Unpersönliche Konstruktionen im Norwegischen
Upersonlige Konstruksjoner
Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Mit man spricht man allgemein über Menschen, ohne eine bestimmte Person zu nennen: Man kan ikke like alle. Mit det und einem Passiv oder einer festen Wendung stellt man dagegen eine Aussage, Empfehlung oder Situation in den Mittelpunkt: Det sies at …, Det anbefales å …, Det er viktig å …. Das norwegische det entspricht dabei häufig dem deutschen „es“, aber die Konstruktionen beider Sprachen sind nicht immer Wort für Wort gleich.
Überblick
Eine unpersönliche Konstruktion nennt keinen konkreten Handelnden. Statt „Kari empfiehlt eine Reservierung“ kann man also allgemeiner sagen: Det anbefales å bestille – „Es wird empfohlen zu reservieren“. Solche Sätze begegnen dir in Gesprächen, Anleitungen, Nachrichten, Hinweisschildern und offiziellen Texten.
Auf B1-Niveau sind vor allem drei Muster wichtig: das allgemeine Pronomen (ein Fürwort) man, das formale Muster det + s-Passiv und feste Ausdrücke mit det. Beim Passiv steht nicht die handelnde Person, sondern die Handlung oder ihr Ergebnis im Vordergrund. Das s-Passiv bildet man durch ein -s am Verb, zum Beispiel sier → sies und anbefaler → anbefales.
Für Deutschsprachige wirkt vieles zunächst vertraut: norwegisch man ähnelt deutschem „man“, und det ähnelt oft „es“. Gerade diese Nähe kann jedoch zu Fehlern verleiten. Norwegisch bevorzugt in vielen sachlichen Formulierungen ein kurzes s-Passiv, wo im Deutschen „werden + Partizip“ steht. Außerdem kann norwegisches man nur als Subjekt verwendet werden.
So funktioniert es
1. man: Menschen im Allgemeinen
Man ist ein unbestimmtes Subjekt: Es meint Menschen allgemein, eine typische Person oder eine nicht näher genannte Gruppe. Je nach Zusammenhang übersetzt man es mit „man“, gelegentlich auch mit einem allgemeinen „du“ oder mit „die Leute“.
| Satzmuster | Norwegisches Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|
| man + Verb | Man lærer av feil. | Man lernt aus Fehlern. |
| man + Modalverb + Infinitiv | Man må vente. | Man muss warten. |
| man + skal ikke + Infinitiv | Man skal ikke løpe her. | Man soll hier nicht laufen. |
| Nebensatz mit man | Jeg tror at man må øve. | Ich glaube, dass man üben muss. |
Das Verb steht bei man in derselben Form wie bei han oder hun. Im Präsens ist das leicht zu erkennen: man er, man har, man kan, man lærer. Man schließt die sprechende Person je nach Kontext mit ein, muss es aber nicht tun.
Wie im Deutschen steht im norwegischen Hauptsatz das finite Verb – also der Teil des Verbs, der Zeit oder Modalität ausdrückt – an zweiter Stelle. Beginnt der Satz mit einer anderen Angabe, folgt das Verb vor man:
- I Norge snakker man norsk. – In Norwegen spricht man Norwegisch.
- Etter møtet kan man stille spørsmål. – Nach der Sitzung kann man Fragen stellen.
Norwegisches man hat keine eigene Objektform. Wenn die allgemeine Person nicht das Subjekt ist, verwendet man häufig en:
- Slikt gjør en nervøs. – So etwas macht einen nervös.
- Det kan hjelpe en å forstå. – Das kann einem beim Verstehen helfen.
En kommt besonders in gesprochener Sprache auch als allgemeines Subjekt vor: En lærer så lenge en lever. In neutraler Standardsprache ist man als Subjekt meist die einfachste Wahl. Die Possessivform (eine Form für Zugehörigkeit) lautet ens: Det påvirker ens valg – „Das beeinflusst die eigenen Entscheidungen“. Bezieht sich der Besitz eindeutig auf das Subjekt man, ist auch das reflexive sin/sitt/sine sehr gebräuchlich: Man må passe på tingene sine – „Man muss auf seine Sachen aufpassen“.
