Possessivpronomen im Norwegischen
Eiendomspronomen
Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Norwegische Possessivpronomen richten sich nach dem Besitz, nicht nach der Person, der etwas gehört: min bil, aber mitt hus und mine bøker. Im neutralen Sprachgebrauch stehen sie meistens hinter dem Nomen; dieses erhält dann die bestimmte Form: bilen min („mein Auto“). Vorangestellt werden sie vor allem bei Betonung oder Gegensatz: min bil, ikke din („mein Auto, nicht deins“).
Überblick
Possessivpronomen – auf Norwegisch eiendomspronomen – zeigen Zugehörigkeit im weiten Sinn an: Besitz, Familie, Beziehungen oder die Verbindung zwischen einer Person und einem Körperteil. In boka mi („mein Buch“) bezeichnet mi den Besitzer; seine Form hängt aber von bok ab. Ein Nomen (ein Wort für eine Person, Sache oder Vorstellung) hat im Norwegischen ein grammatisches Geschlecht und kann im Singular oder Plural stehen.
Das Grundsystem gehört zum Niveau A1. Wer bereits die drei Nomengeschlechter kennt, kann die wichtigsten Formen schnell bilden: min/mi/mitt/mine, din/di/ditt/dine und vår/vårt/våre. Anders als im Deutschen gibt es dabei keine zusätzlichen Endungen für Fälle wie Akkusativ oder Dativ. Entscheidend sind Geschlecht und Zahl des norwegischen Nomens.
Eine Besonderheit fällt deutschsprachigen Lernenden sofort auf: Im Deutschen steht „mein“ normalerweise vor dem Nomen. Im Norwegischen ist die alltägliche, neutrale Reihenfolge dagegen häufig bilen min – wörtlich etwa „das Auto mein“. Diese Stellung beeinflusst auch die Form des Nomens und muss daher zusammen mit dem Possessiv gelernt werden.
So funktioniert es
1. Die Formen im Überblick
Übereinstimmung bedeutet hier: Die Form des Possessivs passt sich an das Nomen an, das die besessene Sache bezeichnet. Wer der Besitzer ist, bestimmt die Reihe; Geschlecht und Zahl des Besitzes bestimmen die einzelne Form.
| Besitzer | männlich | weiblich | sächlich | Plural |
|---|---|---|---|---|
| jeg („ich“) | min | mi | mitt | mine |
| du („du“) | din | di | ditt | dine |
| han/hun/den/det/de mit Rückbezug | sin | si | sitt | sine |
| han („er“) | hans | hans | hans | hans |
| hun („sie“) | hennes | hennes | hennes | hennes |
| den | dens | dens | dens | dens |
| det | dets | dets | dets | dets |
| vi („wir“) | vår | vår | vårt | våre |
| dere („ihr/Sie“) | deres | deres | deres | deres |
| de („sie“) | deres | deres | deres | deres |
Die Formen hans, hennes, dens, dets und deres bleiben unverändert. Man sagt also hans bok, hans hus und hans bøker. Bei min, din, sin und vår ist die Form dagegen sichtbar vom Nomen abhängig:
- en bil → bilen min oder min bil
- ei bok → boka mi oder mi bok
- et hus → huset mitt oder mitt hus
- bøker → bøkene mine oder mine bøker
2. Weibliche Nomen im Bokmål
Im Bokmål können viele weibliche Nomen entweder als wirklich weiblich oder wie männliche Nomen behandelt werden. Daher sind zwei durchgehend gebildete Varianten möglich:
| System | Grundform | Mit Possessiv |
|---|---|---|
| weibliche Form | ei bok | boka mi |
| gemeinsame männliche Form | en bok | boken min |
Beides ist korrektes Bokmål. Nicht sinnvoll ist es, die Systeme innerhalb derselben Nomengruppe wahllos zu vermischen: Statt boken mi lernt man besser boka mi oder boken min. Im tatsächlichen Sprachgebrauch hängt die Wahl auch von Region und persönlichem Stil ab.
