A1

Der Imperativ im Deutschen

Imperativ

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Mit dem Imperativ fordert man jemanden auf, etwas zu tun oder nicht zu tun: Komm!, Wartet!, Gehen Sie bitte! Für du steht meist nur der Verbstamm, für ihr die normale ihr-Form ohne ihr und für das höfliche Sie der Infinitiv mit nachgestelltem Sie. Bei trennbaren Verben steht der abgetrennte Teil am Ende: Mach die Tür zu!

Überblick

Der Imperativ ist die Verbform für Aufforderungen. Dazu gehören nicht nur strenge Befehle, sondern auch Bitten, Einladungen, Ratschläge, Anweisungen und Warnungen. Komm herein! kann freundlich einladen, Nimm lieber den Bus! einen Rat geben und Fassen Sie das nicht an! deutlich warnen. Wie eine Aufforderung wirkt, hängt deshalb nicht allein von der Grammatik ab, sondern auch von Stimme, Situation und Wörtern wie bitte, mal oder doch.

Das Grundmuster gehört zum Niveau A1 und setzt voraus, dass die Präsensformen eines Verbs bekannt sind. Besonders wichtig ist die Anrede: Spricht man eine vertraute Person mit du, mehrere vertraute Personen mit ihr oder eine oder mehrere Personen höflich mit Sie an? Zu jeder dieser Anreden gehört eine eigene Form.

Im Imperativ wird das Subjekt (die Person, die etwas tun soll) bei du und ihr normalerweise nicht genannt. Man sagt also Komm! und Kommt!, nicht Du komm! oder Ihr kommt! Beim höflichen Imperativ bleibt Sie dagegen erhalten: Kommen Sie! Weil Deutsch hier zugleich Zielsprache und Erklärungssprache ist, lohnt es sich besonders, auf Form, Anrede und Wirkung zu achten: Ein grammatisch richtiger Satz kann im Alltag trotzdem zu direkt klingen.

So funktioniert der Imperativ

Die drei wichtigsten Formen

Anrede Bildung Beispiel mit machen Verwendung
du Verbstamm, meist ohne Endung; du entfällt Mach das Fenster zu! eine vertraute Person
ihr Präsensform für ihr; ihr entfällt Macht das Fenster zu! mehrere vertraute Personen
Sie Infinitiv + Sie Machen Sie das Fenster zu! eine oder mehrere höflich angesprochene Personen

Der Infinitiv ist die Grundform des Verbs, zum Beispiel machen, warten oder öffnen. Der Verbstamm ist bei regelmäßigen Verben der Teil ohne -en: mach- aus machen, lern- aus lernen. Diese Begriffe helfen bei der Bildung, doch am einfachsten lernt man häufige Imperativformen gleich zusammen mit ihrer Anrede.

Die du-Form: meist der Verbstamm

Bei vielen Verben entfernt man von der du-Form im Präsens die Endung -st. Das Ergebnis entspricht meist dem Verbstamm:

Präsens mit du Imperativ Erläuterung
du machst Mach! -st entfällt
du kommst Komm! -st entfällt
du lernst Lern! -st entfällt
du tanzt Tanz! die Endung der du-Form entfällt
du heißt Heiß! die Endung der du-Form entfällt

Eine Endung -e ist bei vielen Verben ebenfalls möglich: Mache!, Komme!, Lerne! Im heutigen Alltag sind die kurzen Formen meist natürlicher. Die Formen mit -e können feierlicher, nachdrücklicher oder etwas älter klingen. In festen Wendungen bleiben sie häufig: Bitte beachte ..., Entschuldige bitte! oder Tue Gutes!

Bei Stämmen, die sich ohne -e schwer aussprechen lassen, steht das -e gewöhnlich:

  • arbeitenArbeite ruhig weiter!
  • wartenWarte einen Moment!
  • öffnenÖffne das Fenster!
  • atmenAtme langsam!
  • rechnenRechne noch einmal nach!

Auch Verben auf -eln und -ern können ihre Form leicht verändern: Sammle die Karten ein!, Lächle bitte! und Ändere das Passwort! Solche Formen lernt man am besten als ganze Wörter, statt jede Lautregel einzeln herzuleiten.

Stammvokalwechsel bei der du-Form

Ein Stammvokalwechsel bedeutet, dass sich der Vokal im Verbstamm ändert. Wechselt ein Verb im Präsens bei du von e zu i oder ie, bleibt dieser Wechsel normalerweise im Imperativ erhalten:

Infinitiv du-Form im Präsens Imperativ
geben du gibst Gib mir bitte das Salz!
nehmen du nimmst Nimm einen Stuhl!
sprechen du sprichst Sprich langsamer!
lesen du liest Lies die Nachricht!
sehen du siehst Sieh mal dort!
essen du isst Iss etwas!

