Das Passiv im Swahili (-w-/-liw-/-ew-)
Kauli ya Kutendwa
Dieser Artikel ist Teil des Suaheli-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das Swahili bildet das Passiv nicht mit einem Hilfsverb wie deutschem werden, sondern mit einer Erweiterung im Verb: soma „lesen“ wird zu somwa „gelesen werden“. Was die Handlung erfährt, wird zum grammatischen Subjekt; deshalb richtet sich das Subjektpräfix des Verbs nach diesem Wort: Kitabu kimesomwa „Das Buch ist gelesen worden“. Wer handelt, kann mit na genannt werden, bleibt aber oft unausgesprochen.
Überblick
Das Passiv heißt auf Swahili kauli ya kutendwa. Es lenkt den Blick auf eine Person oder Sache, mit der etwas geschieht: auf das Buch, das geschrieben wird, das Essen, das gekocht wurde, oder das Gesetz, das verabschiedet wurde. Der oder die Handelnde ist dabei weniger wichtig, unbekannt oder aus dem Zusammenhang ohnehin klar.
Auf B1-Niveau ist vor allem zweierlei wichtig. Erstens erhält der Verbstamm eine Passiverweiterung, meist -w- vor dem Endvokal -a. Zweitens übernimmt das bisherige Objekt die Subjektrolle. Das betrifft im Swahili nicht nur die Satzstellung, sondern auch die Kongruenz (die sichtbare Übereinstimmung des Verbs mit seinem Subjekt): kitabu verlangt ki-, vitabu verlangen vi-, eine Person der Klasse 1 verlangt a-.
Für Deutschsprachige fühlt sich der Bau zunächst ungewohnt kompakt an. Wo im Deutschen mehrere Wörter stehen — „ist geschrieben worden“ — trägt ein einziges Swahili-Verb Subjektklasse, Zeit oder Aspekt und Passiv: ki-me-andik-w-a. Ein eigenes Wort für „worden“ ist nicht nötig.
Bildung und Funktionsweise
Die Grundform des passiven Verbstamms
Bei vielen Verben auf -a wird unmittelbar vor dem Endvokal ein -w- eingefügt:
| Aktiver Stamm | Bedeutung | Passiver Stamm | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| soma | lesen | somwa | gelesen werden |
| penda | lieben, mögen | pendwa | geliebt werden |
| pika | kochen | pikwa | gekocht werden |
| andika | schreiben | andikwa | geschrieben werden |
| fundisha | unterrichten | fundishwa | unterrichtet werden |
| pitisha | passieren lassen, verabschieden | pitishwa | verabschiedet werden |
Die praktische Anfängerregel lautet daher:
Verbstamm auf -a → Passivzeichen vor dem Endvokal → weiterhin Endvokal -a
So wird aus andik-a die Form andik-w-a. Diese passive Stammform kann anschließend mit denselben Subjekt- und Zeitmarkern verbunden werden wie ein aktives Verb.
Warum auch -iw-, -ew-, -liw- und -lew- vorkommen
Nicht jeder Stamm lässt sich gut mit einem bloßen -w- aussprechen. Besonders bei Stämmen, die bereits auf einen Vokal auslaufen, bei kurzen Verben und bei manchen Lehnverben erscheinen längere Varianten. Der Vokal der Erweiterung richtet sich dabei häufig nach den Lauten des Stammes: Neben -iw- und -liw- stehen Varianten mit e, also -ew- und -lew-.
| Aktiver Stamm | Passiver Stamm | Beispielbedeutung |
|---|---|---|
| chukua | chukuliwa | genommen werden |
| fungua | funguliwa | geöffnet werden |
| toa | tolewa | herausgegeben, entfernt werden |
| jibu | jibiwa | beantwortet werden |
| samehe | samehewa | verziehen bekommen |
| la | liwa | gegessen werden |
Diese Tabelle ist hilfreicher als die Annahme, jedes Verb müsse genau gleich umgebaut werden. Bei neuen vokalisch auslautenden oder sehr kurzen Stämmen sollte die Passivform zusammen mit dem Verb gelernt oder im Wörterbuch geprüft werden. Die Formen sind regelmäßig genug, um Muster zu erkennen, aber nicht jede Form lässt sich allein aus der deutschen Übersetzung erraten.
