Die Vergangenheit im Ungarischen
Múlt Idő
Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das Ungarische hat im heutigen Sprachgebrauch nur eine allgemeine Vergangenheitsform. Sie wird mit einem Vergangenheitszeichen auf -t/-tt und einer Personenendung gebildet: olvasok „ich lese“ wird zu olvastam „ich las/ich habe gelesen“. Wie im Präsens gibt es eine unbestimmte und eine bestimmte Konjugation; welche man wählt, hängt vor allem vom direkten Objekt ab.
Überblick
Die ungarische Vergangenheit heißt múlt idő. Mit ihr berichtet man über abgeschlossene Einzelhandlungen, frühere Zustände, Gewohnheiten und längere Abläufe. Wo das Deutsche zwischen „ich las“ und „ich habe gelesen“ wählen kann, steht im Ungarischen normalerweise dieselbe Form: olvastam. Zeitangaben und der Zusammenhang zeigen, wie die Aussage gemeint ist.
Dieses Thema wird auf A2-Niveau eingeführt. Die Grundidee ist überschaubar: Verbstamm, Vergangenheitszeichen und Personenendung bilden zusammen ein konjugiertes Wort. Ein Hilfsverb wie deutsches haben oder sein ist nicht nötig. Deshalb heißt „wir sind angekommen“ einfach megérkeztünk und nicht etwa eine Verbindung aus zwei Verbformen.
Etwas Aufmerksamkeit verlangt die Objektkonjugation. Das direkte Objekt (die Person oder Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet) entscheidet bei vielen Verben über die Endungsreihe. Olvastam kann je nach Kontext sowohl „ich las“ ohne bestimmtes Objekt als auch „ich las es/das Buch“ bedeuten. In anderen Personen werden die beiden Reihen deutlich unterschieden: olvastál egy könyvet „du hast ein Buch gelesen“, aber olvastad a könyvet „du hast das Buch gelesen“.
So funktioniert es
1. Vom Infinitiv zum Verbstamm
Die Wörterbuchform endet meist auf -ni. Für die Konjugation wird diese Endung entfernt:
| Infinitiv | Stamm | Bedeutung |
|---|---|---|
| olvasni | olvas- | lesen |
| írni | ír- | schreiben |
| kérni | kér- | bitten, fragen |
| tanulni | tanul- | lernen |
An den Stamm tritt das Vergangenheitszeichen -t oder -tt. Seine genaue Gestalt ist nicht bei jedem Verb allein aus dem Infinitiv sicher vorherzusagen. Vergleiche írt „er/sie schrieb“, olvasott „er/sie las“ und tanított „er/sie unterrichtete“. Für das Lernen ist es daher sinnvoll, zu jedem neuen Verb mindestens die 1. Person Singular und die 3. Person Singular der Vergangenheit mitzulernen: olvastam – olvasott, írtam – írt.
Die Endung richtet sich außerdem nach der Vokalharmonie: Vereinfacht gesagt passen sich die Vokale der Endung an die Vokale im Wort an. Daher stehen etwa vártam mit a, aber kértem mit e sowie ültünk mit ü.
2. Die unbestimmte Konjugation
Die unbestimmte Konjugation verwendet man, wenn
- das Verb kein direktes Objekt hat: dolgoztam „ich arbeitete“;
- das Objekt unbestimmt ist: olvastam egy könyvet „ich las ein Buch“;
- allgemein von einer Sache oder Menge die Rede ist: kávét ittam „ich trank Kaffee“.
Mit olvasni sieht das vollständige Muster so aus:
| Person | Ungarisch | Deutsch |
|---|---|---|
| én | olvastam | ich las / habe gelesen |
| te | olvastál | du lasest / hast gelesen |
| ő | olvasott | er/sie las / hat gelesen |
| mi | olvastunk | wir lasen / haben gelesen |
| ti | olvastatok | ihr last / habt gelesen |
| ők | olvastak | sie lasen / haben gelesen |
Die Pronomen én, te, ő, mi, ti, ők werden gewöhnlich weggelassen, weil die Endung die Person bereits erkennen lässt. Man setzt sie vor allem bei Betonung oder Gegenüberstellung: Én olvastam, ő pedig írt. „Ich las, er/sie dagegen schrieb.“
Bei einem Verb wie írni ist das Vergangenheitszeichen in allen Formen besonders gut zu erkennen: írtam, írtál, írt, írtunk, írtatok, írtak. Bei olvasni hat nur die 3. Person Singular die Form olvasott; die übrigen Formen beginnen mit olvast-.
