Die japanische Kausativ-Passiv-Form (使役受身形)
使役受身形
Dieser Artikel ist Teil des Japanisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Die 使役受身形(しえきうけみけい) drückt aus, dass jemand eine Handlung auf Veranlassung einer anderen Person ausführen musste: 飲む → 飲ませられる → 飲まされる „zum Trinken gebracht werden“. Bei 五段-Verben ist die verkürzte Form auf 〜される im Alltag besonders häufig; 一段-Verben behalten normalerweise 〜させられる.
Überblick
Die Kausativ-Passiv-Form verbindet zwei Blickrichtungen: Der Kausativ sagt, dass jemand eine Handlung veranlasst, und das Passiv stellt die betroffene Person in den Mittelpunkt. Ein Satz wie 部長は私に残業させました schildert die Situation aus Sicht des Abteilungsleiters: „Der Abteilungsleiter ließ mich Überstunden machen.“ Mit 私は部長に残業させられました wechselt die Perspektive zu mir: „Ich musste auf Anweisung des Abteilungsleiters Überstunden machen.“
Im Deutschen übersetzt man diese Form meistens natürlich mit „müssen“, „dazu gebracht werden“ oder, bei starkem Zwang, „gezwungen werden“. Eine wortgetreue Passivkonstruktion klingt im Deutschen oft schwerfällig. Japanisch verwendet die Form dagegen sehr kompakt und macht damit häufig deutlich, dass die handelnde Person die Situation als lästig, unangenehm oder unfreiwillig erlebt hat.
Das Thema wird typischerweise auf B1-Niveau eingeführt und baut auf der Kausativform 〜せる/〜させる auf. Hilfreich ist außerdem ein Grundverständnis des Passivs. Das Subjekt (das Satzglied, aus dessen Perspektive die Aussage formuliert ist) ist hier normalerweise die Person, die etwas tun musste – nicht die Person, die den Auftrag gab.
Bildung und Funktionsweise
Vom Kausativ zum Kausativ-Passiv
Die lange Form lässt sich in zwei Schritten verstehen:
- Das Verb wird in den Kausativ gesetzt: 書く → 書かせる „jemanden schreiben lassen“.
- Das Kausativverb wird passiv: 書かせる → 書かせられる „zum Schreiben veranlasst werden“.
Da das Ergebnis auf 〜られる endet, wird es wie ein 一段-Verb weitergebeugt:
| Funktion | Form von 書かせられる | Bedeutung |
|---|---|---|
| Gegenwart/Zukunft, höflich | 書かせられます | muss schreiben / wird zum Schreiben gebracht |
| Vergangenheit, höflich | 書かせられました | musste schreiben / wurde zum Schreiben gebracht |
| Verneinung | 書かせられない | wird nicht zum Schreiben gebracht |
| て-Form | 書かせられて | zum Schreiben gebracht und … |
| Verlaufs- oder Wiederholungsform | 書かせられている | wird gerade oder immer wieder zum Schreiben gebracht |
五段-Verben
Bei 五段-Verben (Verben, deren letzte Silbe beim Beugen zwischen mehreren Vokalreihen wechselt) wird die Wörterbuchendung in die a-Reihe gesetzt und せられる angefügt. Bei einem Verb auf う wird daraus わ: 買う → 買わせられる.
| Wörterbuchform | Lange Form | Übliche Kurzform |
|---|---|---|
| 書く | 書かせられる | 書かされる |
| 読む | 読ませられる | 読まされる |
| 待つ | 待たせられる | 待たされる |
| 飲む | 飲ませられる | 飲まされる |
| 買う | 買わせられる | 買わされる |
| 歌う | 歌わせられる | 歌わされる |
| 話す | 話させられる | normalerweise nicht verkürzt |
Bei den meisten 五段-Verben wird 〜せられる also zu 〜される zusammengezogen. Aus 飲ませられる wird 飲まされる. Das ist keine andere Bedeutung, sondern eine kürzere und sehr gebräuchliche Form.
Verben auf 〜す sind die wichtige praktische Ausnahme. Eine theoretische Kürzung wie 話さされる wird im Standardjapanischen gewöhnlich vermieden; verwende 話させられる. So bleibt die Form klar und gut aussprechbar.
