Der Konditional im Norwegischen
Kondisjonalis
Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Im Norwegischen gibt es keine eigene Konditional-Endung. Meist steht die Vergangenheitsform ville zusammen mit einem Infinitiv ohne å: Jeg ville komme („Ich würde kommen“). Diese Form beschreibt vor allem vorgestellte Situationen; außerdem dienen ville und kunne für höfliche Wünsche und Bitten sowie für die Zukunft aus der Sicht eines vergangenen Zeitpunkts.
Überblick
Der Konditional (kondisjonalis) drückt aus, was unter bestimmten Umständen geschehen würde, was man gern hätte oder worum man höflich bittet. Auf B1-Niveau ist dafür vor allem das Muster ville + Infinitiv wichtig. Ein Infinitiv ist die Grundform eines Verbs, zum Beispiel komme „kommen“ oder reise „reisen“. Anders als im Deutschen verändert sich das Verb ville dabei nicht nach Person: jeg ville, du ville, vi ville.
Das Deutsche verteilt diese Bedeutungen auf Formen wie „würde kommen“, „hätte gern“, „könntest du“ und „sie sagte, sie werde kommen“. Norwegisch verwendet häufig die Vergangenheitsformen der Modalverben ville, kunne, skulle und burde. Modalverben sind Verben wie „können“, „wollen“ oder „sollen“, die die Haltung zu einer Handlung ausdrücken. Welche Form passt, hängt deshalb nicht nur von der Zeit, sondern auch von der gemeinten Nuance ab.
Besonders oft begegnet der Konditional in Sätzen mit hvis „wenn/falls“. Dabei nennt der hvis-Satz die gedachte Bedingung, der Hauptsatz ihre mögliche Folge: Hvis jeg hadde tid, ville jeg komme. Der Konditional kommt aber auch ohne ausdrücklich genannte Bedingung vor: Jeg ville gjerne ha kaffe. Die Situation – etwa eine Bestellung im Café – macht die unausgesprochene Bedingung klar.
So funktioniert es
Die Grundform: ville + Infinitiv
Ville ist sowohl die Vergangenheitsform von vil „will/möchte“ als auch das wichtigste Hilfsverb für den Konditional. Nach einem Modalverb steht der Infinitiv ohne å.
| Satzteil | Form | Beispiel |
|---|---|---|
| Subjekt (wer handelt) | jeg | Jeg … |
| Modalverb | ville | Jeg ville … |
| Infinitiv ohne å | komme | Jeg ville komme. |
| weitere Angaben | i morgen | Jeg ville komme i morgen. |
Das Muster bleibt bei allen Personen gleich:
| Person | Norwegische Form | Deutsch |
|---|---|---|
| jeg | jeg ville komme | ich würde kommen |
| du | du ville komme | du würdest kommen |
| han / hun | han / hun ville komme | er / sie würde kommen |
| vi | vi ville komme | wir würden kommen |
| dere | dere ville komme | ihr / Sie würdet / würden kommen |
| de | de ville komme | sie würden kommen |
Nicht: ville å komme. Das entspricht dem Muster bei anderen norwegischen Modalverben: kan komme, skal komme, må komme.
Gegenwärtige oder zukünftige Vorstellung
Für eine unwirkliche oder nur gedachte Situation steht häufig hvis + Präteritum, danach ville + Infinitiv. Das Präteritum ist die einfache Vergangenheitsform, hier zum Beispiel hadde „hatte“.
| Bedingung | Folge |
|---|---|
| Hvis jeg hadde mer tid, | ville jeg lære norsk hver dag. |
| wenn ich mehr Zeit hätte, | würde ich jeden Tag Norwegisch lernen. |
Die Vergangenheitsform hadde bezeichnet hier nicht wirklich die Vergangenheit. Sie schafft Abstand zur Wirklichkeit: In der Gegenwart habe ich nicht genug Zeit. Das ähnelt dem deutschen Konjunktiv II „hätte“.
Steht der hvis-Satz zuerst, folgt im Hauptsatz die norwegische Verb-zweit-Regel: Das gebeugte Verb steht an zweiter Satzposition. Da der ganze Nebensatz die erste Position einnimmt, kommt ville vor dem Subjekt:
- Hvis jeg hadde tid, ville jeg komme.
