Futur II im Deutschen
Futur II
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das Futur II bezeichnet entweder etwas, das zu einem zukünftigen Zeitpunkt bereits abgeschlossen sein wird, oder eine Vermutung über Vergangenes. Es wird mit einer Form von werden, dem Partizip II und haben oder sein gebildet: Bis morgen werde ich den Bericht geschrieben haben. – Er wird wohl schon gegangen sein.
Überblick
Mit dem Futur II blickt man von einem Bezugspunkt aus auf ein bereits abgeschlossenes Geschehen zurück. Dieser Bezugspunkt kann in der Zukunft liegen: Wenn du ankommst, werde ich gekocht haben. Das Kochen ist dann vor deiner Ankunft beendet. Häufig nennt eine Zeitangabe wie bis morgen, bis dahin oder in zwei Wochen den zukünftigen Endpunkt.
Die zweite wichtige Funktion ist die Vermutung über die Vergangenheit. Der Sprecher kennt die Tatsache nicht sicher, hält sie aber für wahrscheinlich: Mara wird den Zug verpasst haben. Gemeint ist ungefähr: „Wahrscheinlich hat Mara den Zug verpasst.“ In solchen Sätzen bezeichnet das Futur II also nicht die Zukunft. Wörter wie wohl, vermutlich, sicher oder schon machen die Einschätzung oft deutlicher.
Das Thema gehört zum Niveau B2, weil mehrere bekannte Bausteine zusammenkommen: die Formen von werden, das Perfekt mit haben oder sein und der Satzbau mit mehreren Verbformen. Wer das Futur I und das Perfekt sicher beherrscht, muss daher kein völlig neues System lernen. Entscheidend ist, die Verbgruppe korrekt zusammenzusetzen und die beiden Bedeutungen auseinanderzuhalten.
Bildung und Satzbau
Die Grundformel
Die Form besteht aus drei Teilen:
| Bestandteil | Funktion | Beispiel |
|---|---|---|
| konjugiertes werden | zeigt Person und Zahl; steht im Hauptsatz an Position 2 | ich werde, wir werden |
| Partizip II | bezeichnet das abgeschlossene Geschehen; das Partizip II ist eine Verbform wie gemacht, gesehen oder gegangen | gemacht, angekommen |
| Infinitiv haben oder sein | übernimmt das Hilfsverb des Perfekts; ein Infinitiv ist die unveränderte Grundform eines Verbs | haben oder sein |
Die Formel lautet:
werden (konjugiert) + Partizip II + haben/sein (Infinitiv)
- Ich werde die Aufgabe gelöst haben.
- Sie wird zu Hause angekommen sein.
Nur werden wird an das Subjekt angepasst. Das Subjekt ist die Person oder Sache, über die der Satz etwas aussagt. Das Partizip II und der abschließende Infinitiv verändern sich nicht.
Die Formen von werden
| Person | mit haben | mit sein |
|---|---|---|
| ich | ich werde es gemacht haben | ich werde angekommen sein |
| du | du wirst es gemacht haben | du wirst angekommen sein |
| er/sie/es | er wird es gemacht haben | sie wird angekommen sein |
| wir | wir werden es gemacht haben | wir werden angekommen sein |
| ihr | ihr werdet es gemacht haben | ihr werdet angekommen sein |
| sie/Sie | sie/Sie werden es gemacht haben | sie/Sie werden angekommen sein |
Haben oder sein?
Die Wahl folgt denselben Regeln wie im Perfekt:
- Die meisten Verben bilden das Perfekt mit haben: machen – hat gemacht – wird gemacht haben; vergessen – hat vergessen – wird vergessen haben.
- Viele Verben der Ortsveränderung oder des Zustandswechsels bilden es mit sein: gehen – ist gegangen – wird gegangen sein; einschlafen – ist eingeschlafen – wird eingeschlafen sein.
- Auch sein, bleiben und werden verwenden sein: ist gewesen – wird gewesen sein; ist geblieben – wird geblieben sein.
Am sichersten ist es, ein neues Verb gleich mit seiner Perfektform zu lernen. Lautet die Perfektform hat repariert, endet das Futur II auf repariert haben. Lautet sie ist verschwunden, endet es auf verschwunden sein.