Der Bau eines vollständigen Passivverbs
Das Passiv ersetzt weder das Subjektpräfix noch die Zeitmarkierung. Die vereinfachte Reihenfolge lautet:
Subjektpräfix + Zeit-/Aspektmarker + Verbstamm + Passiverweiterung + Endvokal
In Kitabu kiliandikwa lässt sich das Verb so lesen:
- ki- — Subjektpräfix der Nominalklasse 7, passend zu kitabu
- -li- — Vergangenheit
- -andik- — Stamm „schreiben“
- -w- — Passiv
- -a — Endvokal
Das Ergebnis ki-li-andik-w-a bedeutet „es wurde geschrieben“, wobei ki- auf kitabu verweist. Die Bindestriche dienen hier nur der Erklärung; normal geschrieben lautet das Wort kiliandikwa.
Das frühere Objekt wird zum Subjekt
Vergleiche Aktiv und Passiv:
| Aktiv | Passiv | Veränderung |
|---|---|---|
| Mwandishi aliandika kitabu. | Kitabu kiliandikwa na mwandishi. | kitabu bestimmt nun das Präfix ki- |
| Mpishi amepika chakula. | Chakula kimepikwa na mpishi. | chakula wird zum Subjekt |
| Watu wote wanampenda Amina. | Amina anapendwa na watu wote. | die Person Amina verlangt a- |
| Bunge lilipitisha sheria. | Sheria ilipitishwa na bunge. | sheria verlangt das Klassenpräfix i- |
Im Deutschen erkennt man das neue Subjekt vor allem an Satzbau und Kasus. Im Swahili ist zusätzlich die Nominalklasse entscheidend. Deshalb genügt es nicht, nur die Wörter umzustellen: Auch das Präfix am Verb muss wechseln.
Einige häufige Muster im Präsens zeigen diese Übereinstimmung:
| Passivsubjekt | Klasse/Zahl | Verbform | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| mtoto | Klasse 1, Singular | anafundishwa | das Kind wird unterrichtet |
| watoto | Klasse 2, Plural | wanafundishwa | die Kinder werden unterrichtet |
| kitabu | Klasse 7, Singular | kinasomwa | das Buch wird gelesen |
| vitabu | Klasse 8, Plural | vinasomwa | die Bücher werden gelesen |
| barua | Klasse 9, Singular | inaandikwa | der Brief wird geschrieben |
| barua | Klasse 10, Plural | zinaandikwa | die Briefe werden geschrieben |
Gerade bei Klasse 9/10 kann das Nomen im Singular und Plural gleich aussehen. Dann zeigt das Verb besonders deutlich, ob von einem oder mehreren Dingen die Rede ist.
Zeit und Aspekt bleiben sichtbar
Der passive Stamm kann in verschiedenen Zeiten und Aspekten stehen:
| Form | Aufbau | Bedeutung |
|---|---|---|
| kinasomwa | ki-na-som-w-a | es wird gerade gelesen |
| kilisomwa | ki-li-som-w-a | es wurde gelesen |
| kimesomwa | ki-me-som-w-a | es ist gelesen worden / wurde bereits gelesen |
| kitasomwa | ki-ta-som-w-a | es wird gelesen werden |
Der Unterschied zwischen -li- und -me- bleibt derselbe wie im Aktiv. -li- berichtet ein abgeschlossenes Geschehen in der Vergangenheit; -me- stellt meist das erreichte Ergebnis oder seine gegenwärtige Relevanz heraus. Darum passt Chakula kimepikwa gut, wenn das Essen jetzt fertig ist.
Den Handelnden mit na nennen
Die Person oder Sache, welche die Handlung ausführt, kann mit na folgen:
- Barua iliandikwa na Asha. — Der Brief wurde von Asha geschrieben.
- Mti uliangushwa na upepo. — Der Baum wurde vom Wind umgeworfen.
- Anapendwa na wote. — Er oder sie wird von allen geliebt.
Das na entspricht hier ungefähr deutschem „von“ oder manchmal „durch“. Es ist kein Teil des Passivverbs. Wenn die handelnde Person unwichtig oder unbekannt ist, fällt die ganze na-Gruppe weg: Simu iliibiwa „Das Telefon wurde gestohlen“.
