A2

Der Imperativ im Ungarischen

Felszólító Mód

Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Der ungarische Imperativ heißt felszólító mód. Meist steckt in seinen Formen ein -j-, doch dieses verschmilzt bei vielen Verben mit dem letzten Laut: várj! „warte!“, aber olvass! „lies!“ und menj! „geh!“. Wie in anderen ungarischen Zeit- und Modusformen richtet sich die Endung außerdem danach, ob ein bestimmtes Objekt gemeint ist: Olvass! „Lies!“ gegenüber Olvasd el a könyvet! „Lies das Buch zu Ende!“

Überblick

Mit dem Imperativ fordert man jemanden zu einer Handlung auf, bittet um etwas, erteilt Anweisungen oder schlägt eine gemeinsame Handlung vor. Er kommt daher früh im Alltag vor: Gyere be! „Komm herein!“, Várjatok itt! „Wartet hier!“ oder Menjünk! „Gehen wir!“ Auf dem A2-Niveau genügt zunächst, die häufigsten Formen für „du“, „Sie“, „ihr“ und „wir“ zu verstehen und selbst zu verwenden.

Anders als im Deutschen besitzt der ungarische Imperativ Formen für alle Personen. Außerdem unterscheidet das Verb zwischen unbestimmter Konjugation und bestimmter Konjugation. Die bestimmte Konjugation wird verwendet, wenn das direkte Objekt (die Person oder Sache, auf die die Handlung unmittelbar zielt) eindeutig bestimmt ist. Dieser Unterschied ist im Deutschen am Verb nicht sichtbar: Sowohl Lies ein Buch! als auch Lies das Buch! enthält dort dieselbe Verbform. Ungarisch sagt dagegen Olvass egy könyvet! und Olvasd el a könyvet!

Die Bezeichnung „Imperativ“ ist praktisch, aber etwas enger als das ungarische System. Der felszólító mód drückt nicht nur Befehle aus, sondern auch Wünsche, Vorschläge und notwendige oder gewünschte Handlungen in Nebensätzen. Diese weiteren Funktionen werden unten getrennt behandelt, damit die Grundregel übersichtlich bleibt.

So funktioniert es

Die einfache Grundregel

Als Ausgangspunkt dient der Verbstamm. Daran tritt das Kennzeichen -j-, gefolgt von einer Personalendung. Die Endungen passen sich teilweise durch Vokalharmonie an: Das bedeutet vereinfacht, dass die Vokale der Endung zu den Vokalen des Wortes passen. Deshalb begegnen Formen wie -jon/-jen/-jön oder -jak/-jek.

Bei einem regelmäßig gebildeten Verb wie vár „warten“ bleibt das j gut sichtbar:

Person Unbestimmt Bestimmt Ungefähre deutsche Funktion
én várjak várjam ich soll warten / ich soll es erwarten
te várj / várjál várd / várjad warte! / erwarte es!
ő / Ön várjon várja er/sie soll warten; warten Sie! / erwarte es; erwarten Sie es!
mi várjunk várjuk warten wir! / erwarten wir es!
ti várjatok várjátok wartet! / erwartet es!
ők / Önök várjanak várják sie sollen warten; warten Sie! / sie sollen es erwarten

Die Personalpronomen én, te, ő, mi, ti, ők werden gewöhnlich weggelassen, weil die Endung bereits die Person zeigt. Várjatok! ist daher ein vollständiger Satz: „Wartet!“ Die höfliche Anrede Ön „Sie“ verwendet die dritte Person Singular, Önök die dritte Person Plural. Auch diese Pronomen lässt man weg, wenn aus der Situation klar ist, wer angesprochen wird.

Für die 2. Person Singular gibt es kurze und längere Varianten:

  • unbestimmt: várj oder várjál
  • bestimmt: várd oder várjad

Die kurze Form ist eine sichere, häufige Grundform. Die längere Form kann im Gespräch nachdrücklicher, ermunternder oder emotionaler wirken; ihre Wirkung hängt stark von Tonfall und Situation ab. Sie ist nicht automatisch höflicher.

Unbestimmt oder bestimmt?

Die Wahl folgt im Kern derselben Logik wie bei der ungarischen Gegenwartskonjugation:

Situation Form Beispiel Bedeutung
kein direktes Objekt unbestimmt Várj! Warte!
ein nicht näher bestimmtes Objekt unbestimmt Olvass egy könyvet! Lies ein Buch!
ein bestimmtes Objekt bestimmt Olvasd el a könyvet! Lies das Buch zu Ende!
ein bereits bekanntes Objekt bestimmt Nyisd ki! Öffne es!

