B2

Komplexes Passiv und unpersönliche Formen im Swahili

Kauli ya Kutendwa Changamano

Dieser Artikel ist Teil des Suaheli-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Im Swahili steckt das Passiv meist im Verb selbst: Kazi imefanywa bedeutet „Die Arbeit ist erledigt worden“. Unpersönliche Wendungen wie inasemekana kuwa … („es heißt, dass …“) verwenden oft das Subjektpräfix i-, ohne ein ausdrücklich genanntes Substantiv. Bei längeren Verben steht die Passiverweiterung nach anderen Verbableitungen: soma → somea → somewa.

Überblick

Das einfache Passiv, auf Swahili kauli ya kutendwa, verschiebt den Blick von der handelnden Person auf das, was von der Handlung betroffen ist. Auf B2 geht es nicht mehr nur um Formen wie andikwa „geschrieben werden“. Wichtig werden nun ganze unpersönliche Aussagen, Passivformen mit Zeit- und Aspektmarkern sowie Verben, in denen mehrere Erweiterungen zusammenkommen.

Für Deutschsprachige sind zwei Unterschiede besonders wichtig. Erstens gibt es im Swahili normalerweise kein freies Hilfsverb, das dem deutschen „werden“ entspricht. Subjektpräfix, Zeit oder Aspekt und Passiv stehen zusammen in einer Verbform: ki-me-pik-w-a „es ist gekocht worden“. Zweitens richtet sich das Verb nach der Nominalklasse des Subjekts, also nach der grammatischen Gruppe, zu der ein Substantiv gehört. Deshalb heißt es kazi imefanywa, aber mambo yamefanywa.

Unpersönliche Ausdrücke entsprechen häufig deutschem „es wird gesagt“, „man glaubt“ oder „es hat sich herausgestellt“. Dieses deutsche „es“ darf jedoch nicht einfach als eigenes Swahili-Wort übernommen werden. In festen Wendungen wie inasemekana übernimmt i- die grammatische Subjektstelle; danach folgt meist ein Inhaltssatz mit kwamba oder kuwa „dass“.

So funktioniert es

1. Das Grundmuster des Passivs

Eine finite Verbform, also ein Verb mit Angaben zu Subjekt und Zeit, lässt sich vereinfacht so zerlegen:

Subjektpräfix + Zeit/Aspekt + gegebenenfalls Objektpräfix + Verbstamm + Erweiterung(en) + Passiv + Endvokal

Die Passiverweiterung steht unmittelbar vor dem letzten Vokal. Ihre genaue Gestalt hängt vom Stamm ab; häufig erscheinen -w-, -iw-, -ew-, -liw- oder -lew-. Diese Formen gehören bereits zum grundlegenden Passiv. Bei komplexeren Verben bleibt das Prinzip gleich: Vor dem Passiv können weitere Ableitungssilben stehen.

Aktiv oder Stamm Zwischenschritt Passivform Bedeutung
fanya — fanywa gemacht werden
soma — somwa gelesen werden
soma somea somewa jemandem vorgelesen werden
fundisha — fundishwa unterrichtet werden
enea eneza enezwa verbreitet werden

Der Ausdruck „mehrstufiges“ oder gelegentlich „doppeltes Passiv“ kann irreführend sein: Normalerweise werden nicht zwei Passivsilben aneinandergereiht. Vielmehr enthält das Verb mehrere Verbableitungen (Silben, die die Bedeutung und die Rollen im Satz verändern), und die letzte davon ist passivisch. So enthält fundishwa bereits den von -fundisha „lehren“ übernommenen verursachenden Bestandteil und zusätzlich das Passiv.

2. Andere Verbableitungen vor dem Passiv

Besonders häufig verbindet sich das Passiv mit zwei Erweiterungstypen:

  • Die Applikativerweiterung fügt eine beteiligte Person oder einen Zweck hinzu, etwa „für jemanden“ oder „jemandem“. Aus soma „lesen“ wird somea „jemandem/für jemanden lesen“, im Passiv somewa.
  • Die Kausativerweiterung drückt aus, dass jemand etwas veranlasst oder bewirkt. Enea bedeutet „sich ausbreiten“, eneza „verbreiten“ und enezwa „verbreitet werden“.

Bei einem applikativen Passiv kann gerade die Person zum grammatischen Subjekt werden, die im Deutschen oft mit „für“ oder „jemandem“ erscheint:

Watoto walisomewa hadithi. — „Den Kindern wurde eine Geschichte vorgelesen.“

Watoto ist hier das Subjekt; daher trägt das Verb das Präfix wa-. Hadithi bleibt die Sache, die vorgelesen wurde. Diese Struktur ist im Swahili sehr natürlich und sollte nicht Wort für Wort nach dem deutschen Satzbau geordnet werden.

