Komplexe Bedingungssätze im Walisischen
Amodau Cymhleth
Dieser Artikel ist Teil des Walisisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Mit pe beschreibt man eine nur gedachte oder nicht mehr erfüllbare Bedingung. Für eine irreale Gegenwart steht meist pe + Konditionalform + yn, etwa Pe baswn i'n gyfoethog ... („Wenn ich reich wäre ...“); für eine irreale Vergangenheit steht pe + bawn-Reihe + wedi, etwa Pe bawn i wedi gwybod ... („Wenn ich es gewusst hätte ...“). Der Folgesatz enthält die entsprechende Bedeutung „würde“ oder „hätte/wäre ...“.
Überblick
Komplexe Bedingungssätze bestehen aus zwei Teilsätzen: Der Bedingungssatz nennt die gedachte Voraussetzung, der Folgesatz nennt das Ergebnis. Auf B2-Niveau geht es vor allem um Bedingungen, die nicht als reale Zukunftsmöglichkeit dargestellt werden. Man stellt sich entweder eine andere Gegenwart vor oder blickt auf eine Vergangenheit zurück, die nicht mehr geändert werden kann.
Im Deutschen leisten dafür meist der Konjunktiv II und Formen wie „wäre“, „würde“ oder „hätte gemacht“ die Hauptarbeit. Das Walisische organisiert dieselbe Bedeutung anders: Häufig trägt eine Form von bod („sein“) die Person und die hypothetische Bedeutung. Das eigentliche Tätigkeitswort bleibt als Verbalsubstantiv stehen, also in der Grundform, unter der man es gewöhnlich im Wörterbuch findet: mynd („gehen“), gwybod („wissen“), dod („kommen“).
Der wichtigste Gegensatz lautet: Eine nicht wirkliche Gegenwart oder Zukunft verwendet im Kern yn + Verbalsubstantiv; eine nicht eingetretene Vergangenheit verwendet wedi + Verbalsubstantiv. Wer den einfachen Konditional mit baswn i, baset ti, basai ... bereits kennt, erweitert hier also nicht nur einzelne Formen, sondern baut daraus vollständige Wenn-dann-Beziehungen.
So funktioniert es
Die zwei grundlegenden Muster
| Bedeutung | Bedingung | Folge | Beispielkern |
|---|---|---|---|
| irreale Gegenwart oder Zukunft | pe + bas-Reihe + yn + Verbalsubstantiv | bas-/fas-Reihe + yn + Verbalsubstantiv | Pe baswn i'n cael amser, baswn i'n darllen. |
| irreale Vergangenheit | pe + bawn-Reihe + wedi + Verbalsubstantiv | bas-/fas-Reihe + wedi + Verbalsubstantiv | Pe bawn i wedi gwybod, faswn i wedi dod. |
Die erste Zeile entspricht oft einem deutschen Satz wie „Wenn ich Zeit hätte, würde ich lesen“. Die zweite entspricht „Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich gekommen“. Pe kennzeichnet die hypothetische Voraussetzung. Ein eigenes Wort für „dann“ ist im Folgesatz nicht nötig.
Irreale Gegenwart: pe + bas-Reihe
Mit diesem Muster beschreibt man einen Zustand, der jetzt nicht zutrifft, oder eine wenig realistisch dargestellte Möglichkeit:
pe + Konditionalform von bod + Ergänzung, Konditionalform von bod + Folge
- Pe baswn i'n gyfoethog, baswn i'n teithio. — Wenn ich reich wäre, würde ich reisen.
- Pe basai'n braf, basen ni'n mynd. — Wenn das Wetter schön wäre, würden wir gehen.
Vor einem Verbalsubstantiv steht yn. In der gesprochenen Sprache verschmilzt es nach einem Pronomen oft in der Schrift mit dem vorhergehenden Wort: i + yn wird i'n, hi + yn wird hi'n. Auch vor einem Adjektiv oder einer nominalen Beschreibung begegnet dieselbe Verbindung: baswn i'n gyfoethog („ich wäre reich“), basai hi'n barod („sie wäre bereit“).
| Person | Form von bod | Beispiel mit mynd |
|---|---|---|
| ich | baswn i | baswn i'n mynd — ich würde gehen |
| du | baset ti | baset ti'n mynd — du würdest gehen |
| er/sie | basai fe / basai hi | basai hi'n mynd — sie würde gehen |
| wir | basen ni | basen ni'n mynd — wir würden gehen |
| ihr/Sie | basech chi | basech chi'n mynd — ihr würdet / Sie würden gehen |
| sie | basen nhw | basen nhw'n mynd — sie würden gehen |
Chi kann mehrere Personen oder eine einzelne Person höflich ansprechen. Anders als im Deutschen wird diese Höflichkeitsbedeutung nicht durch Großschreibung markiert.
