B2

Das Gerunziu im Rumänischen

Gerunziul

Dieser Artikel ist Teil des Rumänisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Das Gerunziu ist eine unveränderliche Verbform auf -ând oder -ind. Es verbindet meist zwei Handlungen mit demselben Handelnden: Merge cântând bedeutet je nach Zusammenhang „Er geht und singt dabei“ oder „Er geht singend“. Im Deutschen gibt man diese Form oft mit beim, indem, einem Nebensatz oder zwei Hauptsätzen wieder – nicht unbedingt mit einem Partizip auf -end.

Überblick

Das rumänische gerunziu bezeichnet eine laufende Handlung, die eine andere Handlung begleitet oder näher bestimmt. Es kann vor allem Gleichzeitigkeit, Art und Weise, Ursache oder Mittel ausdrücken. In A intrat zâmbind („Sie kam lächelnd herein“) sagt zâmbind, wie die Person hereinkam. In Știind răspunsul, nu a mai întrebat („Da er die Antwort wusste, fragte er nicht mehr“) liefert die Form den Grund.

Die Bezeichnung „Gerundium“ ist für deutschsprachige Lernende etwas irreführend. Das Deutsche besitzt keine einzelne Form mit genau demselben Aufgabenbereich. Das Partizip I auf -end kommt dem Gerunziu manchmal nahe, klingt aber in vielen Alltagssätzen steif. Natürlicher sind häufig Formulierungen mit „beim Lesen“, „indem“, „während“ oder ein zusätzlicher Hauptsatz. Umgekehrt entspricht ein deutsches substantiviertes Verb wie „das Lesen“ normalerweise nicht dem rumänischen Gerunziu.

Das Thema wird etwa auf B2-Niveau wichtig, weil es Texte und Erzählungen verdichtet. Die Form selbst ist überschaubar; anspruchsvoller sind der richtige Bezug zum Subjekt (also zu der Person oder Sache, die handelt), die Wahl einer passenden deutschen Übersetzung und der Umgang mit angehängten Pronomen.

Bildung und Funktionsweise

Die beiden Endungen

Das Gerunziu endet auf -ând oder -ind und wird nicht nach Person, Zahl oder Geschlecht verändert. Cântând bleibt also gleich, unabhängig davon, ob eine Frau, ein Mann oder mehrere Personen singen.

Als praktische Orientierung hilft die Endung des Infinitivs, also der Grundform mit a:

Infinitivtyp Bildung Beispiel
auf -a Stamm + -ând a lucra → lucrând
auf -ea meist Stamm + -ând, oft mit Stammwechsel a vedea → văzând
auf -e Stamm + -ând a merge → mergând
auf -i Stamm + -ind a citi → citind
auf Stamm + -ând a hotărî → hotărând

Die vier traditionellen Konjugationsgruppen sind als Ausgangspunkt nützlich, doch die Infinitivendung allein sagt nicht immer die ganze Form voraus. Besonders häufige Verben haben Stammänderungen, die mitgelernt werden sollten. Verben auf -ia bilden zudem oft -ind, etwa a studia → studiind und a copia → copiind.

Häufige Formen

Infinitiv Gerunziu Deutsche Grundbedeutung
a cânta cântând singend, während man singt
a lucra lucrând arbeitend, indem man arbeitet
a vedea văzând sehend, als man sieht/sah
a merge mergând gehend, während man geht
a face făcând machend, indem man macht
a citi citind lesend, beim Lesen
a dormi dormind schlafend, während man schläft
a hotărî hotărând indem man entscheidet
a fi fiind seiend; da/weil … ist
a avea având habend; da/weil … hat
a lua luând nehmend, indem man nimmt
a spune spunând sagend, indem man sagt
a scrie scriind schreibend, beim Schreiben
a ști știind wissend, da man weiß

Achte auf â in der Wortmitte: cântând, văzând, făcând. Bei den Formen auf -ind steht dagegen i: citind, venind, știind.

Welche Beziehung verbindet die Handlungen?

Das Gerunziu nennt die logische Beziehung nicht ausdrücklich. Sie ergibt sich aus dem Zusammenhang.