3. Nachgestellt: die neutrale Alltagsform
In den meisten neutralen Aussagen steht das Possessiv nach dem Nomen. Das Nomen steht dann in der bestimmten Form, also in der Form, die sonst „der/die/das …“ ausdrückt:
| Unbestimmte Grundform | Bestimmte Form | Mit Possessiv |
|---|---|---|
| en bil | bilen | bilen min |
| ei dør | døra | døra di |
| et rom | rommet | rommet vårt |
| venner | vennene | vennene deres |
Das ist ein wichtiger Unterschied zum Deutschen. Obwohl bilen min auf Deutsch „mein Auto“ heißt, enthält das norwegische Nomen die bestimmte Endung -en. Das Possessiv ersetzt diese Endung nicht.
Steht ein Adjektiv dabei, verwendet Norwegisch die normale bestimmte Nomengruppe:
- den nye bilen min – mein neues Auto
- det gamle huset vårt – unser altes Haus
- de gode vennene hennes – ihre guten Freunde
Hier stehen das vorangestellte Bestimmungswort (den/det/de), die bestimmte Adjektivform auf -e und die bestimmte Form des Nomens zusammen. Diese sogenannte doppelte Bestimmtheit ist ein allgemeines Merkmal des Norwegischen.
4. Vorangestellt: Betonung und Gegensatz
Ein Possessiv kann auch vor dem Nomen stehen. Dann bleibt das Nomen unbestimmt und es steht kein Artikel davor:
- min bil – mein Auto
- mitt hus – mein Haus
- hans bok – sein Buch
- våre barn – unsere Kinder
Diese Reihenfolge hebt häufig den Besitzer hervor oder bildet einen Gegensatz: Det er min plass, ikke din („Das ist mein Platz, nicht deiner“). Sie kommt außerdem in festen Wendungen, in formellerer Sprache und aus rhythmischen Gründen vor. Für eine neutrale Alltagssituation klingt Hvor er telefonen min? meist natürlicher als Hvor er min telefon?
Die beiden Muster dürfen nicht miteinander vermischt werden:
- vorangestellt: Possessiv + unbestimmtes Nomen → min telefon
- nachgestellt: bestimmtes Nomen + Possessiv → telefonen min
5. Der wichtige Rückbezug mit sin
Sin, si, sitt, sine bedeuten „sein/ihr eigenes“ und beziehen sich auf das Subjekt desselben Satzteils. Das Subjekt ist die Person oder Sache, von der die Handlung ausgeht.
- Kari finner boka si. – Kari findet ihr eigenes Buch.
- Kari finner boka hennes. – Kari findet das Buch einer anderen Frau.
- Per vasker bilen sin. – Per wäscht sein eigenes Auto.
- Per vasker bilen hans. – Per wäscht das Auto eines anderen Mannes.
Die Form von sin richtet sich wiederum nach dem Besitz: bilen sin, boka si, huset sitt, vennene sine. Ob das Subjekt männlich, weiblich oder im Plural steht, ändert daran nichts.
Für jeg und du verwendet man keinen solchen Rückbezug: Es heißt Jeg finner boka mi und Du finner boka di. Sin gehört zur dritten Person und kann sich auch auf de beziehen: De besøker vennene sine („Sie besuchen ihre eigenen Freunde“).
6. Selbstständig ohne Nomen
Wenn bereits klar ist, worüber gesprochen wird, kann das Possessiv allein stehen:
- Denne boka er mi. – Dieses Buch ist meins.
- Er bilen deres? – Ist das Auto eures/Ihres/ihres?
- Mitt rom er lite, men ditt er stort. – Mein Zimmer ist klein, aber deins ist groß.
Auch hier richtet sich die Form nach dem ausgelassenen Nomen. Bei ditt ist beispielsweise rom mitgedacht; deshalb steht die sächliche Form.
