Das Passiv im Finnischen
Passiivi
Dieser Artikel ist Teil des Finnisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das finnische Passiv bezeichnet meist eine Handlung durch nicht näher genannte Menschen: Täällä puhutaan suomea bedeutet „Hier spricht man Finnisch“ oder „Hier wird Finnisch gesprochen“. Es hat nur eine Form für alle Personen und wird in der gesprochenen Sprache außerdem sehr häufig für „wir“ verwendet: Mennään! – „Gehen wir!“
Überblick
Das finnische passiivi heißt zwar „Passiv“, funktioniert aber nicht ganz wie das deutsche Passiv mit werden und einem Partizip. Im Mittelpunkt steht nicht eine bestimmte handelnde Person, sondern die Handlung selbst. Wer etwas tut, bleibt offen, ist allgemein bekannt oder spielt keine Rolle. Deshalb passt im Deutschen neben dem Passiv oft auch eine Übersetzung mit man: Ovet suljetaan kuudelta kann sowohl „Die Türen werden um sechs geschlossen“ als auch „Man schließt die Türen um sechs“ heißen.
Dieses Thema wird ungefähr auf B1-Niveau wichtig, weil die Form im finnischen Alltag überall vorkommt: in Hinweisen, Rezepten, Nachrichten, allgemeinen Aussagen und Vorschlägen. Besonders häufig hört man das Passiv in Gesprächen als Ersatz für die erste Person Plural, also für wir. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Deutschen: Me mennään kotiin sieht wörtlich wie ein Passiv aus, bedeutet umgangssprachlich aber „Wir gehen nach Hause“.
Grammatisch hat der finnische Passivsatz normalerweise kein ausgesprochenes Subjekt (die Person oder Sache, die im Satz handelt). Ein vorhandenes Nomen kann das Objekt sein, also das, worauf sich die Handlung richtet. In Talo rakennetaan („Das Haus wird gebaut“) ist talo im Finnischen deshalb kein handelndes Subjekt, auch wenn „das Haus“ in der deutschen Übersetzung zum Subjekt wird.
So funktioniert es
Eine Form statt sechs Personenformen
Im Aktiv ändert sich das Verb je nach Person: minä puhun („ich spreche“), me puhumme („wir sprechen“). Das Passiv hat dagegen keine verschiedenen Personenformen:
| Funktion | Finnisch | Deutsch |
|---|---|---|
| Aktiv, ich | minä puhun | ich spreche |
| Aktiv, wir | me puhumme | wir sprechen |
| Passiv | puhutaan | man spricht / es wird gesprochen |
Die Endung des bejahten Präsens enthält meist -taan/-tään, kann je nach Verbtyp aber auch als -daan/-dään, -laan/-llään, -naan/-nnään, -raan/-rrään oder -staan/-stään erscheinen. Die Vokalharmonie bestimmt, ob die Form hintere Vokale (a, o, u) oder vordere Vokale (ä, ö, y) verwendet: puhutaan, aber kysytään.
Bildung im Präsens
Bei Verben des Typs 1 wird die Form aus einem schwachen Verbstamm gebildet. Der Stamm ist der Teil des Verbs, an den Endungen treten. Ein Stammvokal a/ä wird dabei vor -taan/-tään häufig zu e: ottaa → otetaan, ymmärtää → ymmärretään. Bei anderen Verbtypen lässt sich die Form oft gut vom Infinitiv, also von der Wörterbuchform des Verbs, ableiten. In der Praxis lohnt es sich, die Passivform zusammen mit jeder neuen Wörterbuchform zu lernen.
| Verbtyp | Infinitiv | Aktiv „ich“ | Passiv Präsens | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | puhua | puhun | puhutaan | man spricht |
| 1 | lukea | luen | luetaan | man liest |
| 1 | ottaa | otan | otetaan | man nimmt |
| 2 | syödä | syön | syödään | man isst |
| 2 | tehdä | teen | tehdään | man macht |
| 3 | tulla | tulen | tullaan | man kommt |
| 3 | mennä | menen | mennään | man geht |
| 4 | haluta | haluan | halutaan | man möchte |
| 4 | tavata | tapaan | tavataan | man trifft sich |
| 5 | tarvita | tarvitsen | tarvitaan | man braucht |
| 6 | vanheta | vanhenen | vanhetaan | man wird älter |
Für die Typen 3 bis 6 ist ein nützliches Muster, an den Infinitiv -an/-än anzuschließen: tulla + an → tullaan, mennä + än → mennään, haluta + an → halutaan. Beim Verbtyp 2 wird -da/-dä zur entsprechenden Passivendung: juoda → juodaan, syödä → syödään. Tehdä → tehdään und nähdä → nähdään sollte man als häufige Formen besonders gut einprägen.
