A2

Das Imparfait im Französischen

L'Imparfait

Dieser Artikel ist Teil des Französisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

In Kürze

Das Imparfait stellt Vergangenes als Gewohnheit, Zustand, Beschreibung oder laufenden Vorgang dar: Nous habitions à Lyon („Wir wohnten damals in Lyon“). Man bildet es fast immer aus der Präsensform mit nous, entfernt -ons und ergänzt -ais, -ais, -ait, -ions, -iez, -aient. Nur être hat den besonderen Stamm ét-: j'étais.

Überblick

Das Imparfait ist eine französische Vergangenheitsform. Es zeigt häufig nicht, dass etwas als abgeschlossenes Einzelereignis betrachtet wird, sondern beschreibt die Situation im Verlauf: Was war damals üblich? Wie waren die Umstände? Was geschah gerade? Was dachte, wusste oder fühlte jemand? Auf A2-Niveau brauchst du diese Form vor allem, um über Kindheit, frühere Lebensumstände, Wetter, Alter und wiederholte Tätigkeiten zu sprechen.

Für deutschsprachige Lernende ist besonders wichtig: Es gibt keine feste Gleichung „Imparfait = deutsches Präteritum“. J'habitais à Lyon kann je nach Zusammenhang „Ich wohnte in Lyon“, „Ich habe damals in Lyon gewohnt“ oder „Ich lebte früher in Lyon“ heißen. Im Deutschen entscheidet man oft nach Stil und Verb zwischen Präteritum und Perfekt. Im Französischen entscheidet vor allem die Perspektive: Verlauf oder Hintergrund spricht für das Imparfait, ein abgeschlossenes Ereignis meist für das Passé Composé.

Das Imparfait bildet deshalb oft die Kulisse einer Erzählung, während das Passé Composé die Handlung voranbringt: Je mangeais quand tu as appelé – „Ich aß gerade, als du angerufen hast.“ Das Essen lief bereits; der Anruf trat als einzelnes Ereignis ein.

Bildung und Funktionsweise

Die Grundregel

Nimm die Präsensform der 1. Person Plural, also die Form mit nous. Entferne -ons und füge die Endung des Imparfait hinzu.

nous-Form im Präsens − ons + Imparfait-Endung

Beispiele:

  • nous parlonsparl-je parlais
  • nous finissonsfiniss-tu finissais
  • nous prenonspren-il prenait
  • nous faisonsfais-vous faisiez
  • nous avonsav-ils avaient

Der Stamm ist dabei der gleichbleibende vordere Teil der Verbform; die Endung zeigt Person und Zahl an.

Die Endungen

Person Endung parler finir prendre
je -ais je parlais je finissais je prenais
tu -ais tu parlais tu finissais tu prenais
il / elle / on -ait il parlait elle finissait on prenait
nous -ions nous parlions nous finissions nous prenions
vous -iez vous parliez vous finissiez vous preniez
ils / elles -aient ils parlaient elles finissaient ils prenaient

Die Endungen -ais, -ait und -aient klingen in der Standardsprache gleich. Beim Hören verrät daher meist das Subjekt, wer gemeint ist; beim Schreiben muss die richtige Endung gelernt werden. -ions und -iez sind dagegen hörbar verschieden.

Die einzige Stamm-Ausnahme: être

Être folgt nicht der nous-Regel, denn nous sommes liefert keinen brauchbaren Stamm. Es verwendet ét-, die Endungen bleiben aber regelmäßig.

Person Form Deutsch
j' j'étais ich war
tu tu étais du warst
il / elle / on il était er war / sie war / man war
nous nous étions wir waren
vous vous étiez ihr wart / Sie waren
ils / elles ils étaient sie waren

Andere Verben, die im Präsens unregelmäßig wirken, sind im Imparfait regelmäßig, sobald man ihre nous-Form kennt: nous buvons → je buvais, nous écrivons → j'écrivais, nous voyons → nous voyions.

Rechtschreibung bei -ger, -cer und -ier

Die Grundregel bleibt bestehen, doch die Schreibung bewahrt die Aussprache.

Verb Formen Was geschieht?
manger je mangeais, nous mangions Das e bleibt vor a, entfällt aber vor i.
commencer je commençais, nous commencions Die Cedille steht vor a, nicht vor i.
étudier nous étudiions, vous étudiiez Stamm-i und Endungs-i stehen beide da.
voir nous voyions, vous voyiez Der Stamm kommt aus nous voyons.

