Unpersönliche Verbformen im Walisischen
Ffurfiau Amhersonol
Dieser Artikel ist Teil des Walisisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Die walisische unpersönliche Verbform nennt keine handelnde Person. Eine einzige gebeugte Verbform kann deshalb oft einem deutschen Passiv oder einer Konstruktion mit man entsprechen: Siaradir Cymraeg yma bedeutet „Hier wird Walisisch gesprochen“. Besonders wichtig sind -ir für Gegenwart beziehungsweise allgemeine Aussagen, -wyd für abgeschlossene Vergangenheit und -id für bedingte oder – je nach Zusammenhang – früher regelmäßig stattfindende Handlungen.
Überblick
Die walisische Bezeichnung lautet ffurf amhersonol, im Plural ffurfiau amhersonol. „Unpersönlich“ bedeutet hier: Die Verbendung zeigt weder „ich“ noch „du“, „wir“ oder eine andere grammatische Person an. Wer handelt, bleibt unbekannt, unwichtig oder wird absichtlich nicht genannt. Im Mittelpunkt stehen die Handlung und häufig das, worauf sie sich richtet.
Für deutschsprachige Lernende liegt der Vergleich mit dem Passiv nahe. Gwelwyd y car lässt sich natürlich mit „Das Auto wurde gesehen“ wiedergeben. Der Bau der beiden Sätze ist jedoch verschieden: Deutsch benötigt eine Form von werden und ein Partizip (eine Verbform wie „gesehen“); Walisisch drückt dieselbe Blickrichtung mit nur einer gebeugten Verbform aus: gwelwyd. Ein nachfolgendes Nomen (ein Wort für eine Person, Sache oder Idee) wie y car bezeichnet das, was gesehen wurde.
Die Grundformen begegnen dir ab B1, vor allem in Nachrichten, Hinweisen, Sachtexten und formeller Schriftsprache. Einige Wendungen sind aber so häufig, dass man sie auch in alltäglichen Texten früh erkennt: Dywedir bod … „Es heißt, dass …“ oder Gwerthir tocynnau yma „Hier werden Eintrittskarten verkauft“. Beim freien Sprechen verwendet man oft lieber einen persönlichen Aktivsatz oder eine Konstruktion mit cael; beim Lesen sind die unpersönlichen Formen unverzichtbar.
So funktioniert es
Die Grundidee: keine Person, aber Zeit und Aussageart
Eine persönliche Kurzform trägt eine Endung, die den Handelnden erkennen lässt. In gwelodd hi „sie sah“ ist hi die handelnde Person. Die unpersönliche Form gwelwyd sagt dagegen nur, dass ein Sehen stattfand. Wer sah, ist nicht Teil der Kernaussage.
Das Grundmuster lautet:
Verbstamm + unpersönliche Endung + betroffener Satzteil
So lässt sich Gwelwyd y car zerlegen:
- gwel- — Stamm von gweld „sehen“
- -wyd — unpersönliche Form der abgeschlossenen Vergangenheit
- y car — „das Auto“, also das, was gesehen wurde
Der Verbstamm ist der Teil, an den die Endung tritt. Er ist im Walisischen nicht bei jedem Verb einfach mit dem Wörterbucheintrag identisch. Der Wörterbucheintrag ist meist ein Verbalnomen (die Grundform des Verbs, etwa gweld „sehen“ oder defnyddio „benutzen“). Bei gweld lautet der Stamm gwel-; bei defnyddio erscheint in defnyddir der Stamm defnydd-. Deshalb solltest du häufige unpersönliche Formen als vollständige Wortformen lernen und nicht jede Form nur durch Abschneiden der letzten Buchstaben erraten.
Die drei wichtigsten Endungsmuster
| Formbereich | Typische Endung | Häufige deutsche Wiedergabe | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Gegenwart, allgemeine Regel oder geplantes Geschehen | -ir | „wird/werden“, „man …“ | Siaradir Cymraeg yma. — „Hier wird Walisisch gesprochen.“ |
| Abgeschlossene Vergangenheit | -wyd | „wurde/wurden“, „man hat …“ | Gwelwyd y car. — „Das Auto wurde gesehen.“ |
| Bedingte oder frühere regelmäßige Handlung | -id | „würde …“, je nach Kontext „wurde gewöhnlich …“ | Defnyddid ystafell fwy. — „Ein größerer Raum würde benutzt / wurde gewöhnlich benutzt.“ |
Die deutschen Übersetzungen sind keine Wort-für-Wort-Formeln. Ob ein Satz mit man, mit einem Vorgangspassiv oder gelegentlich aktiv am natürlichsten klingt, entscheidet der Zusammenhang.
