Richtungsfälle im Ungarischen
Irányjelölő Ragok
Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Ungarisch unterscheidet bei räumlichen Beziehungen drei Bereiche: Innenraum, Fläche und Nähe. Für jeden Bereich gibt es eine Form auf die Frage Wo?, eine auf Wohin? und eine auf Woher?: házban – házba – házból bedeutet zum Beispiel „im Haus – ins Haus – aus dem Haus“.
Überblick
Die ungarischen Richtungsfälle sind Fallendungen, also Endungen am Substantiv (Hauptwort), die eine räumliche Beziehung ausdrücken. Statt eines eigenen Wortes vor dem Substantiv steht die entscheidende Information meist am Ende: ház „Haus“ wird mit -ba zu házba „ins Haus“. Auf der Stufe A2 lernst du vor allem sechs Endungen für Bewegungen zu einem Ziel oder von einem Ausgangspunkt weg.
Das System baut auf den Ortsfällen auf. Zuerst entscheidest du, wie der Ort gedacht wird: als Innenraum, als Fläche oder als Umgebung beziehungsweise Nähe. Danach entscheidest du, ob etwas dort bleibt, dorthin gelangt oder von dort kommt. So entstehen drei zusammengehörige Reihen. Wer die neun Formen als Gruppen lernt, muss nicht jede Endung einzeln erraten.
Für deutschsprachige Lernende ist der Grundgedanke teilweise vertraut. Bei „in dem Haus“ und „in das Haus“ zeigt auch das Deutsche den Unterschied zwischen Ort und Richtung. Ungarisch arbeitet jedoch nicht mit einer Präposition und einem Artikel, sondern mit Endungen. Außerdem muss man häufiger als im Deutschen festlegen, ob ein Ort als Innenraum, Fläche oder Nähe aufgefasst wird.
So funktioniert es
Das vollständige Drei-mal-drei-System
| Räumliche Vorstellung | Wo? (Ruhe) | Wohin? (Ziel) | Woher? (Ausgangspunkt) |
|---|---|---|---|
| innen | -ban/-ben | -ba/-be | -ból/-ből |
| auf einer Fläche | -on/-en/-ön, -n | -ra/-re | -ról/-ről |
| bei oder nahe | -nál/-nél | -hoz/-hez/-höz | -tól/-től |
Die fett gedruckten Endungen sind das Kernthema dieses Artikels. Die Formen auf „Wo?“ helfen dabei, die passenden Paare zu erkennen.
1. Innenraum: -ba/-be und -ból/-ből
Mit -ba/-be bewegt sich etwas in einen begrenzten Raum oder in etwas hinein. Mit -ból/-ből kommt es aus diesem Raum heraus.
- házba – ins Haus
- házból – aus dem Haus
- dobozba – in die Schachtel
- dobozból – aus der Schachtel
- kertbe – in den Garten
- kertből – aus dem Garten
Auch Einrichtungen werden oft wie Innenräume behandelt: iskolába menni heißt „zur Schule gehen“, iskolából jönni „aus der Schule kommen“. Dabei steht nicht immer das tatsächliche Überschreiten einer Tür im Vordergrund; die Einrichtung wird als Ziel oder Ausgangspunkt der Tätigkeit verstanden.
Die passende Ortsform lautet -ban/-ben: a házban „im Haus“. Damit ergibt sich die Lernreihe házban – házba – házból.
2. Fläche und bestimmte Zielorte: -ra/-re und -ról/-ről
Mit -ra/-re gelangt etwas auf eine Oberfläche; mit -ról/-ről bewegt es sich von dieser Oberfläche weg.
- asztalra – auf den Tisch
- asztalról – vom Tisch herunter
- polcra – auf das Regal
- polcról – vom Regal herunter
Diese Reihe wird außerdem bei zahlreichen Orten gebraucht, die man nicht wörtlich als Fläche versteht. Typische Beispiele sind postára „zur Post“, piacra „auf den Markt“, egyetemre „zur Universität“ und Budapestre „nach Budapest“. Solche Verbindungen sollte man als ganze Dreiergruppe lernen: egyetemen – egyetemre – egyetemről oder Budapesten – Budapestre – Budapestről.
Die zugehörige Ortsform ist -on/-en/-ön oder nach manchen vokalisch auslautenden Wörtern nur -n: az asztalon „auf dem Tisch“, Budapesten „in Budapest“.
3. Nähe und Personen: -hoz/-hez/-höz und -tól/-től
Mit -hoz/-hez/-höz führt die Bewegung zu einer Person, zu deren Wohnung oder in die Nähe eines Ortes. -tól/-től bezeichnet die Bewegung oder Herkunft von dieser Person beziehungsweise diesem Punkt weg.
