Wissenschaftlicher Schreibstil im Deutschen
Wissenschaftssprache
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Wissenschaftliche Texte sollen überprüfbar, präzise und nachvollziehbar argumentieren. Typisch sind deshalb klar zugeordnete Quellen, vorsichtig abgestufte Aussagen, sachbezogene Formulierungen und teilweise Nominalisierungen; möglichst komplizierte Sätze sind dagegen kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist, dass erkennbar bleibt, wer was auf welcher Grundlage behauptet.
Überblick
Wissenschaftssprache ist keine eigene Grammatik, sondern eine Auswahl und Kombination sprachlicher Mittel für Hausarbeiten, Abschlussarbeiten, Fachartikel und Forschungsberichte. Auf dem Niveau C2 geht es darum, diese Mittel nicht nur korrekt zu bilden, sondern ihre Wirkung gezielt zu steuern: Eine Beobachtung kann als gesichert, wahrscheinlich, möglich oder bloß vorläufig dargestellt werden. Ebenso muss deutlich werden, ob eine Aussage vom Verfasser des Textes, aus einer Quelle oder aus den erhobenen Daten stammt.
Dazu dient unter anderem die sprachliche Abschwächung, also Formulierungen wie dürfte, legt nahe oder unter der Annahme, dass. Häufig sind außerdem unpersönliche Konstruktionen, Passivformen und Nominalisierungen. Eine Nominalisierung macht aus einem Verb oder Adjektiv ein Substantiv, etwa auswerten → die Auswertung oder relevant → die Relevanz. Solche Formen können Zusammenhänge verdichten, dürfen aber handelnde Personen und logische Beziehungen nicht verdecken.
Ein wissenschaftlicher Stil ist nicht automatisch distanziert, schwer verständlich oder frei von ich. Die angemessene Form hängt vom Fach, von der Textsorte und von den Vorgaben der Hochschule oder Zeitschrift ab. In einem Methodenabschnitt kann Wir analysieren drei Datensätze klarer sein als Drei Datensätze werden einer Analyse unterzogen. Wissenschaftliche Angemessenheit bedeutet daher vor allem: präzise, transparent, fachlich konsistent und für die jeweilige Leserschaft verständlich schreiben.
Funktionsweise
Aussagen nach ihrer Sicherheit abstufen
Nicht jede Aussage hat denselben Geltungsanspruch. Der Geltungsanspruch ist die Stärke, mit der ein Text beansprucht, dass etwas zutrifft. Wer ein begrenztes Ergebnis als allgemeine Tatsache formuliert, schreibt nicht präzise, sondern zu stark.
| Funktion | Typische Formulierungen | Wirkung |
|---|---|---|
| Befund deutlich nennen | Die Ergebnisse zeigen/belegen, dass … | starke Aussage; nur bei tragfähiger Grundlage |
| Schlussfolgerung vorsichtig ziehen | Die Ergebnisse deuten darauf hin/legen nahe, dass … | plausible, aber nicht endgültige Deutung |
| Möglichkeit ausdrücken | Dies könnte damit zusammenhängen, dass … | eine mögliche Erklärung unter mehreren |
| Wahrscheinlichkeit markieren | Dies dürfte auf … zurückzuführen sein. | begründete Vermutung |
| Reichweite begrenzen | Für die untersuchte Stichprobe lässt sich feststellen, dass … | verhindert unzulässige Verallgemeinerung |
| Vorbehalt nennen | Unter der Voraussetzung, dass … / Soweit … | macht eine Bedingung sichtbar |
Modalverben wie können und dürften, der Konjunktiv II (eine Verbform für Möglichkeiten oder nicht als Tatsache gesetzte Aussagen) sowie Verben wie scheinen, vermuten und nahelegen helfen beim Abstufen. Dabei ist Zurückhaltung kein Selbstzweck. Wenn Daten etwas klar belegen, kann zeigt angemessener sein als eine Kette aus könnte möglicherweise darauf hindeuten.
