Futur I im Deutschen
Futur I
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das Futur I besteht aus einer konjugierten Form von werden und dem Infinitiv (der Grundform des Verbs): Ich werde morgen kommen. Es bezeichnet vor allem Vorhersagen, Absichten und Versprechen, kann aber auch eine Vermutung über die Gegenwart ausdrücken: Er wird wohl schlafen. Für feste oder bereits geplante zukünftige Ereignisse verwendet man im Deutschen oft einfach das Präsens.
Überblick
Mit dem Futur I kann man über etwas sprechen, das nach dem Sprechzeitpunkt liegt: Nächstes Jahr werde ich in Berlin studieren. Besonders nützlich ist diese Form, wenn jemand eine Vorhersage macht, eine Absicht betont oder ein Versprechen gibt. Das Grundmuster ist leicht zu erkennen: Eine Form von werden steht an der üblichen Stelle des konjugierten Verbs, während das eigentliche Verb als Infinitiv am Satzende steht.
Auf dem Niveau B1 kommt eine zweite wichtige Funktion hinzu. Das Futur I beschreibt nicht nur Zukunft, sondern auch eine Vermutung über die Gegenwart. Mia wird jetzt zu Hause sein bedeutet dann ungefähr: Der Sprecher weiß es nicht sicher, hält es aber für wahrscheinlich. Wörter wie wohl, vermutlich oder wahrscheinlich machen diese Bedeutung besonders deutlich.
Anders als die Bezeichnung „Zukunftsform“ vermuten lässt, ist das Futur I nicht bei jeder Aussage über die Zukunft nötig. Im Alltag sagt man meist Morgen arbeite ich von zu Hause statt Morgen werde ich von zu Hause arbeiten, wenn der Plan feststeht. Wer den Unterschied zwischen Präsens und Futur I versteht, klingt natürlicher und kann zugleich feine Bedeutungen wie Sicherheit, Prognose und Entschlossenheit ausdrücken.
So funktioniert es
Die Grundform: werden + Infinitiv
Das Subjekt (wer oder was handelt) bestimmt die Form von werden. Der Infinitiv verändert sich nicht.
| Person | Form von werden | Beispiel |
|---|---|---|
| ich | werde | Ich werde anrufen. |
| du | wirst | Du wirst anrufen. |
| er/sie/es | wird | Sie wird anrufen. |
| wir | werden | Wir werden anrufen. |
| ihr | werdet | Ihr werdet anrufen. |
| sie/Sie | werden | Sie werden anrufen. |
Die Formen wirst und wird sind unregelmäßig. Der Stammvokal fällt weg; Formen wie werdst oder werdet für die dritte Person Singular sind deshalb falsch.
Wortstellung im Hauptsatz
In einem normalen Hauptsatz (einem Satz, der selbstständig stehen kann) steht die konjugierte Form von werden an zweiter Satzposition. Der Infinitiv steht am Ende. Beide Teile bilden eine Satzklammer:
Satzposition 1 + werden + Mittelfeld + Infinitiv
- Ich werde die Nachricht heute Abend beantworten.
- Heute Abend werde ich die Nachricht beantworten.
- Nach der Arbeit werden wir noch einkaufen.
„Zweite Position“ bedeutet nicht unbedingt „zweites Wort“. Nach der Arbeit bildet zusammen die erste Position. Das Subjekt folgt in diesem Fall erst nach werden.
Bei einem trennbaren Verb bleibt der Infinitiv zusammen: Ich werde dich später anrufen, nicht ich werde dich später an rufen. Bei reflexiven Verben steht das Reflexivpronomen im Mittelfeld: Wir werden uns morgen treffen.
Fragen und Nebensätze
In einer Entscheidungsfrage steht werden am Anfang:
- Wirst du morgen kommen?
- Wird es am Wochenende schneien?
Bei einer Frage mit Fragewort steht das Fragewort zuerst und werden danach:
- Wann werdet ihr die Entscheidung bekannt geben?
- Wie wirst du das Problem lösen?
In einem Nebensatz (einem abhängigen Satz, der zum Beispiel mit weil, dass oder ob beginnt) steht die konjugierte Form von werden ganz am Ende. Der Infinitiv kommt direkt davor:
- Ich glaube, dass sie morgen kommen wird.
- Wir bleiben zu Hause, weil es wahrscheinlich regnen wird.
- Er fragt, ob du ihm helfen wirst.