3. Kongruenz mit dem neuen Subjekt

Im Passiv wird das Betroffene oder der Empfänger zum grammatischen Subjekt (der Satzteil, nach dem sich das Verb richtet). Sein Nominalklassenpräfix muss am Verb erscheinen.

Subjekt Klasse und Zahl Passivischer Satz Deutsche Bedeutung
mtoto 1, Einzahl Mtoto amefundishwa. Das Kind ist unterrichtet worden.
watoto 2, Mehrzahl Watoto wamefundishwa. Die Kinder sind unterrichtet worden.
kitabu 7, Einzahl Kitabu kimeandikwa. Das Buch ist geschrieben worden.
vitabu 8, Mehrzahl Vitabu vimeandikwa. Die Bücher sind geschrieben worden.
kazi 9, Einzahl Kazi imefanywa. Die Arbeit ist erledigt worden.
mambo 6, Mehrzahl Mambo yamejadiliwa. Die Angelegenheiten sind besprochen worden.

Das ist mehr als eine Endungsfrage: Beim Wechsel des Subjekts müssen auch Demonstrativa und Adjektive passen. Vergleiche habari hii imeenezwa „diese Nachricht ist verbreitet worden“ mit habari hizi zimeenezwa „diese Nachrichten sind verbreitet worden“.

4. Zeit, Aspekt und Verneinung bleiben erhalten

Das Passiv ersetzt nicht die Zeit- oder Aspektmarkierung. Am Verb lassen sich daher verschiedene Blickwinkel ausdrücken:

Form Zerlegung Typische Bedeutung
inafanywa i-na-fany-w-a wird gerade oder regelmäßig gemacht
ilifanywa i-li-fany-w-a wurde gemacht
imefanywa i-me-fany-w-a ist gemacht worden; das Ergebnis ist jetzt relevant
itafanywa i-ta-fany-w-a wird gemacht werden
haijafanywa ha-i-ja-fany-w-a ist noch nicht gemacht worden

Gerade -me- wird oft mit dem deutschen Perfekt wiedergegeben. Je nach Zusammenhang kann aber auch eine natürliche Zustandsübersetzung passen: Kazi imefanywa vizuri heißt wörtlich passivisch „Die Arbeit ist gut gemacht worden“, im Deutschen oft einfach „Die Arbeit ist gut erledigt“.

5. Unpersönliche Berichtswendungen

Für Aussagen ohne genannten Sprecher oder Urheber verwendet Swahili häufig eine Form mit i-:

  • Inasemekana kwamba/kuwa … — Es heißt, dass …
  • Inaaminika kuwa … — Man glaubt / Es wird angenommen, dass …
  • Inajulikana kwamba … — Es ist bekannt, dass …
  • Inatarajiwa kwamba … — Es wird erwartet, dass …
  • Iliripotiwa kwamba … — Es wurde berichtet, dass …
  • Imebainika kuwa … — Es hat sich herausgestellt, dass …

Nicht alle diese Formen enthalten äußerlich die Passivsilbe -w-. Inaaminika und inasemekana beruhen auf anderen, teilweise fest gewordenen Erweiterungen. Funktional sind sie jedoch passivisch oder unpersönlich: Wer glaubt oder spricht, bleibt ungenannt. Für den aktiven Gebrauch ist es am zuverlässigsten, häufige Formen zunächst als ganze Wendungen zu lernen.

Kwamba und kuwa können beide einen Inhaltssatz einleiten. Kwamba entspricht sehr deutlich „dass“. Kuwa ist ebenfalls verbreitet und darf hier nicht mit seiner anderen Funktion als Verb „sein“ verwechselt werden. Nach beiden Konnektoren steht ein vollständiger Satz mit eigener Subjektmarkierung: Inaaminika kuwa hii ni kweli.

Die Zeitform des unpersönlichen Verbs kann wechseln:

  • Inasemekana … — Es heißt allgemein oder gegenwärtig …
  • Ilisemekana … — Es hieß damals …
  • Imesemekana … — Es ist gesagt worden / Es wurde inzwischen berichtet …

6. Die handelnde Person mit na

Soll der Urheber doch genannt werden, folgt er gewöhnlich mit na:

Ripoti iliandikwa na wataalamu. — „Der Bericht wurde von Fachleuten geschrieben.“

Anders als das deutsche „von“ bezeichnet na auch „mit“ oder „und“. Seine Funktion ergibt sich aus dem Satz. In vielen Passivsätzen wird der Handelnde ganz weggelassen, weil er unbekannt, selbstverständlich oder für die Aussage unwichtig ist.