Handelnde Personen in den Hintergrund stellen
Unpersönliche Formulierungen lenken die Aufmerksamkeit auf Verfahren, Gegenstand oder Ergebnis. Dafür gibt es mehrere Muster:
| Muster | Beispiel | Sinnvolle Verwendung |
|---|---|---|
| Vorgangspassiv: werden + Partizip II | Die Daten werden anonymisiert ausgewertet. | Verfahren steht im Mittelpunkt |
| unpersönliches man | Dabei muss man zwischen zwei Fällen unterscheiden. | allgemeiner gedanklicher Schritt; je nach Fach unterschiedlich üblich |
| sein + zu + Infinitiv | Die Ergebnisse sind vorsichtig zu interpretieren. | Notwendigkeit oder Möglichkeit |
| reflexive Form | Daraus lässt sich keine Kausalität ableiten. | Grenze einer Schlussfolgerung |
| unpersönliches es | Es ist zu beachten, dass die Stichprobe klein ist. | Hinweis oder Bewertung |
| sachbezogenes Subjekt | Die Analyse berücksichtigt drei Variablen. | oft kürzer und klarer als Passiv |
Das Partizip II ist die Verbform in Wendungen wie wurde untersucht oder ist ausgewertet worden. Das Passiv verschweigt den Handelnden grammatisch; genau deshalb sollte es nicht verwendet werden, wenn die Verantwortung wichtig ist. Bei der Kodierung wurden fünf Fälle ausgeschlossen lässt offen, wer diese Entscheidung getroffen hat. Je nach Zusammenhang ist Wir schlossen nach den vorab festgelegten Kriterien fünf Fälle aus transparenter.
Eine feste Formel ist Es sei darauf hingewiesen, dass …. Sei steht hier im Konjunktiv I, einer Verbform, die unter anderem Distanz zu einer Aussage oder eine auffordernde Bedeutung ausdrücken kann. In dieser Wendung bedeutet sie sinngemäß: An dieser Stelle soll auf Folgendes hingewiesen werden. Die Form ist korrekt, wirkt aber stark formell und sollte nicht jeden zweiten Absatz eröffnen.
Verben und ganze Aussagen nominalisieren
Nominalisierungen können bereits eingeführte Vorgänge als Gegenstände der weiteren Argumentation behandeln:
- Wir werten die Daten erneut aus. Dadurch erkennen wir Abweichungen.
- Die erneute Auswertung der Daten macht Abweichungen erkennbar.
Das Substantiv Auswertung übernimmt hier die Bedeutung des Verbs auswerten. Ergänzungen werden häufig mit Genitiv oder Präposition angeschlossen: die Auswertung der Daten, die Untersuchung auf Zusammenhänge, die Kritik an dem Modell. Bei längeren Nominalgruppen muss klar bleiben, was zusammengehört.
Nominalstil eignet sich besonders für Überschriften, Definitionen und Rückverweise: Die Erhebung erfolgte im Mai. Diese Erhebung … Zu viel Nominalstil erzeugt jedoch schwer lesbare Ketten. Die Formulierung Die Durchführung der Überprüfung der Einhaltung der Vorgaben lässt sich meist verständlicher als Es wurde überprüft, ob die Vorgaben eingehalten wurden schreiben. Auch Funktionsverbgefüge — feste Verbindungen aus Substantiv und einem bedeutungsarmen Verb — sollten geprüft werden: eine Analyse durchführen kann passend sein, oft genügt aber analysieren.
