagegen, dass jemand die Tür geschlossen hat. Nicht jedes deutsche „sein + Partizip“ sollte daher mechanisch als cael-Passiv erscheinen.
In gesprochener Sprache stehen häufig die verstärkenden Pronomen (fy ngweld i, dy weld di), und für „er“ kommen regional e und o/fo vor. Das Grundmuster des Passivs ändert sich dadurch nicht. In formeller Schriftsprache begegnen zusätzlich knappe Formen wie caiff sowie unpersönliche Verbformen.
Über die Grundlagen hinaus
Das unpersönliche Verb als Alternative
Walisisch besitzt neben dem cael-Passiv unpersönliche Formen. Dabei nennt die Verbendung keinen bestimmten Handelnden: Siaradir Cymraeg yma bedeutet „Hier wird Walisisch gesprochen“, Gwelwyd y car „Das Auto wurde gesehen“. Solche Formen sind besonders in formellen Texten, Bekanntmachungen und festen Wendungen verbreitet.
Der Unterschied ist vor allem stilistisch und strukturell:
| Konstruktion | Beispiel | Typische Wirkung |
|---|---|---|
| cael-Passiv | Mae Cymraeg yn cael ei siarad yma. | transparent, produktiv, in gesprochener und geschriebener Sprache |
| unpersönliche Form | Siaradir Cymraeg yma. | knapp, häufig formeller oder schriftsprachlicher |
Die unpersönliche Form ist nicht einfach ein weiteres Hilfsverbpassiv. Sie gehört direkt zum Verb und muss mit ihren eigenen Endungen gelernt werden.
Drei verschiedene Verwendungen von cael auseinanderhalten
Nicht jedes cael bildet ein Passiv. Vergleichen Sie:
- Ces i anrheg. – „Ich bekam ein Geschenk.“ (cael + Nomen)
- Cafodd Mali fynd adref. – „Mali durfte nach Hause gehen.“ (cael + Verbalnomen, Erlaubnis)
- Cafodd Mali ei gweld. – „Mali wurde gesehen.“ (cael + Possessivform + Verbalnomen, Passiv)
Das deutlichste Signal für das Passiv ist die Possessivform, die auf das betroffene Subjekt zurückverweist. Gerade deshalb darf ei in Cafodd y llyfr ei ysgrifennu nicht weggelassen werden.
Mehrdeutiges ei durch Mutation und Kontext entschlüsseln
Geschriebenes ei kann „sein“ oder „ihr“ bedeuten. Bei Konsonanten macht die Mutation den Unterschied oft sichtbar: ei gyfweld e gegenüber ei chyfweld hi. Bei Anlauten, die von der aspirierenden Mutation nicht betroffen sind, hilft der Zusammenhang oder ein verstärkendes Pronomen. Diese kleinen Pronomen sind deshalb nicht bloß Wiederholungen, sondern können echte Verständnishilfe leisten.
Die systematische Verwendung des Passivs in Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft und Perfekt wird im weiterführenden Thema zu den Passivformen in verschiedenen Zeiten vertieft. Für das Grundmuster bleibt jedoch stets dieselbe Frage nützlich: Welche Form von cael brauche ich, und welche Possessivform verweist auf das Passivsubjekt?
Übungstipps
- Vom Aktiv zum Passiv umformen: Beginnen Sie mit kurzen Sätzen wie Ysgrifennodd Siân y llyfr. Machen Sie das Objekt zum Passivsubjekt: Cafodd y llyfr ei ysgrifennu gan Siân. Unterstreichen Sie dabei cael, Possessivform und Verbalnomen jeweils in einer anderen Farbe.
- Mutationen als feste Wortgruppen lernen: Üben Sie nicht nur talu, sondern die ganzen Gruppen fy nhalu i, dy dalu di, ei dalu e, ei thalu hi. So wird die richtige Mutation zusammen mit der Person abrufbar.
- Eine Aussage durch die Zeiten führen: Verwenden Sie denselben Inhalt nacheinander als Mae'r drws yn cael ei beintio, Roedd y drws yn cael ei beintio, Cafodd y drws ei beintio und Bydd y drws yn cael ei beintio. Fragen Sie jedes Mal: laufender Vorgang, abgeschlossenes Ereignis oder Zukunft?
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