Beispiele im Kontext
| Norwegisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Dette er bilen min. | Das ist mein Auto. | Neutrale, nachgestellte Form |
| Hvor er boka di? | Wo ist dein Buch? | Weibliches Nomen im Bokmål |
| Vi liker huset vårt. | Wir mögen unser Haus. | hus ist sächlich |
| Våre barn går på skole her. | Unsere Kinder gehen hier zur Schule. | Plural; der Besitzer wird betont |
| Han har glemt passet sitt. | Er hat seinen Pass vergessen. | Der Pass gehört dem Subjekt |
| Hun besøker foreldrene sine hver søndag. | Sie besucht jeden Sonntag ihre Eltern. | Plural von sin |
| Hun besøker foreldrene hennes. | Sie besucht die Eltern einer anderen Frau. | Kein Rückbezug auf das Subjekt |
| Jeg snakker med søsteren min. | Ich spreche mit meiner Schwester. | Zugehörigkeit, nicht nur Besitz |
| Katten ligger i kurven sin. | Die Katze liegt in ihrem Korb. | Rückbezug auf katten |
| Er dette deres bord? | Ist das euer/Ihr/deren Tisch? | deres hat mehrere mögliche Besitzer |
| Denne jakka er hennes. | Diese Jacke ist ihre. | Possessiv ohne folgendes Nomen |
| Det er ikke mitt problem. | Das ist nicht mein Problem. | Sächliche Form vor dem Nomen |
| Min bil er gammel, men din er ny. | Mein Auto ist alt, aber deins ist neu. | Deutlicher Gegensatz |
| De solgte huset sitt i fjor. | Sie verkauften letztes Jahr ihr eigenes Haus. | sitt trotz mehrerer Besitzer |
| Jeg liker de nye naboene våre. | Ich mag unsere neuen Nachbarn. | Adjektiv in bestimmter Form |
Häufige Fehler
1. Die Form nach dem deutschen Wort wählen
- Falsch: min hus
- Richtig: mitt hus
- Warum: Nicht das deutsche Geschlecht von „Haus“, sondern das norwegische et hus entscheidet. Ein sächliches Nomen verlangt mitt.
2. Das Possessiv nachstellen, aber das Nomen unbestimmt lassen
- Falsch: bil min
- Richtig: bilen min
- Warum: Hinter einem Nomen steht das Possessiv normalerweise zusammen mit dessen bestimmter Form. Bei Voranstellung ist dagegen min bil richtig.
3. Zwei Stellungsmuster vermischen
- Falsch: min bilen
- Richtig: min bil oder bilen min
- Warum: Ein vorangestelltes Possessiv steht vor der unbestimmten Form; ein nachgestelltes Possessiv folgt der bestimmten Form.
4. Bei eigenem Besitz hans oder hennes verwenden
- Gemeint, aber falsch: Maria tok veska hennes. – wenn es Marias eigene Tasche ist
- Richtig: Maria tok veska si.
- Warum: Gehört die Tasche dem Subjekt Maria, braucht man den Rückbezug si. Hennes bezeichnet hier eine andere Frau.
5. Das Geschlechtssystem bei weiblichen Nomen mischen
- Unpassend gemischt: boken mi
- Richtig: boka mi oder boken min
- Warum: Wer die weibliche Form verwendet, kombiniert normalerweise boka mit mi. Wer bok als gemeinsames Geschlecht behandelt, verwendet boken min.
6. Deres nur als „deren“ verstehen
- Missverständnis: Er dette bilen deres? nur als „Ist das deren Auto?“ lesen
- Richtig verstanden: Je nach Situation kann der Satz „Ist das euer Auto?“, „Ist das Ihr Auto?“ oder „Ist das deren Auto?“ bedeuten.
- Warum: Deres dient sowohl für dere als auch für de. Der Gesprächskontext klärt die Bedeutung.
Hinweise zum Gebrauch
Die nachgestellte Form ist im modernen gesprochenen Bokmål sehr häufig und für neutrale Alltagssätze eine gute Standardwahl. Die vorangestellte Form ist keineswegs falsch. Sie klingt nur oft stärker hervorgehoben: Dette er mitt ansvar betont eher „meine Verantwortung“, während Dette er ansvaret mitt die Zugehörigkeit neutral feststellt. Der genaue Eindruck hängt auch von Satzmelodie, Region und Textsorte ab.