Die Satzklammer im Hauptsatz
Im Aussagesatz steht das konjugierte werden an der zweiten Satzposition. Partizip II und haben oder sein bilden gemeinsam das Ende. Diese beiden Bereiche umschließen den mittleren Teil des Satzes; das nennt man Satzklammer.
- Ich werde den Antrag bis Freitag abgegeben haben.
- Bis Freitag werde ich den Antrag abgegeben haben.
- Die Gäste werden vor Mitternacht abgereist sein.
Das Partizip steht direkt vor haben oder sein. Die Folge am Ende lautet also gemacht haben, nicht haben gemacht.
Fragen und Nebensätze
In einer Ja-Nein-Frage steht werden am Anfang:
- Wirst du die Präsentation bis Montag vorbereitet haben?
- Wird der Zug schon abgefahren sein?
Bei einer Frage mit Fragewort folgt werden auf das Fragewort:
- Wann wirst du den Bericht beendet haben?
- Warum wird er so früh gegangen sein?
In einem gewöhnlichen Nebensatz steht die konjugierte Form ganz am Ende, nach dem Infinitiv:
- Ich rufe später an, weil du die Besprechung dann beendet haben wirst.
- Niemand weiß, ob sie bis dahin angekommen sein wird.
Die Reihenfolge am Nebensatzende ist damit normalerweise: Partizip II + haben/sein + werden.
Zwei Zeitpunkte erkennen
Beim Futur II für abgeschlossene Zukunft sind gedanklich zwei Zeitpunkte wichtig:
- Das Geschehen wird abgeschlossen: Der Bericht ist fertig.
- Ein späterer Bezugspunkt wird erreicht: Morgen um zehn beginnt die Sitzung.
Daraus entsteht: Bis morgen um zehn werde ich den Bericht fertiggestellt haben. Ausdrücke wie bis, bis dahin, bevor, wenn oder in drei Jahren helfen dabei, diese zeitliche Beziehung sichtbar zu machen.
Beispiele im Kontext
| Deutscher Beispielsatz | Bedeutung in einfachen Worten | Hinweis |
|---|---|---|
| Bis morgen werde ich das gemacht haben. | Morgen ist die Arbeit voraussichtlich fertig. | abgeschlossene Zukunft mit haben |
| Wenn die Sitzung endet, werden wir alle Punkte besprochen haben. | Die Besprechung aller Punkte ist spätestens am Sitzungsende abgeschlossen. | zwei zukünftige Zeitpunkte |
| In zehn Jahren wird sich die Stadt stark verändert haben. | Zehn Jahre später kann man auf viele Veränderungen zurückblicken. | reflexives Verb mit haben |
| Bis ihr zurückkommt, werde ich das Abendessen vorbereitet haben. | Das Essen ist vor eurer Rückkehr vorbereitet. | Hauptsatz und temporaler Nebensatz |
| Um acht Uhr wird der letzte Zug schon abgefahren sein. | Der Zug fährt voraussichtlich vor acht Uhr ab. | abgeschlossene Zukunft mit sein |
| Nächsten Monat wird sie zehn Jahre in Berlin gelebt haben. | Dann kann sie auf zehn abgeschlossene Jahre in Berlin zurückblicken. | Dauer bis zu einem künftigen Zeitpunkt |
| Er wird wohl schon gegangen sein. | Vermutlich ist er bereits gegangen. | Vermutung über Vergangenes |
| Sie wird das vergessen haben. | Wahrscheinlich hat sie es vergessen. | Vermutung mit haben |
| Paul antwortet nicht; er wird eingeschlafen sein. | Sein Schweigen lässt vermuten, dass er schläft. | Schluss aus einem Hinweis |
| Ihr werdet die Nachricht sicher schon gehört haben. | Ich nehme an, dass ihr bereits davon wisst. | sicher drückt hohe Wahrscheinlichkeit aus |
| Der Schlüssel wird hinter den Schrank gefallen sein. | Dort liegt er vermutlich, weil er dorthin gefallen ist. | Erklärung für eine gegenwärtige Situation |
| Sie wird noch nicht angekommen sein. | Wahrscheinlich ist sie bisher nicht angekommen. | verneinte Vermutung |
Häufige Fehler
Werden zweimal verwenden
- Falsch: Bis morgen werde ich das gemacht werden haben.
