Das Futur im Norwegischen
Futurum
Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Norwegisch hat keine eigene Futur-Endung. Zukünftiges wird meist mit skal + Infinitiv für Pläne und Absichten, kommer til å + Infinitiv für erwartete Entwicklungen, vil + Infinitiv für Vorhersagen oder einfach mit dem Präsens ausgedrückt. Welche Form passt, hängt daher nicht nur vom Zeitpunkt ab, sondern auch davon, wie man das zukünftige Geschehen einschätzt.
Überblick
Das Futur bezeichnet Aussagen über die Zukunft. Anders als im Deutschen gibt es im Norwegischen aber keine einzige Form, die immer dem deutschen „werden + Infinitiv“ entspricht. Stattdessen wählt man zwischen mehreren Konstruktionen. Dabei zeigt die Wahl oft, ob etwas geplant, verabredet, vorhersehbar oder lediglich als zukünftiger Termin genannt wird.
Dieses Thema wird typischerweise auf B1-Niveau eingeführt. Die einzelnen Bausteine sind jedoch schon früher bekannt: skal und vil gehören zu den Modalverben, also zu Verben, die eine Absicht, Möglichkeit oder Haltung zum folgenden Verb ausdrücken. Der Infinitiv ist die unveränderte Grundform eines Verbs, etwa reise „reisen“ oder bli „werden“.
Für Deutschsprachige ist besonders wichtig, das deutsche Hilfsverb „werden“ nicht automatisch durch vil zu ersetzen. Das norwegische vil kann nämlich auch „will“ bedeuten. Ebenso ist skal nicht bloß eine Übersetzung von „soll“, sondern ein sehr gebräuchliches Mittel für eigene Pläne und feste Vereinbarungen.
So funktioniert es
Die vier wichtigsten Möglichkeiten
| Form | Hauptfunktion | Typischer Gedanke | Beispiel |
|---|---|---|---|
| skal + Infinitiv | Absicht, Plan, Vereinbarung | Das ist beschlossen oder beabsichtigt. | Jeg skal reise i morgen. – Ich reise morgen. |
| kommer til å + Infinitiv | erwartete Folge oder Entwicklung | Alles deutet darauf hin. | Det kommer til å regne. – Es wird regnen. |
| vil + Infinitiv | Vorhersage, Annahme; oft sachlich oder formeller | So wird es voraussichtlich sein. | Prisene vil stige. – Die Preise werden steigen. |
| Präsens + Zukunftsangabe | Termin, Fahrplan, feststehendes Ereignis | Der Zeitpunkt macht die Zukunft klar. | Toget går klokka seks. – Der Zug fährt um sechs. |
Keine dieser Möglichkeiten ist eine Zukunftsform mit eigener Verbendung. Skal, vil und kommer stehen im Präsens; das folgende Verb bleibt im Infinitiv. Beim einfachen Präsens trägt meist eine Zeitangabe wie i morgen „morgen“, senere „später“ oder neste uke „nächste Woche“ die zeitliche Information.
Skal: Absicht, Plan und Vereinbarung
Das Grundmuster lautet:
Subjekt + skal + Infinitiv ohne å
- Jeg skal ringe deg i kveld. – Ich rufe dich heute Abend an.
- Vi skal møtes på fredag. – Wir treffen uns am Freitag.
- Hun skal begynne i den nye jobben i august. – Sie fängt im August die neue Stelle an.
Das Subjekt ist die Person oder Sache, über die etwas ausgesagt wird. Nach skal steht der Infinitiv ohne å. Richtig ist also skal reise, nicht skal å reise.
Skal passt besonders gut, wenn die handelnde Person den Plan beeinflussen kann oder wenn eine Vereinbarung bereits besteht. Es kann außerdem einen Auftrag oder eine Verpflichtung ausdrücken: Du skal levere oppgaven i morgen kann je nach Situation „Du sollst/musst die Aufgabe morgen abgeben“ bedeuten. Der Zusammenhang entscheidet also, ob skal Zukunft, Anweisung oder Pflicht bezeichnet.
Bei Fragen wird skal oft verwendet, um eine gemeinsame Entscheidung zu treffen oder nach einem Plan zu fragen:
- Skal vi gå? – Wollen wir gehen?/Sollen wir gehen?
- Når skal du flytte? – Wann ziehst du um?
