Das Verb „sein“ im Präsens
Verb 'sein' im Präsens
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Sein ist unregelmäßig und muss als eigene Formenreihe gelernt werden: ich bin, du bist, er/sie/es ist, wir sind, ihr seid, sie/Sie sind. Es verbindet ein Subjekt häufig mit einer Eigenschaft, einer Identität oder einem Ort: Ich bin müde, Das ist Mia, Wir sind in Berlin.
Überblick
Das Verb sein gehört zu den häufigsten und wichtigsten Verben der deutschen Sprache. Schon auf Niveau A1 braucht man es, um sich vorzustellen, Personen und Dinge zu beschreiben, Herkunft oder Beruf zu nennen und zu sagen, wo jemand oder etwas ist. Auch Uhrzeit, Datum und Wetter werden oft mit sein ausgedrückt: Es ist acht Uhr. Heute ist Montag. Es ist kalt.
Ein Verb bezeichnet meist eine Handlung oder einen Zustand. Sein bezeichnet jedoch oft keine sichtbare Handlung. Es stellt eine Verbindung zwischen dem Subjekt (der Person oder Sache, über die der Satz etwas sagt) und einer weiteren Information her: Mara ist Ärztin. Hier ist Mara das Subjekt, und Ärztin nennt ihre berufliche Identität.
Die Präsensformen folgen keinem regelmäßigen Muster. Man kann sie also nicht zuverlässig aus dem Infinitiv sein ableiten. Besonders wichtig sind die Unterschiede zwischen bin, bist und ist. Bei den Pluralformen ist es leichter: wir und sie/Sie stehen mit sind, ihr mit seid.
So funktioniert es
Die vollständige Formenreihe
Das Präsens ist die Zeitform für Gegenwärtiges und oft auch für allgemein gültige Aussagen. Der Infinitiv (die Grundform eines Verbs) lautet sein.
| Person | Personalpronomen | Form | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 1. Person Singular | ich | bin | Ich bin bereit. |
| 2. Person Singular | du | bist | Du bist pünktlich. |
| 3. Person Singular | er / sie / es | ist | Sie ist hier. |
| 1. Person Plural | wir | sind | Wir sind müde. |
| 2. Person Plural | ihr | seid | Ihr seid leise. |
| 3. Person Plural | sie | sind | Sie sind zu Hause. |
| Höflichkeitsform | Sie | sind | Sind Sie Frau Weber? |
Singular bedeutet Einzahl, Plural bedeutet Mehrzahl. Die höfliche Anrede Sie schreibt man groß; sie verwendet unabhängig davon, ob eine oder mehrere Personen gemeint sind, immer sind. Das kleingeschriebene sie kann dagegen „sie“ für eine weibliche Person oder „sie“ für mehrere Personen bedeuten. Verbform und Zusammenhang helfen bei der Deutung:
- Sie ist neu hier. — Eine weibliche Person ist gemeint.
- Sie sind neu hier. — Mehrere Personen oder eine höflich angesprochene Person sind gemeint.
Eine hilfreiche Lernordnung ist:
bin – bist – ist | sind – seid – sind
Dabei bilden wir sind und sie/Sie sind ein Paar. Seit mit t ist dagegen kein Verb, sondern bezeichnet häufig einen Zeitpunkt oder Zeitraum: seit Montag. Bei ihr seid schreibt man immer seid mit d.
Aussagesätze
Im einfachen Aussagesatz steht die gebeugte Verbform normalerweise an zweiter Satzposition:
Subjekt + Form von sein + weitere Information
- Ich bin Student.
- Du bist nett.
- Wir sind Freunde.
- Der Schlüssel ist in der Tasche.
„Zweite Position“ bedeutet nicht unbedingt „zweites Wort“. Ein ganzer Ausdruck kann die erste Position besetzen:
- Heute ist das Büro geschlossen.
- Am Wochenende sind wir in Hamburg.
Steht ein anderer Ausdruck am Satzanfang, folgt das Verb weiterhin an zweiter Position; das Subjekt kommt dann meist direkt danach. Deshalb heißt es Heute bin ich müde, nicht Heute ich bin müde.