Bedeutung Rumänisches Muster Natürliche deutsche Wiedergabe
Gleichzeitigkeit Merge vorbind la telefon. Er geht, während er telefoniert.
Art und Weise A răspuns zâmbind. Sie antwortete lächelnd.
Mittel A învățat ascultând podcasturi. Er lernte, indem er Podcasts hörte.
Ursache Știind adevărul, a tăcut. Da sie die Wahrheit kannte, schwieg sie.
Bedingung Muncind constant, vei progresa. Wenn du regelmäßig arbeitest, wirst du Fortschritte machen.

Das Deutsche zwingt häufig zu einer Entscheidung zwischen „während“, „indem“, „weil/da“ und „wenn“. Im Rumänischen kann dieselbe knappe Form mehrere solcher Beziehungen ausdrücken.

Der Handelnde muss erkennbar sein

In der normalen Konstruktion haben Gerunziu und finites Verb denselben Handelnden. Ein finites Verb ist ein Verb mit Person und Zeit, etwa am văzut („ich sah“) oder a plecat („er/sie ging“).

  • Mergând pe stradă, am văzut-o. – Ich ging auf der Straße und ich sah sie.
  • Citind cartea, Maria a adormit. – Maria las und Maria schlief ein.

Steht das Gerunziu am Satzanfang, wird sein unausgesprochenes Subjekt normalerweise aus dem Hauptsatz ergänzt. Deshalb muss der Hauptsatz so gebaut sein, dass kein falscher Bezug entsteht.

Verneinung

Die Verneinung wird gewöhnlich mit dem vorangestellten Bestandteil ne- gebildet:

  • știind → neștiind – wissend → nicht wissend
  • având → neavând – habend → nicht habend
  • făcând → nefăcând – machend → nicht machend
  • fiind → nefiind – seiend → nicht seiend

Beispiel: Neștiind adresa, am sunat-o pe Ana. – „Da ich die Adresse nicht wusste, rief ich Ana an.“ Die Schreibweise ist ein Wort; nu știind ist hier nicht die normale Standardform.

Unbetonte Pronomen werden angehängt

Kurze Objekt- und Reflexivpronomen – also Wörter wie „ihn“, „ihr“, „mir“ oder „sich“ – stehen beim Gerunziu hinter der Verbform. Häufig erscheint dabei ein verbindendes -u-:

Grundform Mit Pronomen Bedeutung
văzând văzându-l indem/als man ihn sieht/sah
citind citind-o indem man sie/es liest
spunând spunându-i indem man ihm/ihr sagt
amintind amintindu-mi indem man mich erinnert
gândind gândindu-se indem er/sie nachdenkt

Die Bindestriche gehören zur Schreibung. Welche Pronomenform nötig ist, hängt von ihrer Aufgabe im Satz ab; dieses Muster sollte deshalb zunächst als feste Einheit gelernt werden.

Beispiele im Kontext

Rumänisch Deutsch Hinweis
Mergând pe stradă, am văzut-o. Als ich die Straße entlangging, sah ich sie. Gleichzeitigkeit; derselbe Handelnde
Citind cartea, a adormit. Beim Lesen des Buches schlief er ein. Begleithandlung
Vorbind despre asta, mi-am amintit de Maria. Als wir gerade davon sprachen, erinnerte ich mich an Maria. Anlass im Gespräch
Am ajuns alergând. Ich kam angerannt. Art und Weise
Copiii au intrat râzând. Die Kinder kamen lachend herein. Gleichzeitige Handlung
A învățat româna ascultând radioul. Sie lernte Rumänisch, indem sie Radio hörte. Mittel oder Methode
Știind răspunsul, nu am mai întrebat. Da ich die Antwort wusste, fragte ich nicht mehr. Grund
Muncind puțin în fiecare zi, vei progresa. Wenn du jeden Tag ein wenig arbeitest, wirst du Fortschritte machen. Bedingung und Methode
A plecat fără să spună nimic, închizând ușa încet. Er ging, ohne etwas zu sagen, und schloss leise die Tür. Begleitende Handlung
Neavând bani la mine, am plătit cu cardul. Da ich kein Bargeld bei mir hatte, bezahlte ich mit Karte. Verneinte Form
Văzându-l pe Andrei, l-am salutat. Als ich Andrei sah, grüßte ich ihn. Angefügtes direktes Objekt
Spunându-i adevărul, m-am simțit mai bine. Nachdem ich ihr die Wahrheit gesagt hatte, fühlte ich mich besser. Angefügtes indirektes Objekt
Uitându-se pe fereastră, Ana a observat ploaia. Als Ana aus dem Fenster sah, bemerkte sie den Regen. Reflexivpronomen
Fiind obosită, Ioana s-a culcat devreme. Weil Ioana müde war, ging sie früh ins Bett. fiind mit einer Eigenschaft
A ieșit din cameră trântind ușa. Er verließ das Zimmer und schlug die Tür zu. Art der Begleithandlung

