Die höfliche ます-Form im Japanischen
丁寧形(ます形)
Dieser Artikel ist Teil des Japanisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Mit der ます-Form endet ein japanischer Satz höflich und neutral: 食べます bedeutet je nach Zusammenhang „ich esse“, „Sie essen“ oder „ich werde essen“. Die vier Grundformen sind ます (bejahend, nicht vergangen), ません (verneint, nicht vergangen), ました (bejahend, vergangen) und ませんでした (verneint, vergangen).
Überblick
Die ます-Form ist die wichtigste höfliche Form japanischer Verben. Ein Verb ist ein Wort für eine Handlung oder einen Zustand, etwa „essen“, „gehen“ oder „wissen“. Im Japanischen verändert sich sein Ende, um Zeit, Verneinung und Höflichkeit auszudrücken. Mit 食べます klingt „essen“ höflich; 食べません verneint es, 食べました setzt es in die Vergangenheit.
Diese Form gehört zum Grundstoff auf A1-Niveau, weil sie in vielen alltäglichen Gesprächen die sichere Standardwahl ist: beim ersten Treffen, im Geschäft, im Unterricht, am Arbeitsplatz oder im Gespräch mit einer noch nicht vertrauten Person. Sie ist weder besonders steif noch vertraulich. Wer zunächst konsequent mit です und ます spricht, kann viele natürliche und respektvolle Sätze bilden.
Für Deutschsprachige ist ein Punkt besonders wichtig: Die ます-Form entspricht nicht einfach dem deutschen „Sie“. Im Deutschen zeigt meist das Anredepronomen den Abstand: „Kommst du?“ gegenüber „Kommen Sie?“. Japanisch lässt das Subjekt (die Person oder Sache, um die es geht) häufig ganz weg und zeigt die höfliche Gesprächsebene stattdessen am Satzende: 明日、来ますか。 kann je nach Situation „Kommst du morgen?“ oder „Kommen Sie morgen?“ heißen.
So funktioniert die Form
Die vier Grundformen
Japanisch unterscheidet in diesem System nur zwischen Vergangenheit und Nicht-Vergangenheit. Die Nicht-Vergangenheit umfasst Gegenwart und Zukunft. Ob 行きます „ich gehe“ oder „ich werde gehen“ bedeutet, ergibt sich aus Zeitangaben und Zusammenhang.
| Zeit und Aussage | Endung | Beispiel mit 食べる | Deutsche Bedeutung |
|---|---|---|---|
| nicht vergangen, bejahend | ます | 食べます | esse / werde essen |
| nicht vergangen, verneint | ません | 食べません | esse nicht / werde nicht essen |
| vergangen, bejahend | ました | 食べました | aß / habe gegessen |
| vergangen, verneint | ませんでした | 食べませんでした | aß nicht / habe nicht gegessen |
Diese vier Endungen verändern sich nicht nach Person oder Zahl. 食べます kann also je nach genanntem oder mitgedachtem Subjekt „ich esse“, „du isst“, „Sie essen“, „er/sie isst“ oder „wir essen“ bedeuten. Anders als im Deutschen muss man keine getrennten Endungen für ich, du und wir lernen.
Fragen mit か
Eine höfliche Entscheidungsfrage entsteht meist, indem か an die Satzform angehängt wird:
- 食べますか。 – Essen Sie? / Isst du?
- 行きましたか。 – Sind Sie hingegangen? / Bist du hingegangen?
- 来ませんか。 – Möchten Sie nicht kommen? / Kommst du nicht mit?
Im normalen japanischen Text steht nach か oft ein japanischer Punkt 。 statt eines Fragezeichens. In lockeren Nachrichten ist ? ebenfalls verbreitet. Die Wortstellung muss für eine Frage nicht wie im Deutschen verändert werden.
Ichidan-Verben: る abtrennen
Bei vielen Ichidan-Verben (Verben mit nur einem gleichbleibenden Stamm) wird das abschließende る der Wörterbuchform entfernt. An den verbleibenden Stamm, also den unveränderten Wortteil, kommt die gewünschte höfliche Endung.
| Wörterbuchform | Stamm | Höfliche Grundform | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 食べる | 食べ | 食べます | essen |
| 見る | 見 | 見ます | sehen |
| 起きる | 起き | 起きます | aufstehen |
| 教える | 教え | 教えます | erklären, unterrichten |
Aus 食べ entstehen entsprechend 食べません, 食べました und 食べませんでした. Wichtig ist aber: Nicht jedes Verb auf る ist ein Ichidan-Verb. 帰る („zurückkehren“) und 走る („laufen“) sind beispielsweise Godan-Verben.