- nicht: Hvis jeg hadde tid, jeg ville komme.
Steht der Hauptsatz zuerst, bleibt die normale Reihenfolge erhalten: Jeg ville komme hvis jeg hadde tid.
Wünsche und höfliche Bitten
Mit gjerne „gern“ wird ville zu einer höflichen Wunschform:
- Jeg ville gjerne ha kaffe. – Ich hätte gern Kaffee.
- Vi ville gjerne bestille et bord. – Wir würden gern einen Tisch reservieren.
Bei Bitten sind besonders kunne du …? und ville du …? üblich:
| Form | Typische Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Kunne du + Infinitiv? | höfliche Bitte; wörtlich etwa „Könntest du …?“ | Kunne du hjelpe meg? |
| Ville du + Infinitiv? | Bitte oder Frage nach der Bereitschaft | Ville du lukke vinduet? |
| Kunne jeg få …? | höfliche Bitte um etwas | Kunne jeg få regningen? |
Kunne ist die Vergangenheitsform von kan, ville die von vil. Wie im Deutschen wirken „könntest“ und „würdest“ weniger direkt als ein Imperativ (eine Befehlsform wie „Hilf!“).
Verneinung und Wortstellung
Im Hauptsatz steht ikke gewöhnlich nach dem Modalverb: Jeg ville ikke gjøre det. In einem eingeleiteten Nebensatz steht ikke vor dem gebeugten Verb: hvis jeg ikke hadde tid.
| Satzart | Muster | Beispiel |
|---|---|---|
| Hauptsatz | Subjekt + ville + ikke + Infinitiv | Jeg ville ikke vente. |
| hvis-Nebensatz | hvis + Subjekt + ikke + Verb | hvis jeg ikke hadde tid |
| Nebensatz zuerst | Nebensatz + ville + Subjekt + Infinitiv | Hvis jeg ikke hadde tid, ville jeg dra. |
Diese Stellung von ikke ist für Deutschsprachige wichtig: Die norwegische Satzklammer funktioniert nicht wie „ich würde nicht warten“, obwohl die Übersetzung ähnlich aussieht.
Zukunft aus der Sicht der Vergangenheit
Ville + Infinitiv kann auch eine spätere Handlung aus einem bereits vergangenen Blickpunkt beschreiben. Dann ist die Handlung nicht unbedingt hypothetisch:
- Hun sa at hun ville komme. – Sie sagte, dass sie kommen würde.
- Jeg visste at det ville bli vanskelig. – Ich wusste, dass es schwierig werden würde.
Der vergangene Zeitpunkt (sa, visste) ist der Ausgangspunkt; das Kommen oder Schwierigwerden lag damals noch in der Zukunft. Im Deutschen kann je nach Stil „würde“, „werde“ oder „werde später“ passen.
Beispiele im Zusammenhang
| Norwegisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Jeg ville gjerne ha kaffe. | Ich hätte gern Kaffee. | höflicher Wunsch |
| Hvis jeg hadde tid, ville jeg komme. | Wenn ich Zeit hätte, würde ich kommen. | unwirkliche Gegenwart |
| Kunne du hjelpe meg? | Könntest du mir helfen? | höfliche Bitte |
| Hun sa at hun ville komme. | Sie sagte, dass sie kommen würde. | Zukunft aus vergangener Sicht |
| Vi ville gjerne bestille et bord for to. | Wir würden gern einen Tisch für zwei reservieren. | höfliche Reservierung |
| Hva ville du gjort i min situasjon? | Was würdest du in meiner Situation tun? | gedachte Entscheidung |
| Jeg ville ikke kjøpt den bilen. | Ich würde dieses Auto nicht kaufen. | vorsichtiger Rat; mündlich häufig |
| Hvis været var bedre, ville vi gå en tur. | Wenn das Wetter besser wäre, würden wir spazieren gehen. | Bedingung mit var |
| Ville du åpne døren? | Würdest du die Tür öffnen? | Frage nach der Bereitschaft |
| Kunne jeg få et glass vann? | Könnte ich ein Glas Wasser bekommen? | höfliche Bitte um etwas |
| Det ville være fint å møtes igjen. | Es wäre schön, sich wiederzusehen. | zurückhaltende Bewertung |
| Uten hjelpen din ville det være vanskelig. | Ohne deine Hilfe wäre es schwierig. | Bedingung ohne hvis |
| Han trodde at toget ville komme klokka åtte. | Er glaubte, dass der Zug um acht kommen würde. | spätere Handlung in einer Erzählung |
| Hvis jeg hadde visst det, ville jeg ha blitt hjemme. | Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich zu Hause geblieben. | unwirkliche Vergangenheit |
| Du burde snakke med legen. | Du solltest mit dem Arzt sprechen. | höflicher Rat mit burde |
Häufige Fehler
Nach ville unnötig å setzen
- Falsch: Jeg ville å komme.