Quellen sprachlich einbinden
Eine Quellenangabe erfüllt zwei Aufgaben: Sie macht fremdes Wissen überprüfbar und trennt es von der eigenen Argumentation. Die genaue Form des Kurzbelegs, der Fußnote und des Literaturverzeichnisses richtet sich nach dem vorgeschriebenen Zitierstil. Sprachlich lassen sich Quellen unterschiedlich integrieren:
| Art der Einbindung | Muster | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Autor im Satz | Müller (2024) zeigt, dass … | Urheber der Aussage |
| Beleg nach der Aussage | Der Effekt tritt verzögert auf (Müller 2024, S. 18). | Inhalt der Aussage |
| Forschungsstand bündeln | Mehrere Studien berichten vergleichbare Befunde (Müller 2022; Yılmaz 2023). | Übereinstimmung mehrerer Quellen |
| Position distanziert wiedergeben | Müller vertritt die Auffassung, der Effekt sei stabil. | Aussage der Quelle, nicht automatisch eigene Position |
| weiterführend verweisen | Vgl. hierzu Müller (2024, S. 18–21). | Vergleich oder weiterführender Bezug, kein Ersatz für einen genauen Beleg |
Bei indirekter Rede kann der Konjunktiv I die fremde Aussage markieren: Die Autorin erklärt, die Abweichung sei methodisch bedingt. In vielen Fachtexten ist auch der Indikativ üblich: Die Autorin zeigt, dass die Abweichung methodisch bedingt ist. Der Indikativ bedeutet nicht zwingend Zustimmung; entscheidend sind Einleitungsverb und Kontext. behauptet klingt skeptischer als weist nach, während berichtet vergleichsweise neutral ist.
Direkte Zitate geben den Wortlaut wieder und benötigen Anführungszeichen sowie einen genauen Beleg nach dem verlangten System. Indirekte Wiedergaben brauchen ebenfalls eine Quellenangabe. Einzelne Wörter auszutauschen macht aus einer engen Übernahme noch keine eigenständige Paraphrase; eine gute Paraphrase gibt den Gedanken in einer zum eigenen Argument passenden Satzstruktur wieder, ohne den Sinn zu verändern.
Argumente sichtbar verbinden
Wissenschaftliche Leser sollen nicht erraten müssen, wie zwei Sätze zusammenhängen. Konnektoren sind verbindende Wörter oder Wendungen wie daher, hingegen und insofern. Sie markieren den gedanklichen Schritt:
| Beziehung | Geeignete Mittel |
|---|---|
| Begründung | da, weil, denn, angesichts |
| Folge | daher, folglich, somit, infolgedessen |
| Gegensatz | hingegen, demgegenüber, während |
| Einschränkung | allerdings, jedoch, insofern als, mit der Einschränkung, dass |
| Ergänzung | zudem, darüber hinaus, ferner |
| Beispiel | beispielsweise, etwa, wie … zeigt |
| Schlussfolgerung | daraus folgt, daraus lässt sich ableiten, zusammenfassend |
Korrelation (ein statistischer Zusammenhang) und Kausalität (ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis) sind sprachlich besonders sorgfältig zu trennen. X hängt mit Y zusammen behauptet noch nicht, dass X die Ursache von Y ist. Verben wie bewirkt, führt zu oder verursacht verlangen eine entsprechend starke Begründung.
Zeitformen und Textbezug wählen
Für allgemeine Aussagen, Definitionen und die Darstellung des eigenen Textes steht häufig das Präsens: Die vorliegende Untersuchung prüft …; Kapitel 3 erläutert … Abgeschlossene Arbeitsschritte können im Präteritum oder Perfekt erscheinen: Die Daten wurden im Mai erhoben beziehungsweise, je nach Fachkonvention, Wir haben die Daten im Mai erhoben. Wichtig ist weniger eine starre Einheitsregel als eine nachvollziehbare zeitliche Perspektive.
Rückverweise wie wie bereits erwähnt wurde sind grammatisch korrekt, bleiben aber ohne genaue Bezugnahme oft unklar. Präziser ist: Wie in Abschnitt 2.3 erläutert, beruht die Einteilung auf drei Kriterien. So findet die Leserschaft die gemeinte Stelle sofort.