Hans und hennes nennen das natürliche Geschlecht einer Person, während dens und dets grammatisch auf den beziehungsweise det zurückverweisen können. Dens und dets begegnen einem eher in sachlicher oder schriftlicher Sprache; im Alltag wird ein Satz häufig umformuliert, wenn der Bezug sonst steif oder unklar wäre.
Bei Körperteilen und Kleidung verwendet Norwegisch oft einfach die bestimmte Form, wenn der Besitzer aus der Situation eindeutig ist: Jeg vasker hendene („Ich wasche mir die Hände“) oder Ta på deg jakka („Zieh dir die Jacke an“). Ein Possessiv ist möglich, wenn Besitz oder Gegensatz ausdrücklich wichtig ist, aber nicht immer nötig. Deutschsprachige sollten daher nicht jedes „mein/dein“ automatisch übertragen.
Dieser Artikel beschreibt Bokmål. Nynorsk besitzt ein verwandtes, aber nicht vollständig gleiches Formensystem. Beim Lernen ist es sinnvoll, Beispiele aus beiden Schriftsprachen nicht unbeabsichtigt zu vermischen.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Feinheiten muss man auf A1 noch nicht sicher beherrschen; sie werden jedoch in längeren Texten und komplexeren Sätzen wichtig.
Sin gilt innerhalb seines eigenen Satzteils
In Sätzen mit einem Nebensatz kann sich der Bezug ändern, weil der Nebensatz ein eigenes Subjekt hat:
- Kari sier at Per selger bilen sin. – Kari sagt, dass Per sein eigenes Auto verkauft.
- Kari sier at Per selger bilen hennes. – Kari sagt, dass Per ihr, also Karis, Auto verkauft.
Im ersten Satz ist Per das Subjekt des Nebensatzes; deshalb verweist sin auf Per, nicht auf Kari. Solche Sätze sollte man langsam lesen und zuerst für jeden Satzteil das Subjekt bestimmen.
Sin steht normalerweise nicht in der Nomengruppe des Subjekts
Soll die Zugehörigkeit Teil des Subjekts selbst sein, verwendet man gewöhnlich hans, hennes oder deres: Kari og mannen hennes kommer i kveld („Kari und ihr Mann kommen heute Abend“). Mannen sin kann hier nicht einfach neutral auf Kari zurückverweisen, denn innerhalb der gesamten Gruppe gibt es noch kein passendes übergeordnetes Subjekt für diesen Rückbezug.
Mehrdeutigkeit bewusst auflösen
Hans, hennes und besonders deres können mehrere mögliche Personen meinen. Auch sin kann in sehr verschachtelten Sätzen schwer zuzuordnen sein. Gute norwegische Texte wiederholen deshalb bei Bedarf einen Namen oder ein Nomen: Kari tok bilen til Per („Kari nahm Pers Auto“) ist manchmal klarer als ein mehrdeutiges Possessiv.
Zugehörigkeit ist weiter als Eigentum
Possessiva stehen nicht nur bei Dingen, die jemand besitzt. Sie bezeichnen ebenso Beziehungen und persönliche Bezüge: moren min („meine Mutter“), legen hennes („ihre Ärztin/ihr Arzt“), ideen vår („unsere Idee“) oder byen deres („ihre/eure Stadt“). Deshalb ist „Besitz“ nur eine praktische Kurzbezeichnung für ein breiteres grammatisches Verhältnis.
Übungstipps
- Lerne jedes Nomen mit Artikel und Possessiv. Notiere nicht nur hus, sondern et hus – huset mitt. So werden Geschlecht, bestimmte Form und Possessiv gemeinsam abgespeichert.
- Bilde jedes Beispiel in beiden Wortstellungen. Vergleiche telefonen min mit min telefon und sprich den zweiten Satz mit hörbarer Betonung. Achte darauf, dass nur das nachgestellte Muster die bestimmte Nomenform verwendet.
- Trainiere sin mit kleinen Personenwechseln. Schreibe etwa Per finner boka si, Kari finner boka si und De finner boka si. Tausche danach si gegen hans oder hennes aus und erkläre, wem das Buch nun gehört.
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