Die Kausativform (使役形) im Japanischen
使役形
Dieser Artikel ist Teil des Japanisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Die Kausativform 使役形(しえきけい) drückt aus, dass jemand eine andere Person etwas tun lässt, sie dazu veranlasst oder zwingt: 食べる wird zu 食べさせる, „essen lassen“. Ob Erlaubnis oder Zwang gemeint ist, ergibt sich vor allem aus Situation, Wortwahl und Partikeln – die Form allein entscheidet das nicht.
Überblick
Im Deutschen verwendet man meist ein zusätzliches Verb: „Die Mutter lässt das Kind Gemüse essen“ oder „Die Mutter zwingt das Kind, Gemüse zu essen“. Im Japanischen wird dagegen das Verb der ausgeführten Handlung selbst umgeformt. Aus 読む „lesen“ wird zum Beispiel 読ませる „lesen lassen / zum Lesen bringen“.
Dabei gibt es gewöhnlich zwei beteiligte Personen. Der Veranlasser entscheidet, erlaubt oder bewirkt etwas. Die andere Person, hier Ausführender genannt, führt die eigentliche Handlung aus. In 母は私に野菜を食べさせました ist 母 „die Mutter“ der Veranlasser und 私 „ich“ der Ausführende. Die Partikel (ein kurzes Wort, das die Rolle eines Satzteils markiert) に zeigt hier, wer das Gemüse essen soll.
Die Kausativform gehört ungefähr zur Stufe B1. Ihre Bildung ist regelmäßig, sobald die drei japanischen Verbgruppen sicher erkannt werden. Anspruchsvoller ist die Auslegung: Dieselbe Form kann fürsorgliches Erlauben, eine neutrale Anweisung, unmittelbares Verursachen oder unerwünschten Zwang ausdrücken.
So funktioniert die Form
Das Grundmuster
Ein vollständiger Satz lässt sich so darstellen:
Veranlasser は/が + Ausführender に/を + weitere Ergänzungen + Verb im Kausativ
- は oder が kennzeichnet, wer die Handlung veranlasst.
- に oder を kennzeichnet, wer die Handlung ausführt.
- Das letzte Verb steht in der Kausativform.
Japanisch lässt bekannte Satzteile häufig weg. In 先に帰らせてください („Bitte lassen Sie mich früher gehen“) wird der Ausführende 私 nicht ausgesprochen, weil aus der Bitte klar ist, dass die sprechende Person gemeint ist.
Godan-Verben
Bei einem Godan-Verb (einem Verb, dessen Endsilbe beim Beugen durch mehrere Vokalreihen wandert) wird die letzte Silbe in die a-Reihe verschoben und せる angefügt. Bei Verben auf う lautet die entsprechende Form わ, nicht あ.
| Wörterbuchendung | Änderung | Grundform | Kausativform | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| う | わせる | 買う | 買わせる | kaufen lassen |
| く | かせる | 書く | 書かせる | schreiben lassen |
| ぐ | がせる | 泳ぐ | 泳がせる | schwimmen lassen |
| す | させる | 話す | 話させる | sprechen lassen |
| つ | たせる | 立つ | 立たせる | aufstehen lassen |
| ぬ | なせる | 死ぬ | 死なせる | sterben lassen |
| ぶ | ばせる | 遊ぶ | 遊ばせる | spielen lassen |
| む | ませる | 読む | 読ませる | lesen lassen |
| る | らせる | 取る | 取らせる | nehmen lassen |
Wichtig ist, nicht von der höflichen ます-Form auszugehen. 書く wird nicht über 書きます zu 書きさせる, sondern direkt zu 書かせる.
Ichidan-Verben
Bei einem Ichidan-Verb (einem Verb, bei dem vor る meist ein i- oder e-Laut steht und der Stamm beim Beugen gleich bleibt) fällt das abschließende る weg; danach kommt させる.
| Grundform | Stamm | Kausativform | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 食べる | 食べ | 食べさせる | essen lassen |
| 見る | 見 | 見させる | sehen / ansehen lassen |
| 起きる | 起き | 起きさせる | aufstehen lassen |
| 考える | 考え | 考えさせる | nachdenken lassen |
Nicht jedes Verb auf いる oder える ist automatisch ein Ichidan-Verb. Häufige Godan-Ausnahmen wie 入る → 入らせる und 帰る → 帰らせる müssen mit ihrer Verbgruppe gelernt werden.
Die beiden unregelmäßigen Verben
| Grundform | Kausativform | Bedeutung |
|---|---|---|
| する | させる | tun lassen |
| 来る(くる) | 来させる(こさせる) | kommen lassen |
Bei zusammengesetzten Verben mit する wird ebenfalls させる verwendet: 勉強する → 勉強させる, „lernen lassen“.