一段-Verben und unregelmäßige Verben
Bei 一段-Verben (meist Verben auf 〜る, bei denen vor る ein i- oder e-Laut steht) fällt る weg und させられる wird angefügt. Die unregelmäßigen Verben する und 来る(くる) müssen als eigene Formen gelernt werden.
| Verbtyp | Wörterbuchform | Kausativ-Passiv |
|---|---|---|
| 一段 | 食べる | 食べさせられる |
| 一段 | 見る | 見させられる |
| unregelmäßig | する | させられる |
| unregelmäßig | 来る | 来させられる(こさせられる) |
Formen wie 食べさされる kommen zwar in spontaner oder regional gefärbter Sprache vor, gelten aber nicht als neutrale Standardform. Für Lernende ist 食べさせられる die sichere Wahl.
Wer wird mit welcher Partikel markiert?
Das Grundmuster lautet:
betroffene Person は/が + veranlassende Person に + Gegenstand を + Kausativ-Passiv
In 私は母に野菜を食べさせられました ist 私 die betroffene Person, 母 die Veranlasserin und 野菜 das direkte Objekt (die Sache, auf die sich das Essen richtet). Auf Deutsch: „Meine Mutter zwang mich, Gemüse zu essen.“
| Perspektive | Satzmuster | Aussage |
|---|---|---|
| Veranlassende Person im Mittelpunkt | 母は私に野菜を食べさせた。 | Meine Mutter brachte mich dazu, Gemüse zu essen. |
| Betroffene Person im Mittelpunkt | 私は母に野菜を食べさせられた。 | Ich musste auf Veranlassung meiner Mutter Gemüse essen. |
Die veranlassende Person steht im Kausativ-Passiv normalerweise mit に. Das ist für deutschsprachige Lernende wichtig, weil sich die Rollen nicht an der Wortstellung ablesen lassen. Japanisch kennzeichnet sie vor allem durch Partikeln; im Deutschen übernehmen Fälle und Wortstellung einen größeren Teil dieser Arbeit.
Das betroffene Subjekt wird oft ausgelassen, wenn aus dem Zusammenhang klar ist, wer gemeint ist:
三時間も待たされました。
Ohne genanntes „ich“ versteht man in einem persönlichen Bericht gewöhnlich: „Ich musste ganze drei Stunden warten.“
Beispiele im Zusammenhang
| Japanisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| たくさん飲まされました。 | Ich musste viel trinken. | Häufige Kurzform von 飲ませられました |
| 三時間も待たされました。 | Ich musste ganze drei Stunden warten. | も betont die als lang empfundene Dauer |
| 嫌いな物を食べさせられました。 | Ich wurde gezwungen, etwas zu essen, das ich nicht mag. | 一段-Verb ohne normale Kurzform |
| 毎日勉強させられています。 | Ich werde jeden Tag zum Lernen angehalten. | Wiederholte, noch andauernde Situation |
| 子供のころ、母に毎日ピアノを練習させられました。 | Als Kind musste ich auf Drängen meiner Mutter jeden Tag Klavier üben. | Die Veranlasserin steht mit に |
| 会社で長い報告書を書かされました。 | In der Firma musste ich einen langen Bericht schreiben. | 書かされる ist die gebräuchliche Kurzform |
| 先生にみんなの前で話させられました。 | Der Lehrer ließ mich vor allen sprechen. | Bei 話す bleibt die lange Form |
| パーティーで無理に歌わされて、恥ずかしかったです。 | Auf der Feier musste ich gegen meinen Willen singen, und es war mir peinlich. | 無理に macht den Zwang ausdrücklich |
| 休日なのに、出勤させられました。 | Obwohl ich frei hatte, musste ich zur Arbeit kommen. | する → させられる |
| 同じ説明を何度も聞かされました。 | Ich musste mir dieselbe Erklärung immer wieder anhören. | 聞かされる stellt die lästige Erfahrung heraus |
| 父に知らない人へ謝らされました。 | Mein Vater zwang mich, mich bei einer fremden Person zu entschuldigen. | 謝る → 謝らされる |
| この映画を見ると、家族の大切さを考えさせられます。 | Dieser Film regt einen dazu an, über die Bedeutung der Familie nachzudenken. | Kein harter Zwang, sondern ein Denkanstoß |
Häufige Fehler
1. Nur den Kausativ verwenden und dadurch die Rollen vertauschen
- Falsch für „Ich musste einen Aufsatz schreiben“: 私は先生に作文を書かせました。
- Richtig: 私は先生に作文を書かされました。
- Warum: 書かせました bedeutet, dass das Subjekt jemand anderen schreiben ließ. 書かされました stellt dagegen die Person in den Mittelpunkt, die schreiben musste.