Lautwechsel im Stamm, die sogenannte Stufenwechsel, müssen mitgelernt werden. Dabei wechseln bestimmte Konsonanten je nach Form: lukea → luetaan, antaa → annetaan, tavata → tavataan. Die aktive Ich-Form allein verrät die Passivform daher nicht immer zuverlässig.
Verneinung
Für die Verneinung steht ei vor einer verkürzten Passivform. Ei verändert sich hier nicht nach Personen. Aus der bejahten Form lässt sich die negative Form oft leicht gewinnen, indem das abschließende -an/-än wegfällt:
| Bejaht | Verneint | Deutsch |
|---|---|---|
| puhutaan | ei puhuta | man spricht / man spricht nicht |
| syödään | ei syödä | man isst / man isst nicht |
| mennään | ei mennä | man geht / man geht nicht |
| tehdään | ei tehdä | man macht / man macht nicht |
Anders als im Deutschen kommt also kein eigenes Wort für „werden“ hinzu. Nicht: ei puhutaan, sondern ei puhuta.
Fragen, Vorschläge und Aufforderungen
Fragen entstehen mit dem angehängten Fragepartikel -ko/-kö:
- Puhutaanko täällä ruotsia? – „Spricht man hier Schwedisch?“
- Mennäänkö? – „Gehen wir?“ / „Sollen wir gehen?“
- Aloitetaanko nyt? – „Fangen wir jetzt an?“
Ohne Fragezeichen kann dieselbe Form eine gemeinsame Aufforderung ausdrücken:
- Mennään! – „Gehen wir!“ / „Los geht’s!“
- Syödään ensin. – „Essen wir zuerst.“
- Ei puhuta siitä nyt. – „Reden wir jetzt nicht darüber.“
Diese Verwendung ist im Gespräch so üblich, dass sie nicht steif oder unpersönlich klingt.
Das Objekt im Passivsatz
Ein Gesamtobjekt bezeichnet etwas, das vollständig betroffen oder als abgeschlossen dargestellt wird. Im finnischen Passiv steht ein solches Objekt gewöhnlich im Nominativ, also in der Grundform:
- Ovi suljetaan. – „Die Tür wird geschlossen.“
- Kirja luetaan loppuun. – „Das Buch wird zu Ende gelesen.“
- Talot rakennetaan ensi vuonna. – „Die Häuser werden nächstes Jahr gebaut.“
Das überrascht deutschsprachige Lernende, weil man in einem entsprechenden Aktivsatz oft eine andere Objektform sieht: Suljen oven („Ich schließe die Tür“), aber Ovi suljetaan. Die Grundform ovi macht das Nomen dennoch nicht zum Handelnden.
Der Partitiv, ein finnischer Fall für unter anderem unbestimmte Mengen, laufende Vorgänge und verneinte Objekte, bleibt auch im Passiv wichtig:
- Kahvia juodaan paljon. – „Es wird viel Kaffee getrunken.“
- Taloa rakennetaan parhaillaan. – „Das Haus wird gerade gebaut.“
- Kirjaa ei lueta tänään. – „Das Buch wird heute nicht gelesen.“
Bei Personalpronomen haben vollständige Objekte besondere Formen auf -t: minut kutsutaan („ich werde eingeladen“), hänet tunnetaan („man kennt ihn/sie“), meidät valitaan („wir werden ausgewählt“).