Die fertige Form weiter beugen
Kausativformen enden auf せる oder させる und werden anschließend wie Ichidan-Verben gebeugt. Man muss also nicht für jede Zeitform eine neue Bildungsregel lernen.
| Funktion | 食べさせる | 書かせる |
|---|---|---|
| schlichte Gegenwart/Zukunft | 食べさせる | 書かせる |
| höflich | 食べさせます | 書かせます |
| Verneinung | 食べさせない | 書かせない |
| Vergangenheit | 食べさせた | 書かせた |
| て-Form | 食べさせて | 書かせて |
に oder を für den Ausführenden?
Hier hilft zunächst die Unterscheidung zwischen transitiven und intransitiven Verben. Ein transitives Verb richtet sich auf ein direktes Objekt (die Person oder Sache, die unmittelbar von der Handlung betroffen ist), etwa 野菜を食べる „Gemüse essen“. Ein intransitives Verb hat kein solches Objekt, etwa 子供が遊ぶ „das Kind spielt“.
Bei einem transitiven Verb steht der Ausführende normalerweise mit に, weil を bereits das Objekt der eigentlichen Handlung markiert:
- 母は 私に 野菜を 食べさせました。 – Die Mutter brachte mich dazu, Gemüse zu essen.
- 先生は 学生に 作文を 書かせました。 – Die Lehrkraft ließ die Studierenden einen Aufsatz schreiben.
Bei einem intransitiven Verb ist を sehr häufig, besonders bei direkter Veranlassung oder Kontrolle:
- 先生は 学生を 立たせました。 – Die Lehrkraft ließ den Studenten aufstehen.
- その話は みんなを 笑わせました。 – Die Geschichte brachte alle zum Lachen.
Auch に kann bei intransitiven Verben vorkommen, besonders wenn die handelnde Person eigenen Willen und Spielraum behält. Deshalb ist die Faustregel „に bedeutet Erlaubnis, を bedeutet Zwang“ nützlich, aber nicht absolut. Bei transitiven Verben steht に auch in eindeutig zwingenden Situationen; を kann wiederum in fürsorglichen oder neutralen Sätzen stehen. Kontext, Verb und Verhältnis der Beteiligten sind entscheidend.
Erlauben, anweisen oder verursachen
Die deutsche Übersetzung mit „lassen“ verdeckt leicht, wie groß die Bedeutungsbreite ist:
| Lesart | Japanisches Beispiel | Natürliche deutsche Wiedergabe |
|---|---|---|
| Erlaubnis | 子供に外で遊ばせる | das Kind draußen spielen lassen |
| Anweisung | 部下に報告書を書かせる | den Mitarbeiter einen Bericht schreiben lassen |
| Zwang | 嫌いな物を食べさせる | jemanden zwingen, etwas Ungeliebtes zu essen |
| Ursache/Wirkung | みんなを笑わせる | alle zum Lachen bringen |
Wörter wie 自由に „frei“, 無理に „gegen den Willen / mit Gewalt“, 仕方なく „notgedrungen“ oder eine Bitte mit ください machen die beabsichtigte Lesart klarer.
Beispiele im Zusammenhang
| Japanisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| 母は私に野菜を食べさせました。 | Meine Mutter brachte mich dazu, Gemüse zu essen. | Transitives Verb: Ausführender mit に, Objekt mit を |
| 先生は学生を立たせました。 | Die Lehrkraft ließ den Studenten aufstehen. | Direkte Veranlassung bei einem intransitiven Verb |
| 子供を遊ばせています。 | Ich lasse die Kinder spielen. | Der Veranlasser ist aus dem Zusammenhang zu ergänzen |
| 好きなことをさせてください。 | Bitte lassen Sie mich tun, was ich mag. | Bitte um Erlaubnis; 私 ist ausgelassen |
| 父は弟に車を洗わせました。 | Mein Vater ließ meinen jüngeren Bruder das Auto waschen. | 弟 ist Ausführender, 車 ist Objekt |
| 部長は田中さんに報告書を書かせました。 | Der Abteilungsleiter ließ Herrn Tanaka einen Bericht schreiben. | Je nach Situation Anweisung oder Druck |
| 今日は私に払わせてください。 | Lassen Sie mich heute bitte bezahlen. | Höfliches Angebot mithilfe der Kausativform |
| 患者を少し休ませてください。 | Lassen Sie den Patienten bitte ein wenig ruhen. | 休む ist intransitiv |
| 先生は学生に自分で答えを考えさせました。 | Die Lehrkraft ließ die Studierenden selbst über die Antwort nachdenken. | Pädagogische Veranlassung, nicht unbedingt Zwang |
| 子供に好きな服を選ばせました。 | Ich ließ das Kind seine Kleidung selbst auswählen. | に passt zum transitiven 選ぶ und zur erlaubenden Lesart |
| 会社は社員を長時間働かせました。 | Die Firma ließ die Beschäftigten lange arbeiten. | Der Kontext legt unerwünschten Zwang nahe |
| 彼の冗談はみんなを笑わせました。 | Sein Witz brachte alle zum Lachen. | Unbelebte Ursache statt einer anweisenden Person |
| その知らせは家族を安心させました。 | Die Nachricht beruhigte die Familie. | Wörtlich: „brachte die Familie dazu, erleichtert zu sein“ |
| 娘に留学させてあげたいです。 | Ich möchte meiner Tochter ermöglichen, im Ausland zu studieren. | てあげる betont die gewährte Möglichkeit |
Häufige Fehler
Die ます-Basis eines Godan-Verbs verwenden
- Falsch: 書きさせる
- Richtig: 書かせる
- Warum: Die Kausativform wird bei Godan-Verben aus der a-Reihe gebildet. 書く wird zu 書か + せる, nicht zu 書き + させる.
