A1

Andare und venire im Italienischen

Andare e Venire

Dieser Artikel ist Teil des Italienisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Andare bedeutet meist „gehen“ oder „fahren“ und beschreibt eine Bewegung zu einem anderen Ort: Vado al lavoro. Venire bedeutet „kommen“ und richtet die Bewegung auf den Sprecher, den Gesprächspartner oder einen im Gespräch gewählten Bezugspunkt: Vieni da me? Beide Verben sind unregelmäßig und müssen im Präsens als eigene Formen gelernt werden.

Überblick

Andare und venire gehören zu den wichtigsten italienischen Verben für Ortswechsel. Dabei sagt andare nicht, wie man sich fortbewegt: Je nach Zusammenhang kann Vado a Roma „Ich gehe nach Rom“ oder „Ich fahre nach Rom“ bedeuten. Venire drückt dagegen aus, dass jemand zu einem Bezugspunkt kommt. Das deutsche Gegensatzpaar „gehen/fahren“ und „kommen“ hilft also, deckt die italienische Verwendung aber nicht vollständig ab.

Beide Verben stehen im Infinitiv (in der Grundform) auf -are beziehungsweise -ire, folgen im Präsens jedoch nicht den regelmäßigen Mustern. Die Konjugation (die Veränderung des Verbs nach Person und Zahl) muss deshalb gelernt werden: vado, vai, va und vengo, vieni, viene lassen sich nicht einfach aus den Endungen von andare und venire ableiten.

Auf Niveau A1 genügt zunächst eine klare Grundlage: die sechs Präsensformen, der Richtungsunterschied und die häufigsten Verbindungen mit a, in und da. Später begegnen beide Verben auch in festen Wendungen, zusammengesetzten Zeiten und Verbindungen mit kleinen Pronomen wie ci und ne.

So funktioniert es

Die Formen im Präsens

Das Subjekt (die Person oder Sache, die handelt) wird im Italienischen oft nicht ausdrücklich genannt. Die Verbform zeigt bereits, wer gemeint ist. Deshalb klingt Vado a casa meist natürlicher als Io vado a casa. Ein Personalpronomen wie io oder tu setzt man vor allem bei einem Gegensatz oder zur Betonung.

Person andare venire Deutsche Orientierung
io vado vengo ich gehe/fahre; ich komme
tu vai vieni du gehst/fährst; du kommst
lui / lei / Lei va viene er/sie geht/fährt; er/sie kommt; Sie gehen/kommen
noi andiamo veniamo wir gehen/fahren; wir kommen
voi andate venite ihr geht/fahrt; ihr kommt
loro vanno vengono sie gehen/fahren; sie kommen

Auffällig sind besonders die Doppelkonsonanten in vanno und vengono. Sie gehören zur korrekten Schreibweise und sind auch beim Sprechen hörbar. Die Form va hat dagegen kein n: Marco va a casa, aber Marco e Giulia vanno a casa.

Andare: Bewegung zu einem anderen Ziel

Mit andare bewegt sich jemand vom aktuellen Ausgangspunkt weg oder allgemein zu einem Ziel. Das Verkehrsmittel ist dabei nicht festgelegt:

  • Vado a piedi. — Ich gehe zu Fuß.
  • Vado in macchina. — Ich fahre mit dem Auto.
  • Andiamo a Milano in treno. — Wir fahren mit dem Zug nach Mailand.

Deutschsprachige Lernende sollten daher nicht automatisch jedes „fahren“ mit guidare wiedergeben. Guidare heißt „ein Fahrzeug steuern“. Wer als Fahrgast nach Rom fährt, sagt normalerweise ebenfalls andare a Roma.

Venire: Bewegung zum Bezugspunkt

Mit venire nähert sich jemand dem Ort des Sprechers, des Gesprächspartners oder einem anderen Ort, den das Gespräch gerade als Bezugspunkt behandelt:

  • An der eigenen Wohnungstür: Vieni da me stasera? — Kommst du heute Abend zu mir?
  • Am Telefon zum Gesprächspartner: Vengo da te alle otto. — Ich komme um acht zu dir.
  • Über eine geplante Feier: Anche Paolo viene alla festa. — Paolo kommt auch zur Feier.