Beispiele im Zusammenhang
| Finnisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Täällä puhutaan suomea. | Hier wird Finnisch gesprochen. | Allgemeine Aussage; die Sprechenden bleiben ungenannt. |
| Suomessa juodaan paljon kahvia. | In Finnland trinkt man viel Kaffee. | Typische Gewohnheit; kahvia steht im Partitiv. |
| Mennäänkö? | Sollen wir gehen? | Sehr häufige Frage mit der Bedeutung „wir“. |
| Nyt lähdetään kotiin! | Jetzt gehen wir nach Hause! | Umgangssprachliche gemeinsame Aufforderung. |
| Sanotaan, että talvi tulee aikaisin. | Man sagt, dass der Winter früh kommt. | Feste unpersönliche Einleitung. |
| Mitä täällä tehdään? | Was macht man hier? | Frage nach einer allgemeinen oder aktuellen Tätigkeit. |
| Kokous pidetään huomenna. | Die Besprechung findet morgen statt. | Wörtlich: „Die Besprechung wird abgehalten.“ |
| Ovet suljetaan kello kuusi. | Die Türen werden um sechs geschlossen. | Vollständig betroffene Objekte in der Grundform. |
| Tätä kirjaa luetaan kouluissa. | Dieses Buch wird in Schulen gelesen. | Der Partitiv stellt das Lesen als Tätigkeit dar. |
| Meillä ei puhuta työasioista illalla. | Bei uns spricht man abends nicht über die Arbeit. | Verneinung mit ei und der Kurzform puhuta. |
| Minut kutsutaan usein mukaan. | Ich werde oft mit eingeladen. | Personalpronomen als Gesamtobjekt: minut. |
| Talo rakennettiin viime vuonna. | Das Haus wurde letztes Jahr gebaut. | Passiv im Imperfekt; die Vergangenheit wird unten kurz erklärt. |
| Asiasta on puhuttu jo paljon. | Über die Sache ist schon viel gesprochen worden. | Zusammengesetzte Vergangenheitsform. |
Häufige Fehler
Das Passiv wie eine Personenform verwenden
- Falsch im Standardfinnischen: Minä puhutaan suomea.
- Richtig: Minä puhun suomea. – „Ich spreche Finnisch.“
- Warum: Das Passiv hat keine Ich-Form. Bei „ich“ braucht man das aktive Verb. Me puhutaan ist zwar in der gesprochenen Sprache für „wir sprechen“ üblich, gehört aber nicht in jeden formellen Text.
Die bejahte Form nach ei stehen lassen
- Falsch: Täällä ei puhutaan saksaa.
- Richtig: Täällä ei puhuta saksaa.
- Warum: Nach ei steht die verkürzte Form ohne abschließendes -an/-än.
Die Passivform nur aus der deutschen Übersetzung erraten
- Falsch: mennetään
- Richtig: mennään
- Warum: Die Form richtet sich nach dem finnischen Verbtyp. Gerade häufige Verben wie mennä, tulla, tehdä und nähdä sollten mit ihrer Passivform gelernt werden.
Das Gesamtobjekt nach dem Muster des Aktivsatzes bilden
- Falsch: Oven suljetaan kello kuusi.
- Richtig: Ovi suljetaan kello kuusi.
- Warum: Das vollständig betroffene Objekt steht im Passiv normalerweise in der Grundform. Bei Verneinung oder einer nicht abgeschlossenen Handlung ist dagegen oft der Partitiv nötig: Ovea ei suljeta; ovea suljetaan parhaillaan.
Eine deutsche „von“-Angabe wörtlich nachbauen
- Unnatürlich: ein Passivsatz, in dem die handelnde Person nur nach deutschem Muster mit „von“ ergänzt wird
- Natürlich: Arkkitehti suunnitteli talon. – „Der Architekt entwarf das Haus.“
- Warum: Das finnische Passiv dient gerade dazu, die handelnde Person offen zu lassen. Ist sie wichtig, klingt ein Aktivsatz meist natürlicher. In amtlicher Sprache gibt es zwar Konstruktionen wie hallituksen toimesta („durch die Regierung“), doch im Alltag wirken sie schwerfällig.
Hinweise zum Gebrauch
Das finnische Passiv setzt prototypisch eine menschliche, aber nicht genauer bezeichnete handelnde Person oder Gruppe voraus. Täällä tanssitaan bedeutet, dass Menschen hier tanzen. Für einen Vorgang, der ohne handelnde Person geschieht, verwendet Finnisch oft ein intransitives Verb, also ein Verb ohne direktes Objekt: Ovi avautuu („Die Tür öffnet sich“) statt einer künstlichen Passivkonstruktion.
