B1

Flektierte Verbformen im Walisischen

Berfau Cryno

Dieser Artikel ist Teil des Walisisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Bei einer flektierten Kurzform trägt das walisische Verb selbst eine Personenendung: gwelais i „ich sah“ und gwelodd hi „sie sah“. Anders als bei dw i'n gweld steht dabei keine Form von bod „sein“ als Hilfsverb. Besonders die kurze einfache Vergangenheit ist auch in der Alltagssprache sehr häufig; andere Kurzformen wirken je nach Verb und Zeitform eher formell oder literarisch.

Überblick

Walisische Verben begegnen Lernenden zunächst meist in einer langen, mehrteiligen Konstruktion: Eine Form von bod „sein“ verbindet sich über yn mit einem Verbalnomen (der Grundform des Verbs), zum Beispiel Dw i'n darllen „ich lese“. Daneben gibt es flektierte Verbformen, walisisch berfau cryno: Hier zeigt eine Endung direkt Person, Zahl und Zeit an. Deshalb nennt man sie auch Kurzformen.

Auf B1-Niveau ist vor allem die kurze einfache Vergangenheit wichtig. Sie bezeichnet gewöhnlich ein abgeschlossenes Ereignis: Es i i'r siop „Ich ging zum Laden“ oder „Ich bin zum Laden gegangen“. Im Deutschen wird ein solches Ereignis im Gespräch oft mit dem Perfekt wiedergegeben; die walisische Form entspricht jedoch strukturell eher einem einzigen Vergangenheitsverb als einer Konstruktion mit „haben“ oder „sein“.

„Kurzform“ bedeutet nicht automatisch „nur Schriftsprache“. Formen wie es i, des i, gwnes i, ces i, aeth e und daeth hi sind im gesprochenen Walisisch ganz normal. Ein vollständig ausgebautes System kurzer Präsens-, Zukunfts- und Vergangenheitsformen findet man dagegen häufiger in formellen Texten und Literatur.

So funktioniert es

Verbform und Personalpronomen arbeiten zusammen

Die Verbendung kennzeichnet die grammatische Person (wer handelt: ich, du, er/sie, wir, ihr/Sie oder sie). Trotzdem steht in der gesprochenen Sprache meist noch ein Pronomen dahinter. Bei gwelais i markieren sowohl -ais als auch i die erste Person Singular.

Walisische Form Deutsche Bedeutung Hinweis
gwelais i ich sah / ich habe gesehen 1. Person Singular
gwelaist ti du sahst / du hast gesehen 2. Person Singular, vertraut
gwelodd e / hi er / sie sah 3. Person Singular
gwelon ni wir sahen 1. Person Plural
gweloch chi ihr saht / Sie sahen 2. Person Plural oder höfliche Anrede
gwelon nhw sie sahen 3. Person Plural

In formeller Schriftsprache kommen teilweise andere Endungsreihen vor. Für die aktive Verwendung auf B1-Niveau sind die oben gezeigten, verbreiteten gesprochenen Formen die sinnvollste Grundlage. Außerdem gibt es regionale Unterschiede; nicht jede Person sagt oder schreibt jede Form genau gleich.

Das häufigste Muster der einfachen Vergangenheit

Bei vielen Verben sieht man in der ersten und zweiten Person Singular Endungen mit -ais und -aist. Die dritte Person Singular endet oft auf -odd. Im gesprochenen Plural sind -on, -och, -on verbreitet.

Man sollte dieses Muster aber nicht mechanisch an jedes Verbalnomen hängen. Der verwendete Stamm ist nicht immer mit der vollständigen Wörterbuchform identisch, und sehr häufige Verben haben eigene Formen. Am zuverlässigsten lernt man eine neue Kurzform zunächst als Paar: Verbalnomen plus dritte Person Singular, etwa gweld — gwelodd und rhoi — rhoddodd.

Unregelmäßige Verben, die man wirklich braucht

Vier Verben sind in Erzählungen und Gesprächen besonders wichtig. Ihre Vergangenheitsformen sollte man als ganze Reihen lernen.

Person mynd „gehen“ dod „kommen“ gwneud „tun, machen“ cael „bekommen“
ich es i des i gwnes i ces i
du est ti dest ti gwnest ti cest ti
er/sie aeth e/hi daeth e/hi gwnaeth e/hi cafodd e/hi
wir aethon ni daethon ni gwnaethon ni cawson ni
ihr/Sie aethoch chi daethoch chi gwnaethoch chi gawsoch chi
sie aethon nhw daethon nhw gwnaethon nhw cawson nhw

Die Form gwneud hat noch eine wichtige Funktion: In Fragen und Verneinungen kann ihre flektierte Vergangenheit vor einem anderen Verbalnomen stehen.