- Péterhez – zu Péter, zu Péter nach Hause
- Pétertől – von Péter, von Péter zu Hause
- orvoshoz – zum Arzt
- orvostól – vom Arzt
- házhoz – zum Haus, bis ans Haus
- háztól – vom Haus weg
Hier ist der Unterschied zu -ba/-be wichtig. A házhoz megyek führt mich zum Haus; der Satz sagt nicht, dass ich hineingehe. A házba megyek bezeichnet dagegen das Hausinnere als Ziel. Die passende Ortsform lautet -nál/-nél: Péternél „bei Péter“ und a háznál „beim Haus“.
Vokalharmonie: Welche Variante passt?
Ungarische Endungen richten ihre Vokale gewöhnlich nach den Vokalen des Wortstamms. Dieses Prinzip heißt Vokalharmonie: Die Vokale innerhalb eines Wortes beeinflussen die Form der angefügten Endung.
| Vokaltyp im Wort | Ziel „hinein“ | Quelle „heraus“ | Ziel „auf“ | Quelle „herunter“ | Ziel „zu“ | Quelle „von“ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| hintere Vokale, etwa a, á, o, ó, u, ú | -ba | -ból | -ra | -ról | -hoz | -tól |
| vordere ungerundete Vokale, etwa e, é, i, í | -be | -ből | -re | -ről | -hez | -től |
| vordere gerundete Vokale, etwa ö, ő, ü, ű | -be | -ből | -re | -ről | -höz | -től |
Bei -hoz/-hez/-höz gibt es also drei Varianten: házhoz, székhez, tükörhöz. Die übrigen hier behandelten Endungen haben jeweils zwei Varianten. Fremdwörter und Wörter mit gemischten Vokalen können eigene Muster zeigen; die Form häufig gebrauchter Ortsnamen lernst du am besten zusammen mit dem Namen.
Wo steht die Endung?
Die Richtungsendung hängt direkt am Substantiv und steht nach einer Plural- oder Besitzendung:
- ház + ba → házba – ins Haus
- házak + ból → házakból – aus den Häusern
- házam + ba → házamba – in mein Haus
- barátom + hoz → barátomhoz – zu meinem Freund
Ein Adjektiv (Eigenschaftswort) vor dem Substantiv erhält die Endung nicht: a nagy házba „in das große Haus“, nicht jedes Wort der Wortgruppe wird verändert. Der Artikel a/az bleibt ebenfalls unverändert.
Endet ein Wort auf kurzes a oder e, wird dieser Vokal vor vielen Endungen lang: szoba → szobába, utca → utcára, megye → megyéből. Das ist keine zusätzliche Richtungsbedeutung, sondern eine regelmäßige Formveränderung des Wortstamms.
Die richtigen Fragewörter
Mit hova? fragst du nach einem Ziel: „wohin?“. Mit honnan? fragst du nach dem Ausgangspunkt: „woher?“.
- Hova mész? – Az iskolába. – Wohin gehst du? – In die Schule.
- Honnan jössz? – Az iskolából. – Woher kommst du? – Aus der Schule.
Hol? bedeutet dagegen „wo?“ und verlangt normalerweise eine Ortsform: Hol vagy? – Az iskolában. „Wo bist du? – In der Schule.“
Beispiele im Zusammenhang
| Ungarisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Házba megyek. | Ich gehe ins Haus. | Ziel ist der Innenraum. |
| Iskolából jövök. | Ich komme aus der Schule. | Ausgangspunkt innerhalb einer Einrichtung. |
| A tejet a hűtőből veszem ki. | Ich nehme die Milch aus dem Kühlschrank. | Bewegung aus einem Behälter heraus. |
| A gyerek befut a szobába. | Das Kind läuft ins Zimmer. | be- und -ba verdeutlichen beide die Richtung nach innen. |
| Az asztalra teszem. | Ich lege es auf den Tisch. | Ziel ist eine Oberfläche. |
| A macska leugrik a székről. | Die Katze springt vom Stuhl herunter. | Bewegung von einer Fläche weg. |
| Holnap Budapestre utazunk. | Morgen fahren wir nach Budapest. | Übliche Form des Ortsnamens. |
| Tegnap Budapestről érkeztek. | Gestern sind sie aus Budapest angekommen. | Gegenstück zu Budapestre. |
| Péterhez megyek. | Ich gehe zu Péter. | Zu einer Person oder zu ihr nach Hause. |
| Délután az orvoshoz megyek. | Am Nachmittag gehe ich zum Arzt. | Personen und Berufe als Ziel nehmen häufig -hoz/-hez/-höz. |
| Ezt a levelet Annától kaptam. | Diesen Brief habe ich von Anna bekommen. | -tól/-től kann die Herkunft von einer Person angeben. |
| A gyerek távolabb megy a tűztől. | Das Kind geht weiter vom Feuer weg. | Entfernung von einem Bezugspunkt. |
| A vendégek a kertből a teraszra mennek. | Die Gäste gehen aus dem Garten auf die Terrasse. | Innenreihe und Flächenreihe in einem Satz. |
| Bécsből vonattal megyünk Berlinbe. | Von Wien fahren wir mit dem Zug nach Berlin. | Ortsnamen können verschiedenen Reihen folgen. |
| A futár a házhoz viszi a csomagot, nem a házba. | Der Bote bringt das Paket zum Haus, nicht ins Haus. | Nähe und Innenraum werden ausdrücklich unterschieden. |
Häufige Fehler
1. Ziel und Ort verwechseln
- Falsch: A házba vagyok.
