Partizipien im Tschechischen
Příčestí
Dieser Artikel ist Teil des Tschechisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Tschechische Partizipien verbinden Eigenschaften eines Verbs mit denen eines Adjektivs: píšící student bezeichnet einen Studenten, der gerade schreibt, přečtená kniha ein gelesenes Buch. Aktive Gegenwartsformen enden meist auf -ící/-oucí, passive Formen häufig auf -ný/-ený/-tý. Formen auf -vší/-ší und adverbiale Formen wie přečetši gehören vor allem zur gehobenen Schriftsprache.
Überblick
Ein Partizip oder Mittelwort ist eine Verbform, die zugleich Merkmale eines Adjektivs besitzt. Es kann also eine Handlung ausdrücken und dabei ein Substantiv (ein Wort für eine Person, Sache oder Vorstellung) näher bestimmen. Im Deutschen entsprechen dem oft Formen wie „schreibend“, „gelesen“ oder ein Relativsatz mit „der/die/das“: píšící student heißt wörtlich „schreibender Student“, lässt sich aber ebenso natürlich als „ein Student, der schreibt“ wiedergeben.
Auf B2-Niveau sind vor allem zwei Gruppen wichtig: das aktive Gegenwartspartizip auf -ící/-oucí und das passive Partizip, dessen adjektivische Form häufig auf -ný, -ený oder -tý endet. Beide werden wie Adjektive dekliniert, das heißt: Ihre Endung richtet sich nach Genus (grammatischem Geschlecht), Numerus (Einzahl oder Mehrzahl) und Kasus (der Form, die die Satzfunktion anzeigt) des Bezugswortes.
Daneben begegnen einem aktive Vergangenheitsformen auf -vší/-ší sowie kurze Formen wie přečetši. Die tschechische Fachterminologie ist hier nicht immer einheitlich: Formen wie uprchnuvší werden als vergangene aktive Partizipien beziehungsweise als aus einem Transgressiv gebildete Verbaladjektive beschrieben; přečetši selbst ist genauer ein vergangenes Transgressiv, also eine nicht flektierte Begleitform des Verbs. Diese Formen werden hier mitbehandelt, weil sie eng zusammengehören. Im heutigen Gespräch sind sie jedoch selten.
So funktioniert es
1. Aktive Gegenwartsformen: -ící und -oucí
Diese Formen bezeichnen normalerweise jemanden oder etwas, der, die oder das die Handlung selbst ausführt. Sie werden überwiegend von imperfektiven Verben gebildet, also von Verben, die eine laufende, wiederholte oder nicht als abgeschlossen betrachtete Handlung ausdrücken.
| Ausgangsverb | Tschechische Form | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|---|
| psát | píšící | schreibend; der/die schreibt | nach der Präsensform píší |
| nést | nesoucí | tragend; der/die trägt | Stamm mit -oucí |
| studovat | studující | studierend | nach studují |
| pracovat | pracující | arbeitend; berufstätig | nach pracují |
| čekat | čekající | wartend | nach čekají |
| prosit | prosící | bittend | nach prosí |
Als Lernhilfe kann oft die 3. Person Plural im Präsens dienen: nesou → nesoucí, píší → píšící, studují → studující, čekají → čekající. Es handelt sich aber nicht um das bloße Anhängen einer einzigen Endung an den Infinitiv. Stammwechsel wie bei psát → píšící müssen mitgelernt werden.
Die gesamte Form verhält sich wie ein weiches Adjektiv nach dem Muster jarní. Im Nominativ (der Grundform, meist für das Subjekt) sieht sie daher bei verschiedenen Geschlechtern gleich aus:
| Tschechisch | Deutsch | Form |
|---|---|---|
| píšící student | der schreibende Student | männlich, Einzahl |
| píšící studentka | die schreibende Studentin | weiblich, Einzahl |
| píšící dítě | das schreibende Kind | sächlich, Einzahl |
| píšící studenti | die schreibenden Studenten | Mehrzahl |
In anderen Kasus ändert sich die Endung: bez píšícího studenta „ohne den schreibenden Studenten“, k píšící studentce „zu der schreibenden Studentin“, s píšícími studenty „mit den schreibenden Studenten“. Entscheidend ist also nicht die handelnde Person an sich, sondern die grammatische Form des Bezugswortes.
2. Passive Partizipien und Verbaladjektive
Passive Formen beschreiben eine Person oder Sache, an der eine Handlung ausgeführt wird. Bei přečtená kniha hat nicht das Buch gelesen; jemand hat das Buch gelesen. Das ist derselbe Rollenunterschied wie zwischen „der lesende Student“ und „das gelesene Buch“.