Godan-Verben: zur i-Reihe wechseln
Bei Godan-Verben (Verben, deren letzte Silbe je nach Form die Vokalreihe wechselt) wird das letzte Kana der Wörterbuchform in die entsprechende Silbe der i-Reihe geändert. Danach folgt ます.
| Ende | Wechsel | Beispiel | ます-Form |
|---|---|---|---|
| う | い | 買う | 買います |
| く | き | 書く | 書きます |
| ぐ | ぎ | 泳ぐ | 泳ぎます |
| す | し | 話す | 話します |
| つ | ち | 待つ | 待ちます |
| ぬ | に | 死ぬ | 死にます |
| ぶ | び | 遊ぶ | 遊びます |
| む | み | 読む | 読みます |
| る | り | 帰る | 帰ります |
Die so gebildete Form vor ます nennt man häufig den ます-Stamm. Bei 書きます ist das 書き, bei 読みます das 読み. Derselbe Stamm wird später noch für weitere Muster gebraucht.
Die beiden unregelmäßigen Verben
Zwei sehr häufige Verben folgen einem eigenen Muster:
| Wörterbuchform | ます | ません | ました | ませんでした |
|---|---|---|---|---|
| する (tun, machen) | します | しません | しました | しませんでした |
| 来る (kommen) | 来ます | 来ません | 来ました | 来ませんでした |
Bei 来る ändern sich auch die Lesungen: くる wird zu きます, きません, きました und きませんでした.
Satzbau und Zeitangaben
Das Verb steht normalerweise am Ende des Satzes. Angaben wie „heute“, „morgen“ oder „gestern“ machen deutlich, welche Zeit gemeint ist:
- 毎日、日本語を勉強します。 – Ich lerne jeden Tag Japanisch.
- 明日、東京へ行きます。 – Morgen fahre ich nach Tokio.
- 昨日、東京へ行きました。 – Gestern fuhr ich nach Tokio.
を kennzeichnet hier das direkte Objekt (die Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet), へ die Richtung. Das Subjekt wird nur genannt, wenn es nötig oder betont ist. Deshalb ist ein vollständiger japanischer Satz oft viel kürzer als seine deutsche Übersetzung.
Beispiele im Zusammenhang
| Japanisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| 毎朝、コーヒーを飲みます。 | Ich trinke jeden Morgen Kaffee. | regelmäßige Handlung |
| 今日は肉を食べません。 | Heute esse ich kein Fleisch. | Verneinung in der Gegenwart |
| 明日、京都へ行きます。 | Morgen fahre ich nach Kyoto. | Zukunft durch 明日 |
| 日曜日は働きません。 | Sonntags arbeite ich nicht. | verneinte Gewohnheit |
| 昨日、本を買いました。 | Gestern habe ich ein Buch gekauft. | bejahte Vergangenheit |
| 先週、学校へ行きませんでした。 | Letzte Woche bin ich nicht zur Schule gegangen. | verneinte Vergangenheit |
| 毎晩、何時に寝ますか。 | Um wie viel Uhr gehen Sie jeden Abend schlafen? | Frage nach einer Gewohnheit |
| 昨日、何を食べましたか。 | Was haben Sie gestern gegessen? | Frage in der Vergangenheit |
| 明日、来ますか。 | Kommen Sie morgen? | höfliche Frage zur Zukunft |
| はい、九時に来ます。 | Ja, ich komme um neun Uhr. | das Subjekt bleibt unausgesprochen |
| 週末はテレビを見ません。 | Am Wochenende sehe ich nicht fern. | Ichidan-Verb 見る |
| 駅で友達に会いました。 | Ich habe am Bahnhof einen Freund getroffen. | Godan-Verb 会う |
| 先生にメールを送りました。 | Ich habe der Lehrkraft eine E-Mail geschickt. | Godan-Verb 送る |
| 一緒に昼ご飯を食べませんか。 | Möchten wir zusammen zu Mittag essen? | ませんか als höfliche Einladung |
| 来週、また電話します。 | Nächste Woche rufe ich wieder an. | Zukunft durch 来週 |
Die Beispielsätze zeigen zugleich, dass die ます-Form keine Person festlegt. In der deutschen Übersetzung muss oft „ich“, „du“ oder „Sie“ ergänzt werden; im japanischen Gespräch ergibt sich die gemeinte Person aus der Situation.