2. 一段-Verben wie 五段-Verben verkürzen
- Nicht standardsprachlich: 嫌いな物を食べさされました。
- Richtig: 嫌いな物を食べさせられました。
- Warum: Die regelmäßige Kurzform wird vor allem bei 五段-Verben verwendet. Bei 食べる bleibt 食べさせられる erhalten.
3. Die Kurzform bei Verben auf す erzwingen
- Zu vermeiden: 先生に話さされました。
- Richtig: 先生に話させられました。
- Warum: Bei 話す klingt die zusammengezogene Folge 話さされる in der Standardsprache nicht neutral. Die lange Form ist hier üblich.
4. Die veranlassende Person mit を markieren
- Falsch: 私は先生を立たされました。
- Richtig: 私は先生に立たされました。
- Warum: Im Kausativ-Passiv wird die Person, von der der Zwang oder Auftrag ausgeht, normalerweise mit に markiert. を kann weiterhin ein direktes Objekt markieren, etwa 野菜を食べさせられる.
5. Jede Form automatisch mit starkem „Zwang“ übersetzen
- Zu stark: この本は人生について考えさせられる。 = „Dieses Buch zwingt mich, über das Leben nachzudenken.“
- Natürlicher: この本は人生について考えさせられる。 = „Dieses Buch bringt einen dazu, über das Leben nachzudenken.“
- Warum: Die Form vermittelt oft Unfreiwilligkeit, kann aber bei 考えさせられる auch einen eindringlichen Denkanstoß ausdrücken. Der Zusammenhang entscheidet über die Stärke.
6. Einfaches Passiv und Kausativ-Passiv verwechseln
- Passiv: 先生に宿題を出されました。 – „Der Lehrer gab mir Hausaufgaben auf.“
- Kausativ-Passiv: 先生に宿題をさせられました。 – „Der Lehrer zwang mich, die Hausaufgaben zu machen.“
- Warum: 出される beschreibt hier etwas, das die Lehrkraft tat; させられる besagt, dass die betroffene Person selbst eine Handlung ausführen musste.
Gebrauchshinweise
Kurzformen sind alltäglich, nicht nachlässig
飲まされる, 待たされる und 書かされる sind in Gesprächen sehr häufig und auch in vielen geschriebenen Texten völlig normal. Die langen Formen 飲ませられる, 待たせられる und 書かせられる wirken deutlicher gegliedert und werden verwendet, wenn man besonders sorgfältig formuliert. Bei 一段-Verben, Verben auf す und den unregelmäßigen Verben ist die lange Form ohnehin die normale Form.
Meist schwingt Betroffenheit mit
Wer Kausativ-Passiv verwendet, wählt die Perspektive der Person, die keine volle Kontrolle über die Handlung hatte. Deshalb passt die Form besonders gut zu Beschwerden über Schule, Familie, Arbeit oder gesellschaftlichen Druck. Zusätze wie 無理に „gegen den Willen“, 嫌々 „widerwillig“ oder 何度も „immer wieder“ verstärken diese Färbung.
Sie bezeichnet normalerweise keine Erlaubnis. Für „Ich durfte früher gehen“ sagt man zum Beispiel 早く帰らせてもらいました: wörtlich etwa „Ich erhielt die Erlaubnis, früher zu gehen“. 早く帰らせられました hieße dagegen, dass man zum frühen Gehen veranlasst wurde.