Irreale Vergangenheit: pe + bawn-Reihe + wedi
Geht es um etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, steht im Bedingungssatz die bawn-Reihe von bod. Danach folgt wedi und das Verbalsubstantiv:
pe + bawn-Reihe + wedi + Verbalsubstantiv
| Person | Form nach pe | Beispiel mit gwybod |
|---|---|---|
| ich | pe bawn i | pe bawn i wedi gwybod — wenn ich gewusst hätte |
| du | pe baet ti | pe baet ti wedi gwybod — wenn du gewusst hättest |
| er/sie | pe bai fe / pe bai hi | pe bai hi wedi gwybod — wenn sie gewusst hätte |
| wir | pe baen ni | pe baen ni wedi gwybod — wenn wir gewusst hätten |
| ihr/Sie | pe baech chi | pe baech chi wedi gwybod — wenn ihr/Sie gewusst hättet/hätten |
| sie | pe baen nhw | pe baen nhw wedi gwybod — wenn sie gewusst hätten |
Wedi zeigt hier, dass die Handlung als abgeschlossen betrachtet wird. Es folgt kein Partizip wie deutsches „gewusst“ oder „gekommen“, sondern weiterhin das unveränderte Verbalsubstantiv: wedi gwybod, wedi dod, wedi gweld. Das macht das Muster regelmäßig, sobald die Formen von bod sitzen.
Der Folgesatz verwendet den vergangenen Konditional:
bas-/fas-Reihe + wedi + Verbalsubstantiv
- faswn i wedi dod — ich wäre gekommen
- basai hi wedi helpu — sie hätte geholfen
- fasen nhw ddim wedi aros — sie hätten nicht gewartet
Vor wedi steht nicht zusätzlich yn. Vergleiche:
- Baswn i'n dod. — Ich würde kommen.
- Baswn i wedi dod. — Ich wäre gekommen.
Bejahung, Verneinung und Fragen
Für die Verneinung steht ddim nach Subjekt beziehungsweise Pronomen. Bei einer gegenwärtigen Folge bleibt anschließend yn erhalten; bei einer vergangenen Folge folgt wedi:
- Faswn i ddim yn mynd. — Ich würde nicht gehen.
- Faswn i ddim wedi mynd. — Ich wäre nicht gegangen.
In Fragen sieht man ebenfalls häufig die Formen mit f-:
- Faset ti'n derbyn y swydd? — Würdest du die Stelle annehmen?
- Fasech chi wedi aros? — Wären Sie geblieben?
Das anfängliche f- entsteht durch eine walisische Anlautmutation (eine grammatisch ausgelöste Änderung des ersten Lautes): b wird hier zu f. Auch in bejahenden Folgesätzen kommen je nach Satzbau und Sprachvariante Formen mit b- oder f- vor. Baswn i wedi dod und faswn i wedi dod tragen daher nicht automatisch verschiedene Zeitbedeutungen.
Abgrenzung zu einer offenen Bedingung
Nicht jeder deutsche Satz mit „wenn“ gehört in dieses Muster. Bei einer echten, noch offenen Zukunftsmöglichkeit verwendet man gewöhnlich os („falls, wenn“) und eine Zukunftsform:
| Sicht des Sprechers | Walisisch | Deutsch |
|---|---|---|
| reale Möglichkeit | Os bydd hi'n braf, awn ni am dro. | Wenn es schön ist, gehen wir spazieren. |
| nur gedachte Gegenwart | Pe basai'n braf, basen ni'n mynd am dro. | Wenn es schön wäre, würden wir spazieren gehen. |
Die Wahl zwischen os und pe zeigt also, wie die Bedingung eingeordnet wird. Sie ist nicht bloß eine austauschbare Übersetzung des deutschen Wortes „wenn“.
