B2

Nominalisierung im Deutschen

Nominalisierung

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Bei einer Nominalisierung wird ein Verb oder Adjektiv wie ein Substantiv gebraucht und deshalb großgeschrieben: lesen → das Lesen, schön → das Schöne, angestellt → die Angestellten. Nominalisierte Infinitive sind immer sächlich; nominalisierte Adjektive und Partizipien richten ihre Endung dagegen nach Artikel, Fall, Zahl und gegebenenfalls Geschlecht.

Überblick

Ein Substantiv, auch Nomen genannt, bezeichnet zum Beispiel eine Person, eine Sache, einen Vorgang oder einen abstrakten Gedanken. Bei der Nominalisierung übernimmt eine andere Wortart diese Aufgabe. Aus dem Verb lesen wird so das Lesen, aus dem Adjektiv gut wird das Gute. Auch Partizipien — Formen wie reisend oder angestellt, die von Verben stammen — können als Substantive auftreten: der Reisende, eine Angestellte.

Nominalisierungen begegnen dir im Alltag in Wendungen wie beim Essen, etwas Neues oder die Verantwortlichen. Sie sind außerdem in Zeitungen, Sachtexten, Anleitungen und formellen Schreiben häufig, weil sich mit ihnen Vorgänge und Eigenschaften kompakt benennen lassen. Das Grundmuster gehört zum Niveau B2. Die dafür nötigen Artikel und Adjektivendungen kennst du zum Teil schon aus früheren Lernstufen; hier setzt du sie in einer neuen Funktion ein.

Besonders wichtig sind drei Fragen: Woran erkennt man eine Nominalisierung? Welcher Artikel und welche Endung sind nötig? Und wann klingt ein nominaler Ausdruck natürlich, wann unnötig schwer? Die folgenden Regeln beantworten diese Fragen getrennt für Verben sowie für Adjektive und Partizipien.

So funktioniert es

Verben: der nominalisierte Infinitiv

Der Infinitiv ist die Grundform eines Verbs, zum Beispiel lesen, reisen oder entscheiden. Wird der Infinitiv als Substantiv verwendet, schreibt man ihn groß. Er hat immer das grammatische Geschlecht Neutrum, also das:

Verb Nominalisierung Beispiel
lesen das Lesen Das Lesen erweitert den Wortschatz.
schwimmen das Schwimmen Beim Schwimmen entspanne ich mich.
warten das Warten Das lange Warten war anstrengend.
aufstehen das Aufstehen Frühes Aufstehen fällt mir schwer.
einkaufen das Einkaufen Nach dem Einkaufen fahre ich nach Hause.

Der nominalisierte Infinitiv bezeichnet meist die Tätigkeit oder den Vorgang als Ganzes. Die Person, die handelt, steht nicht im Mittelpunkt. Mira liest jeden Abend berichtet, was Mira tut; Das Lesen am Abend entspannt spricht über die Tätigkeit selbst.

Als Substantiv kann die Form in verschiedenen Fällen stehen. Ein Fall zeigt, welche Aufgabe eine Wortgruppe im Satz hat. Das erkennt man vor allem am Artikel:

Fall und Funktion Form Beispiel
Nominativ: Satzgegenstand das Lesen Das Lesen ist wichtig.
Akkusativ: direkt betroffenes Satzglied das Lesen Ich vermisse das gemeinsame Lesen.
Dativ: oft nach einer Präposition dem Lesen Beim Lesen trinke ich Tee.
Genitiv: Zugehörigkeit des Lesens Die Vorteile des Lesens sind gut belegt.

Beim ist die Verbindung aus bei dem, zum aus zu dem. Deshalb steht nach beiden Formen der Dativ: beim Kochen, zum Mitnehmen. Auch ohne sichtbaren Artikel kann der Infinitiv nominalisiert sein: Lesen macht Spaß. Die Großschreibung zeigt hier, dass Lesen als Satzgegenstand verwendet wird.

Trennbare Verben bleiben in der Nominalisierung zusammengeschrieben: aufstehen → das Aufstehen, einkaufen → das Einkaufen, kennenlernen → das Kennenlernen. Zusätzliche Bestandteile können ebenfalls eine Einheit bilden: zu spät kommen → das Zuspätkommen, nichts tun → das Nichtstun. Solche längeren Bildungen sollte man sparsam einsetzen, wenn sie schwer lesbar werden.