Beispiele im Zusammenhang

Swahili Deutsch Hinweis
Inasemekana kwamba atakuja kesho. Es heißt, dass er oder sie morgen kommt. Quelle bleibt ungenannt.
Inaaminika kuwa hii ni kweli. Man glaubt, dass dies wahr ist. Feste unpersönliche Wendung.
Haijulikani kama mkutano utaendelea. Es ist nicht bekannt, ob die Sitzung stattfinden wird. kama leitet hier eine indirekte Ja-Nein-Frage ein.
Iliripotiwa kwamba barabara ilikuwa imefungwa. Es wurde berichtet, dass die Straße gesperrt gewesen sei. Bericht in der Vergangenheit.
Imebainika kuwa taarifa hiyo haikuwa sahihi. Es hat sich herausgestellt, dass jene Angabe nicht richtig war. Ergebnis einer späteren Klärung.
Habari hii imeenezwa kote nchini. Diese Nachricht ist im ganzen Land verbreitet worden. Kausativ eneza plus Passiv.
Kazi imefanywa kwa uangalifu mkubwa. Die Arbeit ist mit großer Sorgfalt erledigt worden. -me- hebt das erreichte Ergebnis hervor.
Watoto walisomewa hadithi kabla ya kulala. Den Kindern wurde vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorgelesen. Applikativ plus Passiv; watoto steuert wa-.
Wanafunzi wamefundishwa kutumia vifaa hivi. Den Lernenden wurde beigebracht, diese Geräte zu benutzen. Kausativischer Stamm plus Passiv.
Barua zitatumwa kesho asubuhi. Die Briefe werden morgen früh versandt. Zukunft im Passiv.
Mambo haya hayajajadiliwa bado. Diese Angelegenheiten sind noch nicht besprochen worden. Verneintes „noch nicht“ mit -ja-.
Ripoti iliandikwa na wataalamu wawili. Der Bericht wurde von zwei Fachleuten verfasst. Der Urheber steht nach na.
Inatarajiwa kwamba bei zitapungua. Es wird erwartet, dass die Preise sinken. Typisch für Nachrichten und sachliche Texte.
Tatizo hili linapaswa kutatuliwa haraka. Dieses Problem sollte schnell gelöst werden. Passivinfinitiv kutatuliwa nach -paswa.

Häufige Fehler

1. Das deutsche „es“ als eigenes Pronomen einsetzen

  • Falsch: Hii inasemekana kwamba atakuja.
  • Richtig: Inasemekana kwamba atakuja.
  • Warum: Wenn hii keinen wirklichen Bezug wie „diese Sache“ hat, ist es überflüssig. Das Präfix i- trägt die unpersönliche Konstruktion bereits.

2. Das Verb nicht an die Nominalklasse anpassen

  • Falsch: Vitabu imeandikwa vizuri.
  • Richtig: Vitabu vimeandikwa vizuri.
  • Warum: Vitabu gehört im Plural zur Klasse 8. Das Verb braucht deshalb vi-, nicht i-.

3. Nur den einfachen Stamm passivieren

  • Falsch: Watoto walisomwa hadithi.
  • Richtig: Watoto walisomewa hadithi.
  • Warum: Gemeint ist „den Kindern vorlesen“. Die Rolle des Empfängers kommt durch die Applikativerweiterung in -somea hinzu; erst danach entsteht -somewa.

4. Jede unpersönliche Wendung künstlich mit -w- bilden

  • Falsch: Inaaminiwa kuwa hii ni kweli.
  • Richtig: Inaaminika kuwa hii ni kweli.
  • Warum: Für „es wird geglaubt / man nimmt an“ ist inaaminika die übliche feste Form. Nicht jede funktional passivische Aussage zeigt dieselbe Passivsilbe.

5. kwamba oder kuwa ohne vollständigen Folgesatz verwenden

  • Falsch: Inasemekana kuwa kuja kesho.
  • Richtig: Inasemekana kuwa atakuja kesho.
  • Warum: Nach „dass“ braucht der Inhaltssatz hier ein finites Verb. A-ta-kuja enthält die Subjekt- und Zukunftsmarkierung.

6. Das deutsche Passiv Wort für Wort nachbauen

  • Falsch als Denkregel: für jedes deutsche „wird“ ein eigenes Swahili-Wort suchen
  • Richtig: Barua zitatumwa kesho.
  • Warum: „Werden“ steckt nicht als getrenntes Hilfsverb im Satz. Zi-ta-tum-w-a vereint Subjektkongruenz, Zukunft, Stamm und Passiv.