- Richtig: Bis morgen werde ich das gemacht haben.
- Warum: Im aktiven Futur II braucht man nur die konjugierte Form von werden. Danach folgen Partizip II und haben oder sein. Ein zweites werden gehört hier nicht zur Form.
Das falsche Hilfsverb wählen
- Falsch: Er wird schon gegangen haben.
- Richtig: Er wird schon gegangen sein.
- Warum: Gehen bildet das Perfekt mit sein: Er ist gegangen. Dieselbe Wahl gilt im Futur II.
Den Infinitiv am Ende weglassen
- Falsch: Sie wird den Bericht geschrieben.
- Richtig: Sie wird den Bericht geschrieben haben.
- Warum: Wird geschrieben kann als Passiv verstanden werden: Jemand schreibt den Bericht. Erst geschrieben haben kennzeichnet hier die abgeschlossene aktive Handlung.
Die Endgruppe vertauschen
- Falsch: Wir werden alles haben vorbereitet.
- Richtig: Wir werden alles vorbereitet haben.
- Warum: Im normalen Futur II steht das Partizip II vor dem Infinitiv haben oder sein.
Futur I und Futur II nicht unterscheiden
- Falsch: Bis Freitag werde ich den Text schreiben, wenn ausdrücklich gemeint ist, dass er dann schon fertig ist.
- Richtig: Bis Freitag werde ich den Text geschrieben haben.
- Warum: Das Futur I stellt das zukünftige Geschehen dar; das Futur II betont seinen Abschluss vor einem späteren Zeitpunkt. Im Alltag kann zwar auch das Präsens verwendet werden, aber die Formen drücken nicht genau dieselbe Perspektive aus.
Jede Aussage über die Zukunft ins Futur II setzen
- Unpassend: Morgen werde ich um neun Uhr aufgestanden sein, wenn nur der normale Tagesplan genannt wird.
- Natürlicher: Morgen stehe ich um neun Uhr auf.
- Warum: Das Futur II ist besonders sinnvoll, wenn der erreichte Abschluss oder der Rückblick von einem späteren Zeitpunkt wichtig ist. Für einen einfachen Plan genügt meist das Präsens.
Verwendungshinweise
Abgeschlossene Zukunft: korrekt, aber nicht immer die häufigste Wahl
Das Futur II ist in formellen Planungen, Prognosen und Berichten gut geeignet: Bis zum Ende des Quartals werden wir das Projekt abgeschlossen haben. Im Gespräch wird derselbe Inhalt oft mit Präsens oder Perfekt plus eindeutiger Zeitangabe ausgedrückt:
- Bis morgen habe ich den Bericht fertig.
- Bis du kommst, habe ich schon eingekauft.
Solche Alternativen machen das Futur II nicht falsch. Sie zeigen nur, dass das Deutsche Zeit oft durch den Kontext ausdrückt. Wenn der Abschluss besonders hervorgehoben werden soll, ist das Futur II präzise und gut verständlich.
Vermutungen: eine sehr lebendige Verwendung
Für Vermutungen über Vergangenes ist das Futur II auch im heutigen Deutsch üblich. Vergleiche:
| Form | Aussage |
|---|---|
| Lena hat den Termin vergessen. | Der Sprecher stellt es als Tatsache dar. |
| Lena wird den Termin vergessen haben. | Der Sprecher folgert es, weiß es aber nicht sicher. |
| Lena hat den Termin wahrscheinlich vergessen. | Die Vermutung wird mit einem Adverb statt mit dem Futur II markiert. |
Wohl ist besonders typisch: Er wird wohl im Stau gestanden haben. Es klingt vorsichtig und natürlich. Sicher kann je nach Kontext eine sehr starke Vermutung ausdrücken, bleibt aber ohne sicheren Beleg trotzdem eine Einschätzung.