Adjektive: eine Eigenschaft wird zum Substantiv

Ein Adjektiv beschreibt normalerweise eine Eigenschaft: ein schönes Bild, eine wichtige Nachricht. Wird die Eigenschaft selbst oder etwas mit dieser Eigenschaft gemeint, schreibt man das Adjektiv groß: das Schöne, etwas Wichtiges.

Anders als der nominalisierte Infinitiv hat ein nominalisiertes Adjektiv keine unveränderliche Endung. Es wird wie ein Adjektiv dekliniert — seine Endung passt sich also an Artikel, Fall, Singular oder Plural und bei Personen auch an das Geschlecht an.

Umgebung Typische Form Beispiel
bestimmter Artikel meist schwache Endung das Gute, die Neue, den Kranken
unbestimmter Artikel gemischte Endung ein Bekannter, eine Reisende
ohne Artikel starke Endung Gutes, Bekanntes, Reisende
nach etwas, nichts, viel, wenig meist Neutrum Singular auf -es etwas Neues, nichts Besonderes, viel Interessantes

Mit dem Neutrum bezeichnet man oft etwas Abstraktes oder eine nicht näher genannte Sache: das Schöne am Urlaub, etwas Unerwartetes, nichts Neues. Welcher konkrete Gegenstand gemeint ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang oder bleibt bewusst offen.

Personen: nominalisierte Adjektive und Partizipien

Bei Personen richtet sich die Form nach Geschlecht, Zahl, Fall und Begleiter. Ein Partizip ist eine vom Verb gebildete Form, etwa reisend von reisen oder angestellt von anstellen. Als Personenbezeichnung funktioniert es wie ein nominalisiertes Adjektiv.

Bedeutung Maskulinum Femininum Plural
mit bestimmtem Artikel der Reisende die Reisende die Reisenden
mit unbestimmtem Artikel ein Reisender eine Reisende
ohne Artikel Reisender Reisende Reisende

Im Satz können sich die Formen weiter verändern:

  • Nominativ: Der Reisende wartet.
  • Akkusativ: Ich sehe den Reisenden.
  • Dativ: Ich helfe dem Reisenden.
  • Plural: Die Reisenden warten.

Dasselbe Muster gilt etwa für Angestellte, Arbeitslose, Erwachsene, Verantwortliche und Verletzte. Die Endung trägt grammatische Information. Deshalb ist der Reisende richtig, aber der Reisender falsch.

Woran erkennt man eine Nominalisierung?

Nicht jeder großgeschriebene Ausdruck hat einen sichtbaren Artikel. Diese Signale helfen beim Erkennen:

  1. Artikel oder Artikelwort: das Schreiben, dieses Neue, alle Beteiligten
  2. Verschmolzene Präposition mit Artikel: beim Lernen, zum Aufwärmen
  3. Unbestimmte Mengenwörter: etwas Gutes, nichts Auffälliges, viel Spannendes
  4. Funktion im Satz: Rauchen ist verboten. Hier ist Rauchen der Satzgegenstand.
  5. Nähere Bestimmung: regelmäßiges Üben, lautes Lachen, die neu Angekommenen

Ein Verb bleibt dagegen kleingeschrieben, wenn es wirklich als Verb gebraucht wird: Wir wollen heute schwimmen. Vergleiche: Wir gehen heute schwimmen und Beim Schwimmen vergessen wir die Zeit.