Formen wie nous étudiions sehen ungewohnt aus, sind aber korrekt. Sie bestehen aus étudi- plus -ions.

Verneinung und Pronomen

Die Satzstellung funktioniert wie bei anderen einfachen Verbformen. Bei der Verneinung stehen ne und pas um das konjugierte Verb:

  • Je ne comprenais pas. – Ich verstand es nicht.
  • Nous n'avions jamais le temps. – Wir hatten nie Zeit.

Objektpronomen (kurze Wörter, die eine bereits genannte Person oder Sache ersetzen) stehen vor dem Verb:

  • Je le voyais tous les jours. – Ich sah ihn jeden Tag.
  • Elle ne me parlait plus. – Sie sprach nicht mehr mit mir.

Die vier wichtigsten Verwendungen

1. Gewohnheiten und Wiederholungen

Das Imparfait beschreibt, was früher regelmäßig oder typischerweise geschah. Häufige Hinweise sind souvent (oft), toujours (immer), tous les jours (jeden Tag), chaque été (jeden Sommer) oder d'habitude (gewöhnlich).

Quand j'étais étudiant, je prenais toujours le bus. – Als ich Student war, nahm ich immer den Bus.

2. Zustände und Beschreibungen

Aussehen, Wetter, Uhrzeit, Alter, Besitz, Wissen, Wünsche und Gefühle stehen oft im Imparfait, wenn sie den Hintergrund einer vergangenen Situation bilden.

Il faisait beau et la mer était calme. – Das Wetter war schön und das Meer war ruhig.

Auch Verben wie avoir, être, savoir, connaître, croire, vouloir und aimer erscheinen deshalb häufig in dieser Form. Das ist jedoch keine starre Verb-Liste: Auch ein Zustand kann einen klar begrenzten Beginn oder Abschluss haben und dann ein anderes Vergangenheitstempus verlangen.

3. Laufende Handlungen

Das Imparfait zeigt, dass eine Handlung zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits im Gang war. Im Deutschen helfen oft „gerade“ oder „war dabei“, obwohl im Französischen kein zusätzliches Wort nötig ist.

À huit heures, je travaillais encore. – Um acht Uhr arbeitete ich noch.

4. Gleichzeitige Hintergrundhandlungen

Zwei Vorgänge können parallel verlaufen:

Pendant que je cuisinais, Léa mettait la table. – Während ich kochte, deckte Léa den Tisch.

Wird ein solcher Verlauf durch ein punktuelles Ereignis unterbrochen, steht der Verlauf typischerweise im Imparfait und das neue Ereignis im Passé Composé:

Nous dormions quand l'alarme a sonné. – Wir schliefen, als der Alarm klingelte.

Beispiele im Kontext

Französisch Deutsch Hinweis
Quand j'étais petit, je passais mes vacances chez mes grands-parents. Als ich klein war, verbrachte ich die Ferien bei meinen Großeltern. Alter und frühere Gewohnheit
Il faisait beau, mais il y avait beaucoup de vent. Das Wetter war schön, aber es war sehr windig. Wetterbeschreibung
Nous habitions à Lyon à cette époque. Damals wohnten wir in Lyon. länger andauernder Zustand
Tous les matins, elle achetait du pain en allant au travail. Jeden Morgen kaufte sie auf dem Weg zur Arbeit Brot. regelmäßige Handlung
Je mangeais quand tu as appelé. Ich aß gerade, als du angerufen hast. laufender Vorgang und neues Ereignis
À minuit, les enfants dormaient déjà. Um Mitternacht schliefen die Kinder schon. Zustand zu einem Zeitpunkt
Tu avais dix ans et ton frère en avait six. Du warst zehn Jahre alt, und dein Bruder war sechs. Alter mit avoir
On ne savait pas quoi répondre. Wir wussten nicht, was wir antworten sollten. Wissen als Zustand
Pendant que je préparais le dîner, Marc faisait la vaisselle. Während ich das Abendessen zubereitete, spülte Marc ab. zwei gleichzeitige Vorgänge
Elle portait une veste rouge et semblait fatiguée. Sie trug eine rote Jacke und wirkte müde. Beschreibung einer Person
Vous veniez souvent nous voir le dimanche. Sonntags kamen Sie uns oft besuchen. wiederholter Besuch
Je pensais que le magasin fermait à dix-huit heures. Ich dachte, dass das Geschäft um achtzehn Uhr schloss. Gedanke in der Vergangenheit
Nous étudiions le français deux fois par semaine. Wir lernten zweimal pro Woche Französisch. korrekte Doppelung von i
Il pleuvait depuis le matin. Es regnete seit dem Morgen. bis zum damaligen Zeitpunkt andauernder Vorgang