Beispiele im Kontext
| Swahili | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Kitabu kiliandikwa na mwandishi maarufu. | Das Buch wurde von einem berühmten Schriftsteller geschrieben. | Vergangenheit mit genanntem Handelnden |
| Chakula kimepikwa. | Das Essen ist gekocht worden. | Ergebnis ist jetzt relevant |
| Anapendwa na wote. | Er oder sie wird von allen geliebt. | Person als Passivsubjekt |
| Sheria hii ilipitishwa mwaka jana. | Dieses Gesetz wurde letztes Jahr verabschiedet. | formeller Zusammenhang |
| Watoto wanafundishwa Kiswahili shuleni. | Die Kinder werden in der Schule in Swahili unterrichtet. | Subjektpräfix wa- |
| Vitabu hivi vinasomwa na wanafunzi wengi. | Diese Bücher werden von vielen Lernenden gelesen. | Plural der Klasse 8 |
| Mlango ulifunguliwa saa mbili asubuhi. | Die Tür wurde um acht Uhr morgens geöffnet. | längere Passivform funguliwa |
| Swali langu halikujibiwa. | Meine Frage wurde nicht beantwortet. | verneinte Vergangenheit |
| Barua zitatumwa kesho. | Die Briefe werden morgen verschickt. | Zukunft, Klasse 10 |
| Simu yangu iliibiwa kwenye basi. | Mein Handy wurde im Bus gestohlen. | Handelnder unbekannt |
| Mgonjwa amesamehewa deni. | Dem Kranken wurde die Schuld erlassen. | samehewa mit persönlichem Subjekt |
| Nyumba hizi zilijengwa miaka mingi iliyopita. | Diese Häuser wurden vor vielen Jahren gebaut. | Klasse 10 und Vergangenheit |
| Kazi hii inaweza kufanywa leo. | Diese Arbeit kann heute erledigt werden. | Passiv im Infinitiv kufanywa |
| Maombi yote yatapitiwa kwa makini. | Alle Anträge werden sorgfältig geprüft. | institutioneller Stil |
Häufige Fehler
Das aktive Subjektpräfix beibehalten
- Falsch: Kitabu aliandikwa na mwandishi.
- Richtig: Kitabu kiliandikwa na mwandishi.
- Warum: Im Passiv ist kitabu das grammatische Subjekt. Klasse 7 verlangt ki-; zusammen mit -li- ergibt das kili-.
Das deutsche Hilfsverb wörtlich nachbauen
- Falsch: Kitabu kilikuwa kuandikwa als normale Entsprechung von „Das Buch wurde geschrieben“.
- Richtig: Kitabu kiliandikwa.
- Warum: Das einfache Swahili-Passiv steckt im Verbstamm. Kuwa ist dafür nicht als separates Hilfsverb nötig; Verbindungen mit kuwa haben eigene zeitliche oder modale Funktionen.
Bei jedem Verb nur -w- einsetzen
- Falsch: Mlango ulifungwawa.
- Richtig: Mlango ulifunguliwa.
- Warum: Vokalisch auslautende Stämme wie fungua bilden oft eine längere Form mit -liw- oder -lew-. Solche Stammformen am besten als Wortpaar lernen: fungua — funguliwa.
Den Handelnden mit kwa statt mit na anschließen
- Falsch: Barua iliandikwa kwa Asha. wenn Asha die Verfasserin ist.
- Richtig: Barua iliandikwa na Asha.
- Warum: Der Urheber einer passiven Handlung wird normalerweise mit na genannt. Kwa hat andere Funktionen, etwa „für“, „bei“, „zu“ oder „mittels“, und würde hier die Beziehung verändern.
Passiv und Zustandsform verwechseln
- Falsch: Kikombe kimevunjika na mtoto. wenn gemeint ist, dass das Kind die Tasse zerbrochen hat.
- Richtig: Kikombe kimevunjwa na mtoto.
- Warum: -vunjwa ist passiv und lässt einen Handelnden zu. -vunjika beschreibt das Zerbrechen oder den entstandenen Zustand ohne einen als Urheber angeschlossenen Handelnden.
Die Gegenwartsverneinung unverändert auf -a enden lassen
- Falsch: Kitabu hakisomwa für „Das Buch wird nicht gelesen“.
- Richtig: Kitabu hakisomwi.
- Warum: In der einfachen verneinten Gegenwart endet auch ein passives Verb auf -i. In anderen Zeiten gelten deren eigene Verneinungsmuster, etwa hakikusomwa „es wurde nicht gelesen“.
Verwendungshinweise
Passivsätze sind im Swahili keineswegs nur steife Schriftsprache. Sie kommen auch im Alltag vor, wenn das Ergebnis wichtiger ist als der Urheber: Chakula kimepikwa oder Mlango umefungwa. Besonders häufig ist das Passiv außerdem in Nachrichten, amtlichen Mitteilungen, Anleitungen und institutionellen Texten: Ein Gesetz wird beschlossen, Anträge werden geprüft, eine Straße wird gesperrt.
Wie im Deutschen sollte der Handelnde nicht zwanghaft genannt werden. Pesa zimeibiwa „Das Geld wurde gestohlen“ klingt vollständig, obwohl niemand weiß oder sagt, wer es gestohlen hat. Ist die handelnde Person dagegen die eigentliche neue Information, ist die na-Gruppe sinnvoll: Riwaya hii iliandikwa na Abdulrazak Gurnah.