Der Bezugspunkt muss also nicht der Ort sein, an dem der Sprecher gerade steht. Bei gemeinsamen Plänen kann man sich gedanklich an das Ziel versetzen. Darum ist Vengo anch'io! eine natürliche Antwort auf eine Einladung: „Ich komme auch mit!“

Im Deutschen funktioniert „kommen“ oft ähnlich. Entscheidend ist trotzdem die Perspektive: Berichtet man neutral über eine Bewegung zu einem Ort, an dem weder Sprecher noch Gesprächspartner sind, ist häufig andare passender. Erwartet jemand die Person dort oder ist das Ziel der Mittelpunkt des Gesprächs, kann venire stehen.

Ziel und Herkunft: a, in und da

Nach beiden Verben zeigt eine Präposition (ein kurzes Verhältniswort wie „nach“, „in“ oder „zu“) an, wohin oder woher die Bewegung führt. Die wichtigsten Grundmuster sind:

Muster Typischer Gebrauch Beispiel Bedeutung
a + Stadt Ziel in einer Stadt andare a Bologna nach Bologna fahren
a in festen Ortsangaben häufige Alltagsziele andare a casa, a scuola nach Hause, zur Schule gehen
a + Artikel konkretes Ziel venire alla festa zur Feier kommen
in + Land oder Region geografisches Ziel andare in Italia, in Toscana nach Italien, in die Toskana fahren
in bei vielen Einrichtungen Ziel oder Aufenthalt andare in ufficio, in banca ins Büro, zur Bank gehen
da + Person/Beruf Ziel bei einer Person andare da Luca, dal medico zu Luca, zum Arzt gehen
da + Ausgangsort Herkunft oder Ausgangspunkt venire da Berlino aus Berlin kommen

Vor einem bestimmten Artikel verschmelzen a und da oft mit ihm: a + il = al, a + la = alla, da + il = dal, da + la = dalla. Deshalb heißt es al lavoro, alla stazione, dal dentista und dalla nonna.

Bei da entscheidet der Zusammenhang über die Richtung. Vieni da Marco? kann je nach Situation „Kommst du von Marco?“ oder „Kommst du zu Marco?“ bedeuten. Meist machen Verbzeit, Situation und weitere Angaben die gemeinte Lesart klar. Für den Anfang helfen feste Paare: vado dal medico für ein Ziel, vengo dal medico für den Ausgangspunkt und vieni da me? für „zu mir“.

Präsens für Gewohnheit, Plan und aktuelle Bewegung

Das italienische Präsens kann mehr leisten als das deutsche Präsens in einer einzelnen wörtlichen Zuordnung:

  • Gewohnheit: Vado al lavoro in autobus. — Ich fahre mit dem Bus zur Arbeit.
  • konkreter Plan: Domani andiamo a Torino. — Morgen fahren wir nach Turin.
  • Bewegung im jeweiligen Zusammenhang: Dove vai? — Wohin gehst du?/Wo fährst du hin?

Soll ausdrücklich betont werden, dass die Bewegung gerade im Verlauf ist, gibt es stare + Gerundio (eine Verlaufsform): Sto andando a casa bedeutet „Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause“. Diese Form ist nicht nötig, nur weil eine Handlung jetzt stattfindet; oft reicht das einfache Präsens.

Ein weiteres Verb als Ziel der Bewegung

Vor einem folgenden Infinitiv steht gewöhnlich a:

  • Vado a comprare il pane. — Ich gehe Brot kaufen.
  • Andiamo a mangiare? — Gehen wir etwas essen?
  • Vieni a vedere il film? — Kommst du, um den Film anzusehen?
  • Marta viene ad aiutarci. — Marta kommt, um uns zu helfen.

Vor einem Vokal wird a häufig zu ad, besonders in ad aiutare. Beide Konstruktionen können einen Zweck ausdrücken. Bei venire a + Infinitiv klingt außerdem oft eine Einladung oder Teilnahme mit.