Die deutsche Entsprechung hängt vom Zusammenhang ab
Im Deutschen ist „Ich wurde zum Warten gebracht“ grammatisch möglich, aber meist unnatürlich. 待たされました entspricht je nach Situation eher „Ich musste warten“, „Man ließ mich warten“ oder „Ich wurde hingehalten“. Umgekehrt nennt das deutsche müssen nicht automatisch einen Veranlasser. Wenn im Japanischen eine konkrete Person mit に steht, sollte diese Rolle in der Übersetzung erkennbar bleiben.
Über die Grundlagen hinaus
Verpflichtung und persönlicher Zwang sind nicht dasselbe
〜なければならない drückt eine Notwendigkeit oder Pflicht aus, ohne zwingend zu sagen, wer sie auferlegt. 〜させられる lenkt den Blick dagegen auf einen äußeren Einfluss und häufig auf die unerwünschte Erfahrung.
- 報告書を書かなければなりませんでした。 – „Ich musste einen Bericht schreiben.“ Die Pflicht steht im Vordergrund.
- 部長に報告書を書かされました。 – „Der Abteilungsleiter ließ mich einen Bericht schreiben.“ Veranlasser und Betroffenheit stehen im Vordergrund.
Diese Unterscheidung hilft dabei, die Form nicht überall dort einzusetzen, wo im Deutschen schlicht müssen steht.
考えさせられる als reflektierende Wendung
In Rezensionen, Reden und persönlichen Betrachtungen kommt 考えさせられる besonders häufig vor. Ein Buch, ein Erlebnis oder eine Nachricht „bringt einen zum Nachdenken“. Die Person wird nicht buchstäblich von jemandem gezwungen; vielmehr kann sie sich der Wirkung des Erlebnisses kaum entziehen.
そのニュースを見て、平和について考えさせられました。 bedeutet daher natürlich: „Die Nachricht brachte mich dazu, über Frieden nachzudenken.“ Diese Verwendung ist weniger klagend und oft stilistisch nachdenklich.
Verlauf, Wiederholung und Ergebnis
Mit 〜ている kann die Form eine gerade ablaufende oder regelmäßig wiederkehrende Situation bezeichnen:
- 毎週日曜日も働かされています。 – „Ich muss sogar jeden Sonntag arbeiten.“
- 今、先生に作文を書かせられています。 – „Gerade muss ich auf Anweisung des Lehrers einen Aufsatz schreiben.“
In Erzählungen lässt sich die て-Form mit einer Reaktion verbinden: 歌わされて、恥ずかしかったです „Ich musste singen und es war mir peinlich.“ Dadurch wird nicht nur der Zwang genannt, sondern auch seine persönliche Folge.
Formgleichheit richtig einordnen
Die Endung 〜られる kann im Japanischen je nach Verb und Zusammenhang Passiv, Möglichkeit oder höfliche Ausdrucksweise anzeigen. Bei einer vollständigen Form wie 食べさせられる zeigt jedoch bereits させ den Kausativ. Analysiere deshalb von innen nach außen: 食べる → 食べさせる → 食べさせられる. Dieses Vorgehen ist zuverlässiger, als nur die letzte Endung zu betrachten.
Übungstipps
- Bilde Dreierketten. Nimm täglich fünf Verben und sprich Wörterbuchform, Kausativ und Kausativ-Passiv: 読む → 読ませる → 読ませられる/読まされる. Markiere gesondert 一段-Verben und Verben auf す, damit du sie nicht falsch verkürzt.
- Wechsle bewusst die Perspektive. Forme Sätze wie 先生は学生に本を読ませた in 学生は先生に本を読まされた um. Prüfe dabei jedes Mal, wer veranlasst und wer die Handlung ausführt.
- Erzähle eine kleine Beschwerde. Schreibe drei Sätze über Schule, Arbeit oder Kindheit und verwende 〜させられた. Ergänze Zeitangaben wie 三時間も, 毎日 oder 何度も, damit die Sätze realistisch klingen.
Verwandte Grammatik
- Voraussetzung: Kausativform(使役形) – erklärt 〜せる/〜させる und die Rollen der Person, die etwas veranlasst, und der Person, die handelt.
Voraussetzung
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