Was nach „sein“ stehen kann
Sein kann verschiedene Arten von Informationen verbinden:
| Funktion | Muster | Beispiel |
|---|---|---|
| Eigenschaft oder Zustand | sein + Adjektiv | Der Kaffee ist heiß. |
| Identität oder Beruf | sein + Nomen | Lea ist Ingenieurin. |
| Herkunft | sein + aus + Ort | Ich bin aus Köln. |
| Aufenthaltsort | sein + Ortsangabe | Die Kinder sind im Garten. |
| Besitzzuordnung | sein + Possessivangabe | Das Buch ist von Amir. |
| Uhrzeit oder Tag | es/heute + sein | Es ist halb zehn. Heute ist Freitag. |
Ein Adjektiv ist ein Eigenschaftswort wie müde, nett oder teuer. Steht es nach sein, bleibt es in seiner Grundform: Der Mann ist müde. Die Frau ist müde. Die Kinder sind müde. Es erhält dort keine Endung.
Ein Nomen ist ein Wort für eine Person, Sache oder einen Begriff, etwa Arzt, Tasche oder Freundschaft. Bei Berufsbezeichnungen ohne weitere Ergänzung steht gewöhnlich kein Artikel: Sie ist Ärztin. Er ist Lehrer. Wird der Beruf genauer beschrieben oder bewertet, ist ein Artikel möglich: Er ist ein geduldiger Lehrer.
Nach sein steht ein Nomen, das das Subjekt identifiziert, grundsätzlich ebenfalls im Nominativ (der Grundform, die auch für das Subjekt verwendet wird): Das ist mein Bruder. Nicht jeder A1-Lernende muss diese Bezeichnung sofort beherrschen; wichtig ist zunächst das feste Muster.
Fragen mit „sein“
Bei einer Entscheidungsfrage, die man mit Ja oder Nein beantworten kann, steht die Verbform am Anfang:
Form von sein + Subjekt + weitere Information?
- Bist du müde?
- Ist der Platz frei?
- Seid ihr schon da?
- Sind Sie Herr Kaya?
Bei einer Frage mit Fragewort steht zuerst das Fragewort, dann die Verbform und anschließend das Subjekt:
Fragewort + Form von sein + Subjekt + weitere Information?
- Wo bist du?
- Wer ist das?
- Warum seid ihr so leise?
- Wie alt sind Sie?
In kurzen Antworten kann die schon bekannte Information wegfallen: Bist du fertig? – Ja, bin ich. Neutraler und für Anfänger leichter ist jedoch: Ja, ich bin fertig.
Verneinung mit „nicht“ und „kein“
Mit nicht verneint man vor allem eine Eigenschaft, einen Ort oder die ganze Aussage:
- Ich bin nicht müde.
- Das Handy ist nicht hier.
- Wir sind heute nicht im Büro.
Mit kein verneint man meist ein Nomen, das sonst mit ein/eine oder ohne Artikel stehen könnte. Kein verändert seine Form ähnlich wie ein:
- Er ist kein Arzt.
- Sie ist keine Studentin.
- Wir sind keine Experten.
Der Unterschied wird an einem Paar deutlich: Der Mann ist nicht freundlich verneint die Eigenschaft; Der Mann ist kein Freund verneint die Einordnung als Freund.
Beispiele im Zusammenhang
Die zweite Spalte formuliert die Bedeutung jeweils in einfachem Deutsch um. So bleibt sichtbar, welche Funktion sein im Satz erfüllt.
