A1

Bestimmte und unbestimmte Konjugation im Ungarischen

Határozott és Határozatlan Ragozás (Bevezető)

Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Ungarische Verben haben bei einem direkten Objekt zwei Konjugationen: Látok egy kutyát bedeutet „Ich sehe einen Hund“, Látom a kutyát dagegen „Ich sehe den Hund“. Ein unbestimmtes oder fehlendes Objekt verlangt grundsätzlich die unbestimmte Konjugation, ein eindeutig bestimmtes Objekt die bestimmte Konjugation. Anders als im Deutschen zeigt also nicht nur der Artikel, sondern auch die Verbform, ob von etwas Bestimmtem die Rede ist.

Überblick

Das direkte Objekt ist die Person oder Sache, auf die sich eine Handlung unmittelbar richtet: In „Ich lese das Buch“ ist „das Buch“ das direkte Objekt. Im Ungarischen trägt es meist den Akkusativ (die Form für das direkte Objekt), erkennbar an einem -t: könyv „Buch“ wird zu könyvet „das/ein Buch als Objekt“.

Zusätzlich richtet sich die Endung des Verbs danach, ob dieses Objekt bestimmt, also bereits eindeutig identifizierbar, oder unbestimmt ist. Diese Unterscheidung heißt auf Ungarisch határozott és határozatlan ragozás. Traditionell begegnen einem auch die Bezeichnungen tárgyas ragozás „Objektkonjugation“ und alanyi ragozás „Subjektkonjugation“.

Das Grundprinzip gehört bereits zum A1-Stoff, weil es in sehr häufigen Sätzen vorkommt. Für deutschsprachige Lernende ist es zunächst ungewohnt: Im Deutschen bleibt sehe in „Ich sehe einen Hund“ und „Ich sehe den Hund“ gleich. Im Ungarischen wechseln sowohl der Artikel als auch die Verbform. Für den Einstieg genügt die Regel ein/eine → unbestimmt, der/die/das → bestimmt. Später kommen einige wichtige Sonderfälle hinzu.

Wie es funktioniert

Schritt 1: Hat das Verb ein direktes Objekt?

Nicht jedes Verb kann ein direktes Objekt haben. In Alszom „Ich schlafe“ und Megyek „Ich gehe“ gibt es keines; deshalb steht die unbestimmte Konjugation. Auch ein Verb, das grundsätzlich ein Objekt haben kann, steht ohne Objekt zunächst unbestimmt:

  • Olvasok. — Ich lese.
  • Írok. — Ich schreibe.
  • Várok. — Ich warte.

Ein wichtiger Zusatz folgt später: Ist ein bestimmtes Objekt nur weggelassen, weil alle wissen, worum es geht, bleibt die bestimmte Verbform erhalten: Olvasom kann „Ich lese es“ bedeuten.

Schritt 2: Ist das Objekt unbestimmt oder bestimmt?

Typische Auslöser der unbestimmten Konjugation

Art des Objekts Ungarisches Beispiel Bedeutung
kein direktes Objekt Olvasok. Ich lese.
Objekt mit egy Olvasok egy könyvet. Ich lese ein Buch.
artikelloses Objekt Kávét kérek. Ich möchte Kaffee.
Fragewort kit?, mit? Mit olvasol? Was liest du?
unbestimmtes Pronomen Látok valakit. Ich sehe jemanden.

Egy ist zugleich das Zahlwort „eins“ und der unbestimmte Artikel „ein/eine“. Artikellose Stoff- und Mengenbezeichnungen sind ebenfalls meist unbestimmt: Vizet iszom „Ich trinke Wasser“.

Typische Auslöser der bestimmten Konjugation

Art des Objekts Ungarisches Beispiel Bedeutung
Objekt mit a/az Olvasom a könyvet. Ich lese das Buch.
Demonstrativpronomen Ezt kérem. Ich möchte dieses hier.
Eigenname Ismerem Annát. Ich kenne Anna.
Pronomen der 3. Person Látom őt. Ich sehe ihn/sie.
Objekt mit Besitzangabe Olvasom a könyvedet. Ich lese dein Buch.
aus dem Kontext bekanntes, ausgelassenes Objekt Nem értem. Ich verstehe es/das nicht.

Der bestimmte Artikel lautet a vor einem Konsonanten und az vor einem Vokal: a könyvet, aber az almát. Ein Eigenname oder eine Besitzform ist auch dann eindeutig, wenn im Ungarischen kein Artikel davor steht: Várom Pétert „Ich warte auf Péter“, Keresem a kulcsomat „Ich suche meinen Schlüssel“.

Schritt 3: Die passende Verbform wählen

Am regelmäßigen Verb olvas „lesen“ sieht man den Gegensatz im Präsens besonders gut:

Person Unbestimmt Bestimmt Deutsches Beispiel
én „ich“ olvasok olvasom ich lese ein Buch / das Buch
te „du“ olvasol olvasod du liest ein Buch / das Buch
ő „er/sie“ olvas olvassa er/sie liest ein Buch / das Buch
mi „wir“ olvasunk olvassuk wir lesen ein Buch / das Buch
ti „ihr“ olvastok olvassátok ihr lest ein Buch / das Buch
ők „sie“ olvasnak olvassák sie lesen ein Buch / das Buch

Die Endungen zeigen zugleich die handelnde Person und die Art des Objekts. Deshalb werden die Personalpronomen én, te, ő, mi, ti, ők häufig weggelassen. Olvasom a könyvet ist vollständig; ein zusätzliches én wäre nur bei Kontrast oder Betonung nötig.