3. Die bestimmte Konjugation
Die bestimmte Konjugation steht, wenn ein transitives Verb — also ein Verb, das ein direktes Objekt haben kann — sich auf ein klar bestimmtes Objekt bezieht. Typische Signale sind:
- der bestimmte Artikel a/az: a könyvet „das Buch“;
- ein Demonstrativpronomen: ezt „dies“, azt „das“;
- ein Eigenname als Objekt: Pétert „Péter“;
- ein Objekt mit Besitzangabe: a kulcsomat „meinen Schlüssel“;
- ein Objektpronomen der 3. Person: őt „ihn/sie“, őket „sie“.
Die bestimmte Vergangenheitsform von olvasni lautet:
| Person | Ungarisch | Beispielsinn |
|---|---|---|
| én | olvastam | ich las es |
| te | olvastad | du lasest es |
| ő | olvasta | er/sie las es |
| mi | olvastuk | wir lasen es |
| ti | olvastátok | ihr last es |
| ők | olvasták | sie lasen es |
Auffällig ist die 1. Person Singular: olvastam sieht in beiden Konjugationen gleich aus. Erst das Objekt oder der Zusammenhang zeigt die Funktion:
- Olvastam. — „Ich habe gelesen.“
- Olvastam egy könyvet. — „Ich habe ein Buch gelesen.“
- Olvastam a könyvet. — „Ich habe das Buch gelesen.“
Bei den übrigen Personen ist der Unterschied sichtbar: olvastál – olvastad, olvasott – olvasta, olvastunk – olvastuk.
4. Häufige Endungsmuster
Die folgende Übersicht hilft beim Erkennen. Der Bindevokal richtet sich nach der Vokalharmonie; außerdem können Stamm und Vergangenheitszeichen miteinander verschmelzen.
| Person | Unbestimmt, hintere Vokale | Unbestimmt, vordere Vokale | Bestimmt, hintere Vokale | Bestimmt, vordere Vokale |
|---|---|---|---|---|
| 1. Sg. | -tam | -tem | -tam | -tem |
| 2. Sg. | -tál | -tél | -tad | -ted |
| 3. Sg. | -t/-ott | -t/-ett/-ött | -ta | -te |
| 1. Pl. | -tunk | -tünk | -tuk | -tük |
| 2. Pl. | -tatok | -tetek | -tátok | -tétek |
| 3. Pl. | -tak | -tek | -ták | -ték |
Diese Tabelle ist eine Orientierung, kein Rezept zum bloßen Anhängen an jede Wörterbuchform. Formen wie szerettem „ich liebte/mochte“, látott „er/sie sah“ oder tanítottam „ich unterrichtete“ zeigen, dass Lautstruktur und Stammklasse mitwirken.
5. Verneinung und Fragen
Für die Verneinung steht nem direkt vor dem Verb oder vor dem hervorgehobenen Verbteil:
- Nem dolgoztam tegnap. — „Ich habe gestern nicht gearbeitet.“
- Nem olvastuk a levelet. — „Wir haben den Brief nicht gelesen.“
Entscheidungsfragen brauchen keine besondere Vergangenheitsform. In der gesprochenen Sprache kennzeichnet die Satzmelodie die Frage, schriftlich das Fragezeichen:
- Láttad Annát? — „Hast du Anna gesehen?“
- Tegnap érkeztetek? — „Seid ihr gestern angekommen?“
6. Wichtige unregelmäßige Stammformen
Einige sehr häufige Verben verändern ihren Stamm. Gerade diese Formen sollte man als Wortpaar lernen.
| Infinitiv | 1. Person Singular | 3. Person Singular | Deutsch |
|---|---|---|---|
| lenni | voltam | volt | sein |
| menni | mentem | ment | gehen, fahren |
| jönni | jöttem | jött | kommen |
| enni | ettem | evett | essen |
| inni | ittam | ivott | trinken |
| tenni | tettem | tett | tun, legen |
| venni | vettem | vett | nehmen, kaufen |
| vinni | vittem | vitt | bringen, tragen |
| aludni | aludtam | aludt | schlafen |
Bei lenni gibt es keine bestimmte Objektkonjugation, denn „sein“ nimmt kein direktes Objekt. Andere Verben der Tabelle können beide Reihen bilden: vettem egy kabátot „ich kaufte einen Mantel“ und megvettem a kabátot „ich kaufte den Mantel“.