2. det + s-Passiv: Aussage ohne genannten Urheber
Bei det sies, det antas oder det forventes ist det ein formales Subjekt. Es verweist nicht auf einen konkreten Gegenstand. Der eigentliche Inhalt folgt meistens in einem at-Satz oder als Infinitiv mit å.
| Muster | Beispiel | Typische Funktion |
|---|---|---|
| det + Passiv + at-Satz | Det sies at veien er stengt. | Bericht, Behauptung oder Annahme |
| det + Passiv + å-Infinitiv | Det anbefales å bestille bord. | allgemeine Empfehlung |
| det + Modalverb + Passiv | Det må tas hensyn til været. | Notwendigkeit oder Vorschrift |
| det + Passiv + Fragewortsatz | Det undersøkes hvorfor feilen oppstod. | offene Untersuchung oder Frage |
Ein at-Satz ist ein Nebensatz mit at („dass“). Dort steht die Verneinung vor dem finiten Verb: Det sies at han ikke er hjemme. Im Hauptsatz steht ikke dagegen normalerweise nach dem ersten Verb: Det blir ikke sagt noe om prisen.
Das s-Passiv ist besonders knapp und sachlich. Häufige Formen sind:
- sies – wird gesagt
- antas – wird angenommen
- forventes – wird erwartet
- anbefales – wird empfohlen
- kreves – wird verlangt / ist erforderlich
- tillates – wird erlaubt / ist erlaubt
Nicht jeder deutsche unpersönliche Passivsatz sollte mechanisch mit det beginnen. Wenn bereits etwas anderes das grammatische Subjekt ist, steht dieses direkt: Billetter selges på nettet – „Karten werden im Internet verkauft“. Det braucht man vor allem dann, wenn der nachfolgende Satzinhalt die eigentliche Mitteilung bildet: Det forventes at alle møter presis.
3. Feste unpersönliche Wendungen mit det
Viele alltägliche Aussagen sind nicht passiv, funktionieren aber ebenfalls ohne persönliche handelnde Person.
| Wendung | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| det er + Adjektiv + å … | Bewertung einer Handlung | Det er vanskelig å velge. |
| det er + Adjektiv + at … | Bewertung eines Sachverhalts | Det er bra at du kom. |
| det går an å … | etwas ist möglich | Det går an å betale med kort. |
| det lønner seg å … | etwas lohnt sich | Det lønner seg å bestille tidlig. |
| det gjelder å … | es kommt darauf an, etwas zu tun | Det gjelder å være tålmodig. |
| det kommer an på … | es hängt von etwas ab | Det kommer an på været. |
| det finnes … | es gibt / etwas ist vorhanden | Det finnes flere løsninger. |
| det mangler … | etwas fehlt | Det mangler to stoler. |
Nach einem Adjektiv wählt man å + Infinitiv, wenn eine Handlung allgemein bewertet wird: Det er viktig å lytte. Ein at-Satz passt, wenn ein vollständiger Sachverhalt genannt wird: Det er viktig at alle lytter. Im zweiten Satz hat der Nebensatz mit alle ein eigenes Subjekt.
man oder det?
Die Wahl hängt davon ab, welchen Blickwinkel du brauchst:
| Wenn im Mittelpunkt steht … | Nimm meist … | Beispiel |
|---|---|---|
| was Menschen allgemein tun können oder sollen | man | Man bør lese vilkårene. |
| eine sachliche Empfehlung ohne Handelnden | det + Passiv | Det anbefales å lese vilkårene. |
| eine Bewertung oder allgemeine Situation | feste Wendung mit det | Det er lurt å lese vilkårene. |
Die drei Sätze können dieselbe praktische Botschaft vermitteln, klingen aber unterschiedlich. Man bør … spricht die allgemeine Person relativ direkt an. Det anbefales … wirkt distanzierter und amtlicher. Det er lurt … klingt wie ein freundlicher, alltagstauglicher Rat.