Die Schreibweise olvassa, olvassuk, olvassátok, olvassák entsteht dadurch, dass das j bestimmter Endungen nach dem s des Verbstamms angeglichen wird. Nicht alle Verben sehen deshalb genau wie olvas aus. Die vollständigen Endungsmuster gehören zur weiterführenden bestimmten Konjugation; hier ist zunächst die Wahl zwischen den beiden Reihen entscheidend.

Artikel, Akkusativ und Verbendung erfüllen verschiedene Aufgaben

In Látom a kutyát wirken drei Signale zusammen:

  • a macht „der Hund“ bestimmt,
  • -t in kutyát kennzeichnet das direkte Objekt,
  • látom steht in der bestimmten Konjugation.

Keines dieser Signale ersetzt die anderen. Nicht die Endung -t entscheidet zwischen den beiden Konjugationen: Sowohl egy kutyát als auch a kutyát stehen im Akkusativ. Entscheidend ist, ob das Objekt bestimmt ist.

Beispiele im Kontext

Ungarisch Deutsch Hinweis
Olvasok. Ich lese. Kein genanntes Objekt: unbestimmt
Olvasok egy könyvet. Ich lese ein Buch. egy: unbestimmt
Olvasom a könyvet. Ich lese das Buch. a: bestimmt
Látok egy kutyát. Ich sehe einen Hund. Neues, nicht näher bestimmtes Objekt
Látom a kutyát. Ich sehe den Hund. Der Hund ist eindeutig gemeint
Kávét kérek. Ich möchte Kaffee. Artikelloses Objekt: unbestimmt
Kérem a kávét. Ich möchte den Kaffee. Bestimmtes Objekt
Mit keresel? Was suchst du? mit?: unbestimmte Konjugation
A kulcsomat keresem. Ich suche meinen Schlüssel. Besitzform: bestimmt
Ismered Budapestet? Kennst du Budapest? Eigenname: bestimmt
Nem látok senkit. Ich sehe niemanden. senkit: unbestimmte Konjugation
Látom őket. Ich sehe sie. Pronomen der 3. Person: bestimmt
Ezt kérem. Ich nehme dieses hier. ezt: bestimmt
Szeretem a zenét. Ich mag Musik. Allgemeiner Begriff mit bestimmtem Artikel
Nem értem. Ich verstehe es nicht. Das bestimmte Objekt ist nur ausgelassen

Häufige Fehler

Den deutschen Artikel ändern, aber das Verb unverändert lassen

  • Falsch: Látok a kutyát.
  • Richtig: Látom a kutyát.
  • Warum: Im Deutschen bleibt „sehe“ bei „einen Hund“ und „den Hund“ gleich. Im Ungarischen löst a kutyát die bestimmte Verbform látom aus.

Nach jedem Akkusativ die bestimmte Konjugation verwenden

  • Falsch: Olvasom egy könyvet.
  • Richtig: Olvasok egy könyvet.
  • Warum: Das Akkusativzeichen -t zeigt nur, dass könyvet das direkte Objekt ist. Der Artikel egy macht dieses Objekt unbestimmt.

Bei einem artikellosen Eigennamen unbestimmt konjugieren

  • Falsch: Ismerek Annát.
  • Richtig: Ismerem Annát.
  • Warum: Ein Eigenname bezeichnet eine eindeutig identifizierte Person und verlangt als direktes Objekt die bestimmte Konjugation.

Bei einem weggelassenen „es“ automatisch die unbestimmte Form wählen

  • Falsch: Nem értek. für „Ich verstehe es nicht.“
  • Richtig: Nem értem.
  • Warum: Das bekannte Objekt ist nur unausgesprochen. Die bestimmte Konjugation verweist weiterhin darauf. Nem értek braucht in einer anderen Bedeutung meist eine Ergänzung, etwa Nem értek hozzá „Ich kenne mich damit nicht aus“.

Deutsche Artikelgewohnheiten auf allgemeine Begriffe übertragen

  • Falsch: Szeretek zenét, wenn allgemein „Ich mag Musik“ gemeint ist.
  • Richtig: Szeretem a zenét.
  • Warum: Ungarisch verwendet bei allgemeinen Klassen und Begriffen häufig den bestimmten Artikel, wo Deutsch keinen Artikel setzt. Mit anderer Ergänzung kann szeretek durchaus richtig sein, etwa Szeretek zenét hallgatni „Ich höre gern Musik“; hier ist hallgatni die Ergänzung zu szeretek.

