Subjonctif imparfait im Französischen
Subjonctif Imparfait
Dieser Artikel ist Teil des Französisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Der subjonctif imparfait ist eine heute seltene, vor allem literarische Form des französischen Subjonctifs: Je voulais qu’il vînt. In gehobenen älteren Texten steht er nach einem Verb der Vergangenheit dort, wo modernes Französisch meist den subjonctif présent verwendet: Je voulais qu’il vienne. Für das aktive Sprechen ist vor allem wichtig, die Formen vînt, fût, eût, pût und ähnliche Formen beim Lesen zu erkennen.
Überblick
Der Subjonctif ist ein Modus (eine Verbform, die unter anderem Wunsch, Notwendigkeit, Zweifel oder Wertung kennzeichnet). Der subjonctif imparfait ist dessen einfache literarische Vergangenheitsform. Trotz seines Namens entspricht er nicht einfach dem deutschen Präteritum und auch nicht dem französischen imparfait des Indikativs. Seine wichtigste Aufgabe war die klassische Zeitenfolge: Steht das übergeordnete Verb in einer Vergangenheitsform, konnte auch der Subjonctif im Nebensatz in die Vergangenheit verschoben werden.
Auf C1-Niveau begegnet diese Form vor allem in Romanen, historischen Darstellungen, älteren Essays, Reden mit bewusst feierlichem Ton und gelegentlich in ironischer Sprache. Im heutigen Gespräch klingt ein Satz wie Il fallait que vous vinssiez sehr auffällig oder scherzhaft. Üblich ist Il fallait que vous veniez: Der subjonctif présent bleibt stehen, obwohl fallait Vergangenheit ist.
Für deutschsprachige Lernende ist ein Vergleich mit dem deutschen Konjunktiv nur begrenzt hilfreich. Qu’il vînt kann je nach Satz mit „dass er komme“, „dass er käme“ oder schlicht „dass er kam/kommen sollte“ wiedergegeben werden. Im Französischen entscheidet vor allem der Auslöser des Subjonctifs und in klassischer Sprache die Zeitenfolge; im Deutschen hängen die Formen stärker von indirekter Rede, Irrealität und Stil ab.
So funktioniert es
Die Endungen
Der subjonctif imparfait wird aus dem Stamm des passé simple gebildet, also aus derselben Grundlage wie die einfache literarische Vergangenheit. Die Endungen lauten:
| Person | Endung | Beispiel parler |
|---|---|---|
| je | -sse | que je parlasse |
| tu | -sses | que tu parlasses |
| il / elle / on | Vokal mit Zirkumflex + -t | qu’il parlât |
| nous | -ssions | que nous parlassions |
| vous | -ssiez | que vous parlassiez |
| ils / elles | -ssent | qu’ils parlassent |
Ein zuverlässiger Bildungsweg führt über die zweite Person Singular des passé simple: Von tu chantas, tu finis, tu vins, tu eus wird das abschließende -s entfernt. So erhält man die Grundlagen chanta-, fini-, vin- und eu-. Daran treten bei fast allen Personen die s-haltigen Endungen: chantasse, finisses, vinssions, eussent.
Die dritte Person Singular ist besonders und sehr häufig die einzige Form, die man tatsächlich sieht. Sie trägt einen Zirkumflex: chantât, finît, vînt, eût. Bei manchen Formen verändert der Zirkumflex also nicht nur einen Buchstaben am Ende, sondern markiert den Stammvokal: vint → vînt, put → pût.
Drei regelmäßige Muster
| Person | parler | finir | vendre |
|---|---|---|---|
| que je | parlasse | finisse | vendisse |
| que tu | parlasses | finisses | vendisses |
| qu’il / elle | parlât | finît | vendît |
| que nous | parlassions | finissions | vendissions |
| que vous | parlassiez | finissiez | vendissiez |
| qu’ils / elles | parlassent | finissent | vendissent |
Auffällig ist, dass manche geschriebenen Formen mit anderen Zeiten zusammenfallen. Ils finissent kann sowohl Präsens des Indikativs als auch subjonctif imparfait sein. Der Satzbau und das übergeordnete Verb zeigen, welche Form gemeint ist: Je voulais qu’ils finissent avant midi.