Häufige Fehler
1. ます direkt an die Wörterbuchform hängen
- Falsch: 食べるます。
- Richtig: 食べます。
- Warum: Bei einem Ichidan-Verb fällt zuerst る weg. Erst dann wird ます angefügt: 食べる → 食べ → 食べます.
2. Ein Godan-Verb wie ein Ichidan-Verb behandeln
- Falsch: 帰ます。
- Richtig: 帰ります。
- Warum: 帰る endet zwar auf る, ist aber ein Godan-Verb. Das る wechselt daher zu り. Die Wörterbuchform allein verrät bei Verben auf る nicht immer zuverlässig die Gruppe.
3. Die negative Vergangenheit falsch zusammensetzen
- Falsch: 行きましたせん。
- Richtig: 行きませんでした。
- Warum: Die ganze Endung für die höfliche negative Vergangenheit lautet ませんでした. Am besten wird sie als feste Einheit gelernt.
4. Für die Zukunft eine zusätzliche Verbform suchen
- Unpassend: 明日、行きました。 für „Morgen werde ich gehen.“
- Richtig: 明日、行きます。
- Warum: Japanisch hat in diesem Muster keine eigene Zukunftsform. ます ist die Nicht-Vergangenheit; 明日 macht den Zukunftsbezug klar. ました bezeichnet bereits Vergangenes.
5. ます an Nomen oder Adjektive hängen
- Falsch: 静かます。 / 学生ます。
- Richtig: 静かです。 / 学生です。
- Warum: ます gehört zu Verben. Ein Nomen (ein Wort für eine Person, Sache oder einen Begriff) wie 学生 und ein na-Adjektiv (ein Eigenschaftswort dieser japanischen Gruppe) wie 静か bilden den höflichen Satzabschluss mit です.
6. Höfliche und schlichte Formen ohne Grund mischen
- Holprig: 昨日、友達に会った。それから、映画を見ました。
- Einheitlich höflich: 昨日、友達に会いました。それから、映画を見ました。
- Warum: In einem kurzen Gespräch wirkt ein unbegründeter Wechsel der Höflichkeitsstufe oft unruhig. In längeren Sätzen gibt es zwar reguläre Gründe für einen Formenwechsel; als Anfängerregel bleibt man am Satzende zunächst konsequent bei ます und です.
Hinweise zum Gebrauch
ます ist höflich, aber nicht automatisch ehrerbietig. Es gehört zur japanischen 丁寧語, also zur höflichen Ausdrucksweise. Damit behandelt man das Gegenüber respektvoll und hält eine angemessene soziale Distanz. Spezielle Ehrbezeugungen gegenüber einer höhergestellten Person oder bescheidene Ausdrücke für das eigene Handeln gehören dagegen zum weiterführenden 敬語-System.
Als sichere Orientierung passt die ます-Form bei unbekannten Erwachsenen, Lehrkräften, Kundschaft, beruflichen Kontakten und in vielen öffentlichen Situationen. Unter engen Freunden, in der Familie oder beim inneren Monolog ist die schlichte Form wie 食べる, 食べない oder 食べた häufig natürlicher. Welche Form gewählt wird, hängt jedoch nicht nur von Alter und Rang ab, sondern auch von Nähe, Situation und gewünschtem Ton.
Die deutsche Unterscheidung zwischen „du“ und „Sie“ lässt sich deshalb nicht eins zu eins übertragen. Ein japanischer Sprecher kann mit derselben Person höfliche Verbformen verwenden, ohne ein Wort für „Sie“ zu sagen. Umgekehrt macht ein ausdrücklich genanntes あなた einen Satz nicht automatisch höflicher und kann unnötig direkt klingen. Name, Titel oder gar kein Subjekt sind oft natürlicher.