Ein bestimmtes Objekt ist beispielsweise etwas mit dem bestimmten Artikel a/az („der/die/das“), ein Eigenname oder etwas, auf das der Gesprächskontext eindeutig verweist. Der Akkusativ (die Form des direkten Objekts) endet im Ungarischen meist auf -t, etwa könyv „Buch“ → könyvet „das/ein Buch als Objekt“.

Für den Einstieg ist der Kontrast besonders nützlich:

  • Olvass! — lies, ohne ein bestimmtes Objekt zu nennen
  • Olvass egy cikket! — lies einen Artikel
  • Olvasd el a cikket! — lies den Artikel zu Ende

Wenn das -j den Stamm verändert

Das j bleibt nicht immer als eigener Laut erhalten. Es passt sich oft an den letzten Konsonanten des Stammes an. Dadurch sehen sehr häufige Formen zunächst unregelmäßig aus, folgen aber wiederkehrenden Mustern.

Stammende oder Verbtyp Grundform Imperativ, „du“ Beispiel auf Deutsch
viele regelmäßige Stämme vár várj! Warte!
auf s olvas olvass! Lies!
auf sz úszik ússz! Schwimm!
auf z néz nézz! Schau!
bestimmte Stämme auf t lát láss! Sieh!
Verben wie tanít tanít taníts! Unterrichte!
unregelmäßig megy menj! Geh!
unregelmäßig jön gyere! Komm!

Bei bestimmten „du“-Formen steht oft -d: olvasd! „lies es!“, nézd! „sieh es an!“, lásd! „sieh es!“ Die längeren Varianten machen mehr vom Imperativstamm sichtbar: olvassad, nézzed, lássad. Am besten lernt man bei häufigen Verben die unbestimmte und die bestimmte „du“-Form als Paar: olvass – olvasd, nézz – nézd, írj – írd.

Häufige besondere Formen

Einige Alltagsverben muss man als eigene Formen lernen:

Infinitiv Unbestimmte „du“-Form Weitere wichtige Form Deutsch
jönni gyere! jöjjön! kommen; komm!; kommen Sie!
menni menj! menjünk! gehen; geh!; gehen wir!
lenni legyél! legyen! sein; sei!; seien Sie / er soll sein!
enni egyél! egyen! essen; iss!; essen Sie!
inni igyál! igyon! trinken; trink!; trinken Sie!
tenni tegyél! tegyen! tun/legen; tu!; tun Sie!
venni vegyél! vegyen! nehmen/kaufen; nimm/kauf!
vinni vigyél! vigyen! bringen/tragen; bring!

Bei jönni ist gyere! die normale direkte Aufforderung an eine vertraute Person. In anderen Personen erscheinen Formen mit jöjj-, etwa jöjjön und jöjjenek.

Verneinung: ne + Imperativ

Ein Verbot oder eine negative Aufforderung wird mit ne gebildet, nicht mit nem. Das Verb bleibt im Imperativ:

  • Ne menj el! — Geh nicht weg!
  • Ne nyisd ki az ablakot! — Öffne das Fenster nicht!
  • Ne beszéljetek ilyen hangosan! — Sprecht nicht so laut!
  • Ne legyen szomorú! — Seien Sie nicht traurig!

Das ist ein wichtiger Gegensatz: nem verneint gewöhnlich eine Aussage, ne eine gewünschte, befürchtete oder zu verhindernde Handlung.

Vorsilben wechseln häufig die Position

Viele ungarische Verben besitzen eine Vorsilbe wie el-, be-, ki- oder meg-. Bei einer neutralen positiven Aufforderung steht sie häufig nach dem Verb:

  • Gyere be! — Komm herein!
  • Menj el! — Geh weg!
  • Nyisd ki az ajtót! — Öffne die Tür!
  • Írd le a címet! — Schreib die Adresse auf!
  • Nézd meg ezt! — Sieh dir das an!

Für deutschsprachige Lernende ist das ungewohnt: Was im Wörterbuch etwa als kinyitni „öffnen“ oder megnézni „ansehen“ erscheint, wird im Befehl oft getrennt. Man sollte deshalb nicht nur nyisd lernen, sondern gleich die natürliche Verbindung nyisd ki.