Beispiele im Kontext
| Ungarisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Olvastam. | Ich habe gelesen. | Kein Objekt; unbestimmte Konjugation. |
| Olvastam a könyvet. | Ich habe das Buch gelesen. | Bestimmtes Objekt; die Form der 1. Person sieht dennoch gleich aus. |
| Tegnap sokáig dolgoztam. | Gestern habe ich lange gearbeitet. | Abgeschlossene Handlung ohne Objekt. |
| Olvastál egy érdekes cikket? | Hast du einen interessanten Artikel gelesen? | egy kennzeichnet ein unbestimmtes Objekt. |
| Elolvastad az e-mailt? | Hast du die E-Mail gelesen? | Bestimmte 2. Person Singular. |
| Anna egy új kabátot vett. | Anna kaufte einen neuen Mantel. | Unbestimmtes Objekt; unregelmäßiger Stamm von venni. |
| Anna megvette a kabátot. | Anna kaufte den Mantel. | Bestimmtes Objekt und bestimmte Konjugation. |
| Nem láttuk Pétert. | Wir haben Péter nicht gesehen. | Eigenname als bestimmtes Objekt. |
| Láttam. | Ich habe gesehen. | Ohne genanntes Objekt ist die Form unbestimmt zu verstehen. |
| Ettem egy szendvicset. | Ich habe ein Sandwich gegessen. | Unregelmäßige Form von enni. |
| Reggel nem ittam kávét. | Morgens habe ich keinen Kaffee getrunken. | Stoffbezeichnung ohne Artikel; unbestimmt. |
| Mikor érkeztetek? | Wann seid ihr angekommen? | Das Ungarische verwendet kein Hilfsverb. |
| A gyerekek már aludtak. | Die Kinder schliefen schon. | Frühere andauernde Situation. |
| Gyerekkoromban minden nyáron a Balatonhoz mentünk. | In meiner Kindheit fuhren wir jeden Sommer an den Balaton. | Wiederholte Handlung; dieselbe Vergangenheitsform. |
| Láttalak tegnap. | Ich habe dich gestern gesehen. | Sonderendung -lak/-lek: Subjekt „ich“, Objekt „dich/euch“. |
Häufige Fehler
Ein deutsches Hilfsverb nachbauen
- Falsch: Én vagyok olvastam a könyvet.
- Richtig: Olvastam a könyvet.
- Warum: Die ungarische Vergangenheitsform ist bereits vollständig konjugiert. Für „habe gelesen“ braucht man weder van „sein“ noch ein eigenes Wort für „haben“.
Bei einem bestimmten Objekt die unbestimmte Endung verwenden
- Falsch: Tegnap olvastál a könyvet.
- Richtig: Tegnap olvastad a könyvet.
- Warum: a könyvet bedeutet „das Buch“ und ist bestimmt. In der 2. Person Singular heißt die passende Form daher olvastad.
Bei egy unnötig bestimmt konjugieren
- Falsch: Olvastad egy könyvet.
- Richtig: Olvastál egy könyvet.
- Warum: egy könyvet ist „ein Buch“, also ein unbestimmtes Objekt. Die Bestimmtheit des deutschen oder ungarischen Nominalausdrucks ist entscheidend, nicht die Tatsache, dass überhaupt ein Objekt vorhanden ist.
Die 3. Person nach einem zu einfachen Schema bilden
- Falsch: Ő olvast tegnap.
- Richtig: Ő olvasott tegnap.
- Warum: Bei olvasni lautet die unbestimmte 3. Person Singular olvasott. Nicht jedes Verb bildet diese Form durch bloßes Anhängen eines einzelnen -t.
Präsens und Vergangenheit am Adverb festmachen
- Falsch: Tegnap dolgozom.
- Richtig: Tegnap dolgoztam.
- Warum: tegnap „gestern“ liefert zwar die Zeitangabe, ersetzt aber nicht die Vergangenheitsform am Verb.
Das Subjektpronomen in jedem Satz wiederholen
- Unnatürlich ohne besonderen Kontrast: Én dolgoztam, aztán én hazamentem, és én ettem.
- Natürlich: Dolgoztam, aztán hazamentem és ettem.
- Warum: Die Endungen zeigen bereits „ich“. Én ist richtig, wenn „ich und nicht jemand anders“ betont werden soll, klingt bei ständiger Wiederholung aber schwerfällig.
Verwendungshinweise
Die ungarische Vergangenheit deckt mehrere deutsche Ausdrucksweisen ab. Tegnap esett kann je nach Zusammenhang „gestern regnete es“ oder „gestern hat es geregnet“ heißen. Lernende müssen deshalb nicht zuerst zwischen deutschem Präteritum und Perfekt wählen. Entscheidend ist nur, dass die Situation vor dem Sprechzeitpunkt liegt.
Auch für Gewohnheiten und länger andauernde Zustände gibt es keine eigene Vergangenheitszeit: Régen sokat olvastam bedeutet „Früher las ich viel“, und Két évig Budapesten laktunk heißt „Wir wohnten zwei Jahre lang in Budapest“. Wörter wie régen „früher“, mindig „immer“, gyakran „oft“ oder két évig „zwei Jahre lang“ liefern die nötige Perspektive.