Häufige Fehler

Den Infinitiv statt der nous-Form als Stamm nehmen

  • Falsch: Ils prendreaient le train.
  • Richtig: Ils prenaient le train.
  • Warum: Ausgangspunkt ist nous prenons. Nach dem Entfernen von -ons bleibt pren-; dazu kommt -aient. Der Infinitiv prendre bestimmt den Stamm nicht direkt.

Être nach der allgemeinen Regel bilden

  • Falsch: Nous sommesions contents.
  • Richtig: Nous étions contents.
  • Warum: Être ist die einzige Ausnahme beim Stamm. Alle Formen beginnen mit ét-.

Imparfait für jedes vergangene Ereignis verwenden

  • Falsch: Hier, j'allais au cinéma à vingt heures – wenn ein einmaliger, abgeschlossener Kinobesuch gemeint ist.
  • Richtig: Hier, je suis allé au cinéma à vingt heures.
  • Warum: Ein einzelnes abgeschlossenes Ereignis wird gewöhnlich im Passé Composé erzählt. J'allais au cinéma bedeutet eher „Ich ging regelmäßig ins Kino“ oder, mit passendem Kontext, „Ich war auf dem Weg ins Kino“.

Für eine frühere Gewohnheit automatisch das Passé Composé wählen

  • Falsch: Quand j'étais enfant, j'ai joué dehors tous les jours – wenn die allgemeine Kindheitsgewohnheit gemeint ist.
  • Richtig: Quand j'étais enfant, je jouais dehors tous les jours.
  • Warum: Tous les jours bezeichnet hier eine wiederkehrende Gewohnheit ohne einzeln abgegrenzte Ereignisse.

Die gleich klingenden Endungen verwechseln

  • Falsch: Elle parlaient très vite.
  • Richtig: Elle parlait très vite.
  • Warum: Bei elle braucht man die Singularendung -ait. Dass parlait und parlaient gleich klingen, ändert die Schreibung nicht.

Rechtschreibanpassungen übersehen

  • Falsch: Je mangais; nous étudons als Imparfaitform.
  • Richtig: Je mangeais; nous étudiions.
  • Warum: Bei manger sichert das e vor a den weichen Laut. Bei étudier treffen das i des Stamms und das i der Endung zusammen.

Hinweise zum Gebrauch

Nicht das Signalwort allein entscheidet

Zeitangaben sind nützlich, aber nicht mechanisch. Tous les jours weist oft auf eine Gewohnheit und damit auf das Imparfait hin. Eine klar begrenzte Reihe kann dennoch im Passé Composé stehen: Pendant une semaine, il a appelé tous les jours – „Eine Woche lang rief er jeden Tag an.“ Der Zeitraum wird als abgeschlossenes Ganzes betrachtet.

Entscheidend ist also, wie der Sprecher das Geschehen darstellt. Das Imparfait öffnet den Blick in eine Situation hinein; das Passé Composé fasst ein Ereignis als Einheit auf.

Das Deutsche verdeckt den Unterschied oft

„Es regnete, als wir ankamen“ enthält im Deutschen zweimal Präteritum. Französisch unterscheidet dagegen die Rollen: Il pleuvait quand nous sommes arrivés. Der Regen bildet den laufenden Hintergrund, die Ankunft ist das neue Ereignis. Übersetze deshalb nicht Tempus für Tempus, sondern frage:

  1. Lief etwas bereits oder beschreibt es die Kulisse? → Imparfait.
  2. Geschah etwas als neues, abgeschlossenes Ereignis? → meist Passé Composé.

Häufige feste Angaben

Für Alter verwendet Französisch avoir: J'avais vingt ans („Ich war zwanzig“). Für Wetter begegnen dir oft il faisait... und il y avait...: Il faisait froid („Es war kalt“), Il y avait du brouillard („Es war neblig“). Uhrzeiten werden mit être angegeben: Il était neuf heures („Es war neun Uhr“).