Gegenwart und allgemeine Aussagen mit -ir
Die Form auf -ir steht häufig für Regeln, Gewohnheiten, wiederkehrende Abläufe oder allgemein gültige Aussagen:
- Defnyddir y Gymraeg yn yr ysgol. — „In der Schule wird Walisisch verwendet.“
- Agorir y drysau am naw. — „Die Türen werden um neun geöffnet.“
- Dywedir bod y lle yn brydferth. — „Es heißt, der Ort sei schön.“
Sie kann außerdem ein planmäßig bevorstehendes Geschehen bezeichnen. Agorir y drysau am naw yfory kann daher „Die Türen werden morgen um neun geöffnet“ bedeuten. Die Zeitangabe macht die zukünftige Lesart klar; es ist nicht nötig, allein wegen „morgen“ eine neue unpersönliche Endung zu suchen.
Abgeschlossene Vergangenheit mit -wyd
-wyd stellt ein abgeschlossenes Ereignis in den Vordergrund. Diese Form ist in Meldungen und historischen Darstellungen besonders häufig:
- Cyhoeddwyd y canlyniadau ddoe. — „Die Ergebnisse wurden gestern veröffentlicht.“
- Adeiladwyd y bont ym 1998. — „Die Brücke wurde 1998 gebaut.“
- Anfonwyd y neges y bore yma. — „Die Nachricht wurde heute Morgen gesendet.“
Eine Zeitangabe wie ddoe „gestern“ oder ym 1998 „im Jahr 1998“ bestätigt die Vergangenheitsbedeutung, ist aber nicht erforderlich: Die Endung selbst trägt sie bereits.
Bedingte und frühere regelmäßige Aussagen mit -id
Die Form auf -id braucht mehr Kontext als die beiden anderen. Nach einer Bedingung kann sie ausdrücken, was geschehen würde:
- Pe bai angen, defnyddid ystafell fwy. — „Falls es nötig wäre, würde ein größerer Raum benutzt.“
- Heb y cymorth hwn, collid llawer o amser. — „Ohne diese Hilfe würde viel Zeit verloren gehen.“
In formelleren oder älteren Texten kann dieselbe Formenreihe auch eine unvollendete oder früher regelmäßig wiederholte Handlung bezeichnen. „Unvollendet“ heißt hier: Der Text betrachtet eine Handlung als andauernd oder gewohnt, nicht als einzelnes abgeschlossenes Ereignis. Der übrige Satz entscheidet daher, ob deutsches „würde“ oder eine Vergangenheitsform passt. Für die aktive Verwendung auf B1 ist die bedingte Lesart der beste Ausgangspunkt; beim Lesen solltest du mit beiden Möglichkeiten rechnen.
Was geschieht mit dem Handelnden?
Meist wird der Handelnde gar nicht genannt. Genau darin liegt der Zweck der Form:
- Gwerthir tocynnau ar-lein. — „Eintrittskarten werden online verkauft.“
Wenn die handelnde Person wirklich wichtig ist, ist ein Aktivsatz oft klarer:
- Mae'r theatr yn gwerthu tocynnau ar-lein. — „Das Theater verkauft Eintrittskarten online.“
In formeller Sprache kann eine handelnde Instanz mit gan „von, durch“ ergänzt werden. Solche Sätze sind möglich, doch man sollte die unpersönliche Form nicht bloß deshalb wählen, um ein deutsches Passiv Wort für Wort nachzubauen. Ist der Handelnde der eigentliche Informationsschwerpunkt, klingt ein persönlicher Satz häufig natürlicher.
Verneinung und Frage
In formeller Schriftsprache stehen unpersönliche Formen oft nach kurzen Satzpartikeln (kleinen Wörtern, die etwa Verneinung oder Frage anzeigen). Dabei kann sich der Anfangslaut des Verbs durch eine Mutation ändern, also durch den walisischen regelmäßigen Wechsel des ersten Konsonanten:
- Ni ddefnyddir y drws hwn. — „Diese Tür wird nicht benutzt.“
- A werthir tocynnau wrth y drws? — „Werden Eintrittskarten an der Tür verkauft?“
Die genaue Mutation hängt von der Partikel und vom Anfang des Verbs ab. Lerne häufige Verbindungen zunächst als Einheit, etwa ni ddefnyddir und a werthir. In weniger formeller Sprache werden Verneinungen und Fragen oft mit anderen, ausführlicheren Satzmustern ausgedrückt.