Beispiele im Kontext
| Wissenschaftliche Formulierung | Aussage in einfachen Worten | Anmerkung |
|---|---|---|
| Die vorliegende Untersuchung zeigt einen Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Konzentrationsleistung. | In dieser Untersuchung hängen Schlafdauer und Konzentrationsleistung zusammen. | sachbezogenes Subjekt; noch keine Kausalbehauptung |
| Die Befunde deuten darauf hin, dass der Effekt mit zunehmendem Alter abnimmt. | Die Ergebnisse sprechen dafür, sicher ist es aber noch nicht. | vorsichtig abgestufte Schlussfolgerung |
| Eine alternative Erklärung könnte in der Zusammensetzung der Stichprobe liegen. | Vielleicht erklärt die Auswahl der untersuchten Personen das Ergebnis. | Konjunktiv II markiert eine Möglichkeit |
| Es sei darauf hingewiesen, dass die Daten nur einen Zeitraum von sechs Monaten abdecken. | Wichtig ist: Die Daten betreffen nur sechs Monate. | formeller Hinweis im Konjunktiv I |
| Die erhobenen Daten wurden vor der Auswertung anonymisiert. | Vor der Analyse entfernte man personenbezogene Angaben. | Vorgangspassiv rückt das Verfahren in den Mittelpunkt |
| Aus den Ergebnissen lässt sich kein ursächlicher Zusammenhang ableiten. | Die Ergebnisse beweisen nicht, dass ein Faktor den anderen verursacht. | reflexive Passiversatzform; begrenzte Reichweite |
| Die erneute Auswertung des Materials bestätigt den ursprünglichen Befund. | Das Material wurde noch einmal ausgewertet; das Ergebnis blieb gleich. | Nominalisierung fasst einen Vorgang zusammen |
| Schmidt (2023) vertritt die Auffassung, die Abweichung sei methodisch bedingt. | Nach Schmidts Ansicht entstand die Abweichung durch die Methode. | Quelle plus Konjunktiv I |
| Mehrere neuere Studien kommen zu vergleichbaren Ergebnissen. | Verschiedene aktuelle Untersuchungen berichten Ähnliches. | bündelt den Forschungsstand; Belege müssen folgen |
| Während Modell A eine hohe Genauigkeit erreicht, benötigt Modell B deutlich weniger Rechenleistung. | Modell A ist genauer; Modell B braucht dagegen weniger Rechenleistung. | während markiert hier einen Gegensatz |
| Unter der Annahme konstanter Bedingungen dürfte die Nachfrage leicht steigen. | Wenn die Bedingungen gleich bleiben, steigt die Nachfrage wahrscheinlich etwas. | Bedingung und Wahrscheinlichkeit werden offengelegt |
| Wie in Abschnitt 2.3 erläutert, werden drei Analysekategorien unterschieden. | Abschnitt 2.3 erklärt die Einteilung in drei Kategorien. | genauer Rückverweis statt vager Formel |
| Diese Einschränkung berührt jedoch nicht die zentrale Schlussfolgerung. | Trotz dieser Grenze bleibt das wichtigste Ergebnis gültig. | jedoch grenzt die Konzession ein |
| Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die Maßnahme unwirksam ist. | Man kann deshalb nicht sicher sagen, dass die Maßnahme nichts bringt. | verhindert einen zu starken Umkehrschluss |
Häufige Fehler
Eine Vermutung als Tatsache darstellen
- Unangemessen: Die geringe Teilnahmequote beweist, dass das Verfahren ungeeignet ist.
- Besser: Die geringe Teilnahmequote könnte darauf hindeuten, dass das Verfahren für einen Teil der Zielgruppe ungeeignet ist.
- Warum: Eine einzelne Beobachtung beweist meist weder die Ursache noch eine allgemeine Gültigkeit. Die zweite Fassung markiert Möglichkeit und begrenzt die Reichweite.
Jede Aussage mehrfach abschwächen
- Unangemessen: Die Ergebnisse könnten möglicherweise eventuell darauf hindeuten, dass …
- Besser: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass …
- Warum: Mehrere gleichartige Abschwächungen machen die Aussage nicht wissenschaftlicher, sondern unklar. Wähle genau die Stärke, die zur Beleglage passt.
Nominalstil mit Wissenschaftlichkeit verwechseln
- Schwerfällig: Die Durchführung einer Überprüfung der Einhaltung der Kriterien erfolgte anschließend.
- Besser: Anschließend wurde überprüft, ob die Kriterien eingehalten wurden.