In lockerer gesprochener Sprache ist neben 食べません auch 食べないです zu hören. Beide sind höflich verneint, doch ません ist die klare Standardform dieses Lernstoffs und wirkt in formelleren Situationen meist passender. Für den Anfang lohnt es sich, zuerst das regelmäßige Vierer-Muster sicher zu beherrschen.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Punkte müssen auf A1-Niveau noch nicht aktiv beherrscht werden. Sie erklären aber Formen, die schon früh in echten Gesprächen auftauchen.
Einladungen und gemeinsame Vorschläge
ませんか ist nicht immer nur eine sachliche Verneinungsfrage. Mit einer gemeinsamen Aktivität wird daraus oft eine höfliche Einladung:
- 一緒に映画を見ませんか。 – Möchten wir nicht zusammen einen Film ansehen?
- コーヒーを飲みませんか。 – Möchten Sie einen Kaffee trinken?
Mit ましょう schlägt die sprechende Person die gemeinsame Handlung direkter vor: 行きましょう。 – „Gehen wir.“ ましょうか kann außerdem ein Angebot sein: 手伝いましょうか。 – „Soll ich helfen?“
Der ます-Stamm ohne ます
Der Stamm vor ます verbindet sich später mit zahlreichen weiteren Ausdrücken:
- 食べたいです – ich möchte essen
- 本を買いに行きます – ich gehe ein Buch kaufen
- 読み始めます – ich beginne zu lesen
Wer 書く → 書きます oder 飲む → 飲みます sicher bilden kann, hat damit also nicht nur eine Höflichkeitsform gelernt, sondern einen wichtigen Baustein für weitere Grammatik.
ます steht normalerweise am Ende des Hauptsatzes
Vor einem Nomen oder in vielen Nebensätzen wird häufig eine schlichte Form gebraucht. Ein Relativsatz (ein Satzteil, der ein Nomen näher beschreibt) lautet zum Beispiel:
- 昨日買った本です。 – Es ist das Buch, das ich gestern gekauft habe.
- Nicht: 昨日買いました本です。
Auch in 日本へ行くとき、写真を撮ります。 („Wenn ich nach Japan fahre, mache ich Fotos.“) steht vor とき die schlichte Form 行く, während der gesamte Satz höflich mit 撮ります endet. Das ist kein zufälliges Mischen, sondern normaler japanischer Satzbau.
Verbindung mit dem eigentlichen Ehrensystem
In fortgeschrittenem Japanisch können besondere respektvolle oder bescheidene Verben wiederum mit ます enden: いらっしゃいます ist eine respektvolle Form unter anderem für „kommen“ oder „da sein“, 伺います eine bescheidene Form für „hingehen“ oder „fragen“. Die Endung sorgt weiterhin für den höflichen Satzstil; die Wahl des besonderen Verbs fügt eine weitere soziale Bedeutung hinzu.
Übungstipps
- Lerne jedes neue Verb in einem Paar. Notiere beispielsweise 読む → 読みます und 食べる → 食べます. Markiere dabei die Verbgruppe. So vermeidest du besonders bei Verben auf る falsche Analogien.
- Übe Viererreihen mit Zeitangaben. Bilde zu einem Verb nacheinander 飲みます・飲みません・飲みました・飲みませんでした und ergänze passende Wörter wie 今日, 明日 oder 昨日. Sage anschließend je einen vollständigen Satz laut.
- Höre gezielt auf Satzenden. Achte in Interviews, Kursdialogen oder Durchsagen auf ます, ません, ました und ませんでした. Versuche zuerst nur zu erkennen: höflich oder schlicht, bejahend oder verneint, vergangen oder nicht vergangen.
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Godan-Verben – erklärt den Wechsel der letzten Kana-Silbe, den viele ます-Formen benötigen.
- Ergänzung: Grundlegende Verneinung – vertieft bejahende und verneinte Aussagen außerhalb des reinen ます-Musters.
- Nächster Schritt: Wünsche mit たい – verwendet den ます-Stamm, um „etwas tun wollen“ auszudrücken.
- Kontrast: Schlichte Form und Wörterbuchform – zeigt die Formen für vertraute Gespräche sowie für viele Nebensätze.
- Später: Einführung in die japanische Höflichkeitssprache – unterscheidet höflichen Stil, respektvolle Sprache und bescheidene Sprache.
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