- Richtig: A házban vagyok.
- Warum: vagyok beschreibt hier einen ruhenden Ort und beantwortet hol? „wo?“. -ba/-be gehört zu hova? „wohin?“: A házba megyek.
2. Beim Ausgangspunkt die falsche räumliche Reihe wählen
- Falsch: Leveszem a könyvet az asztalból.
- Richtig: Leveszem a könyvet az asztalról.
- Warum: Ein Buch liegt auf der Tischfläche. Deshalb lautet die Reihe asztalon – asztalra – asztalról, nicht die Innenraumreihe.
3. Eine Person wie einen Behälter behandeln
- Falsch: Péterbe megyek.
- Richtig: Péterhez megyek.
- Warum: Das Ziel ist eine Person oder deren Wohnung. Dafür verwendet man -hoz/-hez/-höz. Die Endung -ba/-be bedeutet „in etwas hinein“ und ergibt hier nicht die gewünschte Aussage.
4. Die Vokalharmonie ignorieren
- Falsch: kertba, tükörhoz
- Richtig: kertbe, tükörhöz
- Warum: kert hat vordere ungerundete Vokale und nimmt -be; der gerundete Vokal ö in tükör verlangt hier -höz.
5. Deutsche Präpositionen Wort für Wort übertragen
- Falsch: Budapestbe utazom.
- Richtig: Budapestre utazom.
- Warum: Die Wahl ist nicht immer aus der deutschen Präposition „nach“, „in“ oder „zu“ ableitbar. Viele ungarische Ortsnamen und typische Einrichtungen haben eine fest übliche Reihe. Lerne deshalb Budapesten – Budapestre – Budapestről als Einheit.
6. Die Endung an das Adjektiv hängen
- Falsch: a nagyba ház
- Richtig: a nagy házba
- Warum: In einer Wortgruppe erhält das Substantiv die Richtungsendung. Das vorangestellte Adjektiv nagy bleibt unverändert.
Gebrauchshinweise
Nicht jede „Reise zu einem Ort“ benutzt dieselbe Reihe
Bei durchsichtigen räumlichen Beziehungen ist die Wahl leicht: In einen Koffer kommt etwas mit -ba/-be, auf einen Tisch mit -ra/-re, zu einer Person mit -hoz/-hez/-höz. Bei Städten, Ländern und Einrichtungen gehört die gewählte Reihe dagegen oft zum üblichen Sprachgebrauch.
Viele Ländernamen und ausländische Städtenamen verwenden die Innenraumreihe: Németországban – Németországba – Németországból und Berlinben – Berlinbe – Berlinből. Ungarische Städtenamen stehen häufig in der Flächenreihe, zum Beispiel Budapesten – Budapestre – Budapestről. Es gibt jedoch Ausnahmen. Eine einfache Lerntechnik ist daher, bei jedem neuen Ortsnamen sofort „wo – wohin – woher“ mitzulernen.
Zielort und genaue räumliche Bewegung sind nicht immer dasselbe
Iskolába megyek wird natürlich mit „Ich gehe zur Schule“ übersetzt, obwohl die ungarische Form wörtlich die Innenraumreihe verwendet. Orvoshoz megyek heißt „Ich gehe zum Arzt“, weil eine Person als Bezugspunkt dient. Entscheidend ist somit die ungarische Auffassung des Ziels, nicht die deutsche Präposition.
Gesprochene und geschriebene Standardsprache
In lockerer Alltagssprache wird das n von -ban/-ben häufig schwach oder gar nicht ausgesprochen. Dadurch kann eine Ortsform wie boltban „im Laden“ ähnlich wie boltba „in den Laden“ klingen. In sorgfältiger Standardsprache und besonders beim Schreiben bleibt die Unterscheidung wichtig: A boltban vagyok „Ich bin im Laden“, aber A boltba megyek „Ich gehe in den Laden“.