Anders ist es beim Umlaut a → ä beziehungsweise au → äu: Im Imperativ fällt der Umlaut weg. Es heißt Fahr vorsichtig!, nicht Fähr vorsichtig!, und Lauf nicht so schnell!, nicht Läuf nicht so schnell! Die Grundform des Verbs zeigt hier die richtige Richtung: fahren → Fahr!, laufen → Lauf!

Einige sehr häufige Verben haben besondere Formen:

Infinitiv du ihr Sie
sein Sei geduldig! Seid geduldig! Seien Sie geduldig!
haben Hab keine Angst! Habt keine Angst! Haben Sie keine Angst!
werden Werde bald gesund! Werdet bald gesund! Werden Sie bald gesund!

Die ihr-Form: Präsens ohne ihr

Für mehrere Personen, die man einzeln mit du ansprechen würde, verwendet man die normale Präsensform mit ihr und lässt das Pronomen ihr weg:

  • ihr machtMacht bitte leiser!
  • ihr arbeitetArbeitet zu zweit!
  • ihr lestLest den Text noch einmal!
  • ihr fahrtFahrt vorsichtig!
  • ihr nehmtNehmt eure Jacken mit!

Die ihr-Form hat also normalerweise die Endung -t. Bei arbeiten und ähnlichen Verben steht zur besseren Aussprache -et: Arbeitet! Ein zusätzlicher Vokalwechsel muss nicht neu gelernt werden; man übernimmt einfach die bekannte ihr-Form.

Die höfliche Sie-Form: Infinitiv plus Sie

Beim höflichen Imperativ steht zuerst die Grundform des Verbs und danach das großgeschriebene Pronomen Sie:

  • Warten Sie bitte hier.
  • Öffnen Sie das Buch!
  • Nehmen Sie Platz.
  • Lesen Sie die Hinweise aufmerksam durch.

Diese Form gilt sowohl für eine Person als auch für mehrere Personen. Das Pronomen darf nicht entfallen, denn Warten! wäre keine vollständige höfliche Sie-Form, sondern eine unpersönliche, recht direkte Aufforderung. Beim Verb sein lautet die Form unregelmäßig Seien Sie ...: Seien Sie bitte pünktlich.

Trennbare Verben

Bei einem trennbaren Verb kann sich der erste Teil im Satz vom übrigen Verb lösen, zum Beispiel zumachen, aufstehen oder mitkommen. Im Imperativ steht dieser Teil am Satzende:

Infinitiv du ihr Sie
zumachen Mach die Tür zu! Macht die Tür zu! Machen Sie die Tür zu!
aufstehen Steh bitte auf! Steht bitte auf! Stehen Sie bitte auf!
mitkommen Komm doch mit! Kommt doch mit! Kommen Sie bitte mit!
anrufen Ruf mich an! Ruft mich an! Rufen Sie mich an!

Nicht trennbare Vorsilben wie be-, ver- oder er- bleiben am Verb: Bezahl die Rechnung!, Vergiss den Schlüssel nicht! und Erklären Sie das bitte noch einmal!

Verneinung und reflexive Verben

Mit nicht verneint man eine Handlung oder einen Satzteil: Komm nicht zu spät! Bei einem trennbaren Verb steht nicht häufig vor dem abgetrennten Teil: Mach das Licht nicht aus! Mit kein verneint man ein Nomen (ein Wort für eine Person, Sache oder Vorstellung), wenn sonst ein oder kein Artikel stehen könnte: Mach keinen Lärm!, Nehmt keine Taschen mit!

Bei einem reflexiven Verb richtet sich die Handlung auf dieselbe Person zurück. Das erkennt man an Wörtern wie dich, euch oder sich:

Anrede Beispiel Reflexivpronomen
du Setz dich bitte hin! dich
ihr Setzt euch bitte hin! euch
Sie Setzen Sie sich bitte hin! sich

Das Reflexivpronomen ist hier das kleine Wort, das auf die angesprochene Person zurückverweist. Es bleibt auch dann stehen, wenn du oder ihr wegfällt.

Beispiele im Zusammenhang

Die zweite Spalte formuliert jeweils in einfachen Worten, was mit der Aufforderung gemeint ist. So wird sichtbar, dass dieselbe grammatische Form je nach Situation Befehl, Bitte, Einladung oder Rat sein kann.