In Erzählungen kann eine Reihe von Vergangenheitsformen einfach nacheinander stehen: Felkeltem, reggeliztem, aztán elindultam. „Ich stand auf, frühstückte und ging dann los.“ Die zeitliche Reihenfolge ergibt sich aus dem Zusammenhang und aus Wörtern wie aztán „dann“.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Punkte muss man auf A2 noch nicht vollständig beherrschen. Sie erklären aber Formen, denen man früh in Gesprächen und Texten begegnet.
Verbpräfixe und Abgeschlossenheit
Ungarische Verbpräfixe wie meg-, el- oder be- verändern Bedeutung und Blick auf eine Handlung. Häufig hebt meg- das Ergebnis oder den Abschluss hervor:
- Olvastam a könyvet. — „Ich las in dem Buch / ich war mit dem Lesen beschäftigt.“
- Elolvastam a könyvet. — „Ich habe das Buch zu Ende gelesen.“
Das ist keine zweite Vergangenheitszeit. Der Unterschied entsteht durch das Präfix und den Zusammenhang. Bei Verneinung oder besonderer Satzbetonung kann sich das Präfix vom Verb trennen: Nem olvastam el a könyvet. „Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen.“
Die Sonderendung -lak/-lek
Wenn das Subjekt „ich“ und das direkte Objekt „dich“ oder „euch“ ist, verwendet man -lak/-lek: láttalak „ich sah dich/euch“, kérdeztelek „ich fragte dich/euch“, vártalak „ich wartete auf dich/euch“. Diese Form gehört weder einfach zur gewöhnlichen bestimmten noch zur gewöhnlichen unbestimmten Reihe und wird am besten als eigenes Muster gelernt.
Vergangenheitsform und Partizip
Die Endung -t/-tt erscheint auch bei einem Partizip, also einer Verbform, die wie ein Eigenschaftswort ein Nomen näher beschreibt: a tegnap írt levél „der gestern geschriebene Brief“. Im vollständigen Satz Tegnap írtam a levelet „Gestern schrieb ich den Brief“ zeigt dagegen die Personenendung -am, wer gehandelt hat. Die ähnlichen Formen haben also unterschiedliche Aufgaben.
Höfliches Abschwächen und irreale Vergangenheit
Wie im Deutschen kann eine Vergangenheitsform eine Frage zurückhaltender klingen lassen: Azt akartam kérdezni, hogy… „Ich wollte fragen, ob …“. In der irrealen Vergangenheit steht später außerdem häufig volna: Elmentem volna, de beteg voltam. „Ich wäre gegangen, aber ich war krank.“ Das gehört zu weiterführenden Konditionalstrukturen, nicht zur einfachen A2-Grundregel.
Unpersönliche Übersetzungen
Eine unbestimmte handelnde Gruppe kann in der 3. Person Plural stehen: Megépítették a házat. Wörtlich heißt das „Sie bauten das Haus“, auf Deutsch passt je nach Zusammenhang auch „Das Haus wurde gebaut“. Ungarisch braucht dafür oft kein direktes Gegenstück zum deutschen Passiv.
Übungstipps
- Lerne zwei Vergangenheitsformen pro Verb. Notiere bei jedem neuen Verb Infinitiv, 1. Person Singular und 3. Person Singular: enni – ettem – evett. So prägen sich regelmäßige und unregelmäßige Stämme gemeinsam ein.
- Bilde Objektpaare. Tausche nur das Objekt aus: Láttál egy kutyát? – Láttad a kutyát? Wiederhole solche Paare in mehreren Personen, damit die Wahl zwischen unbestimmter und bestimmter Endung automatisch wird.
- Erzähle jeden Abend drei Sätze über den Tag. Verwende eine Handlung ohne Objekt, eine mit egy und eine mit a/az: Dolgoztam. Vettem egy könyvet. Elolvastam az e-mailt.
Verwandte Konzepte
- Voraussetzung: Bestimmte und unbestimmte Konjugation — erklärt, warum das direkte Objekt die Verbendung bestimmt.
- Nächster Schritt: Verbpräfixe — zeigt unter anderem, wie Abschluss, Richtung und Ergebnis einer vergangenen Handlung ausgedrückt werden.
- Weiterführend: Partizipien — behandelt Formen wie írt levél, deren -t/-tt nicht als konjugierte Vergangenheit verwendet wird.
- Weiterführend: Passivähnliche Konstruktionen — erklärt, warum Vergangenheitsformen der 3. Person Plural oft mit einem deutschen Passiv wiedergegeben werden.
Voraussetzung
Bestimmte und unbestimmte Konjugation im UngarischenA1Konzepte, die darauf aufbauen
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