Deutsch und Swahili setzen ihre Zeitinformation unterschiedlich zusammen. Deutsches „wird gelesen“ und „wird gelesen werden“ enthalten beide werden, aber in verschiedener Funktion. Im Swahili bleibt der passive Stamm somwa konstant; -na- markiert die Gegenwart und -ta- die Zukunft: inasomwa gegenüber itasomwa. Beim Übersetzen sollte daher zuerst geklärt werden, wann etwas geschieht, und erst danach die vollständige Verbform gebildet werden.
Über die Grundlagen hinaus
Passiv und Zustandsform sind nicht dasselbe
Die Zustandsform mit -ik- oder -ek- ähnelt in der Übersetzung manchmal dem Passiv, setzt aber einen anderen Schwerpunkt:
| Passiv | Zustandsform | Typischer Unterschied |
|---|---|---|
| Mlango umefungwa. | Mlango umefungika. | Die Tür wurde geschlossen / die Tür ist zu gegenüber: Die Tür hat sich geschlossen oder lässt sich schließen. |
| Kikombe kimevunjwa. | Kikombe kimevunjika. | Jemand hat die Tasse zerbrochen gegenüber: Die Tasse ist zerbrochen. |
| Kitabu kinasomwa. | Kitabu kinasomeka. | Das Buch wird gelesen gegenüber: Das Buch lässt sich gut lesen. |
Das Passiv stellt weiterhin eine Handlung mit einem denkbaren Urheber dar. Die Zustandsform beschreibt eher einen Zustand, ein Eintreten oder eine Möglichkeit. Diese Abgrenzung ist für natürliches Swahili wichtiger als eine wortgetreue deutsche Übersetzung.
Infinitiv, Relativsatz und Aufforderung
Der passive Stamm kann in weitere grammatische Formen eingebaut werden:
- Infinitiv (die Grundform mit ku-): kufanywa „gemacht werden“, kusomwa „gelesen werden“
- Relativsatz (ein Nebensatz, der ein Nomen näher bestimmt): kitabu kilichoandikwa jana „das Buch, das gestern geschrieben wurde“
- Subjunktiv (eine Verbform für Wunsch, Zweck oder Aufforderung): barua iandikwe leo „der Brief soll heute geschrieben werden“
- Verneinter Subjunktiv: barua isiandikwe hapa „der Brief soll hier nicht geschrieben werden“
Hier bleibt die passive Bedeutung erhalten, während Zeit, Relativbezug oder Satzmodus durch andere Bestandteile des Verbs ausgedrückt werden.
Mehrere Verberweiterungen
Fortgeschrittene Formen können mehr als eine Erweiterung enthalten. Aus andika „schreiben“ entsteht mit einer Erweiterung für Empfänger oder Zweck etwa andikia „jemandem/für jemanden schreiben“; daraus kann das Passiv andikiwa werden: Aliandikiwa barua „Ihm oder ihr wurde ein Brief geschrieben“. Auch Formen wie fundishwa „unterrichtet werden“ enthalten bereits eine weitere Ableitung im Stamm.
Die Reihenfolge solcher Erweiterungen ist bedeutungstragend und nicht beliebig. Für B1 reicht es, geläufige Gesamtformen zu erkennen und das einfache Passiv sicher zu bilden. Komplexe Kombinationen, unpersönliche Aussagen und die Frage, welches Satzglied zur Subjektrolle aufrückt, gehören zur weiterführenden Passivsyntax.
Übungstipps
- Bilde Dreiergruppen. Nimm täglich fünf Verben und notiere Aktivstamm, Passivstamm und einen vollständigen Satz: andika — andikwa — Barua iliandikwa jana. Markiere längere Formen wie funguliwa besonders.
- Wechsle systematisch die Nominalklasse. Beginne mit Kitabu kinasomwa und bilde dann Vitabu vinasomwa, Barua inasomwa und Barua zinasomwa. So wird klar, dass nicht das Passivzeichen, sondern das Subjektpräfix wechselt.
- Erzähle eine Nachricht aus zwei Blickwinkeln. Formuliere zuerst aktiv, dann passiv: Serikali ilijenga shule → Shule ilijengwa na serikali. Entscheide anschließend, ob die na-Gruppe wirklich nötig ist.
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Vergangenheit mit -li- — erklärt den Zeitmarker in Formen wie kiliandikwa und ilipitishwa.
- Wichtiger Kontrast: Zustandsform mit -ik-/-ek- — unterscheidet Zustand oder Möglichkeit von einer passiven Handlung.
- Weiterführend: Komplexes Passiv und unpersönliche Konstruktionen — behandelt kombinierte Erweiterungen und anspruchsvollere Satzmuster.