- Warum: Nominalisierungen sind nützlich, wenn sie Begriffe schaffen oder auf Bekanntes zurückverweisen. Eine Kette abstrakter Substantive verdeckt dagegen Handlung und Zusammenhang.
Verantwortung durch Passiv verdecken
- Unklar: Nach der Sichtung wurden ungeeignete Fälle entfernt.
- Besser: Wir entfernten nach der Sichtung alle Fälle, die das vorab festgelegte Ausschlusskriterium erfüllten.
- Warum: Bei methodischen Entscheidungen ist wichtig, wer nach welchen Kriterien gehandelt hat. Das Passiv ist hier nicht falsch, aber weniger transparent.
Eine Quelle ohne klare Zuordnung anführen
- Unklar: Die Methode ist besonders zuverlässig. Sie wird jedoch häufig kritisiert (Müller 2024).
- Besser: Müller (2024) kritisiert die Methode trotz ihrer hohen Zuverlässigkeit.
- Warum: In der ersten Fassung bleibt offen, ob sich der Beleg nur auf die Kritik oder auch auf die Zuverlässigkeit bezieht. Die Quelle sollte möglichst nah bei der belegten Aussage stehen.
Korrelation als Ursache formulieren
- Zu stark: Häufiges Lesen führt zu höherem Einkommen.
- Besser: In der untersuchten Stichprobe besteht ein Zusammenhang zwischen Lesehäufigkeit und Einkommen.
- Warum: Ein statistischer Zusammenhang allein zeigt keine Ursache. Für führt zu wären zusätzliche methodische Belege nötig.
Verwendungshinweise
Die Konventionen unterscheiden sich zwischen Fächern. In manchen geisteswissenschaftlichen Texten sind längere argumentierende Passagen und Fußnoten üblich; empirische Fächer bevorzugen oft knappere Methoden- und Ergebnisdarstellungen. Auch die Verwendung von ich oder wir ist nicht überall gleich geregelt. Maßgeblich sind die Hinweise des Fachbereichs, der betreuenden Person, des Verlags oder der Zeitschrift.
Die vorliegende Arbeit ist eine etablierte Selbstbezeichnung, kann bei häufiger Wiederholung aber steif wirken. Abwechslung entsteht nicht durch Synonyme um jeden Preis, sondern durch passende sachbezogene Subjekte: Die Analyse zeigt …; Kapitel 4 behandelt …; die Ergebnisse sprechen für … Das Pronomen wir kann entweder mehrere Verfassende meinen oder die Leserschaft in einen Gedankengang einbeziehen, etwa Betrachten wir nun den zweiten Fall. Diese beiden Funktionen sollten im Text erkennbar bleiben.
Abkürzungen wie vgl. („vergleiche“), ebd. („ebenda“) oder et al. („und andere“) hängen vom Zitierstil und von redaktionellen Vorgaben ab. Ihre Zeichensetzung und Verwendung sind daher nicht frei austauschbar. Ein Sprachartikel kann zeigen, wie ein Beleg in einen Satz eingebaut wird; für Reihenfolge, Kursivsetzung, Seitenangaben und Literaturverzeichnis gilt stets das konkret verlangte Regelwerk.
Gute Wissenschaftssprache vermeidet außerdem pauschale Wertungen wie offensichtlich, zweifellos oder bekanntermaßen, wenn kein Beleg folgt. Solche Wörter können Einwände vorschnell abwehren. Präziser ist es, den Grund zu nennen: Da der Messfehler unter einem Prozent liegt, beeinflusst er die Schlussfolgerung nur geringfügig.