Man sollte zwei eng verwandte Verwendungen unterscheiden:
- Das kurze passive Partizip ist Teil einer echten Passivform: Dopis byl napsán. „Der Brief wurde geschrieben.“
- Das lange Verbaladjektiv beschreibt häufig eine Eigenschaft oder einen erreichten Zustand: napsaný dopis „ein geschriebener Brief“.
| Verb | Kurze Form, männlich | Lange adjektivische Form | Deutsche Bedeutung |
|---|---|---|---|
| napsat | napsán | napsaný | geschrieben |
| přečíst | přečten | přečtený | gelesen |
| koupit | koupen | koupený | gekauft |
| zavřít | zavřen | zavřený | geschlossen |
| mýt | myt | mytý | gewaschen |
| krýt | kryt | krytý | bedeckt, geschützt |
Die Bildung ist nicht bei allen Verben vollständig vorhersagbar. Häufig erscheinen -n-/-en- oder -t-, doch zugleich kann sich der Verbstamm ändern: přečíst → přečtený, koupit → koupený. Deshalb lohnt es sich, eine häufige passive Form zusammen mit dem Verb zu lernen.
Die lange Form stimmt wie jedes Adjektiv mit ihrem Bezugswort überein:
- přečtený článek – der gelesene Artikel
- přečtená kniha – das gelesene Buch
- přečtené pravidlo – die gelesene Regel
- přečtené knihy – die gelesenen Bücher
Auch die kurze Form zeigt Geschlecht und Zahl: Dopis byl napsán, zpráva byla napsána, pravidlo bylo napsáno, dopisy byly napsány. Bei einer männlich-belebten Mehrzahl steht -i: Studenti byli pozváni „Die Studenten wurden eingeladen“.
3. Der Einfluss des Verbalaspekts
Der Verbalaspekt zeigt, ob eine Handlung als Verlauf beziehungsweise Wiederholung oder als abgeschlossenes Ganzes betrachtet wird. Dieser Unterschied bleibt in Partizipien oft sichtbar:
- čtená kniha kommt vom imperfektiven číst und kann ein Buch bezeichnen, das gelesen wird oder regelmäßig zur Lektüre gehört;
- přečtená kniha kommt vom perfektiven přečíst und betont, dass das Lesen abgeschlossen ist;
- vařená zelenina bezeichnet gekochtes beziehungsweise beim Kochen zubereitetes Gemüse;
- uvařená večeře hebt das fertige Ergebnis hervor: Das Abendessen ist gekocht.
Nicht jedes deutsche Partizip lässt sich daher ohne Kontext durch genau eine tschechische Form wiedergeben. Oft entscheidet der gemeinte Verlauf oder das Ergebnis darüber, welches Aspektpaar passt.
4. Vergangene aktive Formen auf -vší/-ší
Formen wie uprchnuvší vězeň „der entflohene Häftling“ bezeichnen jemanden, der eine frühere Handlung selbst ausgeführt hat. Sie werden vor allem von perfektiven Verben gebildet und wirken meist schriftsprachlich, amtlich oder literarisch. Je nach Stamm erscheint -vší oder -ší:
- uprchnout → uprchnuvší „entflohen“
- zaniknout → zaniknuvší „untergegangen, erloschen“
- přijít → přišedší „angekommen“; deutlich literarisch
Auch diese Formen werden wie weiche Adjektive dekliniert: uprchnuvší vězeň, uprchnuvšího vězně, uprchnuvší vězni. Im normalen Gespräch ist ein Relativsatz fast immer natürlicher: vězeň, který uprchl „der Häftling, der entkam“.
Wichtig ist die Abgrenzung zu přečetši. Diese Form bestimmt kein Substantiv und wird nicht dekliniert. Sie bezieht sich auf das Subjekt des Hauptsatzes und bedeutet „nachdem sie gelesen hatte“ oder „den Brief gelesen habend“. Mehr dazu im fortgeschrittenen Abschnitt.