Gesprochenes und geschriebenes Französisch

Das Imparfait ist in allen Registern üblich. In der gesprochenen Sprache fällt das ne der Verneinung häufig weg: Je savais pas statt standardsprachlich Je ne savais pas. Beim Schreiben und als Lernform solltest du zunächst die vollständige Verneinung verwenden. Das Tempus selbst wird dabei nicht verändert.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Verwendungen musst du auf A2 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, die dir später häufig begegnen.

Höfliche Abschwächung

Mit vouloir im Imparfait klingt ein Anliegen vorsichtiger und weniger direkt:

  • Je voulais vous demander un renseignement. – Ich wollte Sie um eine Auskunft bitten.
  • Je voulais savoir si vous aviez une chambre libre. – Ich wollte wissen, ob Sie ein Zimmer frei haben.

Die Form verweist hier nicht unbedingt auf einen vergangenen, inzwischen beendeten Wunsch. Sie schafft höfliche Distanz.

Irreale Bedingungen mit si

In einer Bedingung mit si kann das Imparfait eine gedachte oder wenig wahrscheinliche Situation in der Gegenwart ausdrücken. Im Hauptsatz steht dann meist das Conditionnel présent:

  • Si j'avais plus de temps, je voyagerais davantage. – Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehr reisen.
  • Si tu étais ici, tout serait plus simple. – Wenn du hier wärst, wäre alles einfacher.

Das Imparfait bedeutet in diesem Muster also nicht einfach Vergangenheit. Wichtig: Nach si steht hier nicht das Conditionnel.

Indirekte Rede

Wenn ein Verb des Sagens oder Denkens in der Vergangenheit steht, kann eine gleichzeitige Aussage in der indirekten Rede ins Imparfait rücken:

  • Direkt: Elle dit : « Je suis fatiguée. »
  • Rückblickend: Elle a dit qu'elle était fatiguée. – Sie sagte, dass sie müde sei/war.

Welche deutsche Form passt, hängt vom Stil und davon ab, ob die Aussage noch gilt. Im Französischen ist était eine normale Folge der Vergangenheitsperspektive.

Umschreibungen im Imparfait

Das Imparfait lässt sich mit Umschreibungen verbinden und macht den Verlauf genauer:

  • J'étais en train de sortir quand il a téléphoné. – Ich war gerade dabei hinauszugehen, als er anrief.
  • Nous allions partir quand le train a été annulé. – Wir wollten gerade abfahren, als der Zug gestrichen wurde.
  • Elle venait de rentrer. – Sie war gerade nach Hause gekommen.

Erzählerischer und stilistischer Gebrauch

In literarischen Texten kann ein sogenanntes narratives Imparfait ein klar datiertes Ereignis überraschend als Szene darstellen: Deux jours plus tard, il quittait Paris. Das wirkt stilistisch markiert und schafft Nähe oder einen schicksalhaften Ton. Für den normalen Alltagsbericht ist das keine Anfängerregel; dort wäre für ein abgeschlossenes Ereignis meist il a quitté Paris zu erwarten.

Übungstipps

  1. Bilde Formen über die nous-Form. Schreibe täglich fünf Präsensformen auf, etwa nous faisons, nous buvons, nous écrivons, streiche -ons und ergänze alle sechs Endungen. So lernst du auch unregelmäßig aussehende Verben zuverlässig.
  2. Erzähle ein altes Foto in zwei Schichten. Beschreibe zuerst Personen, Wetter, Alter und laufende Tätigkeiten im Imparfait. Ergänze danach zwei abgeschlossene Ereignisse im Passé Composé. So trainierst du den Unterschied zwischen Kulisse und Handlung.
  3. Markiere beim Lesen die Funktion. Ordne jedes Imparfait einer Kategorie zu: Gewohnheit, Beschreibung/Zustand, laufender Vorgang oder Gleichzeitigkeit. Signalwörter sind hilfreich, aber begründe die Wahl immer aus dem Zusammenhang.

Verwandte Konzepte

  • Voraussetzung: Passé Composé — hilft, abgeschlossene Ereignisse vom Hintergrund im Imparfait zu unterscheiden.
  • Nächster Schritt: Imparfait und Passé Composé im Vergleich — vertieft den Wechsel der beiden Vergangenheitsformen in Erzählungen.
  • Später wichtig: Indirekte Rede — zeigt, wie sich Zeitformen bei der Wiedergabe früherer Aussagen verschieben.

Voraussetzung

Das Passé composé im FranzösischenA2

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