Beispiele im Kontext

Deutsches Beispiel Bedeutung in einfachen Worten Muster
Das Lesen ist wichtig. Die Tätigkeit des Lesens ist wichtig. Infinitiv mit Artikel
Regelmäßiges Wiederholen hilft beim Lernen. Wer regelmäßig wiederholt, lernt leichter. substantivierte Infinitive mit Adjektiv und Präposition
Zum Mitnehmen kostet der Kaffee weniger. Der Kaffee kostet weniger, wenn man ihn mitnimmt. zu dem + Infinitiv
Frühes Aufstehen fällt mir schwer. Ich stehe nicht gern früh auf. trennbares Verb als Substantiv
Das Schöne an der Stadt sind die vielen Parks. Besonders schön an der Stadt sind ihre Parks. abstraktes nominalisiertes Adjektiv
Ich möchte dir etwas Wichtiges sagen. Was ich sagen möchte, ist wichtig. nach etwas
Daran ist nichts Ungewöhnliches. Das ist nicht ungewöhnlich. nach nichts
Die Angestellten arbeiten heute von zu Hause. Die Personen, die dort angestellt sind, arbeiten zu Hause. Partizip im Plural
Eine Reisende fragte nach dem Weg. Eine Frau auf Reisen fragte nach dem Weg. feminine Personenbezeichnung
Der Verletzte wurde sofort versorgt. Der verletzte Mann bekam sofort Hilfe. Partizip mit bestimmtem Artikel
Wir danken allen Beteiligten. Wir danken allen Personen, die mitgewirkt haben. Dativ Plural nach alle
Die Verantwortlichen müssen eine Entscheidung treffen. Die zuständigen Personen müssen entscheiden. nominalisiertes Adjektiv im Plural
Beim Warten auf den Bus höre ich Musik. Während ich auf den Bus warte, höre ich Musik. Tätigkeit mit Ergänzung
Sein ständiges Zuspätkommen ärgert das Team. Das Team ärgert sich, weil er ständig zu spät kommt. mehrteiliger Ausdruck als Substantiv

Häufige Fehler

Den nominalisierten Infinitiv kleinschreiben

  • Falsch: Beim lesen lerne ich neue Wörter.
  • Richtig: Beim Lesen lerne ich neue Wörter.
  • Warum: Beim bedeutet bei dem. Danach steht hier ein als Substantiv gebrauchter Infinitiv, also beginnt Lesen mit einem Großbuchstaben.

Einen verbalen Infinitiv unnötig großschreiben

  • Falsch: Ich möchte heute Schwimmen.
  • Richtig: Ich möchte heute schwimmen.
  • Warum: Nach möchte ist schwimmen Teil der Verbgruppe und kein Substantiv. Anders ist es in Das Schwimmen macht mir Spaß.

Das falsche Geschlecht für einen nominalisierten Infinitiv wählen

  • Falsch: Der Lesen fällt mir schwer.
  • Richtig: Das Lesen fällt mir schwer.
  • Warum: Nominalisierte Infinitive sind immer Neutrum: das Essen, das Reisen, das Nachdenken.

Die Adjektivendung nach dem Artikel falsch bilden

  • Falsch: der Reisender, eine Angestellten
  • Richtig: der Reisende, eine Angestellte
  • Warum: Nominalisierte Adjektive und Partizipien behalten die normale Adjektivdeklination. Der Begleiter und der Fall bestimmen die Endung mit.

Nach etwas und nichts kleinschreiben oder die Endung vergessen

  • Falsch: etwas neues, nichts besonder
  • Richtig: etwas Neues, nichts Besonderes
  • Warum: Gemeint ist „eine neue Sache“ beziehungsweise „keine besondere Sache“. Die Formen sind nominalisiert, werden großgeschrieben und enden hier auf -es.

Personenbezeichnungen als unveränderlich behandeln

  • Falsch: Ich spreche mit der Reisende.
  • Richtig: Ich spreche mit der Reisenden.
  • Warum: Nach mit steht der Dativ. Die feminine Form mit bestimmtem Artikel lautet im Dativ der Reisenden.

Verwendungshinweise

Nominalisierungen sind weder grundsätzlich formell noch grundsätzlich umgangssprachlich. Viele kurze Formen sind im Alltag ganz normal: beim Essen, zum Mitnehmen, nichts Neues, die Erwachsenen. Häufen sich jedoch abstrakte Substantive in einem Satz, entsteht der sogenannte Nominalstil: Handlungen werden vor allem durch Substantive statt durch Verben ausgedrückt. Dieser Stil ist in Verwaltung, Wissenschaft und juristischen Texten verbreitet.

Vergleiche:

  • nominal und kompakt: Nach Prüfung der Unterlagen erfolgt die Auszahlung.
  • verbal und meist direkter: Nachdem wir die Unterlagen geprüft haben, zahlen wir den Betrag aus.