Kommer til å: erwartete Entwicklung
Das Muster lautet:
Subjekt + kommer til å + Infinitiv
- Hun kommer til å bli lege. – Sie wird Ärztin werden.
- Det kommer til å ta lang tid. – Das wird lange dauern.
- Du kommer til å like Bergen. – Bergen wird dir gefallen.
Hier gehört å fest zur Konstruktion. Im Unterschied zu skal stellt kommer til å häufig eine Folge, Prognose oder Entwicklung dar, die nicht als bewusster Plan des Subjekts erscheint. Wer dunkle Wolken sieht, sagt sehr natürlich Det kommer til å regne. Auch bei langfristigen Folgen ist die Form üblich: Klimaet kommer til å endre seg – „Das Klima wird sich verändern.“
Die Konstruktion bedeutet nicht wörtlich, dass jemand irgendwohin „kommt“. Kommer hat hier eine grammatische Funktion innerhalb des gesamten Ausdrucks.
Vil: Vorhersage – aber auch Wille
Das Muster für eine Zukunftsaussage ist:
Subjekt + vil + Infinitiv ohne å
- Temperaturen vil stige i løpet av dagen. – Die Temperaturen werden im Laufe des Tages steigen.
- Tiltaket vil få store konsekvenser. – Die Maßnahme wird große Folgen haben.
Als Zukunftsausdruck begegnet vil häufig in Wetterberichten, Analysen, Anleitungen und sachlichen Texten. In der Alltagssprache klingt kommer til å bei vielen persönlichen Prognosen natürlicher.
Vorsicht: Bei Personen kann vil den eigenen Willen ausdrücken. Jeg vil reise heißt normalerweise „Ich will reisen“, nicht neutral „Ich werde reisen“. Soll ein eigener Plan gemeint sein, ist Jeg skal reise meist eindeutiger. Bei einem unbelebten Subjekt ist eine Vorhersage leichter erkennbar: Det vil regne kann nur eine Wetterprognose sein.
Das Präsens für Zukünftiges
Das norwegische Präsens, also die Gegenwartsform, wird sehr oft für die Zukunft verwendet, wenn der Zeitpunkt oder der Zusammenhang eindeutig ist:
- Vi drar neste uke. – Wir fahren nächste Woche.
- Møtet begynner klokka ni. – Die Besprechung beginnt um neun.
- Jeg ringer deg senere. – Ich rufe dich später an.
Das ist dem Deutschen ähnlich: Auch „Morgen fahre ich nach Oslo“ steht im Präsens. Besonders natürlich ist diese Form bei Fahrplänen, Terminen, fest vereinbarten Vorhaben und naher Zukunft. Ohne Zeitangabe kann dieselbe Form dagegen gegenwärtig oder regelmäßig verstanden werden. Vi drar kann je nach Situation „Wir fahren jetzt“ oder „Wir fahren“ heißen; Vi drar neste uke ist eindeutig zukünftig.
Satzstellung und Verneinung
Norwegische Hauptsätze folgen der V2-Regel: Das gebeugte Verb steht an zweiter Satzposition. Beginnt der Satz mit einer Zeitangabe, folgt deshalb zuerst das Verb und dann das Subjekt:
- I morgen skal jeg jobbe hjemme. – Morgen werde ich zu Hause arbeiten.
- Neste år kommer hun til å studere i Trondheim. – Nächstes Jahr wird sie in Trondheim studieren.
Im normalen Hauptsatz steht ikke „nicht“ nach dem gebeugten Verb:
- Jeg skal ikke reise. – Ich werde nicht reisen.
- Det vil ikke bli lett. – Es wird nicht leicht werden.
- Han kommer ikke til å forstå det. – Er wird das nicht verstehen.
In einem Nebensatz, also einem abhängigen Satzteil wie nach fordi „weil“ oder at „dass“, steht ikke vor dem gebeugten Verb:
- … fordi jeg ikke skal reise. – … weil ich nicht reisen werde.
- Jeg tror at det ikke kommer til å regne. – Ich glaube, dass es nicht regnen wird.