Beispiele im Zusammenhang
| Walisisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Siaradir Cymraeg yma. | Hier wird Walisisch gesprochen. | Allgemeine Aussage mit -ir |
| Defnyddir y Gymraeg yn yr ysgol. | In der Schule wird Walisisch verwendet. | Regelmäßiger Gebrauch |
| Gwerthir tocynnau ar-lein. | Eintrittskarten werden online verkauft. | Der Verkäufer bleibt unerwähnt |
| Agorir y drysau am naw yfory. | Die Türen werden morgen um neun geöffnet. | Planmäßiges zukünftiges Geschehen |
| Dywedir bod y castell yn hen iawn. | Es heißt, dass die Burg sehr alt ist. | Häufige unpersönliche Redewendung |
| Gwelwyd y car ger yr orsaf. | Das Auto wurde in der Nähe des Bahnhofs gesehen. | Abgeschlossenes Ereignis mit -wyd |
| Cyhoeddwyd y canlyniadau ddoe. | Die Ergebnisse wurden gestern veröffentlicht. | Typischer Nachrichtenstil |
| Adeiladwyd y bont ym 1998. | Die Brücke wurde 1998 gebaut. | Historische Angabe |
| Anfonwyd y neges y bore yma. | Die Nachricht wurde heute Morgen gesendet. | Handlung in der Vergangenheit |
| Ni ddefnyddir y drws hwn. | Diese Tür wird nicht benutzt. | Formelle Verneinung |
| A werthir tocynnau wrth y drws? | Werden Eintrittskarten an der Tür verkauft? | Formelle Frage |
| Pe bai angen, defnyddid ystafell fwy. | Falls es nötig wäre, würde ein größerer Raum benutzt. | Bedingte Aussage mit -id |
| Heb y cymorth hwn, collid llawer o amser. | Ohne diese Hilfe würde viel Zeit verloren gehen. | Gedachte Folge |
Häufige Fehler
Ein deutsches Passiv Wort für Wort nachbauen
- Falsch: Mae'r car yn cael gwelwyd.
- Richtig: Gwelwyd y car.
- Warum: Gwelwyd ist bereits eine vollständige gebeugte Vergangenheitsform. Man setzt nicht zusätzlich eine Form von bod oder cael davor. Das deutsche Muster „wurde + gesehen“ besteht aus zwei Verbteilen; die walisische unpersönliche Form braucht hier nur einen.
Die Zeitendung vertauschen
- Falsch: Gwelir y car ddoe.
- Richtig: Gwelwyd y car ddoe.
- Warum: ddoe „gestern“ verlangt in dieser abgeschlossenen Meldung die Vergangenheitsform auf -wyd. Gwelir bezeichnet normalerweise Gegenwart, allgemeine Geltung oder ein geplantes Geschehen.
Vor jede Form ein deutsches „es“ setzen
- Falsch: Mae hi dywedir bod y siop ar gau.
- Richtig: Dywedir bod y siop ar gau.
- Warum: Das deutsche „Es wird gesagt …“ hat ein formales es. Walisisch benötigt davor kein entsprechendes Pronomen: dywedir trägt die unpersönliche Aussage schon selbst.
Den Handelnden für ein notwendiges Subjekt halten
- Falsch: Gwelwyd y car y dyn.
- Richtig: Gwelwyd y car. oder persönlich: Gwelodd y dyn y car.
- Warum: In der unpersönlichen Aussage muss „der Mann“ nicht ergänzt werden. Soll gerade er als Beobachter genannt werden, ist der Aktivsatz „Der Mann sah das Auto“ meist die klarere Wahl.
Den Stamm mechanisch aus dem Verbalnomen ableiten
- Falsch: aus defnyddio ohne Prüfung eine Form wie defnyddioir bilden
- Richtig: defnyddir
- Warum: Der Stamm ist nicht immer die vollständige Wörterbuchform. Notiere bei häufigen Verben die drei Formen gemeinsam, zum Beispiel defnyddir – defnyddiwyd – defnyddid.
Die Form auf -id immer als deutsches „würde“ übersetzen
- Falsch: jede Form auf -id ohne Beachtung des Textzusammenhangs konditional wiedergeben
- Richtig: auf Bedingung, Zeitangaben und Textsorte achten
- Warum: In einem Bedingungssatz ist „würde“ meist passend; in formellen oder älteren Erzählungen kann die Form eine frühere andauernde oder gewohnheitsmäßige Handlung ausdrücken.
Hinweise zum Gebrauch
Unpersönliche Formen gehören vor allem zum neutralen bis formellen geschriebenen Walisisch. Man findet sie auf Schildern, in Anleitungen, Verwaltungstexten, Berichten, Nachrichten und historischen Darstellungen. Dort sind sie knapp und praktisch: Cyhoeddwyd y canlyniadau nennt das Wesentliche, ohne eine Behörde, Redaktion oder andere verantwortliche Stelle in den Satz einzubauen.