Beispiele im Zusammenhang

Ungarisch Deutsch Hinweis
Olvass! Lies! Unbestimmt, ohne genanntes Objekt
Olvasd el ezt az üzenetet! Lies diese Nachricht zu Ende! Bestimmtes Objekt; el folgt dem Verb
Gyere ide egy percre! Komm für einen Moment her! Vertraute Anrede
Várjon itt, kérem! Warten Sie bitte hier! Höfliche Anrede, 3. Person Singular
Menjünk haza! Gehen wir nach Hause! Vorschlag mit der 1. Person Plural
Nyissátok ki az ablakot! Öffnet das Fenster! Mehrere vertraut angesprochene Personen, bestimmtes Objekt
Ne felejtsd el a kulcsot! Vergiss den Schlüssel nicht! Verbot; bestimmtes Objekt
Írj egy rövid választ! Schreib eine kurze Antwort! Unbestimmtes Objekt mit egy
Írd le a nevedet! Schreib deinen Namen auf! Bestimmte Konjugation
Tessék leülni! Bitte setzen Sie sich! Höfliche Wendung mit Infinitiv
Legyen szíves becsukni az ajtót! Seien Sie bitte so freundlich, die Tür zu schließen! Förmliche Bitte mit Infinitiv
Egyél még egy kicsit! Iss noch ein wenig! Besondere Form von enni
Ne beszéljetek egyszerre! Sprecht nicht alle gleichzeitig! Negative Aufforderung an mehrere Personen
Hadd nézzem meg! Lass mich mal sehen! Erlaubnis oder Wunsch der sprechenden Person
Azt akarom, hogy maradj itt. Ich möchte, dass du hierbleibst. Imperativform im Nebensatz, kein direkter Befehl

Häufige Fehler

Bestimmte und unbestimmte Form vertauschen

  • Falsch: Olvass a könyvet!
  • Richtig: Olvasd el a könyvet!
  • Warum: a könyvet bezeichnet „das Buch“ und ist damit ein bestimmtes direktes Objekt. Das Verb braucht die bestimmte Form olvasd. Ohne bestimmtes Objekt ist Olvass! richtig.

Das sichtbare -j überall beibehalten

  • Falsch: Olvasj! oder nézj!
  • Richtig: Olvass! beziehungsweise Nézz!
  • Warum: Nach s und z verschmilzt das Imperativzeichen mit dem letzten Laut. Die Aussprache und Schreibung zeigen dann einen langen Konsonanten.

Einen Befehl mit nem verneinen

  • Falsch: Nem menj el!
  • Richtig: Ne menj el!
  • Warum: Für Verbote und negative Aufforderungen steht ne. Nem gehört normalerweise zu verneinten Aussagen wie Nem megyek el „Ich gehe nicht weg“.

Die deutsche Sie-Form wörtlich nachbauen

  • Falsch: eine besondere Pluralform verwenden, obwohl nur eine Person höflich angesprochen wird
  • Richtig: Várjon egy pillanatot! „Warten Sie einen Moment!“
  • Warum: Das deutsche „Sie“ führt leicht in die Irre. Ungarisches Ön verlangt die 3. Person Singular, Önök die 3. Person Plural. Das Pronomen selbst kann entfallen.

Die Verbvorsilbe immer voranstellen

  • Falsch: Kinyisd az ajtót!
  • Richtig: Nyisd ki az ajtót!
  • Warum: In einer neutralen Aufforderung folgt die Vorsilbe häufig dem Verb. Diese Wortstellung sollte zusammen mit dem Verb eingeübt werden.

Tessék mit einer gebeugten Verbform verbinden

  • Falsch: Tessék leüljön!
  • Richtig: Tessék leülni! oder Üljön le!
  • Warum: In diesem höflichen Muster steht nach tessék der Infinitiv, also die Grundform auf -ni. Die direkte höfliche Aufforderung verwendet dagegen die 3. Person: üljön.

Hinweise zum Gebrauch

Eine grammatisch korrekte Imperativform kann je nach Tonfall freundlich, neutral oder schroff klingen. Unter Freunden und in der Familie sind kurze Formen wie Gyere!, Várj! oder Nézd! völlig normal. In einer Bitte helfen Kontext, freundliche Stimme und Wörter wie kérlek „bitte“ bei vertrauter Anrede oder kérem in höflicher Anrede: Várj, kérlek! beziehungsweise Várjon, kérem!