Zusammenspiel mit Richtungspräfixen am Verb
Ungarische Verben können ein Richtungspräfix tragen, also einen kurzen Bestandteil wie be- „hinein“, ki- „hinaus“, fel- „hinauf“ oder le- „hinunter“. Es ergänzt häufig die Information der Fallendung:
- Bemegy a házba. – Er oder sie geht ins Haus hinein.
- Kijön a házból. – Er oder sie kommt aus dem Haus heraus.
- Felteszi a polcra. – Er oder sie stellt es auf das Regal hinauf.
- Leveszi a polcról. – Er oder sie nimmt es vom Regal herunter.
Die Endung zeigt die Beziehung des Ortes, das Präfix beschreibt die Bewegungsrichtung oder den Abschluss der Handlung. Später lernst du, dass solche Präfixe je nach Satzbau auch hinter dem Verb stehen können.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Einzelheiten musst du auf A2 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, denen du in Gesprächen und Texten bald begegnest.
Demonstrativwörter passen sich an
Bei „dieses“ und „jenes“ trägt im Ungarischen sowohl das Demonstrativwort als auch das Substantiv dieselbe Fallinformation. Der letzte Konsonant von ez oder az gleicht sich dabei an die Endung an:
- ebbe a házba – in dieses Haus
- abból a dobozból – aus jener Schachtel
- arra az asztalra – auf jenen Tisch
- erről a polcról – von diesem Regal
- ehhez az orvoshoz – zu diesem Arzt
- attól a háztól – von jenem Haus weg
Das wirkt zunächst doppelt, ist aber ein regelmäßiges Muster. Für den Anfang reicht es, diese Wendungen als feste Paare wahrzunehmen.
Formen mit Personen
Einige Richtungsendungen bilden mit Personen eigene Reihen. Besonders häufig sind:
- hozzám, hozzád, hozzá – zu mir, zu dir, zu ihm oder ihr
- tőlem, tőled, tőle – von mir, von dir, von ihm oder ihr
- rám, rád, rá – auf mich, auf dich, auf ihn oder sie
- rólam, rólad, róla – von mir, von dir, von ihm oder ihr; je nach Zusammenhang auch „über mich, über dich, über ihn oder sie“
- belőlem, belőled, belőle – aus mir, aus dir, aus ihm oder ihr
Diese Formen zeigen, dass räumliche Endungen auch mit persönlichen Bezügen verbunden werden. Manche haben zusätzlich übertragene Bedeutungen, etwa rólam beszélnek „sie sprechen über mich“.
Übertragene und zeitliche Bedeutungen
Die gleichen Endungen kommen außerhalb konkreter Bewegung vor. -tól/-től kann einen zeitlichen Anfang nennen: hétfőtől „ab Montag“. -ra/-re kann einen Zielzeitpunkt oder eine vorgesehene Dauer ausdrücken: péntekre „bis Freitag/für Freitag“, két napra „für zwei Tage“. Solche Verwendungen bauen auf der Vorstellung von Ausgangspunkt und Ziel auf, gehören aber zu weiterführenden Zeitangaben.
Auch feste Wendungen können die wörtliche Raumvorstellung verlassen. Deshalb bleibt die beste Strategie dieselbe: zuerst die konkrete räumliche Grundbedeutung sicher lernen, später häufige Verbindungen als Ganzes ergänzen.
Besondere Ortswörter
Für „zu Hause – nach Hause – von zu Hause“ verwendet Ungarisch die besondere Reihe otthon – haza – otthonról. Ebenso bilden itt – ide – innen „hier – hierher – von hier“ und ott – oda – onnan „dort – dorthin – von dort“ eigene Wortreihen. Sie folgen gedanklich dem Unterschied zwischen Ort, Ziel und Ausgangspunkt, werden aber nicht einfach durch Anhängen der sechs Endungen gebildet.
Übungstipps
- Lerne immer Dreiergruppen. Schreibe nicht nur házba auf eine Karte, sondern házban – házba – házból. Sprich dazu die Fragen hol? – hova? – honnan? laut aus.
- Sortiere neue Orte nach ihrer räumlichen Vorstellung. Nimm drei Spalten für Innenraum, Fläche und Nähe. Trage zum Beispiel szoba, asztal und Péter ein und bilde jeweils Ziel- und Ausgangsform.
- Übersetze kleine Bewegungspaare. Bilde zu jedem Zielsatz einen Rückwegsatz: Reggel iskolába megyek. Délután iskolából jövök. So prägen sich -ba/-be und -ból/-ből als Gegenstücke ein.
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