In Anleitungen und Rezepten klingt das Passiv sachlich und freundlich, weil niemand direkt angesprochen werden muss: Ensin sipuli pilkotaan. Sitten lisätään tomaatit. – „Zuerst wird die Zwiebel gehackt. Dann werden die Tomaten hinzugefügt.“ Auch Regeln und Öffnungszeiten werden häufig so formuliert: Kirjastossa puhutaan hiljaa („In der Bibliothek spricht man leise“).
Für „wir“ unterscheiden sich Standardsprache und lockere Umgangssprache deutlich:
| Situation | Finnisch | Deutsch |
|---|---|---|
| neutrale Standardsprache | Me menemme kotiin. | Wir gehen nach Hause. |
| normale Umgangssprache | Me mennään kotiin. | Wir gehen nach Hause. |
| Vorschlag, Pronomen entfällt | Mennään kotiin! | Gehen wir nach Hause! |
In einem formellen Bericht oder einer sorgfältig geschriebenen Nachricht ist me menemme die sichere Wahl. Im alltäglichen Gespräch kann ausschließlich die Standardform dagegen etwas betont oder förmlich wirken. Das Pronomen me wird oft genannt, wenn die Gruppe ausdrücklich hervorgehoben oder einem anderen Personenkreis gegenübergestellt wird: Me mennään bussilla, he menevät autolla („Wir fahren mit dem Bus, sie fahren mit dem Auto“).
Über die Grundlagen hinaus
Das Präsens ist nur ein Teil des Passivsystems. In der Vergangenheit und im Konditional bleibt die Grundidee gleich: Die handelnden Menschen werden nicht genannt. Die wichtigsten Formen lassen sich an puhua erkennen:
| Form | Bejaht | Verneint | Typische Übersetzung |
|---|---|---|---|
| Präsens | puhutaan | ei puhuta | man spricht / es wird gesprochen |
| Imperfekt | puhuttiin | ei puhuttu | man sprach / es wurde gesprochen |
| Perfekt | on puhuttu | ei ole puhuttu | man hat gesprochen / es ist gesprochen worden |
| Konditional | puhuttaisiin | ei puhuttaisi | man würde sprechen / es würde gesprochen |
Das Partizip (eine Verbform, die in zusammengesetzten Zeiten verwendet wird) lautet hier puhuttu. Weitere häufige Formen sind tehty von tehdä, syöty von syödä und menty von mennä: Työ on tehty („Die Arbeit ist erledigt worden“), Siellä ei ole vielä käyty („Dort ist man noch nicht gewesen“).
Die Vergangenheitsformen verdienen ein eigenes Lernkapitel, weil Stammwechsel und Endungen zusätzliche Muster bilden. Für das B1-Grundverständnis genügt zunächst der sichere Kontrast: tehdään bezeichnet Gegenwart oder Zukunft, tehtiin eine vergangene Handlung und on tehty ein Ergebnis mit Bezug zur Gegenwart.
Fortgeschrittene Lernende sollten außerdem beachten, dass die umgangssprachliche „wir“-Bedeutung auch in andere Zeiten reicht: me mentiin („wir gingen“), me ollaan tehty („wir haben gemacht“) und me mentäisiin („wir würden gehen“). In konsequenter Standardsprache stehen dafür me menimme, me olemme tehneet und me menisimme.
Lerntipps
- Lerne drei Formen als Paket. Notiere bei einem neuen Verb Infinitiv, Ich-Form und Passiv: lukea – luen – luetaan, tavata – tapaan – tavataan. So werden Verbtyp und Stufenwechsel sichtbar.
- Übersetze nicht immer mit „werden“. Formuliere jeden Beispielsatz einmal mit deutschem Passiv und einmal mit man. Bei Suomessa saunotaan paljon ist „In Finnland geht man oft in die Sauna“ meist natürlicher als eine wörtliche Passivübersetzung.
- Achte beim Hören auf „wir“. Sammle Sätze wie mennäänkö, syödään und lähdetään. Entscheide jeweils: Ist die Aussage wirklich unpersönlich, oder plant die sprechende Person etwas gemeinsam mit anderen?
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Präsens – die aktiven Personenformen und Verbstämme erleichtern den Vergleich mit dem Passiv.
- Nächster Schritt: Passiv in den Vergangenheitsformen – behandelt puhuttiin, on puhuttu und weitere Vergangenheitsformen ausführlich.
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