Beispiele im Zusammenhang
| Walisisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Pe baswn i'n gyfoethog, baswn i'n teithio. | Wenn ich reich wäre, würde ich reisen. | Irreale Gegenwart |
| Pe basai'n braf, basen ni'n mynd. | Wenn das Wetter schön wäre, würden wir gehen. | Gedachte Voraussetzung |
| Pe baswn i'n byw yng Nghaerdydd, baswn i'n defnyddio'r Gymraeg bob dydd. | Wenn ich in Cardiff wohnen würde, würde ich täglich Walisisch verwenden. | Zwei gegenwärtige Vorstellungen |
| Pe baset ti'n cael mwy o amser, faset ti'n dysgu offeryn? | Wenn du mehr Zeit hättest, würdest du ein Instrument lernen? | Frage im Folgesatz |
| Pe basai hi yma, basai hi'n gwybod beth i'w wneud. | Wenn sie hier wäre, wüsste sie, was zu tun ist. | Zustand und gedachte Folge |
| Pe basech chi'n newid un peth, beth fasech chi'n ei newid? | Wenn Sie eine Sache ändern würden, was würden Sie ändern? | Höfliche Anrede mit chi |
| Pe bawn i wedi gwybod, faswn i wedi dod. | Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich gekommen. | Irreale Vergangenheit |
| Pe bawn i wedi gweld y neges, faswn i wedi ateb. | Wenn ich die Nachricht gesehen hätte, hätte ich geantwortet. | Beide Handlungen liegen zurück |
| Pe bai hi wedi gadael yn gynharach, basai hi wedi dal y trên. | Wenn sie früher aufgebrochen wäre, hätte sie den Zug erreicht. | Nicht eingetretenes Ergebnis |
| Pe baen ni wedi gwybod am y traffig, basen ni wedi gadael yn gynt. | Wenn wir von dem Verkehr gewusst hätten, wären wir früher losgefahren. | Rückblick auf eine verpasste Möglichkeit |
| Pe baen nhw wedi archebu bwrdd, fasen nhw ddim wedi gorfod aros. | Wenn sie einen Tisch reserviert hätten, hätten sie nicht warten müssen. | Verneinte Folge |
| Pe bawn i wedi derbyn y swydd, baswn i'n byw yn Abertawe nawr. | Wenn ich die Stelle angenommen hätte, würde ich jetzt in Swansea wohnen. | Vergangene Bedingung, gegenwärtige Folge |
| Pe basai hi'n fwy trefnus, fasai hi ddim wedi anghofio'r apwyntiad. | Wenn sie organisierter wäre, hätte sie den Termin nicht vergessen. | Gegenwärtiger Zustand, vergangene Folge |
Häufige Fehler
Pe und os ohne Bedeutungsunterschied vertauschen
- Falsch: Os baswn i'n gyfoethog, baswn i'n teithio.
- Richtig: Pe baswn i'n gyfoethog, baswn i'n teithio.
- Warum: Hier wird eine irreale Gegenwart vorgestellt. Pe passt zu dieser hypothetischen Sicht; os leitet normalerweise eine offene, reale Möglichkeit ein.
In der irrealen Vergangenheit die bas-Reihe in den pe-Satz setzen
- Falsch: Pe baswn i wedi gwybod, faswn i wedi dod.
- Richtig: Pe bawn i wedi gwybod, faswn i wedi dod.
- Warum: Das verlässliche Grundmuster für „wenn ich gewusst hätte“ ist pe bawn i wedi .... Der Folgesatz „ich wäre gekommen“ verwendet dagegen faswn i wedi ....
Yn und wedi gleichzeitig verwenden
- Falsch: Faswn i'n wedi dod.
- Richtig: Faswn i wedi dod.
- Warum: Yn + Verbalsubstantiv bildet hier die nicht abgeschlossene konditionale Handlung; wedi + Verbalsubstantiv bezeichnet die abgeschlossene Handlung. Vor wedi fällt yn weg.
Die Personenformen vermischen
- Falsch: Pe bai ni wedi gwybod ...
- Richtig: Pe baen ni wedi gwybod ...
- Warum: Bai gehört zur dritten Person Singular. Zu ni („wir“) gehört baen. Am sichersten lernt man Form und Pronomen immer gemeinsam.
Die deutsche Wortstellung nachbauen
- Falsch: Den walisischen Satz so planen, als müsse das gebeugte Verb wie im deutschen „wenn“-Satz ans Ende.
- Richtig: Pe bawn i wedi gweld y neges ...
- Warum: Nach pe folgt die Form von bod direkt, danach das Subjekt und dann wedi plus Verbalsubstantiv. Die deutsche Nebensatzregel „Verb am Ende“ gilt im Walisischen nicht.