Mit Modalverben
Ein Modalverb wie müssen, können oder dürfen verändert die Aussage des anderen Verbs. Im Futur I stehen dann zwei Infinitive am Satzende; das Modalverb kommt zuletzt:
- Ich werde am Samstag arbeiten müssen.
- Sie wird das Problem sicher lösen können.
- Ihr werdet hier nicht parken dürfen.
Solche Sätze sind korrekt, können aber schwer wirken. Oft ist das Präsens natürlicher: Ich muss am Samstag arbeiten. Das Futur I ist besonders sinnvoll, wenn die zukünftige Perspektive oder eine Vermutung betont werden soll.
Die wichtigsten Bedeutungen
| Funktion | Typisches Beispiel | Aussage |
|---|---|---|
| Vorhersage | Die Preise werden weiter steigen. | Der Sprecher erwartet eine zukünftige Entwicklung. |
| Absicht oder Entschluss | Ich werde mich morgen darum kümmern. | Der Sprecher kündigt sein eigenes Handeln an. |
| Versprechen | Ich werde dir das Geld zurückzahlen. | Die zukünftige Handlung wird verbindlich zugesagt. |
| Warnung oder nachdrückliche Anweisung | Du wirst jetzt sofort damit aufhören. | Die Form bezeichnet nicht nur Zukunft, sondern übt Druck aus. |
| Vermutung über die Gegenwart | Nora wird noch im Büro sein. | Der Sprecher hält etwas jetzt für wahrscheinlich. |
Der Kontext entscheidet also über die genaue Bedeutung. Ein Satz wie Er wird später anrufen kann eine neutrale Vorhersage sein. Ich werde später anrufen klingt häufig wie eine Absicht oder ein Versprechen.
Beispiele im Kontext
| Deutsch | Gemeint ist | Hinweis |
|---|---|---|
| Ich werde morgen kommen. | Ich kündige mein Kommen für morgen an. | Absicht oder Zusage |
| Es wird heute Nacht regnen. | Regen wird für die kommende Nacht erwartet. | Vorhersage |
| In zehn Jahren werden viele Autos elektrisch fahren. | Der Sprecher erwartet diese zukünftige Entwicklung. | Prognose |
| Keine Sorge, ich werde dir helfen. | Ich verspreche meine Hilfe. | Versprechen |
| Wir werden uns nach dem Kurs vor dem Café treffen. | Das Treffen ist für später vorgesehen. | zukünftiger Plan |
| Wirst du am Wochenende Zeit haben? | Gefragt wird nach deiner verfügbaren Zeit am Wochenende. | Entscheidungsfrage |
| Ich weiß noch nicht, wann ich zurückkommen werde. | Der Zeitpunkt meiner Rückkehr ist unklar. | Nebensatz mit wann |
| Sie wird wohl gerade schlafen. | Wahrscheinlich schläft sie jetzt. | Vermutung über die Gegenwart |
| Die Kinder werden jetzt in der Schule sein. | Vermutlich sind die Kinder im Moment dort. | gegenwärtige Vermutung |
| Das wird bestimmt Paul sein. | Der Sprecher vermutet, dass Paul gemeint ist oder vor der Tür steht. | Schlussfolgerung |
| Du wirst dich wahrscheinlich irren. | Vermutlich liegst du falsch. | Vermutung mit wahrscheinlich |
| Bis Freitag werde ich den Bericht fertigstellen. | Ich plane oder verspreche die Fertigstellung bis Freitag. | Frist in der Zukunft |
| Wir werden das Gerät reparieren lassen müssen. | In Zukunft wird eine Reparatur durch andere nötig sein. | mehrere Infinitive |
| Wenn du weiterübst, wirst du sicher Fortschritte machen. | Üben führt voraussichtlich zu Fortschritten. | Folge in der Zukunft |
Häufige Fehler
Den Infinitiv nicht ans Satzende stellen
- Falsch: Ich werde besuchen morgen meine Eltern.
- Richtig: Ich werde morgen meine Eltern besuchen.
- Warum: Im Hauptsatz steht die Form von werden an zweiter Position, der Infinitiv schließt den Satz ab.
Die Formen von werden regelmäßig bilden
- Falsch: Du werdst das verstehen. / Er werdet später kommen.
- Richtig: Du wirst das verstehen. / Er wird später kommen.