Beispiele im Zusammenhang
| Tschechisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Píšící student seděl u okna. | Der schreibende Student saß am Fenster. | aktive, gleichzeitig laufende Handlung |
| Na chodbě čekají studenti píšící zkoušku. | Auf dem Flur warten Studierende, die eine Prüfung schreiben. | Ein Relativsatz klingt im Deutschen oft natürlicher. |
| Žena nesoucí kufr požádala o pomoc. | Die Frau, die einen Koffer trug, bat um Hilfe. | nést → nesoucí |
| Hledáme někoho mluvícího česky. | Wir suchen jemanden, der Tschechisch spricht. | Genitiv/Akkusativ der männlich-belebten Form |
| Studující mají nárok na slevu. | Studierende haben Anspruch auf eine Ermäßigung. | substantivierter Gebrauch |
| To je často používaný výraz. | Das ist ein häufig verwendeter Ausdruck. | imperfektive passive Form |
| Na stole ležela přečtená kniha. | Auf dem Tisch lag ein gelesenes Buch. | abgeschlossenes Lesen |
| Dveře byly zavřeny v osm hodin. | Die Türen wurden um acht Uhr geschlossen. | kurze Form im Vorgangspassiv |
| Dveře byly celý den zavřené. | Die Türen waren den ganzen Tag geschlossen. | lange Form, Zustand im Vordergrund |
| Všichni hosté byli pozváni. | Alle Gäste wurden eingeladen. | männlich-belebte Mehrzahl auf -i |
| K obědu jsme měli vařenou zeleninu. | Zum Mittagessen hatten wir gekochtes Gemüse. | feste adjektivische Beschreibung |
| Uprchnuvší vězeň byl druhý den dopaden. | Der entflohene Häftling wurde am nächsten Tag gefasst. | schriftsprachliche aktive Vergangenheitsform |
| Přečetši dopis, odpověděla. | Nachdem sie den Brief gelesen hatte, antwortete sie. | vergangenes Transgressiv, weibliches Subjekt |
| Potkal jsem kolegy pracující na novém projektu. | Ich traf Kollegen, die an einem neuen Projekt arbeiten. | Akkusativ Plural, Form wie ein weiches Adjektiv |
Häufige Fehler
1. Eine aktive Form verwenden, obwohl das Substantiv betroffen ist
- Falsch: píšící dopis in der Bedeutung „der geschriebene Brief“
- Richtig: napsaný dopis
- Warum: píšící bezeichnet den Handelnden. Ein Brief schreibt nicht selbst, sondern wird geschrieben. Píšící student ist dagegen korrekt.
2. Die Endung nicht an das Bezugswort anpassen
- Falsch: přečtený kniha
- Richtig: přečtená kniha
- Warum: Das Partizip wird hier wie ein Adjektiv behandelt. Kniha ist weiblich, deshalb steht im Nominativ Singular -á.
3. Die deutsche Wortstellung nachbauen
- Unnatürlich: student píšící rychle poznámky během celé přednášky als überladene Wortgruppe
- Natürlicher: student, který si během celé přednášky rychle píše poznámky
- Warum: Kurze Partizipgruppen sind im Tschechischen nützlich, lange Gruppen wirken aber schnell schwer oder amtlich. Ein Relativsatz ist im Alltag oft klarer.
4. Kurze und lange passive Form wahllos austauschen
- Vorgang: Dveře byly zavřeny v osm. – Die Türen wurden um acht geschlossen.
- Zustand: Dveře byly zavřené celý den. – Die Türen waren den ganzen Tag geschlossen.
- Warum: Die kurze Form passt besonders zum eigentlichen Passivvorgang, die lange Form häufig zu einer Eigenschaft oder einem Zustand. Im heutigen Sprachgebrauch gibt es Überschneidungen, aber der Gegensatz ist eine zuverlässige Lernhilfe.
5. Bei -vší-Formen Alltagssprache erwarten
- Steif im Gespräch: Muž přišedší před chvílí je můj soused.
- Natürlich: Muž, který před chvílí přišel, je můj soused.
- Warum: přišedší ist grammatisch möglich, klingt heute jedoch deutlich literarisch. Im Gespräch wird meist ein Relativsatz verwendet.
6. Beim Transgressiv das Subjekt wechseln
- Falsch: Přečetši dopis, zazvonil telefon.
- Richtig: Když přečetla dopis, zazvonil telefon. oder Přečetši dopis, uslyšela telefon.
- Warum: Bei přečetši muss dieselbe Person den Brief lesen und die Handlung des Hauptsatzes ausführen. Im falschen Satz wäre grammatisch das Telefon der Leser.
Hinweise zum Gebrauch
Aktive Gegenwartsformen sind im Tschechischen keineswegs nur literarisch. Häufige Wörter wie následující „folgend“, vedoucí „leitend; Leiter/Leiterin“, pracující „arbeitend“ und studující „studierend“ gehören zur normalen Gegenwartssprache. Dennoch ist ihre Produktivität stilistisch begrenzter als beim deutschen Partizip I. Wo Deutsch ohne Weiteres eine lange Partizipgruppe bildet, bevorzugt Tschechisch oft einen Relativsatz mit který.