| Beispielsatz | Bedeutung in einfachem Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Ich bin Student. | Ich studiere. | Identität; ohne Artikel |
| Du bist nett. | Ich finde dich freundlich. | Eigenschaft |
| Frau Aydin ist Ärztin. | Frau Aydin arbeitet als Ärztin. | Beruf; ohne Artikel |
| Das ist mein Nachbar. | Diese Person ist mein Nachbar. | Identifikation |
| Wir sind Freunde. | Zwischen uns besteht eine Freundschaft. | Plural mit sind |
| Ihr seid heute sehr ruhig. | Ihr verhaltet euch heute ruhig. | ihr seid mit d |
| Sind Sie neu hier? | Halten Sie sich erst seit kurzer Zeit hier auf? | höfliche Anrede |
| Meine Eltern sind aus Bremen. | Bremen ist die Herkunft meiner Eltern. | Herkunft mit aus |
| Der Schlüssel ist in meiner Jacke. | Der Schlüssel befindet sich in meiner Jacke. | Ort |
| Heute bin ich zu Hause. | Ich halte mich heute zu Hause auf. | Verb an zweiter Position |
| Ist der Kaffee noch heiß? | Hat der Kaffee noch eine hohe Temperatur? | Ja-/Nein-Frage |
| Warum bist du so spät? | Was ist der Grund für deine Verspätung? | Fragewort + Verb + Subjekt |
| Es ist Viertel nach drei. | Die Uhr zeigt 15:15 Uhr. | Uhrzeit |
| Paul ist kein Lehrer. | Paul arbeitet nicht als Lehrer. | Verneinung eines Berufs |
| Die Geschäfte sind sonntags nicht offen. | Die Geschäfte bleiben sonntags geschlossen. | Verneinung einer Eigenschaft |
Häufige Fehler
Die Formen regelmäßig bilden
- Falsch: Ich seine müde. / Ich seie müde.
- Richtig: Ich bin müde.
- Warum: Sein ist unregelmäßig. Im Präsens braucht ich die Form bin; eine normale Endung wird nicht einfach an sein angehängt.
„Bist“ und „ist“ vertauschen
- Falsch: Du ist sehr freundlich.
- Richtig: Du bist sehr freundlich.
- Warum: Bist gehört nur zu du. Mit er, sie oder es verwendet man ist.
„Seid“ und „seit“ verwechseln
- Falsch: Ihr seit schon fertig.
- Richtig: Ihr seid schon fertig.
- Warum: Seid mit d ist die Verbform zu ihr. Seit mit t steht in Zeitangaben wie seit gestern.
Nach einem ersten Satzteil die Verbposition vergessen
- Falsch: Heute ich bin im Büro.
- Richtig: Heute bin ich im Büro.
- Warum: Im Aussagesatz steht die gebeugte Verbform an zweiter Position. Heute besetzt bereits die erste Position.
Bei einer Frage die Wortstellung des Aussagesatzes behalten
- Falsch: Du bist müde? als neutrale Informationsfrage
- Richtig: Bist du müde?
- Warum: Eine normale Ja-/Nein-Frage beginnt mit der Verbform. Du bist müde? ist in der gesprochenen Sprache möglich, klingt aber meist nach Rückfrage oder Überraschung.
„Nicht“ statt „kein“ vor einem Beruf verwenden
- Unnatürlich im gemeinten Sinn: Sie ist nicht Ärztin.
- Neutral: Sie ist keine Ärztin.
- Warum: Wenn die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe verneint wird, ist kein/keine üblich. Sie ist nicht Ärztin, sondern Apothekerin ist dagegen als ausdrücklicher Gegensatz möglich.
Hinweise zum Gebrauch
„Du“, „ihr“ und „Sie“
Mit du bist spricht man eine vertraute einzelne Person an. Ihr seid richtet sich an mehrere Personen, die man duzt. Sie sind ist die höfliche Form für eine oder mehrere Personen. Das Pronomen wird großgeschrieben:
- Bist du bereit, Tom?
- Seid ihr bereit, Tom und Aylin?
- Sind Sie bereit, Frau Sommer?
Im Alltag hängt die Wahl zwischen du und Sie von Situation, Alter, Arbeitsplatz und persönlicher Vereinbarung ab. Grammatisch bleibt die Zuordnung aber eindeutig: du bist, ihr seid, Sie sind.
Pronomen weglassen?
Im Deutschen lässt man das Subjekt im normalen Aussagesatz nicht einfach weg. Man sagt Ich bin müde, nicht nur Bin müde. In privaten Nachrichten, Notizen oder sehr knapper Umgangssprache kommt Bin gleich da! durchaus vor. Für neutrale Standardsprache ist das vollständige Ich bin gleich da die sichere Form.