- Richtig: Jeg ville komme.
- Warum: Nach einem Modalverb steht der Infinitiv ohne å. Dasselbe gilt für kunne komme, skulle komme und burde komme.
Nach einem vorangestellten hvis-Satz nicht umstellen
- Falsch: Hvis jeg hadde tid, jeg ville komme.
- Richtig: Hvis jeg hadde tid, ville jeg komme.
- Warum: Der Nebensatz besetzt die erste Satzposition. Im folgenden Hauptsatz muss daher das gebeugte Verb ville vor dem Subjekt jeg stehen.
Die wirkliche und die gedachte Bedingung vermischen
- Unpassend für eine offene, reale Möglichkeit: Hvis du kom i morgen, ville vi spise sammen.
- Passend: Hvis du kommer i morgen, spiser vi sammen.
- Warum: Präsens in beiden Satzteilen beschreibt eine realistische, offene Möglichkeit. Hvis du kom …, ville … stellt die Situation eher als gedacht, unsicher oder der Wirklichkeit entgegengesetzt dar. Der Zusammenhang entscheidet, wie stark dieser Abstand wirkt.
ville immer mit „würde“ übersetzen
- Missverständlich: Da jeg var liten, ville jeg bli lege. = „Als ich klein war, würde ich Arzt werden.“
- Richtig im gemeinten Zusammenhang: „Als ich klein war, wollte ich Arzt werden.“
- Warum: Ville kann einfach die Vergangenheit von vil „wollen“ sein. Erst der Zusammenhang zeigt, ob Wunsch, Absicht, Zukunft aus vergangener Sicht oder Konditional gemeint ist.
Das deutsche Perfektmuster direkt übertragen
- Falsch: Hvis jeg ville ha visst det, …
- Richtig: Hvis jeg hadde visst det, ville jeg ha blitt hjemme.
- Warum: In einer unwirklichen vergangenen Bedingung steht im hvis-Satz hadde + Partizip Perfekt. Das Partizip Perfekt ist die Verbform in Verbindungen wie har visst „hat gewusst“ oder har blitt „ist geworden“.
ikke im Nebensatz an die Hauptsatzstelle setzen
- Falsch: hvis jeg hadde ikke tid
- Richtig: hvis jeg ikke hadde tid
- Warum: In einem eingeleiteten norwegischen Nebensatz steht die Verneinung normalerweise vor dem gebeugten Verb.
Hinweise zum Gebrauch
Jeg vil ha kaffe bedeutet direkt „Ich möchte Kaffee“ und ist im Norwegischen oft völlig normal. Jeg ville gjerne ha kaffe klingt zurückhaltender und ausdrücklich höflich. Deutschsprachige sollten deshalb weder jedes vil ha als schroff empfinden noch in jeder Alltagssituation eine Konditionalform erzwingen. Tonfall, takk und die Situation tragen ebenfalls zur Höflichkeit bei.
Kunne du …? ist eine sehr gebräuchliche höfliche Bitte. Ville du …? fragt stärker nach der Bereitschaft und kann je nach Ton auch auffordernder wirken. Für eine Bestellung oder Bitte um einen Gegenstand ist Kan jeg få …? alltäglich; Kunne jeg få …? schafft etwas mehr Abstand. Das Präteritum verweist in solchen Bitten nicht auf vergangene Zeit.