Viele Partizipien haben sich zu gewöhnlichen Adjektiven oder Substantiven entwickelt. Vedoucí kann „leitend“ heißen, aber auch eine leitende Person bezeichnen; cestující bedeutet als Substantiv „Reisender/Fahrgast“; studující kann geschlechtsneutral „studierende Person“ bedeuten. Die grammatische Endung richtet sich trotzdem nach dem Satz: bez vedoucího „ohne den Leiter“, s vedoucí „mit der Leiterin“.
Bei passiven Formen ist nicht immer eindeutig, ob der Vorgang oder der daraus entstandene Zustand gemeint ist. Okno je otevřené beschreibt gewöhnlich den Zustand „Das Fenster ist offen“. Okno bylo otevřeno zaměstnancem stellt eher den Vorgang und den Handelnden heraus: „Das Fenster wurde von einem Angestellten geöffnet.“ Kontext, kurze oder lange Form und eine Ergänzung im Instrumental (der Form für Mittel oder Handelnde, hier zaměstnancem) wirken zusammen.
Über das Grundwissen hinaus
Das l-Partizip gehört ebenfalls zum tschechischen Partizipsystem
Im engeren tschechischen Grammatikunterricht begegnet auch das sogenannte l-Partizip: dělal, dělala, dělalo, dělali. Es bildet zusammen mit einer Form von být die Vergangenheit (dělal jsem „ich machte/ich habe gemacht“) und mit by den Konditional (dělal bych „ich würde machen“). Es ist also formal ein Partizip, wird im Unterricht aber meist bei Vergangenheit und Konditional behandelt, nicht zusammen mit attributiven Formen wie píšící. Man sollte daher nicht erwarten, dass alle Wörter mit der Bezeichnung příčestí dieselbe Satzfunktion haben.
Transgressive Formen: gleichzeitig oder vorher
Das Transgressiv (přechodník) ist eine kurze Verbform, die eine Begleithandlung ausdrückt. Es hat kein direktes deutsches Gegenstück; meist übersetzt man es mit einem Nebensatz. Ein gegenwärtiges Transgressiv bezeichnet gewöhnlich eine gleichzeitige Handlung, ein vergangenes eine vorher abgeschlossene Handlung.
Beim vergangenen Transgressiv richtet sich die Form nach Geschlecht und Zahl des gemeinsamen Subjekts:
| Subjekt | Form mit napsat | Beispielbedeutung |
|---|---|---|
| männlich, Einzahl | napsav | nachdem er geschrieben hatte |
| weiblich/sächlich, Einzahl | napsavši | nachdem sie/es geschrieben hatte |
| Mehrzahl | napsavše | nachdem sie geschrieben hatten |
Přečetši folgt demselben Prinzip, hat aber wegen des Stammes přečet- kein sichtbares -v-. In Přečetši dopis, odpověděla zeigt die Endung -ši, dass das unausgesprochene Subjekt weiblich oder sächlich im Singular ist; odpověděla bestätigt hier eine weibliche Person.
Solche Sätze setzen immer dasselbe Subjekt in Haupt- und Begleithandlung voraus. Außerdem wirken sie heute gehoben, literarisch oder bewusst altertümlich. Für die aktive Produktion ist auf B2 meist ein Nebensatz sicherer: Když přečetla dopis, odpověděla oder Poté, co přečetla dopis, odpověděla. Die Formen zu erkennen ist dennoch wichtig, besonders beim Lesen älterer Literatur, anspruchsvoller Essays und stilistisch verdichteter Texte.
Tipps zum Üben
- Lerne Dreiergruppen: Notiere zu einem Verb den Infinitiv, eine relevante Präsensform und das Partizip, zum Beispiel nést – nesou – nesoucí oder psát – píší – píšící. So prägen sich Stammwechsel besser ein.
- Bilde Gegensatzpaare: Beschreibe dieselbe Situation einmal aktiv und einmal passiv: student čtoucí knihu „ein Student, der ein Buch liest“ gegenüber čtená kniha „ein gelesenes Buch“. Ergänze bei perfektiven Verben das Ergebnis: přečtená kniha.
- Formuliere um: Ersetze kurze Partizipgruppen durch Relativsätze und umgekehrt: lidé pracující zde ↔ lidé, kteří zde pracují. Bei langen Ergänzungen sollte man bewusst prüfen, welche Variante natürlicher und leichter verständlich ist.
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