Häufige Fehler

Das deutsche Partizip I Wort für Wort nachbauen

  • Falsch: un copil plângând als automatische Übersetzung von „ein weinendes Kind“ in jedem Zusammenhang
  • Besser: un copil care plânge – „ein Kind, das weint“
  • Warum: Das rumänische Gerunziu wird in der Standardsprache vor allem adverbial gebraucht: Es beschreibt eine Handlung näher, nicht einfach ein Substantiv. Für ein deutsches Attribut auf -end ist ein Relativsatz mit care oft natürlicher.

Das falsche Subjekt anklingen lassen

  • Falsch: Intrând în casă, telefonul a sunat.
  • Richtig: Intrând în casă, am auzit telefonul sunând.
  • Oder: Când am intrat în casă, telefonul a sunat.
  • Warum: Im falschen Satz wirkt es grammatisch so, als sei das Telefon ins Haus gekommen. Wenn die Handelnden verschieden sind, ist ein Nebensatz mit când („als/wenn“) meist die klarste Lösung.

Aus dem Gerunziu eine Verlaufszeit machen

  • Falsch: Sunt citind o carte.
  • Richtig: Citesc o carte. – „Ich lese gerade ein Buch.“
  • Warum: Das Rumänische braucht normalerweise keine Konstruktion „sein + Gerunziu“, um eine gerade laufende Handlung auszudrücken. Das Präsens genügt; bei Bedarf verdeutlicht acum („jetzt“) den aktuellen Verlauf.

Bei jedem Verb blind dieselbe Endung verwenden

  • Falsch: a citi → citând; a vedea → vedeind
  • Richtig: a citi → citind; a vedea → văzând
  • Warum: Verben auf -i verwenden typischerweise -ind, während andere Klassen oft -ând haben. Häufige Stammwechsel wie vedea → văzând müssen mit der Form gelernt werden.

Pronomen vor die Form stellen

  • Falsch: îl văzând; se uitând
  • Richtig: văzându-l; uitându-se
  • Warum: Unbetonte Pronomen werden beim Gerunziu angehängt. Dabei sind auch das verbindende -u- und die Bindestriche wichtig.

Die Verneinung getrennt schreiben

  • Falsch: nu știind ce să fac, am așteptat
  • Richtig: neștiind ce să fac, am așteptat
  • Warum: Das verneinte Gerunziu wird im Standardrumänischen gewöhnlich mit ne- als einem Wort gebildet: „Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, wartete ich.“

Gebrauchshinweise

Das Gerunziu ist im Rumänischen produktiv und keineswegs nur literarisch. Besonders natürlich wirkt es, wenn die zweite Handlung knapp die Art und Weise beschreibt: a venit alergând, a răspuns zâmbind, a plecat plângând. Auch in Erzählungen steht es gern am Satzanfang und setzt einen zeitlichen oder ursächlichen Rahmen.

Trotzdem verwendet das Rumänische die Form weniger breit als manche Lernende erwarten. Für eine normale laufende Handlung reicht das konjugierte Verb: Lucrez acum („Ich arbeite gerade“). Für klar getrennte Zeitverhältnisse oder verschiedene Handelnde sind Nebensätze mit când („als/wenn“), în timp ce („während“) oder pentru că („weil“) meist deutlicher.

Bei der Übersetzung ins Deutsche sollte nicht die Form, sondern die Aussage erhalten bleiben. Citind ziarul, a băut cafea kann „Beim Zeitunglesen trank er Kaffee“, „Während er Zeitung las, trank er Kaffee“ oder „Er las Zeitung und trank dabei Kaffee“ heißen. „Zeitung lesend trank er Kaffee“ ist zwar verständlich, klingt aber in neutraler Alltagssprache unnötig schriftsprachlich.