Bei Ratschlägen ist burde oft natürlicher als ville: Du burde hvile heißt „Du solltest dich ausruhen“. Jeg ville ha hvilt oder alltagssprachlich Jeg ville hvilt bedeutet eher „Ich würde mich ausruhen“ und präsentiert den Rat aus der eigenen gedachten Perspektive. Skulle kann Erwartung, Plan, Pflicht oder eine vorsichtige Vorstellung ausdrücken; es ist daher kein bloßer Ersatz für ville.
Norwegisch hat keine besondere Verbform, die genau dem deutschen Konjunktiv II entspricht. Die Formen hadde, var, kunne und ville sehen wie gewöhnliche Vergangenheitsformen aus. Erst Signalwörter, Satzbau und Zusammenhang machen deutlich, ob tatsächlich Vergangenes oder etwas nur Vorgestelltes gemeint ist.
Über die Grundlagen hinaus
Unwirkliche Vergangenheit
Wenn eine Bedingung in der Vergangenheit nicht erfüllt wurde, stehen meist zwei zusammengesetzte Formen:
| Teil | Muster | Beispiel |
|---|---|---|
| nicht erfüllte Bedingung | hvis + hadde + Partizip Perfekt | Hvis jeg hadde visst det … |
| nicht eingetretene Folge | ville ha + Partizip Perfekt | … ville jeg ha kommet. |
Der vollständige Satz Hvis jeg hadde visst det, ville jeg ha kommet bedeutet: Ich wusste es nicht, und deshalb kam ich nicht. Diese Form gehört in ihrer systematischen Behandlung eher zu den komplexen Konditionalsätzen auf B2-Niveau, ist aber im Alltag häufig genug, dass man sie auf B1 schon erkennen sollte.
In gesprochener Sprache wird ha nach ville bisweilen weggelassen: Jeg ville gjort det annerledes statt Jeg ville ha gjort det annerledes. Beide Muster kommen vor. Für Lernende ist die vollständige Form zunächst transparenter, besonders wenn ein klarer Bezug auf die Vergangenheit gemeint ist.
Bedingungen ohne hvis
Die Bedingung muss nicht als Nebensatz formuliert werden:
- Med mer tid ville jeg lest mer. – Mit mehr Zeit würde ich mehr lesen.
- Uten kart ville vi gått oss vill. – Ohne Karte hätten wir uns verirrt.
In gehobener oder knapper Sprache kann hvis außerdem entfallen und das Verb an den Satzanfang treten: Hadde jeg visst det, ville jeg ha kommet. Das entspricht ungefähr „Hätte ich das gewusst, wäre ich gekommen“. Dieses Muster ist korrekt, aber für die aktive Anwendung am Anfang weniger wichtig als der klare hvis-Satz.
Mehrdeutigkeit von ville
Jeg ville reise kann je nach Zusammenhang heißen:
- „Ich wollte reisen“ – vergangener Wunsch oder Plan,
- „Ich würde reisen“ – gedachte Folge,
- „Ich sollte/später würde ich reisen“ – Zukunft aus vergangener Sicht.
Ein hvis-Satz macht die konditionale Lesart meist klar. In Erzählungen liefern Verben wie sa, trodde und visste den vergangenen Blickpunkt. Ohne solchen Zusammenhang sollte man zusätzliche Angaben machen, wenn die Aussage sonst missverständlich wäre.
Tipps zum Üben
- Bilde Satzpaare. Beginne mit einer realen Möglichkeit wie Hvis jeg har tid, kommer jeg. Mache daraus dann eine gedachte Situation: Hvis jeg hadde tid, ville jeg komme. So wird der Bedeutungsunterschied hörbar.
- Übe ganze Höflichkeitsbausteine. Merke dir Jeg ville gjerne …, Kunne du …? und Kunne jeg få …? jeweils mit fünf alltagsnahen Ergänzungen. Ganze Muster sind beim Sprechen leichter abrufbar als eine isolierte Regel.
- Markiere beim Lesen die Zeitachse. Suche nach sa, trodde oder visste vor ville. Frage dann: Ist ville eine gedachte Folge, ein vergangener Wunsch oder eine spätere Handlung aus damaliger Sicht?
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