Wichtige unregelmäßige Stämme
Die Unregelmäßigkeiten stammen weitgehend aus dem passé simple. Wer dessen Formen erkennt, kann auch den subjonctif imparfait leichter erschließen.
| Infinitiv | 3. Person passé simple | je-Form | il/elle-Form | ils/elles-Form |
|---|---|---|---|---|
| être | fut | que je fusse | qu’il fût | qu’ils fussent |
| avoir | eut | que j’eusse | qu’il eût | qu’ils eussent |
| venir | vint | que je vinsse | qu’il vînt | qu’ils vinssent |
| tenir | tint | que je tinsse | qu’il tînt | qu’ils tinssent |
| faire | fit | que je fisse | qu’il fît | qu’ils fissent |
| pouvoir | put | que je pusse | qu’il pût | qu’ils pussent |
| savoir | sut | que je susse | qu’il sût | qu’ils sussent |
| vouloir | voulut | que je voulusse | qu’il voulût | qu’ils voulussent |
| devoir | dut | que je dusse | qu’il dût | qu’ils dussent |
| prendre | prit | que je prisse | qu’il prît | qu’ils prissent |
Die Akzente sind bedeutungstragend. Il fut bedeutet „er war“ im passé simple, qu’il fût dagegen „dass er sei/wäre“ im subjonctif imparfait. Ebenso stehen sich il eut und qu’il eût, il put und qu’il pût gegenüber.
Die klassische Zeitenfolge
In traditioneller gehobener Schriftsprache gilt vereinfacht:
| Zeit des übergeordneten Verbs | Zeitverhältnis im Nebensatz | Klassische Form | Modern übliche Form |
|---|---|---|---|
| Gegenwart oder Zukunft | gleichzeitig oder später | Je veux qu’il vienne. | Je veux qu’il vienne. |
| Vergangenheit oder Konditional | gleichzeitig oder später | Je voulais qu’il vînt. | Je voulais qu’il vienne. |
| Vergangenheit oder Konditional | bereits abgeschlossen | Je doutais qu’il fût venu. | Je doutais qu’il soit venu. |
„Gleichzeitig oder später“ ist wichtig: Der subjonctif imparfait bezeichnet nicht zwingend eine bereits abgeschlossene Handlung. In Je voulais qu’il vînt le lendemain liegt das Kommen aus Sicht des Wollens sogar in der Zukunft. Die Form entsteht hier durch die literarische Zeitenfolge, nicht allein durch die zeitliche Bedeutung.
Beispiele im Zusammenhang
| Französisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Je voulais qu’il vînt avant midi. | Ich wollte, dass er vor Mittag käme. | Klassische Zeitenfolge nach voulais |
| Il fallait qu’elle partît immédiatement. | Sie musste sofort abreisen. | Notwendigkeit in einer vergangenen Situation |
| Bien qu’il fût riche, il vivait simplement. | Obwohl er reich war, lebte er bescheiden. | Einräumung mit bien que |
| Pourvu qu’il réussît ! | Wenn er doch Erfolg hätte! | Literarischer oder bewusst feierlicher Wunsch |
| Le roi ordonna que les portes fussent fermées. | Der König befahl, die Tore zu schließen. | Typischer erzählender Zusammenhang |
| Elle craignait que nous ne découvrissions la vérité. | Sie fürchtete, wir könnten die Wahrheit entdecken. | ne ist hier ein formelles, nicht verneinendes ne explétif |
| Je cherchais un guide qui connût bien la région. | Ich suchte einen Führer, der die Gegend gut kannte. | Nicht sicher vorhandene Person nach chercher |
| Était-il possible qu’elle eût raison ? | War es möglich, dass sie recht hatte? | Zweifelnde Frage mit avoir |
| Il aurait préféré que vous restassiez encore un jour. | Er hätte es vorgezogen, wenn Sie noch einen Tag geblieben wären. | Nach dem Konditional in klassischer Sprache |
| Je ne pensais pas qu’il pût résoudre seul le problème. | Ich glaubte nicht, dass er das Problem allein lösen könnte. | Verneinte Meinung und Fähigkeit |
| Elle souhaitait que chacun fît un effort. | Sie wünschte, dass jeder sich bemühte. | faire → fît |
| Quoiqu’il semblât calme, il était inquiet. | Obwohl er ruhig wirkte, war er beunruhigt. | Literarisches quoique |
| Le règlement exigeait que nul ne sortît après minuit. | Die Vorschrift verlangte, dass niemand nach Mitternacht hinausging. | Amtlich-literarischer Ton |
Häufige Fehler
Den Stamm vom gewöhnlichen imparfait nehmen
- Falsch: Je voulais qu’il venaisse.