Für Fortgeschrittene: Positionierung und Informationsdichte
Auch ein scheinbar neutraler Text positioniert sich. Schon das Einleitungsverb bewertet eine Quelle: X beschreibt ist relativ neutral, X weist nach schreibt ihr einen starken Beleg zu, X behauptet kann Distanz oder Zweifel signalisieren. Für eine faire Darstellung fremder Positionen sollte das Verb zur tatsächlichen Leistung der Quelle passen. Erst danach folgt die eigene Bewertung: Müller argumentiert, dass …; diese Erklärung berücksichtigt jedoch nicht …
Fortgeschrittenes Schreiben steuert außerdem Thema und Fokus. Das Thema ist der bereits bekannte Ausgangspunkt eines Satzes; der Fokus enthält meist die neue oder kontrastierte Information. Vergleiche:
- Die Stichprobe wurde im Mai erweitert. — Ausgangspunkt ist die Stichprobe.
- Im Mai wurde die Stichprobe erweitert. — der Zeitpunkt bildet den Rahmen.
- Erweitert wurde ausschließlich die Kontrollgruppe. — starke Hervorhebung des betroffenen Teils.
Solche Umstellungen verändern nicht nur den Klang, sondern führen die Leserschaft durch die Argumentation. Meist steht Bekanntes vor Neuem. Ein Absatz wirkt zusammenhängend, wenn sein erster Satz den Gegenstand setzt und die folgenden Sätze daran anknüpfen, statt jeweils ein neues abstraktes Subjekt einzuführen.
Hohe Informationsdichte entsteht im Deutschen oft durch erweiterte Attribute, etwa die in drei unabhängigen Laboren unter kontrollierten Bedingungen erhobenen Daten. Diese Struktur ist grammatisch kompakt, belastet aber das Gedächtnis, weil das zentrale Substantiv Daten sehr spät erscheint. Bei mehreren Ergänzungen ist ein Relativsatz häufig lesbarer: die Daten, die unter kontrollierten Bedingungen in drei unabhängigen Laboren erhoben wurden.
Schließlich ist zwischen Ergebnis und Interpretation zu trennen. Eine klare Abfolge lautet: Beobachtung – Einordnung – Einschränkung.
- In Gruppe A lag der Mittelwert um zwölf Prozent höher. — beobachteter Befund.
- Dies spricht für einen Einfluss der Trainingsdauer. — Interpretation.
- Wegen der kleinen Stichprobe ist der Befund jedoch vorläufig. — Einschränkung.
Diese Trennung macht den Gedankengang überprüfbar. Sie ist oft wirksamer als besonders formelle Wörter oder lange Sätze.
Übungstipps
- Stärke von Aussagen markieren: Nimm einen kurzen Fachtext und unterstreiche Verben wie zeigt, belegt, deutet an, scheint und könnte. Ordne sie anschließend von „starker Befund“ bis „vorsichtige Möglichkeit“. Prüfe, ob die jeweilige Stärke zur genannten Grundlage passt.
- Zwischen Verbal- und Nominalstil wechseln: Formuliere fünf Sätze um, zum Beispiel Wir analysierten die Antworten → Die Analyse der Antworten …. Entscheide danach nicht nach Formalität, sondern danach, welche Fassung Handelnde, Zeitpunkt und logische Beziehung klarer zeigt.
- Quellen und eigene Stimme trennen: Schreibe zu einer Quelle drei Sätze: erst eine neutrale Wiedergabe, dann eine Einschränkung, schließlich deine begründete Schlussfolgerung. Verwende etwa berichtet, allerdings und daraus lässt sich ableiten. Kontrolliere bei jedem Satz, wessen Aussage er enthält.
Verwandte Konzepte
- Voraussetzung: Konjunktiv I (vollständig) — hilft dabei, fremde Aussagen distanziert und eindeutig wiederzugeben.
- Ergänzung: Nominalisierung — erklärt die Bildung substantivischer Formen als Grundlage des Nominalstils.
- Ergänzung: Passiversatzformen — bietet Alternativen wie sich lassen und sein + zu + Infinitiv.
- Ergänzung: Funktionsverbgefüge — behandelt formelle Verbindungen wie in Betracht ziehen und zur Verfügung stellen.
- Weiterführung: Komplexe Satzgefüge — vertieft den kontrollierten Aufbau mehrgliedriger Sätze.
Voraussetzung
Konjunktiv I im Deutschen: alle FormenC1Mehr C2-Konzepte
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