Kurzformen in der gesprochenen Sprache
In schneller Alltagssprache können Pronomen und Verb eng zusammenklingen, etwa bist du wie biste oder sind Sie mit kaum hörbarer Grenze. Solche Formen sind beim Zuhören wichtig, gehören aber nicht in neutrale formelle Texte. Beim Schreiben sollte man die vollständigen Formen verwenden.
„Sein“ und „es gibt“
Für das Vorhandensein von etwas verwendet man oft es gibt, nicht einfach es ist: In der Stadt gibt es ein Museum. Dagegen nennt Das Museum ist in der Stadt den Ort eines bereits bestimmten Museums. Dieser Unterschied verhindert Sätze wie In der Stadt ist ein Museum nicht grundsätzlich — dieser Satz ist möglich —, aber es gibt stellt die Existenz meist klarer und neutraler vor.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Punkte müssen auf Niveau A1 noch nicht aktiv beherrscht werden. Sie zeigen aber, warum sein auch später ständig wiederkehrt.
Hilfsverb bei zusammengesetzten Zeitformen
Sein kann ein Hilfsverb sein, also ein Verb, das zusammen mit einer weiteren Verbform eine Zeitform bildet. Einige Verben der Bewegung und Zustandsänderung bilden das Perfekt mit sein:
- Wir sind nach Hause gegangen.
- Das Kind ist eingeschlafen.
- Was ist passiert?
Hier trägt sind/ist nicht allein die Hauptbedeutung. Es verbindet sich mit einem Partizip (einer Verbform wie gegangen oder passiert). Welche Verben sein und welche haben verwenden, ist ein eigenes späteres Lernthema.
Eigene Formen in Vergangenheit und anderen Modi
Die Vergangenheit von sein lautet im Präteritum war: Gestern war ich krank. Das Perfekt lautet ist gewesen: Ich bin schon einmal dort gewesen. Im gesprochenen Deutsch ist bei sein das Präteritum sehr häufig, sodass Ich war dort meist natürlicher klingt als Ich bin dort gewesen.
Später begegnen außerdem Formen wie wäre und sei:
- Wenn ich frei wäre, käme ich mit.
- Er sagt, er sei krank.
Wäre gehört zum Konjunktiv II und drückt hier eine nur gedachte Bedingung aus. Sei gehört in diesem Beispiel zum Konjunktiv I, der besonders in indirekter Rede vorkommt. Diese Formen sind keine Varianten des normalen A1-Präsens.
Aufforderungen mit „sein“
Auch sein hat Imperativformen, also Formen für Aufforderungen:
- Sei vorsichtig! — eine geduzte Person
- Seid vorsichtig! — mehrere geduzte Personen
- Seien Sie vorsichtig! — höfliche Anrede
Sie sind unregelmäßig und sollten als feste Formen gelernt werden.
„Sein“ im Zustandspassiv
In fortgeschrittenen Texten verbindet sich sein mit einem Partizip, um einen Zustand als Ergebnis auszudrücken: Die Tür ist geschlossen. Je nach Zusammenhang kann geschlossen auch einfach wie ein Adjektiv verstanden werden. Wichtig ist zunächst nur: Nicht jedes ist + Partizip ist ein Perfekt. Die Tür ist geschlossen beschreibt gewöhnlich ihren Zustand; Jemand hat die Tür geschlossen beschreibt die Handlung.
Lerntipps
- Sprich die Formen als Rhythmus: Wiederhole mehrmals ich bin – du bist – er ist; wir sind – ihr seid – sie sind. Ergänze danach eigene kurze Angaben wie müde, hier oder aus Bonn.
- Übe Aussage und Frage als Paar: Bilde zu Du bist bereit die Frage Bist du bereit? und zu Ihr seid zu Hause die Frage Seid ihr zu Hause?. So lernst du Form und Wortstellung zusammen.
- Sortiere Beispiele nach Funktion: Sammle je drei Sätze zu Eigenschaft, Identität, Herkunft und Ort. Markiere anschließend nicht bei Eigenschaften und Orten sowie kein/keine bei Berufen oder Gruppen.
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