- Richtig: Je voulais qu’il vînt.
- Warum: Die Form kommt nicht von venait, sondern vom passé simple vint: vinsse, vinsses, vînt, vinssions, vinssiez, vinssent.
Den Zirkumflex in der dritten Person vergessen
- Falsch: Il fallait qu’elle partit.
- Richtig: Il fallait qu’elle partît.
- Warum: Partit ist Indikativ im passé simple; partît ist subjonctif imparfait. In gedruckten Texten unterscheidet oft allein der Zirkumflex die Formen.
Die Endung -t an alle Personen hängen
- Falsch: Il souhaitait que nous partît.
- Richtig: Il souhaitait que nous partissions.
- Warum: Nur die dritte Person Singular hat die Form mit Zirkumflex und -t. Für nous und vous gelten -ssions und -ssiez.
Die literarische Form im Alltagsgespräch erzwingen
- Unnatürlich im normalen Gespräch: Je voulais que tu vinsses avec nous.
- Heute üblich: Je voulais que tu viennes avec nous.
- Warum: Modernes Französisch behält meistens den subjonctif présent bei. Vinsses kann absichtlich altmodisch, pathetisch oder humorvoll wirken.
Abgeschlossenheit mit Gleichzeitigkeit verwechseln
- Für eine schon vorher abgeschlossene Handlung unpassend: Je regrettais qu’elle partît déjà.
- Passend bei Vorzeitigkeit: Je regrettais qu’elle fût déjà partie.
- Warum: Ist die Handlung vor dem Bedauern bereits abgeschlossen, verlangt die klassische Unterscheidung den subjonctif plus-que-parfait. Dieser besteht aus eût/fût und einem Partizip Perfekt (einer Form wie venu oder parti).
Nach jedem Verb der Vergangenheit automatisch den Subjonctif setzen
- Falsch: Je savais qu’il fût malade.
- Richtig: Je savais qu’il était malade.
- Warum: Eine Vergangenheitsform allein löst keinen Subjonctif aus. Savoir in einer bejahenden Feststellung beschreibt hier eine Tatsache und verlangt den Indikativ. Erst wenn die Konstruktion grundsätzlich einen Subjonctif fordert, stellt sich die Frage nach dessen Zeitform.
Hinweise zum Gebrauch
Im heutigen Französisch ist der subjonctif imparfait in erster Linie eine rezeptive Form: Man sollte ihn beim Lesen verstehen, muss ihn aber im Gespräch kaum aktiv bilden. Selbst in sorgfältiger Presse, wissenschaftlicher Prosa und formellen Briefen ist nach einer Vergangenheit der subjonctif présent normal: Nous souhaitions que la mesure soit appliquée rapidement.
Die dritte Person Singular und die Formen von être und avoir halten sich am ehesten, weil Erzähltexte häufig über eine einzelne Person sprechen. Formen wie qu’il fût, qu’elle eût, qu’il pût, qu’elle dût wirken gehoben, sind aber für belesene Muttersprachler gut erkennbar. Que nous vinssions oder que vous sussiez fallen stärker auf und werden gern eingesetzt, wenn ein Text bewusst nach klassischer Literatur klingen soll.
Nicht jede Form auf -ssions oder -ssiez ist ein subjonctif imparfait. Beim subjonctif présent lauten die entsprechenden Formen ebenfalls oft so: que nous finissions, que vous finissiez. Zur Bestimmung helfen das Verb und der Stamm. Bei venir zeigt der Unterschied sich deutlich: modern que nous venions, literarisch que nous vinssions.