Die nominale Variante kann sachlich und knapp wirken, verschweigt aber leicht, wer handelt. In einer E-Mail oder Anleitung ist die verbale Form oft verständlicher. Gute Texte vermeiden Nominalisierungen nicht vollständig; sie setzen sie dort ein, wo eine Tätigkeit als Thema benannt oder eine Wiederholung vermieden werden soll.

Bei Personenbezeichnungen ist auch der Kontext wichtig. Formen wie Studierende, Lehrende oder Mitarbeitende bezeichnen Menschen mithilfe nominalisierter Partizipien und werden häufig als geschlechtsübergreifende Pluralformen verwendet. Nicht jedes Partizip passt jedoch in jeder Situation genau: Studierende bezeichnet seinem üblichen Gebrauch nach Menschen, die studieren, während die Studierenden in der Hochschulsprache als feste Bezeichnung etabliert ist. Entscheidend sind Bedeutung und üblicher Sprachgebrauch, nicht nur die formale Bildbarkeit.

Weiterführendes

Nominalisierung und Wortbildung sind nicht dasselbe

Aus Verben und Adjektiven entstehen auch Substantive mit Endungen: entscheiden → die Entscheidung, frei → die Freiheit, schön → die Schönheit. Das ist Wortbildung, also die Bildung eines neuen Wortes. Solche Substantive haben ein eigenes grammatisches Geschlecht und oft eine speziellere Bedeutung. Man kann ihr Geschlecht nicht aus der Regel für nominalisierte Infinitive ableiten.

Vergleiche:

Form Schwerpunkt
das Entscheiden der Vorgang des Entscheidens allgemein
die Entscheidung das Ergebnis oder der konkrete Entschluss
das Schöne alles, was in einem Zusammenhang schön ist
die Schönheit die Eigenschaft des Schönseins oder eine schöne Erscheinung

Ergänzungen bleiben inhaltlich erhalten

Ein Verb kann weitere Satzteile verlangen. Bei einer Nominalisierung bleibt diese Beziehung oft bestehen: auf den Bus warten → das Warten auf den Bus, das Buch lesen → das Lesen des Buches. Der zweite Ausdruck verwendet häufig den Genitiv, also eine Form der Zugehörigkeit. Längere Konstruktionen dieser Art sind besonders in anspruchsvollen Sachtexten wichtig und gehören zum weiterführenden Thema der Verbalsubstantive mit Ergänzungen.

Verneinung und zusammengesetzte Formen

Mit Nicht- lassen sich Tätigkeiten oder Eigenschaften als Begriff verneinen: das Nichtwissen, das Nichtstun, die Nichtanwesenden. Solche Bildungen werden zusammengeschrieben. Sie können treffend sein, wirken bei großer Länge aber schnell technisch: Statt das Nichtbeachten der Hinweise ist wenn man die Hinweise nicht beachtet oft leichter zu lesen.

Auch substantivierte Wortgruppen kommen vor, etwa das Für und Wider oder das ewige Hin und Her. Das Grundprinzip bleibt gleich: Der gesamte Ausdruck übernimmt im Satz die Funktion eines Substantivs. Für den sicheren B2-Gebrauch sind die klaren Kernmuster das Lesen, etwas Gutes und die Reisenden jedoch wichtiger als seltene Sonderformen.

Übungstipps

  1. Bilde Dreiergruppen. Schreibe zu fünf häufigen Verben jeweils einen verbalen Satz, einen nominalisierten Infinitiv und eine Form mit Präposition: Ich lese täglich. – Tägliches Lesen hilft. – Beim Lesen mache ich Notizen.
  2. Trainiere Endungen mit Personen. Dekliniere eine Bezeichnung wie Reisende in kurzen Sätzen: Der Reisende wartet. Ich sehe den Reisenden. Ich helfe dem Reisenden. Wiederhole das Muster mit einer femininen und einer Pluralform.
  3. Überarbeite echte Texte. Markiere in einem Zeitungsartikel alle großgeschriebenen Infinitive und nominalisierten Adjektive. Formuliere anschließend zwei schwere Nominalsätze mit Verben um und prüfe, welche Variante klarer klingt.

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