- Warum: In der zweiten und dritten Person Singular heißen die Formen wirst und wird.
werden und das Hauptverb beide konjugieren
- Falsch: Sie wird morgen arbeitet.
- Richtig: Sie wird morgen arbeiten.
- Warum: Nur werden wird an das Subjekt angepasst. Das Hauptverb bleibt im Infinitiv.
In jedem Zukunftssatz Futur I verwenden
- Unnatürlich: Morgen werde ich um acht Uhr einen Arzttermin haben.
- Natürlicher: Morgen habe ich um acht Uhr einen Arzttermin.
- Warum: Bei einem festen Termin und einer klaren Zeitangabe reicht gewöhnlich das Präsens. Das Futur I ist nicht grammatisch falsch, wirkt hier aber unnötig betont oder wie eine Vorhersage.
Futur I und würde-Form verwechseln
- Falsch für eine feste Absicht: Ich würde dich morgen anrufen.
- Richtig: Ich werde dich morgen anrufen.
- Warum: Ich werde anrufen kündigt eine zukünftige Handlung an. Ich würde anrufen ist Konjunktiv II (eine Form für Bedingungen, Vorstellungen oder höfliche Formulierungen) und braucht meist einen gedachten oder genannten Umstand: Ich würde dich anrufen, wenn ich deine Nummer hätte.
Jede Form von werden als Futur verstehen
- Kein Futur I: Es wird dunkel.
- Futur I: Es wird bald dunkel werden.
- Warum: Im ersten Satz bedeutet werden „sich verändern“ und ist selbst das Hauptverb. Ein Futur I enthält zusätzlich einen Infinitiv. Auch Das Haus wird gebaut ist normalerweise Präsens Passiv, nicht Futur I.
Verwendungshinweise
Präsens oder Futur I?
Im Deutschen kann das Präsens zusammen mit einer Zeitangabe eindeutig auf die Zukunft verweisen:
- Morgen fahre ich nach Köln.
- Nächste Woche beginnt der Kurs.
- Im Sommer ziehen wir um.
Diese Form ist in Gesprächen sehr häufig und klingt bei festen Plänen meist am natürlichsten. Das Futur I hebt dagegen die zukünftige Perspektive stärker hervor. Es passt besonders gut zu Prognosen (Es wird wärmer werden), spontanen Entschlüssen (Dann werde ich eben allein gehen), feierlichen Versprechen (Ich werde immer für dich da sein) und Aussagen, deren Ergebnis noch nicht feststeht.
Der Unterschied ist keine starre Regel. Morgen fahre ich nach Köln stellt die Reise als geplante Tatsache dar. Morgen werde ich nach Köln fahren kann die Absicht betonen, einen Gegensatz markieren oder Teil einer ausführlichen Zukunftsplanung sein. Betonung und Gesprächssituation wirken dabei mit.
Vermutungen über die Gegenwart
Bei einer Vermutung verweist das Futur I trotz seiner Form auf das Jetzt:
- Wo ist Deniz? – Er wird noch arbeiten.
- Warum antwortet Lea nicht? – Sie wird ihr Handy nicht hören.
Mit wohl klingt die Vermutung besonders typisch und oft etwas vorsichtiger: Er wird wohl noch arbeiten. Auch vermutlich, wahrscheinlich, bestimmt oder sicher können den Grad der Sicherheit zeigen. Bestimmt und sicher drücken eine stärkere Überzeugung aus als wohl oder vermutlich.
In vielen Situationen ist eine Formulierung mit Modalverb ebenso möglich: Er dürfte noch arbeiten oder Er muss noch arbeiten. Diese Varianten haben jedoch eigene Bedeutungsnuancen. Für B1 reicht zunächst das zuverlässige Muster wird wohl + Infinitiv.
Wirkung und Register
Das Futur I kommt sowohl in gesprochener als auch in geschriebener Sprache vor. In Nachrichten, wissenschaftlichen Prognosen und politischen Aussagen ist es häufig, weil dort zukünftige Entwicklungen ausdrücklich bewertet werden. Im lockeren Gespräch ersetzt das Präsens viele neutrale Zukunftsaussagen.
Mit der zweiten Person kann das Futur I streng oder befehlend klingen: Du wirst jetzt dein Zimmer aufräumen. Als neutrale Frage ist Wirst du dein Zimmer aufräumen? möglich, doch je nach Ton kann auch sie eine Erwartung ausdrücken. Für eine freundliche Bitte ist Kannst du bitte dein Zimmer aufräumen? meist passender.