Beispiele im Kontext

Italienisch Deutsch Hinweis
Vado al lavoro. Ich gehe/fahre zur Arbeit. andare legt das Verkehrsmittel nicht fest.
Dove vai? Wohin gehst du?/Wo fährst du hin? Frage nach dem Ziel.
Ogni estate andiamo in Sicilia. Jeden Sommer fahren wir nach Sizilien. Gewohnheit; Region mit in.
I ragazzi vanno a scuola a piedi. Die Jugendlichen gehen zu Fuß zur Schule. vanno ist die dritte Person Plural.
Stasera andate da Chiara? Geht ihr heute Abend zu Chiara? Ziel bei einer Person mit da.
Vengo da Londra. Ich komme aus London. da nennt hier die Herkunft.
Vieni da me dopo il lavoro? Kommst du nach der Arbeit zu mir? da me bezeichnet das Ziel.
Vengono alla festa? Kommen sie zur Feier? Bewegung zum gemeinsamen Bezugspunkt.
Noi veniamo in treno. Wir kommen mit dem Zug. Das Verkehrsmittel steht mit in.
Domani mia sorella viene a Roma. Morgen kommt meine Schwester nach Rom. Das Ziel ist der Ort des Gesprächspartners oder Bezugspunkt.
Andiamo a prendere un caffè? Gehen wir einen Kaffee trinken? Vorschlag mit andare a + Infinitiv.
Puoi venire ad aiutarmi? Kannst du kommen und mir helfen? Zweck mit venire a + Infinitiv.
Io vado al cinema, ma Luca viene con voi. Ich gehe ins Kino, aber Luca kommt mit euch. Die Pronomen betonen den Gegensatz.
Sto andando a casa. Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause. Ausdrücklich laufende Bewegung.

Häufige Fehler

Regelmäßige Formen bilden

  • Falsch: Io ando a casa. / Loro andano al mare.
  • Richtig: Io vado a casa. / Loro vanno al mare.
  • Warum: Andare endet zwar auf -are, ist aber im Präsens unregelmäßig. Besonders vado und vanno müssen als ganze Formen gelernt werden.

Den Stamm von venire unverändert lassen

  • Falsch: Lei vene domani. / Loro venono con noi.
  • Richtig: Lei viene domani. / Loro vengono con noi.
  • Warum: Im Singular erscheint vien- bei vieni und viene; die erste Person und die dritte Person Plural haben veng-.

Bei einem Land a verwenden

  • Falsch: Andiamo a Italia.
  • Richtig: Andiamo in Italia.
  • Warum: Länder und Regionen stehen als Ziel normalerweise mit in. Städte stehen dagegen mit a: andiamo a Roma.

Da vor Personen weglassen

  • Falsch: Vado a Marco. / Vado al mia nonna.
  • Richtig: Vado da Marco. / Vado da mia nonna.
  • Warum: Für „zu jemandem“ verwendet Italienisch da. Bei einem Beruf kann da mit dem Artikel verschmelzen: dal medico, dalla parrucchiera.

Andare und venire nur nach dem deutschen Verb wählen

  • Falsch im gemeinten Zusammenhang: Auf die Einladung Vieni alla festa? mit Sì, vado! antworten.
  • Richtig: Sì, vengo! oder Sì, vengo anch'io!
  • Warum: Wer seine Teilnahme an dem gemeinsamen Ziel bestätigt, übernimmt dessen Perspektive und verwendet venire. Eine mechanische Zuordnung „ich gehe = vado“ führt hier in die falsche Richtung.

Das Subjekt immer aussprechen

  • Unnatürlich ohne Betonung: Io vado al lavoro e io vengo a casa alle sei.
  • Natürlicher: Vado al lavoro e torno a casa alle sei.
  • Warum: Die Endung zeigt die Person. Außerdem heißt die Rückbewegung zum Ausgangsort im Alltag oft tornare („zurückkehren“) statt venire. Io ist sinnvoll, wenn ein Gegensatz gemeint ist: Io vado, tu resti.

Hinweise zum Gebrauch

Andare kann sowohl „gehen“ als auch „fahren“ heißen. Wenn die Art der Fortbewegung wichtig ist, ergänzt man sie: a piedi (zu Fuß), in macchina (mit dem Auto), in autobus (mit dem Bus) oder in treno (mit dem Zug). Prendere wird verwendet, wenn das Verkehrsmittel als gewählte Verbindung im Mittelpunkt steht: Prendo il treno delle otto — „Ich nehme den Zug um acht.“

Bei Ankunftsmeldungen ist arrivare („ankommen“) oft genauer als venire. Am Telefon bedeutet Sto arrivando ganz natürlich „Ich bin gleich da“ oder „Ich komme gerade an“. Sto venendo ist grammatisch möglich, betont aber eher die Bewegung zum Gesprächspartner; die passende Wahl hängt von der Perspektive ab.

Für die höfliche Anrede Lei stehen beide Verben in der dritten Person Singular: Dove va, signora? und Viene con noi, professore? In der gesprochenen Sprache hört man das Pronomen nicht immer, doch die Form bleibt va beziehungsweise viene.