Beispiele im Zusammenhang
| Norwegisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Jeg skal reise i morgen. | Ich werde morgen reisen./Ich reise morgen. | Beschlossene Absicht mit skal |
| Vi skal spise hos foreldrene mine på søndag. | Wir essen am Sonntag bei meinen Eltern. | Vereinbarter Plan |
| Skal du være med på møtet? | Nimmst du an der Besprechung teil? | Frage nach einem Plan |
| Det kommer til å regne i kveld. | Heute Abend wird es regnen. | Erwartete Entwicklung |
| Hun kommer til å bli lege. | Sie wird Ärztin werden. | Entwicklung in der Zukunft |
| Du kommer til å angre på det. | Du wirst das bereuen. | Vorhersage einer Folge |
| Det vil ta omtrent to timer. | Es wird ungefähr zwei Stunden dauern. | Sachliche Einschätzung |
| Prisene vil sannsynligvis øke. | Die Preise werden wahrscheinlich steigen. | Formellere Prognose |
| Vi drar neste uke. | Wir fahren nächste Woche. | Präsens mit Zeitangabe |
| Flyet lander klokka 18.20. | Das Flugzeug landet um 18:20 Uhr. | Fahrplan oder feststehender Termin |
| I morgen skal jeg snakke med sjefen. | Morgen werde ich mit dem Chef sprechen. | V2-Stellung nach Zeitangabe |
| Han kommer ikke til å glemme dette. | Er wird das nicht vergessen. | Verneinung nach kommer |
| Når du kommer hjem, skal vi spise. | Wenn du nach Hause kommst, werden wir essen. | Präsens im zukünftigen Zeitsatz |
Die Übersetzungen zeigen, dass deutsches „werden“ nicht immer nötig ist. Gerade bei Terminen und persönlichen Plänen klingt ein deutsches Präsens häufig ebenso natürlich wie die norwegische Konstruktion.
Häufige Fehler
Nach skal oder vil ein å einsetzen
- Falsch: Jeg skal å ringe deg.
- Richtig: Jeg skal ringe deg.
- Warum: Nach den Modalverben skal und vil folgt der Infinitiv ohne å. Nur in der festen Konstruktion kommer til å muss å stehen.
Deutsches „werden“ immer mit vil übersetzen
- Missverständlich: Jeg vil reise i morgen.
- Für einen festen Plan: Jeg skal reise i morgen.
- Warum: Jeg vil reise wird gewöhnlich als „Ich will reisen“ verstanden. Für eine beschlossene eigene Absicht ist skal klarer.
Kommer til å für einen Auftrag verwenden
- Unpassend als Anweisung: Du kommer til å levere rapporten i morgen.
- Passend: Du skal levere rapporten i morgen.
- Warum: Kommer til å sagt eine Entwicklung voraus. Skal kann dagegen eine Vorgabe oder verbindliche Vereinbarung ausdrücken.
Das Präsens ohne ausreichenden Zukunftshinweis benutzen
- Unklar: Vi reiser.
- Eindeutig: Vi reiser på fredag.
- Warum: Ohne Zeitangabe kann die Präsensform auch „Wir reisen gerade“ oder „Wir reisen gewöhnlich“ bedeuten. Eine Angabe wie på fredag macht den Zukunftsbezug deutlich.
Nach einer vorangestellten Zeitangabe die deutsche Wortstellung behalten
- Falsch: I morgen jeg skal jobbe.
- Richtig: I morgen skal jeg jobbe.
- Warum: Im norwegischen Hauptsatz steht das gebeugte Verb an zweiter Position. Wenn i morgen den ersten Platz einnimmt, folgt skal vor dem Subjekt jeg.
Ikke an die falsche Stelle setzen
- Falsch: Jeg ikke skal komme.
- Richtig: Jeg skal ikke komme.
- Warum: Im Hauptsatz folgt ikke normalerweise auf das gebeugte Verb. Im Nebensatz ist die Reihenfolge anders: fordi jeg ikke skal komme.
Hinweise zum Gebrauch
In alltagsnahen Äußerungen, wie sie hier in Bokmål wiedergegeben werden, sind skal, kommer til å und das Präsens besonders häufig. Bokmål ist eine norwegische Schriftsprache, keine einheitliche gesprochene Standardsprache. Vil als reines Futurmittel wirkt in manchen persönlichen Alltagssätzen schriftsprachlicher oder distanzierter. In Prognosen und sachlichen Aussagen ist es dagegen völlig normal.
Die Grenzen sind nicht starr. Dieselbe Situation kann aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben werden:
- Jeg skal lage middag. – Ich habe vor, Abendessen zu machen.