Über die Grundlagen hinaus
Abgrenzung zu Passiv und Zustandsveränderung
Das Wort werden hat drei wichtige Aufgaben, die man an der Form des folgenden Verbs unterscheiden kann:
| Konstruktion | Beispiel | Erkennungsmerkmal |
|---|---|---|
| werden als Hauptverb | Das Kind wird müde. | Danach steht kein weiteres Verb; gemeint ist eine Veränderung. |
| Präsens Passiv | Die Straße wird gesperrt. | Auf werden folgt ein Partizip II, also eine Form wie gesperrt oder gebaut. |
| Futur I | Die Stadt wird die Straße sperren. | Am Ende steht der Infinitiv sperren. |
Auch ein Passiv kann in die Zukunft gesetzt werden: Die Straße wird morgen gesperrt werden. Das erste wird bildet das Futur I, gesperrt werden ist der Infinitiv Passiv. Grammatisch ist das korrekt, stilistisch aber schwer. Häufig genügt Die Straße wird morgen gesperrt, weil morgen die Zukunft bereits klar macht.
Verneinung und Fokus
Die Stellung von nicht richtet sich danach, was verneint wird:
- Ich werde morgen nicht kommen: Mein Kommen findet nicht statt.
- Ich werde nicht morgen, sondern am Freitag kommen: Verneint wird der Zeitpunkt.
- Sie wird das nicht allein schaffen: Verneint oder korrigiert wird allein.
Das Futur verändert diese allgemeinen Regeln der Verneinung nicht. Wichtig bleibt nur, dass der Infinitiv am Ende steht.
Futur I und Futur II
Das Futur I zeigt eine zukünftige Handlung oder einen zukünftigen Zustand: Am Freitag werde ich den Bericht schreiben. Das Futur II betrachtet etwas zu einem zukünftigen Zeitpunkt bereits als abgeschlossen: Bis Freitag werde ich den Bericht geschrieben haben. Ebenso kann das Futur II eine Vermutung über die Vergangenheit ausdrücken: Sie wird den Zug verpasst haben. Diese weiterführende Form besteht aus werden, Partizip II und haben oder sein.
Stilistische Alternativen
Zukunft lässt sich im Deutschen nicht nur durch eine Zeitform ausdrücken. Je nach Bedeutung stehen auch Modalverben und andere Wendungen zur Verfügung:
- Ich will nächstes Jahr umziehen betont den Wunsch oder Plan.
- Ich habe vor, nächstes Jahr umzuziehen nennt eine klare Absicht.
- Ich soll nächste Woche anfangen verweist auf eine Erwartung oder Vorgabe von außen.
- Ich bin dabei, alles vorzubereiten beschreibt eine bereits laufende Vorbereitung.
Das Futur I bleibt die neutrale grammatische Möglichkeit, doch diese Alternativen können genauer zeigen, wie sicher, freiwillig oder vorbereitet eine zukünftige Handlung ist.
Übungstipps
- Bilde Satzklammern. Schreibe sechs kurze Präsenssätze auf und setze sie ins Futur I. Markiere werden und den Infinitiv: Wir kaufen ein → Wir werden morgen einkaufen. Forme anschließend zwei Sätze in Nebensätze um: Ich weiß, dass wir morgen einkaufen werden.
- Unterscheide Plan und Prognose. Sammle Beispiele aus deinem Alltag in zwei Gruppen. Verwende für feste Termine bevorzugt Präsens (Am Dienstag habe ich einen Termin) und für Vorhersagen Futur I (Der Termin wird wahrscheinlich lange dauern).
- Übe gegenwärtige Vermutungen. Sieh dir eine Alltagssituation an und formuliere drei Vermutungen mit wird wohl: Der Bus wird wohl Verspätung haben. Prüfe immer, ob sich die Aussage auf jetzt oder auf später bezieht.
Verwandte Grammatikthemen
- Grundlage: Regelmäßige Verben im Präsens — hilft dabei, konjugierte Verbformen und Infinitive sicher zu unterscheiden.
- Nächster Schritt: Konjunktiv II mit würde — ähnelt äußerlich dem Futur I, drückt aber Bedingungen, Wünsche oder Höflichkeit aus.
- Vertiefung: Futur II — bezeichnet künftig abgeschlossene Handlungen und Vermutungen über Vergangenes.
Voraussetzung
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