In spontaner Alltagssprache sind persönliche und umschreibende Sätze oft üblicher. Statt einer unpersönlichen Form kann man einen allgemeinen Handelnden nennen oder das Passiv mit cael bilden. Das bedeutet nicht, dass Formen wie dywedir oder gwelwyd unnatürlich wären. Einige sind sehr geläufig; insgesamt wirkt das Muster jedoch schriftsprachlicher als das deutsche Passiv, das auch im Gespräch regelmäßig vorkommt.
Bei der Übersetzung lohnt es sich, zwischen deutschem Passiv und man frei zu wählen:
| Walisischer Blickwinkel | Mögliche deutsche Wiedergabe |
|---|---|
| Siaradir Cymraeg yma. | „Hier wird Walisisch gesprochen.“ / „Hier spricht man Walisisch.“ |
| Dywedir bod … | „Es heißt, dass …“ / „Man sagt, dass …“ |
| Gwelwyd y car. | „Das Auto wurde gesehen.“ / je nach Kontext „Man sah das Auto.“ |
Die erste deutsche Fassung ist also nicht automatisch die einzig richtige. Entscheidend ist, dass der Handelnde auch in der Übersetzung nicht unbegründet in den Mittelpunkt rückt.
Über die Grundlagen hinaus
Unpersönliche Form und cael-Passiv sind nicht dasselbe
Walisisch besitzt neben den unpersönlichen Verbformen ein ausführlicheres Passiv mit cael „bekommen, erhalten“. Dort kann die betroffene Person grammatisch persönlicher und über verschiedene Zeiten hinweg dargestellt werden. Ein Satz wie Cafodd y llyfr ei ysgrifennu „Das Buch wurde geschrieben“ enthält eine Form von cael, ein besitzanzeigendes Wort und ein Verbalnomen.
Die unpersönliche Form ist kompakter: Ysgrifennwyd y llyfr. Beide können im Deutschen gleich aussehen, setzen aber einen anderen sprachlichen Akzent. Die kompakte Form passt besonders gut zu sachlicher Berichterstattung; die cael-Konstruktion ist flexibler, wenn das betroffene Wesen oder Ding als Satzgegenstand weitergeführt werden soll.
Pronomen in formeller Sprache
Wird nicht ein Nomen wie y car, sondern ein Pronomen („ihn“, „sie“, „es“) betroffen, können in formeller Schriftsprache kurze vorangestellte Formen auftreten. Sie verbinden sich mit Partikeln und lösen oft Mutationen aus. Solche Sätze sind beim Lesen wichtig, verlangen aber sichere Kenntnisse der Objektpronomen und der formellen Syntax. Für die eigene B1-Produktion ist es sinnvoller, zuerst klare Sätze mit ausgeschriebenen Nomen zu beherrschen.
Lexikalisierte und unregelmäßige häufige Formen
Sehr häufige Verben zeigen Stämme, die man nicht zuverlässig aus dem deutschen Sinn oder allein aus der Wörterbuchform vorhersagen kann. Beispiele sind dywedir „es wird gesagt“, ceir „man findet / es gibt“, gwnaed „es wurde getan“ oder aethpwyd „man ging“. Solche Formen solltest du als feste Einheiten im Satz lernen. Damit trainierst du zugleich das Register: Nicht jede theoretisch mögliche Form ist in jedem Gespräch gleich gebräuchlich.
Informationssteuerung statt bloßer Passiversatz
Fortgeschrittene Texte nutzen die unpersönliche Form, um Verantwortung offen zu lassen, einen Vorgang sachlich erscheinen zu lassen oder an bereits bekannte Informationen anzuknüpfen. Das ähnelt deutschen Behörden- und Nachrichtentexten: „Es wurde entschieden …“ nennt nicht, wer entschied. Beim Lesen lohnt daher neben der Grammatik auch die Frage: Warum wird der Handelnde hier nicht genannt? Die Antwort kann „unbekannt“, „offensichtlich“, „unwichtig“ oder „bewusst verschwiegen“ sein.
Übungstipps
- Lerne Dreiergruppen statt einzelner Endungen. Schreibe zu einem häufigen Verb je eine Form auf -ir, -wyd und -id samt Beispielsatz auf. Markiere dabei den Stamm: gwel-ir, gwel-wyd, gwel-id.
- Formuliere deutsche Passivsätze auf zwei Arten um. Übersetze etwa „Hier werden Karten verkauft“ zunächst mit einer unpersönlichen Form. Gib danach auf Deutsch auch eine natürliche Variante mit man an. So lernst du die Bedeutung, ohne an einer starren Wort-für-Wort-Entsprechung festzuhalten.
- Suche Formen in echten Texten. Markiere in kurzen walisischen Nachrichten alle Wörter auf -ir, -wyd und -id. Prüfe anschließend, ob wirklich eine unpersönliche Verbform vorliegt, welche Zeit gemeint ist und warum der Handelnde fehlt.
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