Beispiele im Zusammenhang
| Norwegisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Man skal ikke løpe her. | Man soll hier nicht laufen. | allgemeine Regel mit man |
| Man kan ikke like alle. | Man kann nicht alle mögen. | allgemeine Erfahrung |
| I Norge tar man ofte av seg skoene inne. | In Norwegen zieht man drinnen oft die Schuhe aus. | Ortsangabe zuerst, daher Verb vor man |
| Når man er trøtt, gjør man lettere feil. | Wenn man müde ist, macht man leichter Fehler. | man im Neben- und Hauptsatz |
| Det sies at han er rik. | Es heißt, dass er reich ist. | unpersönliche Wiedergabe einer Aussage |
| Det antas at toget blir forsinket. | Es wird angenommen, dass der Zug Verspätung haben wird. | sachliche Annahme |
| Det forventes at alle møter presis. | Es wird erwartet, dass alle pünktlich erscheinen. | formelle Erwartung |
| Det anbefales å bestille bord. | Es wird empfohlen, einen Tisch zu reservieren. | Passiv mit Infinitiv |
| Det må tas hensyn til været. | Das Wetter muss berücksichtigt werden. | Modalverb und s-Passiv |
| Det er vanskelig å finne en billig leilighet. | Es ist schwierig, eine günstige Wohnung zu finden. | allgemeine Bewertung |
| Det er fint at du kunne komme. | Es ist schön, dass du kommen konntest. | Bewertung eines Sachverhalts |
| Det går an å betale med kort. | Man kann mit Karte zahlen. | Möglichkeit; deutsche Übersetzung oft mit „man“ |
| Det lønner seg å kjøpe billetten på forhånd. | Es lohnt sich, die Fahrkarte im Voraus zu kaufen. | praktischer Rat |
| Det kommer an på hvor mye tid vi har. | Es hängt davon ab, wie viel Zeit wir haben. | feste Wendung |
| Det finnes ingen enkel løsning. | Es gibt keine einfache Lösung. | Vorhandensein ausdrücken |
Häufige Fehler
1. man wie ein persönliches Pronomen beugen
- Falsch: Det gjør man nervøs.
- Richtig: Det gjør en nervøs.
- Warum: Man kann nur Subjekt sein. Als Objekt im Sinn von „einen/einem“ verwendet man en.
2. Nach einer ersten Satzangabe die deutsche Wortstellung behalten
- Falsch: I Norge man snakker norsk.
- Richtig: I Norge snakker man norsk.
- Warum: Im norwegischen Hauptsatz steht das finite Verb an zweiter Stelle. Besetzt I Norge die erste Position, folgt sofort snakker.
3. Einen at-Satz und einen å-Infinitiv vermischen
- Falsch: Det er viktig å alle kommer presis.
- Richtig: Det er viktig at alle kommer presis.
- Auch richtig: Det er viktig å komme presis.
- Warum: Hat der Inhalt ein ausdrücklich genanntes eigenes Subjekt wie alle, braucht man hier at. Ohne eigenes Subjekt steht å + Infinitiv.
4. Das deutsche Passiv Wort für Wort nachbauen
- Falsch: Det blir anbefalt å bestille als automatische Standardlösung für jede allgemeine Empfehlung.
- Besser: Det anbefales å bestille.
- Warum: Die Form mit bli + Partizip ist grammatisch möglich, doch bei allgemeinen Empfehlungen und sachlichen Hinweisen ist das kurze s-Passiv oft natürlicher. Das Partizip ist eine Verbform wie anbefalt („empfohlen“).
5. det vor jedes Passiv setzen
- Unnatürlich: Det selges billettene på nettet.
- Richtig: Billettene selges på nettet.
- Warum: Die bestimmten billettene („die Karten“) sind bereits das Subjekt. Ein zusätzliches formales det ist hier nicht nötig.
6. ikke im Nebensatz zu spät setzen
- Falsch: Det sies at han er ikke hjemme.
- Richtig: Det sies at han ikke er hjemme.
- Warum: In einem gewöhnlichen Nebensatz steht ikke vor dem finiten Verb: at han ikke er.
Hinweise zum Gebrauch
Man ist neutral und in Gespräch wie Schriftsprache üblich. In direkter Alltagssprache verwendet man oft auch du, obwohl keine bestimmte angesprochene Person gemeint ist: Du vet aldri hva som skjer – sinngemäß „Man weiß nie, was passiert“. Du wirkt persönlicher; man hält mehr Abstand.