  • Wnaethoch chi weld y neges? — „Habt ihr / Haben Sie die Nachricht gesehen?“
  • Wnes i ddim clywed y larwm. — „Ich habe den Wecker nicht gehört.“

Hier ist wnaethoch beziehungsweise wnes das flektierte Verb; gweld und clywed bleiben unveränderte Verbalnomen. Die Konstruktion enthält weiterhin kein bod.

Aussage, Frage und Verneinung

Eine positive Aussage kann direkt mit der Verbform beginnen:

  • Gwelodd hi'r ffilm. — „Sie sah den Film.“
  • Mi welodd hi'r ffilm. — ebenfalls „Sie sah den Film.“

Mi und im Süden auch fe können eine positive Aussage einleiten. Danach tritt häufig eine Anlautmutation auf (eine grammatisch ausgelöste Veränderung am Wortanfang): Aus gwelodd wird welodd. Im Gespräch hört man sowohl Sätze mit als auch ohne eine solche Partikel.

Ja-Nein-Fragen können ebenfalls direkt an der Verbform erkennbar sein, besonders durch Stimme und Kontext: Aethoch chi i'r cyfarfod? „Seid ihr zur Besprechung gegangen?“ Sehr geläufig ist daneben die Frage mit der Kurzform von gwneud: Wnaethoch chi fynd i'r cyfarfod?

Für Verneinungen ist im heutigen gesprochenen Walisisch gwneud plus ddim besonders praktisch: Wnaethon nhw ddim dod „Sie kamen nicht“. Formelle Texte verwenden außerdem Muster mit ni oder nid; diese gehören zunächst zum Erkennungswissen.

Abgeschlossenes Ereignis oder Verlauf?

Die kurze Vergangenheit stellt eine Handlung meist als abgeschlossenes Ganzes dar. Für einen Verlauf, einen Zustand oder eine Gewohnheit in der Vergangenheit verwendet man oft eine vergangene Form von bod plus yn und Verbalnomen.

Walisisch Deutsch Blick auf das Ereignis
Es i adre am chwech. Ich ging um sechs nach Hause. einzelnes, abgeschlossenes Ereignis
Roeddwn i'n mynd adre pan welais i hi. Ich war auf dem Heimweg, als ich sie sah. laufender Hintergrund plus einzelnes Ereignis
Roedden ni'n mynd yno bob wythnos. Wir gingen jede Woche dorthin. wiederholte Gewohnheit

Die deutsche Übersetzung allein verrät die walisische Wahl nicht immer. Entscheidend ist, ob ein Ereignis als einzelner abgeschlossener Schritt oder als Hintergrund, Verlauf beziehungsweise Gewohnheit dargestellt wird.

Beispiele im Zusammenhang

Walisisch Deutsch Hinweis
Es i i'r siop ar ôl gwaith. Ich ging nach der Arbeit zum Laden. unregelmäßiges mynd
Gwelodd hi'r ffilm neithiwr. Sie sah den Film gestern Abend. 3. Person Singular auf -odd
Daethon nhw adre'n hwyr. Sie kamen spät nach Hause. unregelmäßiges dod
Rhoddodd e'r llyfr i fi. Er gab mir das Buch. abgeschlossenes Geben
Gwelais i Siân yn y caffi. Ich sah Siân im Café. 1. Person Singular
Welaist ti'r ddamwain? Hast du den Unfall gesehen? direkte Frage mit Anlautmutation
Aethoch chi ar y trên? Seid ihr / Sind Sie mit dem Zug gefahren? chi kann plural oder höflich sein
Cawson ni amser da iawn. Wir hatten eine sehr schöne Zeit. cael in der Vergangenheit
Wnaeth e gau'r ffenest. Er schloss das Fenster. gwneud plus Verbalnomen
Wnes i ddim deall y cwestiwn. Ich habe die Frage nicht verstanden. gesprochene Verneinung
Wnaethon nhw gyrraedd cyn naw? Sind sie vor neun angekommen? Frage mit gwneud
Roeddwn i'n coginio pan ddaeth hi adre. Ich kochte gerade, als sie nach Hause kam. Verlauf und punktuelles Ereignis

Häufige Fehler

1. Eine Kurzform zusätzlich mit bod bauen

  • Falsch: Roeddwn i gwelais i'r ffilm.
  • Richtig: Gwelais i'r ffilm.
  • Auch richtig, aber anders gemeint: Roeddwn i'n gweld y ffilm.
  • Warum: Gwelais ist bereits eine vollständige Vergangenheitsform. Roeddwn i'n gweld beschreibt dagegen einen Verlauf oder Hintergrund: „Ich war dabei, den Film zu sehen.“

2. Die deutsche Perfektstruktur nachbauen

  • Falsch: eine wörtliche Konstruktion nach „ich habe gesehen“ mit cael oder bod
  • Richtig: Gwelais i.
  • Warum: Das deutsche Hilfsverb „haben“ gehört zur deutschen Übersetzung, nicht zur walisischen Form. Cael bedeutet zwar häufig „bekommen“, ist aber kein allgemeines Perfekt-Hilfsverb.