Deutscher Beispielsatz Bedeutung Hinweis
Komm her! Du sollst zu mir kommen. du-Form, direkt
Warte bitte einen Moment. Ich bitte dich, kurz zu warten. du-Form mit bitte
Nimm lieber den Bus. Ich rate dir, mit dem Bus zu fahren. Vokalwechsel, Ratschlag
Lies die Nachricht noch einmal! Du sollst die Nachricht erneut lesen. lesen → lies
Fahr heute vorsichtig! Du sollst beim Fahren vorsichtig sein. ohne Umlaut
Ruf mich nach der Arbeit an. Du sollst mich später anrufen. trennbares Verb
Mach das Fenster nicht auf! Du sollst das Fenster geschlossen lassen. Verneinung, trennbares Verb
Macht die Tür zu! Ihr sollt die Tür schließen. ihr-Form
Seid bitte um acht Uhr hier. Ihr sollt pünktlich hier sein. unregelmäßiges sein
Nehmt euch noch etwas Kuchen! Ihr dürft euch gern bedienen. freundliches Angebot
Öffnen Sie das Buch! Sie sollen das Buch öffnen. höfliche Sie-Form
Füllen Sie bitte dieses Formular aus. Bitte tragen Sie die nötigen Angaben ein. höflich, trennbares Verb
Setzen Sie sich gern ans Fenster. Sie dürfen am Fenster Platz nehmen. reflexiv, einladend
Vergessen Sie Ihren Ausweis nicht. Denken Sie daran, den Ausweis mitzunehmen. höfliche Erinnerung

Häufige Fehler

Das Anredepronomen in der du- oder ihr-Form stehen lassen

  • Nicht standardmäßig: Du komm her! / Ihr wartet hier!
  • Richtig: Komm her! / Wartet hier!
  • Warum: Im gewöhnlichen Imperativ entfallen du und ihr. Sie können nur bei starkem Gegensatz oder besonderem Nachdruck erscheinen: Du bleibst hier, und ihr geht schon vor! Das ist dann oft eher eine nachdrückliche Feststellung als die neutrale Imperativform.

Bei der Sie-Form das Pronomen weglassen

  • Falsch als höfliche Form: Öffnen bitte das Fenster!
  • Richtig: Öffnen Sie bitte das Fenster!
  • Warum: Der höfliche Imperativ braucht den Infinitiv und das Pronomen Sie. Außerdem wird Sie großgeschrieben.

Die Präsensform mit Umlaut übernehmen

  • Falsch: Fähr langsam! / Läuf nicht weg!
  • Richtig: Fahr langsam! / Lauf nicht weg!
  • Warum: Der Umlaut aus du fährst und du läufst erscheint nicht im Imperativ.

Den Wechsel von e zu i oder ie vergessen

  • Falsch: Geb mir das Buch! / Les den Satz!
  • Richtig: Gib mir das Buch! / Lies den Satz!
  • Warum: Der Vokalwechsel der du-Form bleibt bei diesen starken Verben erhalten. Ebenso heißen die Formen Nimm!, Sprich! und Iss!

Trennbare Verben nicht trennen

  • Falsch: Zumach die Tür! / Sie anrufen mich morgen!
  • Richtig: Mach die Tür zu! / Rufen Sie mich morgen an!
  • Warum: Der trennbare Teil steht im Hauptsatz und im Imperativ am Ende.

Eine grammatisch richtige Form zu direkt verwenden

  • Möglich, aber schroff: Gib mir den Bericht.
  • Je nach Situation besser: Gib mir bitte den Bericht. / Könnten Sie mir bitte den Bericht geben?
  • Warum: Der Imperativ drückt nicht automatisch Unhöflichkeit aus. Ohne passenden Ton oder eine Abschwächung kann er unter Erwachsenen aber wie ein Befehl wirken.

Hinweise zum Gebrauch

bitte, mal und doch

Bitte macht den Inhalt ausdrücklich zu einer Bitte und kann an verschiedenen Stellen stehen: Bitte warten Sie hier, Warten Sie bitte hier oder Warten Sie hier, bitte. In neutralen Alltagssituationen ist die mittlere Stellung sehr häufig.

Das umgangssprachliche mal lässt eine Aufforderung oft lockerer und weniger schwer wirken: Schau mal!, Warte mal kurz! Es ist eine verkürzte Form von einmal, bedeutet hier aber nicht unbedingt „genau ein Mal“. Doch kann einladen, ermuntern oder einer vermuteten Zurückhaltung widersprechen: Komm doch mit!, Probieren Sie doch den Kuchen! Je nach Stimme kann doch allerdings auch Ungeduld ausdrücken: Sei doch still!

Ausrufezeichen oder Punkt?

Ein Imperativ braucht nicht immer ein Ausrufezeichen. Das Ausrufezeichen wirkt energisch, dringend oder deutlich: Stopp! Bleib stehen! Ein Punkt passt gut zu sachlichen Anweisungen oder höflichen Bitten: Klicken Sie anschließend auf „Speichern“. Auch Nehmen Sie bitte Platz. ist mit Punkt vollkommen korrekt und meist freundlicher als dieselbe Form mit starkem Ausrufezeichen.