Gegenüber fremden Personen, im Dienstleistungsbereich oder in formelleren Situationen sind mehrere Strategien üblich:

  • 3. Person Singular: Fáradjon be! „Kommen Sie bitte herein!“
  • tessék + Infinitiv: Tessék leülni! „Bitte setzen Sie sich!“
  • legyen szíves + Infinitiv: Legyen szíves várni! „Seien Sie bitte so freundlich zu warten!“

Tessék hat je nach Zusammenhang noch andere Bedeutungen, etwa „bitte sehr“, wenn man etwas überreicht, oder eine Reaktion auf einen Anruf. In Tessék leülni! kennzeichnet jedoch der folgende Infinitiv eindeutig die höfliche Aufforderung. Legyen szíves klingt förmlich und höflich, kann in einer angespannten Situation aber ebenso als deutliche Anweisung verstanden werden. Wie im Deutschen entscheidet nicht die Formel allein über die Höflichkeit.

Für einen gemeinsamen Vorschlag dient besonders oft die 1. Person Plural: Kezdjük! „Fangen wir an!“, Menjünk! „Gehen wir!“ Die bestimmte Form Kezdjük! zeigt dabei, dass eine bekannte Sache begonnen wird; menjünk hat kein direktes Objekt und ist unbestimmt.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Verwendungen muss man auf A2 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber, warum Imperativformen auch in Sätzen auftauchen, die gar nicht wie Befehle wirken.

Imperativformen in Nebensätzen

Nach Wünschen, Absichten, Aufforderungen, Zwecken oder Bewertungen steht häufig ein Nebensatz mit hogy „dass/damit“. Das Verb dieses Nebensatzes erscheint dann im felszólító mód:

  • Azt szeretném, hogy segíts. — Ich möchte, dass du hilfst.
  • Kérem, hogy várjon. — Ich bitte Sie zu warten.
  • Azért jöttem, hogy beszéljünk. — Ich bin gekommen, damit wir sprechen.
  • Fontos, hogy időben érkezzetek. — Es ist wichtig, dass ihr rechtzeitig ankommt.

Im Deutschen stehen hier je nach Satz ein Infinitiv, ein Indikativ oder eine Konstruktion mit „sollen“. Ungarisch verwendet dieselben Formen wie beim Imperativ. Das erklärt auch, weshalb es Formen für én „ich“ und ők „sie“ gibt.

Hadd: „lass mich/uns …“

Mit hadd bittet man um Erlaubnis oder kündigt an, was man selbst tun möchte. Danach steht häufig eine Form der 1. Person:

  • Hadd segítsek! — Lass mich helfen!
  • Hadd nézzem meg! — Lass mich das ansehen!
  • Hadd menjünk mi is! — Lass uns auch gehen!

Auch hier bleibt der Unterschied zwischen unbestimmter und bestimmter Konjugation bestehen: segítsek ohne bestimmtes Objekt, aber nézzem meg mit einem bestimmten, aus dem Zusammenhang bekannten Objekt.

Kurze und lange „du“-Formen als Stilmittel

Paare wie menj – menjél, várj – várjál und nézd – nézzed sind nicht bloß austauschbare Tabellenvarianten. Die längeren Formen begegnen oft in lebhafter gesprochener Sprache, bei Ermunterung, Ungeduld oder besonderem Nachdruck. Eine feste deutsche Übersetzung gibt es nicht; Tonfall und Kontext sind wichtiger als die Länge. Für die eigene neutrale Standardsprache reichen zunächst die kurzen Formen.

Mehrdeutige Formen

Einige bestimmte Formen sehen genauso aus wie Formen des Präsens. Várjuk kann je nach Zusammenhang „wir erwarten es“ oder „warten/erwarten wir es!“ bedeuten. Satzzeichen, Betonung und Situation lösen die Mehrdeutigkeit normalerweise problemlos auf. Solche Überschneidungen sind kein Grund, eine neue Endung zu suchen.

Tipps zum Üben

  1. Lerne Dreiergruppen statt einzelner Formen. Notiere zu jedem häufigen Verb den Infinitiv, die unbestimmte und die bestimmte „du“-Form: olvasni – olvass – olvasd, nézni – nézz – nézd, írni – írj – írd. So wird die Objektwahl gleich mitgelernt.
  2. Verwandle Alltagssätze. Bilde aus Olvasol egy könyvet „Du liest ein Buch“ die Aufforderung Olvass egy könyvet!, und aus Olvasod a könyvet die Form Olvasd el a könyvet! Übe danach jeweils das Verbot mit ne.
  3. Sprich Vorsilbe und Verb als Rhythmusgruppe. Wiederhole laut gyere be, menj el, nyisd ki, írd le, nézd meg. Das hilft zuverlässiger als das Auswendiglernen einer abstrakten Wortstellungsregel.

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