Das Gerunziu selbst zeigt keine grammatische Zeit. Ob die Handlung in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft gehört, ergibt sich aus dem finiten Verb und dem Kontext: merge cântând, a mers cântând, va merge cântând. Meist laufen beide Vorgänge gleichzeitig oder eng verbunden ab.

Für Fortgeschrittene

Bedeutungsbeziehungen bewusst machen

Da das Gerunziu keine Konjunktion wie „weil“ oder „wenn“ enthält, kann ein Satz mehrdeutig sein. Văzând rezultatul, a plecat kann zeitlich („Als er das Ergebnis sah …“) oder ursächlich („Weil er das Ergebnis sah …“) verstanden werden. Ist die genaue Beziehung für die Aussage wichtig, ist ein ausformulierter Nebensatz stilistisch besser.

Auch Vorzeitigkeit kann sich aus der natürlichen Reihenfolge der Ereignisse ergeben: In Ajungând acasă, m-a sunat wird das Ankommen vor dem Anruf verstanden. Die Gerundialform markiert diese zeitliche Abstufung jedoch nicht so genau wie ein Nebensatz. Für „Nachdem er zu Hause angekommen war“ ist După ce a ajuns acasă eindeutiger.

Passivische und zustandsbezogene Verbindungen mit fiind

Fiind ist das Gerunziu von a fi („sein“). Es verbindet sich häufig mit einem Adjektiv oder einem Partizip, also einer Verbform wie invitat („eingeladen“):

  • Fiind obosit, a plecat devreme. – „Da er müde war, ging er früh.“
  • Fiind invitat la conferință, a acceptat imediat. – „Da er zur Konferenz eingeladen war, sagte er sofort zu.“
  • Nefiind pregătiți, au amânat întâlnirea. – „Da sie nicht vorbereitet waren, verschoben sie das Treffen.“

Adjektiv oder Partizip richtet sich dabei nach der gemeinten Person: obosit für einen Mann, obosită für eine Frau, pregătiți für eine männliche oder gemischte Mehrzahl. Fiind selbst bleibt unverändert.

Konstruktionen mit eigenem ausgesprochenem Subjekt

In gehobener oder verdichteter Sprache kann eine Gerundialkonstruktion ein ausdrücklich genanntes eigenes Subjekt enthalten. Solche sogenannten absoluten Konstruktionen sind jedoch markiert und für die aktive Alltagssprache nicht das beste Grundmuster. Wenn zwei verschiedene Personen handeln, ist ein Nebensatz fast immer leichter verständlich und sicherer: statt einer knappen Konstruktion besser Când a venit tata, am plecat („Als Vater kam, ging ich“).

Nicht mit einem Substantiv verwechseln

Das Gerunziu benennt normalerweise keine Tätigkeit als Begriff. Für deutsches „Lesen ist nützlich“ sagt man etwa Cititul este util, wobei cititul ein substantiviertes Verb ist. In anderen Zusammenhängen nutzt das Rumänische den Infinitiv oder das Supin. Citind bedeutet dagegen „indem/während jemand liest“ und braucht einen Satzbezug. Diese Trennung verhindert viele Übertragungsfehler aus dem Deutschen.

Übungstipps

  1. Lerne Form und Beispielsatz zusammen. Notiere zu jedem neuen Verb Infinitiv, Gerunziu und einen kurzen Satz: a vedea – văzând – Văzând-o, am salutat-o. So prägen sich Stammwechsel besser ein als durch eine abstrakte Liste.
  2. Formuliere in beide Richtungen um. Verwandle A ascultat muzică în timp ce lucra in A lucrat ascultând muzică und anschließend wieder zurück. Frage dabei jedes Mal: Wer führt beide Handlungen aus, und welche Beziehung besteht zwischen ihnen?
  3. Übersetze sinngemäß ins Deutsche. Probiere für denselben Satz Varianten mit „beim“, „während“, „indem“ und zwei Hauptsätzen. Wähle danach die natürlichste Fassung, statt automatisch ein deutsches Partizip I zu bilden.

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