Das unpersönliche s-Passiv findet man besonders oft in Regeln, Behördeninformationen, Berichten und sachlichen Empfehlungen. Det bes om at døren holdes lukket wirkt deutlich offizieller als Vennligst hold døren lukket („Bitte die Tür geschlossen halten“). In einem freundlichen Gespräch sind aktive Formulierungen oder det er lurt å … oft natürlicher als ein schwerer Passivstil.
Bei Aussagen über Gerüchte oder verbreitete Ansichten unterscheiden sich die Zeitformen. Det sies at … bezeichnet etwas, das allgemein gesagt wird. Det ble sagt at … bezieht sich eher auf eine konkrete vergangene Äußerung. Det har blitt sagt at … bedeutet, dass etwas bereits geäußert worden ist. Hier konkurriert das s-Passiv mit dem bli-Passiv; die Wahl verändert Perspektive und Zeitbezug.
Ein wichtiger Unterschied zum Deutschen zeigt sich bei Übersetzungen. Norwegisches det går an å … wird häufig mit „man kann …“ wiedergegeben, obwohl im norwegischen Satz gar kein man steht. Umgekehrt kann deutsches „es wird empfohlen“ im Norwegischen sehr knapp als det anbefales erscheinen, ohne ein eigenes Wort für „wird“.
Über die Grundlagen hinaus
Unpersönlich bedeutet nicht immer bedeutungsgleich
Aktiv, Passiv und feste Wendung können dieselbe Handlung nennen, aber unterschiedliche Verantwortung vermitteln:
- Man må sende søknaden innen fredag. – allgemeine Pflicht der betroffenen Personen
- Søknaden må sendes innen fredag. – die Einreichung und Frist stehen im Mittelpunkt
- Det kreves at søknaden sendes innen fredag. – formelle Anforderung einer Institution
Wer viel formelles Norwegisch liest, sollte deshalb nicht nur die Grammatik erkennen, sondern auch auf den Ton achten. Ein Passiv kann den Urheber bewusst offenlassen. In klarem Alltagstext ist ein aktiver Satz oft leichter verständlich.
Vorläufiges det und ein Inhaltssatz
In Det er overraskende at hun takket nei kündigt det den späteren at-Satz an. Der Inhalt „dass sie Nein sagte“ wird erst nach der Bewertung genannt. Dieses Muster erlaubt es, neue oder längere Information ans Satzende zu stellen, wo sie im Norwegischen meist gut verständlich ist.
Manchmal kann der Inhalt auch als Infinitivgruppe folgen: Det var hyggelig å møte deg. Wer die Handlung tatsächlich ausführt, ergibt sich dann aus dem Zusammenhang. Wenn Missverständnisse möglich sind, ist ein Satz mit ausdrücklich genanntem Subjekt klarer: Det var hyggelig at vi kunne møtes.
en als stilistische Alternative
Die allgemeine Subjektform en ist real und gebräuchlich, ihre Häufigkeit hängt jedoch von Sprecher, Region und Stil ab. Für Lernende ist eine stabile Grundregel hilfreich: zunächst man als allgemeines Subjekt lernen und en sicher als Objekt erkennen. Später kannst du in authentischen Texten beobachten, wann Muttersprachler en auch als Subjekt wählen.
Übungstipps
- Formuliere denselben Rat dreimal. Schreibe etwa „früh buchen“ als Man bør bestille tidlig, Det anbefales å bestille tidlig und Det er lurt å bestille tidlig. Notiere daneben: direkt, sachlich oder freundlich.
- Markiere beim Lesen die Fortsetzung nach det. Suche in norwegischen Nachrichten oder Hinweisen nach det sies, det forventes und det er viktig. Unterstreiche anschließend den at-Satz oder den å-Infinitiv.
- Trainiere die zweite Verbposition. Stelle vor fünf Sätze mit man jeweils eine Zeit- oder Ortsangabe: I dag må man …, På jobben kan man …, Etterpå bør man …. So übst du die Konstruktion zusammen mit natürlichem Satzbau.
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