Bei Ichidan-Verben nur せる anhängen
- Falsch: 食べせる
- Richtig: 食べさせる
- Warum: Nach dem Stamm eines Ichidan-Verbs steht vollständig させる: 食べる → 食べさせる.
Verben auf う mit あ verbinden
- Falsch: 買あせる
- Richtig: 買わせる
- Warum: Die a-Reihen-Entsprechung von う ist in dieser Bildung わ: 買う → 買わせる, 会う → 会わせる.
Zwei Rollen mit を markieren
- Falsch: 母は私を野菜を食べさせました。
- Richtig: 母は私に野菜を食べさせました。
- Warum: Bei dem transitiven Verb 食べる markiert 野菜を bereits das direkte Objekt. Die Person, die essen soll, steht deshalb mit に.
に und を als sichere Übersetzung von „dürfen“ und „müssen“ behandeln
- Missverständlich: に sei immer Erlaubnis, を immer Zwang.
- Besser: Zuerst prüfen, ob das Grundverb transitiv ist und bereits ein Objekt mit を hat; danach den Kontext auswerten.
- Warum: 母は子供に薬を飲ませた kann trotz に heißen, dass die Mutter das Kind zum Einnehmen der Medizin zwang. 子供を遊ばせた kann trotz を eine freundliche Erlaubnis beschreiben.
Kausativ und Kausativ-Passiv verwechseln
- Kausativ: 母は私に野菜を食べさせました。 – „Meine Mutter brachte mich dazu, Gemüse zu essen.“
- Kausativ-Passiv: 私は母に野菜を食べさせられました。 – „Ich wurde von meiner Mutter gezwungen, Gemüse zu essen.“
- Warum: Im Kausativ ist der Veranlasser das grammatische Zentrum. Wer selbst etwas gegen seinen Willen tun musste, verwendet oft die längere Kausativ-Passivform.
Hinweise zum Gebrauch
Die Form ist nicht von sich aus unhöflich
Hierarchie und Situation prägen die Wirkung. Eine Lehrkraft kann sagen, dass sie Studierende etwas bearbeiten lässt; gegenüber einer ranghöheren Person klingt eine direkte Veranlassung dagegen schnell anmaßend. Höfliche Verbendungen wie させます ändern den sozialen Kern nicht automatisch: Sie machen den Satz höflicher formuliert, geben dem Sprecher aber nicht unbedingt das Recht, die Handlung anzuordnen.
Das Deutsche und Japanische bleiben ähnlich mehrdeutig
Auch deutsches „lassen“ kann Erlaubnis oder Veranlassung meinen. „Der Chef ließ sie früher gehen“ kann bedeuten, dass er es erlaubte; „Der Chef ließ sie den Bericht neu schreiben“ klingt eher nach einer Anweisung. Im Japanischen liefern に und を zusätzliche Hinweise, doch auch dort muss die Situation mitgedacht werden. Eine zwanghafte deutsche Übersetzung mit immer demselben Verb führt daher oft in die Irre.
Ausgelassene Personen müssen aus dem Kontext erschlossen werden
帰らせてください heißt normalerweise „Bitte lassen Sie mich gehen“, obwohl 私に fehlt. 帰らせてあげて kann dagegen „Lass ihn/sie gehen“ heißen. Beim Hören lohnt es sich, drei Fragen zu stellen: Wer entscheidet? Wer handelt tatsächlich? Was wird getan?
Manche Kausativformen wirken wie eigenständige Verben
笑わせる wird sehr häufig im Sinn von „zum Lachen bringen“ verwendet, 泣かせる als „zum Weinen bringen“ und 安心させる als „beruhigen“. Hier gibt niemand unbedingt einen Befehl. Die Kausativform beschreibt schlicht, dass eine Person, Sache oder Nachricht einen Zustand hervorruft.