Ddim an die falsche Stelle setzen
- Falsch: Faswn i wedi ddim mynd.
- Richtig: Faswn i ddim wedi mynd.
- Warum: Ddim steht nach faswn i und vor der mit wedi gebildeten Handlung.
Hinweise zum Gebrauch
Die hier gezeigten bas-Formen gehören besonders zur modernen gesprochenen Sprache. In Texten, Kursen und Regionen können daneben andere Formen erscheinen. Häufig begegnet etwa taswn i für „wenn ich wäre“ beziehungsweise tasen ni für „wenn wir wären“. Solche Varianten sollte man zunächst erkennen können, ohne alle Reihen sofort aktiv zu mischen. Innerhalb eines eigenen Satzes ist ein konsequent verwendetes Lernmuster leichter zu beherrschen.
Auch die Wahl zwischen b- und f- ist in natürlicher Sprache nicht immer so schematisch, wie eine erste Tabelle vermuten lässt. Fragen und Verneinungen zeigen sehr oft faswn, faset, fasai und so weiter; auch ein bejahender Folgesatz kann mit f- stehen. Entscheidend ist die ganze Form und der Kontext, nicht allein der erste Buchstabe.
Im Deutschen klingt die Umschreibung mit „würde“ bei manchen Verben schwerfällig; man sagt eher „wenn ich wüsste“ als „wenn ich wissen würde“. Diese stilistische Einschränkung lässt sich nicht auf das Walisische übertragen. Die Konstruktion mit einer Form von bod und dem unveränderten Verbalsubstantiv ist ein normales walisisches Mittel und keine unbeholfene Ersatzform.
Über das Grundmuster hinaus
Gemischte Bedingungen
Nicht immer liegen Bedingung und Folge in derselben Zeit. Eine vergangene Entscheidung kann eine Folge in der Gegenwart haben:
- Pe bawn i wedi derbyn y swydd, baswn i'n byw yn Abertawe nawr. — Wenn ich die Stelle angenommen hätte, würde ich jetzt in Swansea wohnen.
Umgekehrt kann ein fortdauernder Charakterzug als Erklärung für ein vergangenes Ergebnis dienen:
- Pe basai hi'n fwy trefnus, fasai hi ddim wedi anghofio'r apwyntiad. — Wenn sie organisierter wäre, hätte sie den Termin nicht vergessen.
Man wählt jede Hälfte nach ihrer eigenen Zeitperspektive. Wedi steht nur in dem Teil, dessen Handlung als bereits abgeschlossen betrachtet wird.
Direkte Konditionalformen anderer Verben
In sorgfältigerer Sprache können auch andere Verben eigene Konditionalformen tragen. Ein häufiges Beispiel ist hoffwn i („ich möchte“). Für das sichere Bilden komplexer Bedingungssätze bleibt die Konstruktion mit bod jedoch eine besonders klare und produktive Grundlage. Fortgeschrittene sollten direkte Formen erkennen, aber nicht wahllos mit der hier gelernten Hilfsverbkonstruktion vermengen.
Pe-Sätze ohne ausgesprochenen Folgesatz
Wie im Deutschen kann der Folgesatz aus dem Zusammenhang ergänzt werden. Pe bawn i wedi gwybod! bedeutet sinngemäß „Wenn ich das nur gewusst hätte!“ Die nicht ausgesprochene Folge — etwa „dann hätte ich anders gehandelt“ — bleibt dem Gesprächspartner überlassen. Solche verkürzten Sätze drücken oft Bedauern aus.
Lerntipps
- Übe Satzpaare statt einzelner Wörter. Sprich zuerst pe baswn i'n ... / baswn i'n ... und danach pe bawn i wedi ... / faswn i wedi .... So bleiben Bedingung und Folge getrennt, aber miteinander verbunden.
- Markiere die Zeitachse. Schreibe bei jedem Übungssatz „jetzt/später“ oder „Vergangenheit“ über beide Satzhälften. Danach entscheidest du für yn oder wedi. Nimm gemischte Bedingungen erst hinzu, wenn die beiden Grundmuster sicher sind.
- Wechsle systematisch die Person. Forme einen Satz mit i, ti, hi, ni, chi, nhw um. Achte besonders auf bawn → baet → bai → baen → baech → baen im vergangenen pe-Satz und auf die passende bas-Reihe in der Folge.
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