Die besondere Form für „ich → dich/euch“ übersehen

  • Falsch: Látom téged.
  • Richtig: Látlak téged. oder meist einfach Látlak.
  • Warum: Wenn das Subjekt „ich“ und das Objekt „du/ihr“ ist, verwendet Ungarisch die Sonderendung -lak/-lek. Diese Form gehört weder schlicht in die normale bestimmte noch in die normale unbestimmte Reihe.

Hinweise zum Gebrauch

Die Wahl der Konjugation ist keine Frage von Höflichkeit oder Stil, sondern ein fester Teil der Grammatik. Umgangssprache und Standardsprache folgen grundsätzlich denselben Regeln. Die Verbform kann sogar helfen, ein nicht ausgesprochenes Objekt zu erkennen: Kérek heißt je nach Situation „Ich hätte gern etwas“, während Kérem „Ich hätte es/das gern“ oder höflich „bitte“ bedeuten kann.

„Bestimmt“ ist dabei eine grammatische Kategorie und nicht einfach „wichtig“ oder „konkret“. Egy nagy házat látok „Ich sehe ein großes Haus“ beschreibt ein sehr konkretes Haus, bleibt mit egy aber grammatisch unbestimmt. Umgekehrt ist Szeretem a magyar konyhát „Ich mag die ungarische Küche“ eine allgemeine Aussage, verwendet jedoch ein grammatisch bestimmtes Objekt.

Die Wortstellung entscheidet nicht über die Konjugation. Ungarisch kann Satzteile zur Hervorhebung umstellen, aber a könyvet bleibt bestimmt, ob es vor oder nach dem Verb steht: A könyvet olvasom hebt „das Buch“ hervor; Olvasom a könyvet ist eine neutrale Möglichkeit im passenden Kontext.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Einzelheiten muss man auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, die früh in echten Gesprächen auftauchen.

Personalpronomen verhalten sich nicht alle gleich

Objekte der 3. Person wie őt „ihn/sie“ und őket „sie“ lösen die bestimmte Konjugation aus: Látom őt. Die Objektformen der 1. und 2. Person — engem „mich“, téged „dich“, minket „uns“, titeket „euch“ — stehen dagegen grundsätzlich mit der unbestimmten Reihe: Szeretsz engem? „Liebst du mich?“ Für „ich sehe dich/euch“ tritt die besondere Form látlak ein.

Objektfragen verwenden die unbestimmte Reihe

Obwohl eine Frage nach einer bestimmten Person gestellt sein kann, stehen kit? „wen?“ und mit? „was?“ mit der unbestimmten Konjugation: Kit vársz? „Auf wen wartest du?“, Mit olvasol? „Was liest du?“ Sobald die Antwort das Objekt bestimmt nennt, wechselt die Reihe: Annát várom „Ich warte auf Anna“, A levelet olvasom „Ich lese den Brief“.

Objektsätze können die bestimmte Form auslösen

Ein ganzer Nebensatz kann inhaltlich die Stelle eines Objekts einnehmen. Bei häufigen Verben erscheint dann die bestimmte Konjugation, weil gedanklich oder ausdrücklich azt „das“ dazugehört: Tudom, hogy igazad van „Ich weiß, dass du recht hast“; ausführlicher Azt tudom, hogy igazad van. Solche Verbindungen lernt man am besten als ganze Satzmuster.

Der Gegensatz bleibt in anderen Zeiten und Modi erhalten

Bestimmte und unbestimmte Formen gibt es nicht nur im Präsens, sondern auch etwa in der Vergangenheit, im Konditional und im Imperativ: Olvass! „Lies!“ gegenüber Olvasd el! „Lies es zu Ende!“. Manche Formen fallen äußerlich zusammen. So kann olvastam sowohl in Olvastam egy könyvet als auch in Olvastam a könyvet stehen. Der Artikel zeigt hier den Unterschied, obwohl die Verbform gleich aussieht.

Nicht jedes Verb erlaubt beide Reihen

Nur Verben, die überhaupt ein direktes Objekt aufnehmen können, haben einen sinnvollen Wechsel. Bei Verben wie megy „gehen“ oder alszik „schlafen“ gibt es kein direktes Objekt und damit keinen bestimmten Gegenpart. Außerdem sollte man ein neues Verb mit seinem typischen Satzbau lernen: Die deutsche Übersetzung allein verrät nicht immer, ob die ungarische Ergänzung wirklich ein direktes Objekt ist.

Übungstipps

  1. Bilde Kontrastpaare. Tausche nur das Objekt aus: Látok egy filmetLátom a filmet, Kérek egy teátKérem a teát. So verknüpft sich der Artikel direkt mit der Verbform.
  2. Markiere beim Lesen drei Dinge. Unterstreiche das Objekt, kreise dessen Artikel oder Pronomen ein und markiere anschließend die Verbendung. Prüfe dann: unbestimmt oder bestimmt?
  3. Lerne Verben in kleinen Satzpaaren statt einzeln. Zu keres „suchen“ gehören etwa Keresek valamit „Ich suche etwas“ und Keresem a telefonomat „Ich suche mein Telefon“. Das trainiert die Entscheidung besser als eine isolierte Endungstabelle.

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