Über die Grundlagen hinaus
させてください und verwandte Muster
Die て-Form des Kausativs verbindet sich häufig mit Verben des Gebens und Empfangens. Dadurch wird klarer, aus wessen Sicht die Erlaubnis betrachtet wird.
| Muster | Grundbedeutung | Typische Wirkung |
|---|---|---|
| ~させてください | Bitte erlauben Sie mir, … | direkte, höfliche Bitte |
| ~させてもらう | die Erlaubnis bekommen, … | die Erlaubnis aus Sicht des Handelnden |
| ~させていただく | die Erlaubnis erhalten, … | bescheiden und formell; häufig in beruflichen Situationen |
| ~させてくれる | jemand erlaubt mir/uns, … | betont die hilfreiche Entscheidung der anderen Person |
| ~させてあげる | jemandem erlauben/ermöglichen, … | aus Sicht dessen, der die Möglichkeit gewährt |
Beispiele:
- 先に帰らせてもらいました。 – „Ich durfte früher nach Hause gehen.“
- ここで説明させていただきます。 – „Gestatten Sie mir, dies hier zu erläutern.“
- 両親は私を自由に旅行させてくれました。 – „Meine Eltern ließen mich frei reisen.“
Besonders させていただく wird in formellen Ankündigungen oft gebraucht. Es klingt passend, wenn tatsächlich Zustimmung oder Entgegenkommen der anderen Seite vorausgesetzt wird. Ohne solchen Bezug kann es unnötig schwer oder überhöflich wirken.
Bei させてあげる ist Vorsicht angebracht: あげる stellt die Handlung als Gefallen des Veranlassers dar. Gegenüber Erwachsenen kann das gönnerhaft klingen, wenn ihnen lediglich eine selbstverständliche Freiheit „gewährt“ wird.
Lexikalisches Verb oder grammatischer Kausativ
Einige Verben bilden bereits ein festes transitiv–intransitives Paar. 見える bedeutet etwa „sichtbar sein“, 見せる hingegen „zeigen“. Daneben gibt es 見させる, den regulären Kausativ von 見る: „jemanden ansehen lassen“. Ähnlich ist 寝かせる ein sehr gebräuchliches Verb für „ins Bett bringen / hinlegen“, während 寝させる stärker als durchsichtig gebildetes „schlafen lassen“ verstanden werden kann. Solche Unterschiede lernt man am zuverlässigsten in ganzen Sätzen statt über eine einzige deutsche Übersetzung.
Kausativ-Passiv
Wird die Kausativform mit dem Passiv verbunden, entsteht die Bedeutung „dazu gebracht oder gezwungen werden, etwas zu tun“: 食べさせる → 食べさせられる. Diese Form rückt die Erfahrung des Ausführenden ins Zentrum und trägt häufig eine unerwünschte oder belastende Nuance. Sie ist ein eigener nächster Lernschritt.
Verkürzte umgangssprachliche Formen
In lockerer Sprache und je nach Region sind kürzere Varianten wie 行かす statt 行かせる oder 食べさす statt 食べさせる zu hören. Für neutrales Standardjapanisch, schriftliche Texte und Prüfungen sind die vollständigen Formen auf せる beziehungsweise させる die sichere Wahl.
Übungstipps
- Nach Verbgruppen sortieren: Nimm täglich je drei Godan-, Ichidan- und unregelmäßige Verben. Bilde zuerst den Kausativ und danach Verneinung, Vergangenheit und て-Form: 読む → 読ませる → 読ませない → 読ませた → 読ませて.
- Die Rollen farblich markieren: Unterstreiche in Beispielsätzen den Veranlasser, kreise den Ausführenden ein und markiere das direkte Objekt. So wird sichtbar, warum bei transitiven Verben meist に und を nebeneinander stehen.
- Drei Kontexte zu einer Form erfinden: Schreibe zu 帰らせる je einen Satz für Erlaubnis, dienstliche Anweisung und unerwünschten Zwang. Ergänze Wörter wie 自由に oder 無理に, damit nicht nur die Übersetzung, sondern auch der japanische Kontext die Lesart trägt.
Verwandte Grammatikthemen
- Voraussetzung: Potentialform – festigt das Umformen der japanischen Verbgruppen und die weitere Beugung abgeleiteter Formen.
- Nächster Schritt: Kausativ-Passiv – beschreibt, dass jemand selbst zu einer Handlung veranlasst oder gezwungen wurde.
- Vertiefung: Erlaubender Kausativ – behandelt die erlaubende Lesart sowie Muster mit てあげる, てもらう und てくれる genauer.
Voraussetzung
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