- Jeg lager middag klokka seks. – Ich mache um sechs Abendessen; der Termin steht.
- Jeg kommer til å lage middag. – Ich werde wohl Abendessen machen; die Aussage klingt eher wie eine Erwartung als wie eine ausdrückliche Vereinbarung.
Bei skal spielt außerdem die Person eine Rolle. Jeg skal … nennt oft die eigene Absicht, während Du skal … leicht wie eine Anweisung klingt. Der Tonfall und der Zusammenhang können diese Wirkung verstärken oder abschwächen.
In zukünftigen Zeit- und Bedingungssätzen steht gewöhnlich das Präsens: Når hun kommer, begynner vi „Wenn sie kommt, fangen wir an“ und Hvis det regner, blir vi hjemme „Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause“. Das ähnelt dem Deutschen und verhindert unnötig schwere Futurkonstruktionen.
Über die Grundlagen hinaus
Abgeschlossene Handlung in der Zukunft
Soll eine Handlung zu einem zukünftigen Zeitpunkt bereits abgeschlossen sein, kann man skal ha + Partizip oder vil ha + Partizip verwenden. Das Partizip ist hier die Verbform, die auch nach har im Perfekt steht, etwa gjort „gemacht“ oder kommet „gekommen“.
- Innen fredag skal jeg ha skrevet rapporten. – Bis Freitag werde ich den Bericht geschrieben haben.
- Om ti år vil byen ha vokst betydelig. – In zehn Jahren wird die Stadt deutlich gewachsen sein.
Skal ha passt gut zu einem geplanten Abschluss oder einer Frist; vil ha zu einer Prognose über einen dann erreichten Zustand. Auch kommer til å ha + Partizip ist möglich: De kommer til å ha brukt alle pengene før ferien er over – „Sie werden das ganze Geld ausgegeben haben, bevor der Urlaub vorbei ist.“
Zukunft aus der Sicht der Vergangenheit
Wird ein zukünftiges Geschehen von einem vergangenen Zeitpunkt aus betrachtet, erscheint oft skulle oder ville:
- Hun sa at hun skulle ringe senere. – Sie sagte, dass sie später anrufen würde.
- Ingen visste at beslutningen ville få så store følger. – Niemand wusste, dass die Entscheidung so große Folgen haben würde.
Skulle verweist häufig auf einen damaligen Plan oder eine Absicht; ville auf eine erwartete spätere Folge. Diese Formen überschneiden sich mit dem Konditional, also Aussagen über gedachte oder von einer Bedingung abhängige Situationen. Der Zusammenhang zeigt, ob eine reale „Zukunft in der Vergangenheit“ oder eine hypothetische Aussage gemeint ist.
Wahl der Form als Bedeutungsnuance
Fortgeschrittene Lernende sollten nicht nach einer einzigen „richtigen Futurform“ suchen. Vergleiche:
- Hun skal vinne. – Es ist vorgesehen, behauptet oder fest erwartet, dass sie gewinnt; je nach Zusammenhang kann auch Entschlossenheit mitschwingen.
- Hun kommer til å vinne. – Die Anzeichen sprechen dafür, dass sie gewinnen wird.
- Hun vil vinne. – Sachliche Vorhersage; ohne passenden Zusammenhang kann vil auch „will gewinnen“ bedeuten.
- Hun vinner i morgen. – Der Sieg wird als feststehendes zukünftiges Ereignis dargestellt, etwa in einer selbstsicheren Prognose.
Die Grammatik transportiert hier also zugleich die Haltung der sprechenden Person: Plan, Evidenz, Prognose oder Festlegung.
Tipps zum Üben
- Ordne Zukunftssätze nach Absicht und Prognose. Schreibe täglich je drei Sätze mit skal für eigene Pläne und drei mit kommer til å für sichtbare oder wahrscheinliche Folgen. So lernst du die Bedeutungen statt bloßer Übersetzungen.
- Formuliere einen Wochenplan doppelt. Schreibe zuerst På mandag skal jeg … und danach eine natürliche Präsensvariante wie På mandag jobber jeg hjemme. Achte dabei auf die Verb-zweit-Stellung.
- Höre gezielt auf Zukunftssignale. Notiere in norwegischen Nachrichten oder Gesprächen Beispiele mit vil, skal, kommer til å und Präsens. Frage bei jedem Satz: Ist das ein Plan, ein Termin oder eine Vorhersage?
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