Nicht jede Ortsverbindung lässt sich allein aus einer allgemeinen Regel vorhersagen. Man lernt häufige Orte am besten zusammen mit ihrer Präposition: a casa, a scuola, al lavoro, in ufficio, in centro, al cinema. Das ist für Deutschsprachige besonders wichtig, weil deutsches „nach“, „zu“, „in“ und „bei“ nicht Wort für Wort denselben Gruppen entsprechen.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Punkte müssen auf A1 noch nicht aktiv beherrscht werden. Sie erklären aber Formen und Wendungen, die sehr häufig vorkommen.

Zusammengesetzte Vergangenheit

Im passato prossimo (einer häufigen Vergangenheitsform für abgeschlossene Ereignisse) bilden beide Verben die Zeit mit essere und einem Partizip (einer Verbform wie deutsch „gegangen“ oder „gekommen“):

Infinitiv Vergangenheit Beispiel
andare essere andato/a/i/e Giulia è andata a Napoli. — Giulia ist nach Neapel gefahren.
venire essere venuto/a/i/e Marco e Paolo sono venuti con noi. — Marco und Paolo sind mit uns gekommen.

Die Endung des Partizips richtet sich nach der betreffenden Person oder Gruppe: andato für eine männliche Einzelperson, andata für eine weibliche Einzelperson, andati für eine männliche oder gemischte Gruppe und andate für eine rein weibliche Gruppe. Dasselbe gilt für venuto.

Aufforderungen

Häufige Aufforderungsformen sind vai! oder kurz va'! („geh!“), andate! („geht!“), vieni! („komm!“) und venite! („kommt!“). Das Apostroph in va' kennzeichnet eine verkürzte Form und darf nicht mit dem Akzent in va verwechselt werden. Eine verneinte Aufforderung an eine einzelne vertraute Person verwendet non plus Infinitiv: Non andare via! — „Geh nicht weg!“; Non venire troppo tardi! — „Komm nicht zu spät!“

Zukunft und weitere Stämme

In der Zukunft erscheinen wieder andere Stämme: andrò („ich werde gehen/fahren“) und verrò („ich werde kommen“). Formen wie andremo und verranno gehören also zu denselben Verben, obwohl sie auf den ersten Blick anders aussehen. Im Alltag ersetzt bei sicheren nahen Plänen jedoch oft das Präsens die Zukunft: Domani vado a Firenze.

Kleine Pronomen und feste Wendungen

Mit ci („dorthin/dabei“, je nach Zusammenhang) kann ein bereits genannter Ort ersetzt werden:

  • Vai spesso a Roma? — Sì, ci vado ogni mese. — Fährst du oft nach Rom? — Ja, ich fahre jeden Monat dorthin.
  • Venite anche voi al museo? — Sì, ci veniamo. — Kommt ihr auch ins Museum? — Ja, wir kommen auch dorthin.

Andarsene bedeutet „weggehen“ oder „fortgehen“: Me ne vado — „Ich gehe jetzt/Ich haue ab“, je nach Ton. Die Form enthält zwei kleine Pronomen und wird erst auf einem späteren Lernstand wichtig.

Beide Verben haben zudem übertragene Bedeutungen, bei denen keine räumliche Bewegung gemeint ist:

  • Come va? — Wie geht es?/Wie läuft es?
  • Il computer non va. — Der Computer funktioniert nicht.
  • Questo vestito mi va bene. — Dieses Kleidungsstück passt mir gut.
  • La torta è venuta bene. — Der Kuchen ist gut gelungen.
  • Mi viene un'idea. — Mir kommt eine Idee.
  • Mi viene voglia di viaggiare. — Ich bekomme Lust zu reisen.

Solche Wendungen sollte man als Einheiten lernen. Die Grundidee bleibt manchmal erkennbar, doch eine wörtliche Übersetzung jedes Bestandteils hilft nicht immer.

Übungstipps

  1. Lerne in zwei Rhythmen. Sprich täglich vado–vai–va–andiamo–andate–vanno und vengo–vieni–viene–veniamo–venite–vengono. Wechsle danach die Reihenfolge und bilde kurze Fragen, damit nicht nur die Liedfolge im Gedächtnis bleibt.
  2. Verbinde Orte gleich mit ihrer Präposition. Notiere nicht nur Roma, Italia oder medico, sondern ganze Bausteine: a Roma, in Italia, dal medico. Formuliere damit jeweils einen Satz mit andare und einen passenden Satz mit venire.
  3. Übe die Perspektive in kleinen Dialogen. Stelle dir vor, du lädst jemanden zu dir, zu einer Feier oder in ein Café ein. Frage Vieni...? und antworte Sì, vengo oder No, non vengo. Beschreibe anschließend den Weg als neutralen Plan mit andare.

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