Welche Anrede passt?

Du verwendet man typischerweise in Familie und Freundeskreis sowie überall dort, wo man sich duzt. Ihr richtet sich an mehrere solche Personen. Sie schafft höfliche oder berufliche Distanz. Die Grenzen hängen von Umfeld, Branche, Alter und persönlicher Vereinbarung ab. Wer unsicher ist, fährt mit einer höflichen Frage oft besser als mit einem nackten Imperativ: Könnten Sie mir bitte helfen?

In Bedienungsanleitungen und auf Internetseiten kommt die Sie-Form häufig vor: Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein. Manche Unternehmen duzen ihre Kundschaft und schreiben stattdessen Gib deine E-Mail-Adresse ein. Innerhalb eines Textes sollte die gewählte Anrede einheitlich bleiben.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Formen muss man auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie begegnen einem aber häufig und vervollständigen das Bild des deutschen Imperativs.

Aufforderungen mit wir

Für Vorschläge an eine Gruppe einschließlich der sprechenden Person verwendet man oft Verb + wir: Gehen wir!, Fangen wir an!, Seien wir ehrlich! Diese Reihenfolge ähnelt der höflichen Sie-Form, erfüllt aber eine andere Funktion: Gemeint ist „Lasst uns ...“. Im Alltag sind auch Fragen mit wollen sehr natürlich: Wollen wir anfangen?

Infinitive und andere verkürzte Aufforderungen

Auf Schildern, in Rezepten, Anleitungen oder knappen Durchsagen steht oft nur der Infinitiv:

  • Bitte nicht rauchen!
  • Vor Gebrauch gut schütteln.
  • Rechts abbiegen und dann geradeaus fahren.
  • Bitte eintreten!

Solche Sätze nennen keine bestimmte Anrede. Sie wirken allgemein und platzsparend, können aber im persönlichen Gespräch unfreundlich klingen. Sehr knappe Warnungen verwenden auch einzelne Wörter oder Wortgruppen: Vorsicht!, Ruhe!, Hände hoch! Die Aufforderung ergibt sich dann aus der Situation, nicht aus einer Imperativform des Verbs.

Ersatzformen für unterschiedliche Wirkungen

Deutsch bietet viele Möglichkeiten, eine Aufforderung stärker oder höflicher zu formulieren:

Form Beispiel Typische Wirkung
Imperativ Schließen Sie das Fenster bitte. klar und höflich
Frage mit Modalverb Könnten Sie das Fenster schließen? zurückhaltender, besonders höflich
Präsens als Anweisung Du gehst jetzt sofort ins Bett. sehr bestimmt, oft autoritär
sollen Du sollst mich morgen anrufen. Auftrag oder weitergegebene Anweisung
lassen + uns Lass uns anfangen! gemeinsamer Vorschlag
Infinitiv Nicht anfassen! unpersönlich, knapp, warnend

Ein Imperativ kann außerdem durch ein ausdrücklich genanntes du oder ihr kontrastiert werden: Komm du zuerst herein; ihr wartet draußen. Hier bezeichnet das Pronomen gezielt, wer handeln soll. Das ist eine markierte Form für Kontrast und keine Anfängerregel, die man auf jeden Imperativ übertragen sollte.

Ältere und gehobene Formen

Formen auf -e erscheinen häufiger in älteren Texten, feierlicher Sprache und festen Formeln: Gehe hin in Frieden, Höre gut zu, Es lebe die Freiheit! Die Wendung Es lebe ... drückt einen Wunsch oder Hochruf aus. Solche Formen sollte man zunächst erkennen können; für normale Alltagsaufforderungen genügen meist die modernen kurzen Formen.

Übungstipps

  1. Bilde Dreiergruppen. Nimm täglich fünf häufige Verben und sage jede Aufforderung mit du, ihr und Sie: Komm – Kommt – Kommen Sie; Lies – Lest – Lesen Sie. So wird die Anrede automatisch mitgelernt.
  2. Markiere trennbare Teile. Schreibe Verben wie aufstehen, anrufen und zumachen auf Karten. Unterstreiche den ersten Teil und setze ihn beim Bilden eines Satzes bewusst ans Ende: Steh um sieben Uhr auf!
  3. Übe die Wirkung, nicht nur die Form. Formuliere denselben Inhalt als direkten Imperativ, freundliche Bitte und höfliche Frage: Hilf mir! – Hilf mir bitte. – Könnten Sie mir bitte helfen? Entscheide anschließend, welche Form zu Freunden, Kolleginnen und Kollegen oder fremden Personen passt.

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