Hinweise zum Gebrauch

Unpersönliche Formen sind besonders häufig in Nachrichten, Berichten, wissenschaftsnahen Texten und vorsichtigen Behauptungen. Inasemekana signalisiert Hörensagen: Die sprechende Person übernimmt die Aussage nicht ausdrücklich als eigene Gewissheit. Inaaminika bezeichnet eine verbreitete Annahme, während imebainika eher auf ein festgestelltes Ergebnis verweist. Diese Unterschiede sind für einen sachlichen Stil wichtiger als eine einzige deutsche Standardübersetzung.

Im Gespräch kann eine aktive Form mit watu „Leute“ oder einem konkreten Subjekt natürlicher sein: Watu wanasema kwamba … „Die Leute sagen, dass …“. Inasemekana kwamba … wirkt distanzierter und richtet die Aufmerksamkeit ganz auf die Information. Ähnlich wechselt das Deutsche zwischen „die Leute sagen“, „man sagt“ und „es heißt“.

Der Urheber mit na sollte nur genannt werden, wenn er wirklich relevant ist. Ein Satz wie Mlango umefungwa „Die Tür ist geschlossen worden / Die Tür ist zu“ braucht gewöhnlich keine Angabe dazu, wer sie geschlossen hat. Außerdem entscheidet der Zusammenhang, ob eine deutsche Vorgangsübersetzung mit „werden“ oder eine knappe Zustandsbeschreibung natürlicher klingt.

Über die Grundlagen hinaus

Passiv im Infinitiv und nach Modalverben

Das Passiv kann auch im Infinitiv mit ku- stehen: kutengenezwa „repariert/hergestellt zu werden“, kutatuliwa „gelöst zu werden“. Nach Verben wie -paswa „sollen, verpflichtet sein“ entstehen dadurch dichte Strukturen:

Sheria hizi zinapaswa kufuatwa. — „Diese Regeln sollten befolgt werden.“

Hier richtet sich zinapaswa nach sheria hizi; der folgende Infinitiv kufuatwa trägt selbst kein Subjektpräfix.

Passivischer Konjunktiv

Auch der Konjunktiv, also eine Form für Aufforderung, Wunsch oder notwendige Handlung, kann passiv sein. Der Endvokal wird dann -e:

Jambo hili lijadiliwe kesho. — „Diese Angelegenheit soll morgen besprochen werden.“

Barua zitumwe leo. — „Die Briefe sollen heute abgeschickt werden.“

Solche Formen sind in Anweisungen, Sitzungsprotokollen und formellen Beschlüssen nützlich. Die Kongruenz bleibt sichtbar: li- bei jambo, zi- bei barua im Plural.

Unpersönlich, passiv oder stativisch?

Formen wie inaonekana „es scheint“ und inaaminika „es wird geglaubt“ sehen nicht wie das einfache Passiv auf -w- aus. Sprachwissenschaftlich lassen sich ihre Erweiterungen genauer als stativisch oder als fest gewordene Ableitung beschreiben. Für den praktischen Sprachgebrauch ist die entscheidende Unterscheidung:

  • Beim normalen Passiv steht eine konkrete Handlung im Vordergrund: Ripoti imeandikwa „Der Bericht ist geschrieben worden“.
  • Bei einer unpersönlichen Berichtswendung wird eine ganze Aussage bewertet oder weitergegeben: Inaaminika kuwa … „Man nimmt an, dass …“.
  • Eine stativische Lesart beschreibt oft Möglichkeit oder Zustand, nicht unbedingt einen Handelnden: Kitabu hiki kinasomeka vizuri „Dieses Buch liest sich gut“.

Diese Kategorien überschneiden sich in der deutschen Übersetzung. Deshalb lohnt es sich, die Swahili-Form und ihre typische Funktion zu lernen, statt nur nach einem deutschen Passiv zu suchen.

Übungstipps

  1. Zerlege lange Verben von links nach rechts. Markiere in zimeenezwa zuerst zi- (Subjekt), dann -me- (erreichter Zustand), enez- (erweiterter Stamm) und -w- (Passiv). So wird die Form berechenbar.
  2. Bilde Nominalklassenpaare. Schreibe denselben Inhalt mit kitabu/vitabu, mtoto/watoto und jambo/mambo. Ändere dabei jedes Mal das Subjektpräfix am Passivverb.
  3. Sammle Berichtswendungen als Satzanfänge. Ergänze täglich je einen eigenen Inhaltssatz nach inasemekana kwamba, inaaminika kuwa, haijulikani kama und imebainika kuwa. Dadurch übst du zugleich Bedeutung, Register und Nebensatzanschluss.

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