Bei der Übersetzung ins Deutsche sollte man nicht versuchen, jede französische Form durch einen deutschen Konjunktiv II nachzubilden. Bien qu’il fût riche heißt meistens natürlich „obwohl er reich war“, nicht zwingend „obwohl er reich wäre“. Die französische Form markiert hier Nebensatztyp, Zeitenfolge und Register; sie behauptet nicht automatisch, dass der Reichtum unwirklich war.
Über die Grundlagen hinaus
Relative Nebensätze und ein unbestimmtes Bezugswort
Der Subjonctif kann in einem Relativsatz stehen, wenn die gesuchte oder beschriebene Person beziehungsweise Sache nur gewünscht, bestritten oder nicht sicher vorhanden ist. Ein Relativsatz ist ein Nebensatz mit einem Wort wie qui oder que, der ein Nomen näher beschreibt:
- Il cherchait quelqu’un qui pût le conseiller. — Er suchte jemanden, der ihn beraten konnte.
- C’était le seul témoin qui connût toute l’histoire. — Das war der einzige Zeuge, der die ganze Geschichte kannte.
In klassischer Erzählprosa folgt nach cherchait oder c’était der subjonctif imparfait. Modern würde man meist puisse und connaisse schreiben oder den Satz anders formulieren.
Einfach oder zusammengesetzt?
Der einfache subjonctif imparfait stellt eine Handlung als gleichzeitig mit oder später als den vergangenen Bezugspunkt dar:
- Il désirait qu’elle revînt. — Er wünschte, dass sie zurückkäme.
Der subjonctif plus-que-parfait stellt sie als vorher abgeschlossen dar:
- Il regrettait qu’elle fût revenue si tard. — Er bedauerte, dass sie so spät zurückgekommen war.
Dabei ist revenue das Partizip Perfekt. Bei Verben mit être passt es sich in Geschlecht und Zahl an das Subjekt an: qu’elle fût partie, qu’ils fussent partis. Eine Folge wie fussent fermées kann dagegen auch ein Passiv oder einen Zustand ausdrücken, etwa „dass sie geschlossen würden/wären“; nicht jede Verbindung von fusse und Partizip ist daher automatisch ein subjonctif plus-que-parfait.
Stilistische Wirkung heute
Autorinnen und Autoren können diese Form bewusst wählen, um Distanz, Feierlichkeit oder einen historischen Erzählton zu erzeugen. In einer modernen Unterhaltung kann dieselbe Wahl komisch wirken: Encore eût-il fallu qu’il le sût ! bedeutet sinngemäß „Dazu hätte er es erst einmal wissen müssen!“ Die Wendung encore eût-il fallu ist eine feste gehobene Konstruktion mit Inversion und zeigt, dass einzelne Formen auch außerhalb durchgehend altertümlicher Texte fortleben.
Eine weitere häufig zitierte Art von Satz ist Il fallait qu’il le fît. Gerade die kurze dritte Person lässt sich elegant in literarische Prosa einfügen. Das ist jedoch kein Vorbild dafür, im normalen Gespräch sämtliche Personen dieses Tempus zu verwenden. Gute aktive Beherrschung bedeutet hier vor allem, Register bewusst zu wählen.
Lerntipps
- Lerne zuerst Erkennungsformen. Notiere Paare wie fut / fût, eut / eût, put / pût, vint / vînt und bestimme jeweils Indikativ oder Subjonctif. Das trainiert zugleich den Zirkumflex.
- Modernisiere literarische Sätze. Forme Je craignais qu’il ne partît in Je craignais qu’il ne parte um. So prüfst du, ob du Auslöser und Bedeutung verstehst, ohne unnötig jede seltene Form aktiv auswendig zu lernen.
- Übe über das passé simple. Nimm fünf häufige Stämme — etwa fut, eut, vint, fit, put — und bilde daraus fusse, eusse, vinsse, fisse, pusse sowie die dritte Person mit Zirkumflex.
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Subjonctif présent — erklärt die grundlegenden Auslöser und den modernen Standardgebrauch des Subjonctifs.
- Weiterführend: Subjonctif plus-que-parfait — bezeichnet in klassischer Sprache eine bereits abgeschlossene Handlung im Subjonctif.
Voraussetzung
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