3. Die Endung ohne passende Person verwenden

  • Falsch: Gwelodd i'r ffilm.
  • Richtig: Gwelais i'r ffilm.
  • Warum: -odd bezeichnet hier die dritte Person Singular; für „ich“ braucht man gwelais i.

4. Jede Form aus dem Verbalnomen erraten

  • Falsch: eine regelmäßig erfundene Vergangenheit von mynd
  • Richtig: es i, est ti, aeth e/hi usw.
  • Warum: Gerade die häufigsten Verben sind unregelmäßig. Sie müssen als feste Formen gelernt werden.

5. Ein einzelnes Ereignis und eine Gewohnheit gleich behandeln

  • Unpassend für eine Gewohnheit: Aethon ni yno bob dydd kann in passendem Kontext eine abgeschlossene Serie bezeichnen, ist aber nicht die neutrale erste Wahl für eine damalige Gewohnheit.
  • Typisch: Roedden ni'n mynd yno bob dydd.
  • Warum: Die Konstruktion mit vergangenem bod beschreibt wiederholte oder andauernde Hintergründe besonders natürlich.

Hinweise zum Gebrauch

Die Alltagshäufigkeit hängt stark von der Zeitform und vom einzelnen Verb ab. Die kurze Vergangenheit ist keineswegs auf Bücher beschränkt. Es i, des i, gwnes i und die Formen der dritten Person auf -odd begegnen einem regelmäßig in Gesprächen. Sprecherinnen und Sprecher können aber auch gwneud als Träger der Vergangenheit verwenden: Neben Gwelais i'r ffilm steht somit Wnes i weld y ffilm. Beide bedeuten im passenden Kontext „Ich habe den Film gesehen“.

Nord- und Südwalisisch unterscheiden sich in Aussprache, Pronomen und bevorzugten Mustern. So steht für „er“ häufig südliches e oder nördliches o. Auch Endungen können regional variieren. Für Lernende ist es sinnvoller, zunächst eine konsistente regionale Variante zu verwenden und die anderen beim Hören wiederzuerkennen, statt alle Varianten zu vermischen.

In sorgfältiger oder literarischer Sprache können Personalpronomen fehlen, weil die Endung allein genügt. Im heutigen Gespräch stehen i, ti, e/hi, ni, chi, nhw meist ausdrücklich dabei. Das unterscheidet sich vom Deutschen: Eine deutsche finite Verbform braucht normalerweise ein ausgesprochenes Subjekt, während Walisisch das Subjekt prinzipiell bereits an der Verbendung erkennen lassen kann.

Über die Grundlagen hinaus

Kurzformen gibt es nicht nur in der einfachen Vergangenheit. Kurze Zukunftsformen wie af i „ich werde gehen“, ei di „du wirst gehen“ und â hi „sie wird gehen“ erscheinen besonders bei häufigen Verben sowie in formellerem Stil. Ein produktiver, vollständig flektierter Gebrauch über viele Verben hinweg gehört jedoch eher zu fortgeschrittenem Walisisch.

Auch höfliche oder vorsichtige Wendungen bewahren kurze Formen. Hoffwn i... bedeutet „Ich möchte gern …“, wörtlich etwa „ich würde mögen“. Ähnlich begegnet man gallwn i „ich könnte“ oder dylwn i „ich sollte“. Solche Formen zeigen, dass „Kurzform“ keine einzelne Zeitform ist, sondern ein Bauprinzip: Der Verbstamm und eine Endung bilden zusammen das finite Verb (die Form, die Person und Zeit ausdrückt).

In Erzählungen können Kurzformen Ereignisse schnell hintereinander setzen: Agorodd hi'r drws, edrychodd allan a galwodd arno „Sie öffnete die Tür, blickte hinaus und rief ihn“. Formelle Texte nutzen zusätzlich positive und negative Partikeln sowie Endungen, die in der Umgangssprache selten sind. Diese Systeme sollte man nicht vorschnell mit den heute geläufigen B1-Vergangenheitsformen gleichsetzen; sie werden unter literarischen Verbformen ausführlicher behandelt.

Übungstipps

  1. Lerne Reihen in kleinen Gruppen. Sprich täglich die Vergangenheitsformen von mynd, dod, gwneud und cael mit den Pronomen laut. Ganze Wortgruppen wie aethon nhw bleiben besser hängen als isolierte Endungen.
  2. Erzähle einen gestrigen Ablauf. Schreibe fünf Sätze mit abgeschlossenen Ereignissen: Codais i... Es i... Gwelais i... Des i... Ergänze dann einen Hintergrundsatz mit Roeddwn i'n....
  3. Sammle echte Varianten. Markiere beim Hören, ob eine Person eine direkte Kurzform (Gwelais i) oder gwneud plus Verbalnomen (Wnes i weld) verwendet. Übernimm zunächst konsequent die Variante deines Kurses oder deiner Region.

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