Der Kontext entscheidet über die Zeitbedeutung
Der Satz Sie wird die Prüfung bestanden haben ist ohne Kontext doppeldeutig:
- Wenn die Ergebnisse morgen erscheinen, wird sie die Prüfung bestanden haben. – abgeschlossene Zukunft
- Sie feiert so ausgelassen; sie wird die Prüfung bestanden haben. – Vermutung über Vergangenes
Zeitangaben und die Situation lösen diese Mehrdeutigkeit normalerweise sofort auf.
Verneinung und Abstufung
Die Verneinung steht im Mittelfeld: Er wird die E-Mail nicht gelesen haben. Mit noch nicht vermutet man, dass etwas bis jetzt nicht geschehen ist: Sie wird noch nicht angekommen sein. Auch Abstufungen sind möglich: Er wird vielleicht / vermutlich / wohl / mit Sicherheit zu Hause geblieben sein. Diese Wörter bestimmen, wie sicher die Vermutung wirkt.
Über B2 hinaus: fortgeschrittene Verwendungen
Futur II im Passiv
Das Passiv stellt das Geschehen oder sein Ergebnis in den Vordergrund, nicht die handelnde Person. Im Vorgangspassiv des Futur II lautet die Form:
werden + Partizip II + worden sein
- Die Brücke wird bis Ende des Jahres repariert worden sein.
- Bis dahin werden alle Stimmen ausgezählt worden sein.
Hier ist worden korrekt, nicht geworden. Die Form ist grammatisch möglich und in sachlichen Texten nützlich, wirkt aber schwer. Oft klingt eine aktive Umformung klarer: Bis Ende des Jahres wird man die Brücke repariert haben.
Modalverben und Ersatzinfinitiv
Mit Modalverben wie müssen oder können entstehen lange Verbgruppen. Statt eines Partizips wie gemusst steht häufig ein Ersatzinfinitiv (eine Grundform, die an die Stelle des Partizips tritt):
- Er wird lange haben warten müssen.
- Sie wird die Nachricht nicht haben lesen können.
Diese Formen kommen vor allem bei Vermutungen über vergangene Pflichten oder Möglichkeiten vor und sind selbst für Fortgeschrittene anspruchsvoll. Im Alltag ist eine Umformung oft verständlicher: Vermutlich musste er lange warten.
Rückblick aus einer erzählten Zukunft
In literarischen, biografischen oder prognostischen Texten kann das Futur II einen späteren Rückblick vorbereiten: Viele Jahre später wird sie verstanden haben, warum diese Entscheidung wichtig war. Der Sprecher versetzt sich gedanklich in einen zukünftigen Zeitpunkt und schaut von dort zurück. Diese Verwendung kann eine Erzählung feierlicher oder vorausschauender wirken lassen.
Keine Garantie trotz grammatischer Zukunft
Auch beim Zukunftsgebrauch beschreibt das Futur II häufig eine Erwartung, keine sichere Tatsache: Bis sechs Uhr wird der Techniker den Fehler behoben haben. Je nach Situation kann das ein Plan, eine Prognose oder eine zuversichtliche Annahme sein. Ob der Abschluss wirklich eintritt, ergibt sich nicht aus der Grammatik allein.
Übungstipps
- Vom Perfekt zum Futur II: Schreibe fünf Perfektsätze auf, zum Beispiel Sie hat die Rechnung bezahlt. Ersetze das konjugierte Hilfsverb durch werden und setze haben oder sein ans Ende: Sie wird die Rechnung bezahlt haben. So übst du zugleich die richtige Hilfsverbwahl.
- Arbeite mit einem Endpunkt: Ergänze Sätze zu bis morgen, bis Ende des Monats und wenn du zurückkommst. Frage jeweils: „Was ist zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen?“ Formuliere die Antwort im Futur II.
- Trenne Zukunft und Vermutung: Nimm denselben Satz, etwa Er wird angekommen sein, und schreibe zwei Kontexte dazu: einen mit zukünftigem Bezugspunkt und einen mit einem Hinweis auf ein vergangenes Geschehen. Dadurch lernst du, die Bedeutung aus dem Zusammenhang zu erkennen.
Verwandte Konzepte
- Voraussetzung: Futur I — liefert die Formen von werden und die Satzklammer, auf denen das Futur II aufbaut.
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