A1

Das Kasussystem im Neugriechischen

Πτώσεις - Εισαγωγή

Dieser Artikel ist Teil des Griechisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Das Neugriechische hat vier Fälle: Nominativ für das Subjekt, Genitiv vor allem für Zugehörigkeit und Besitz, Akkusativ für das direkte Objekt und nach den meisten Präpositionen sowie Vokativ für die direkte Anrede. Fall, Geschlecht und Zahl bestimmen gemeinsam die Form von Artikel, Substantiv und Adjektiv: ο άντρας, aber του άντρα und τον άντρα.

Überblick

Ein Fall oder Kasus zeigt, welche Aufgabe eine Nominalgruppe im Satz hat. Eine Nominalgruppe ist eine Einheit rund um ein Substantiv, also ein Namenwort wie άντρας „Mann“, oft zusammen mit Artikel und Adjektiv. An den Formen lässt sich beispielsweise erkennen, wer handelt, wen eine Handlung betrifft oder wem etwas gehört. Im Neugriechischen heißen die vier Fälle ονομαστική (Nominativ), γενική (Genitiv), αιτιατική (Akkusativ) und κλητική (Vokativ).

Für Deutschsprachige ist die Grundidee nicht fremd: Auch im Deutschen unterscheiden wir Fälle, etwa „der Mann“, „des Mannes“ und „den Mann“. Die Systeme decken sich aber nicht vollständig. Das Neugriechische hat keinen produktiven Dativ mehr. Was im Deutschen im Dativ steht, wird je nach Konstruktion häufig mit σε + Akkusativ oder durch ein kurzes Pronomen im Genitiv ausgedrückt. Dafür besitzt das Griechische einen eigenen Vokativ für die Anrede, den das heutige Deutsche nicht als eigenen Formenbestand behandelt.

Dieses Thema gehört zu den Grundlagen auf A1. Zunächst genügt es, die Aufgabe der vier Fälle zu erkennen und besonders auf den Artikel zu achten. Die vollständigen Endungsmuster der männlichen, weiblichen und sächlichen Substantive werden anschließend getrennt gelernt.

So funktioniert es

Die vier Fälle und ihre Kernaufgaben

Fall Griechischer Name Leitfrage und Grundfunktion Kurzes Beispiel
Nominativ ονομαστική Wer oder was handelt? Subjekt des Satzes Ο άντρας μιλάει. – Der Mann spricht.
Genitiv γενική Wessen? Zugehörigkeit, Besitz; außerdem manche Pronomen το σπίτι του άντρα – das Haus des Mannes
Akkusativ αιτιατική Wen oder was betrifft die Handlung? Direktes Objekt; Form nach den meisten Präpositionen Βλέπω τον άντρα. – Ich sehe den Mann.
Vokativ κλητική Wen spreche ich unmittelbar an? Κύριε! – Mein Herr!

Das Subjekt ist die Person oder Sache, die handelt oder über die etwas ausgesagt wird. Das direkte Objekt ist die Person oder Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet. In Η Μαρία βλέπει τον Νίκο („Maria sieht Nikos“) ist Η Μαρία das Subjekt im Nominativ und τον Νίκο das direkte Objekt im Akkusativ.

Der bestimmte Artikel als Wegweiser

Am Artikel ist der Fall oft schneller zu erkennen als am Substantiv. Deshalb sollte eine neue Vokabel möglichst mit ihrem Artikel gelernt werden. Die folgende Übersicht zeigt den bestimmten Artikel:

Fall männlich Einzahl weiblich Einzahl sächlich Einzahl männlich Mehrzahl weiblich Mehrzahl sächlich Mehrzahl
Nominativ ο η το οι οι τα
Genitiv του της του των των των
Akkusativ τον τη(ν) το τους τις τα
Vokativ

Beim Vokativ steht normalerweise kein Artikel. Die Form τη(ν) erscheint als τη oder την; welche Schreibung und Aussprache üblich ist, hängt vom folgenden Laut ab. Für den Anfang ist vor allem wichtig, beide Varianten als weiblichen Akkusativ zu erkennen. Der männliche Akkusativartikel wird standardsprachlich τον geschrieben.

Einige Formen sind gleich. το kann bei einem sächlichen Substantiv Nominativ oder Akkusativ sein; τα ebenso in der Mehrzahl. Die Satzfunktion macht den Unterschied deutlich:

  • Το παιδί διαβάζει. – Das Kind liest. (το παιδί ist Subjekt.)
  • Βλέπω το παιδί. – Ich sehe das Kind. (το παιδί ist Objekt.)

Artikel und Substantiv verändern sich gemeinsam

Nicht nur der Artikel, sondern häufig auch die Endung des Substantivs wechselt. Drei typische Beispiele in der Einzahl zeigen das Grundprinzip:

Fall männlich: „Mann“ weiblich: „Frau“ sächlich: „Kind“
Nominativ ο άντρας η γυναίκα το παιδί
Genitiv του άντρα της γυναίκας του παιδιού
Akkusativ τον άντρα τη γυναίκα το παιδί
Vokativ άντρα γυναίκα παιδί

Diese Tabelle ist keine Endungsregel für alle Substantive. Sie zeigt nur, wie ein vollständiges Wortgefüge den Fall markiert. Andere Wortklassen haben andere Muster: ο φίλος – του φίλου – τον φίλο – φίλε („der Freund“), aber ο μαθητής – του μαθητή – τον μαθητή – μαθητή („der Schüler“). Genau deshalb lohnt es sich, Formen in kleinen Reihen statt als isolierte Endungen zu lernen.

Steht ein Adjektiv beim Substantiv, richtet es sich ebenfalls nach Geschlecht, Zahl und Fall. Dieses Angleichen nennt man Kongruenz:

  • ο καλός φίλος – der gute Freund
  • του καλού φίλου – des guten Freundes
  • τον καλό φίλο – den guten Freund
  • καλέ φίλε! – guter Freund! / lieber Freund!

Nominativ: Subjekt und Gleichsetzung

Der Nominativ bezeichnet in erster Linie das Subjekt:

  • Η Άννα δουλεύει. – Anna arbeitet.
  • Οι φίλοι έρχονται. – Die Freunde kommen.

Auch eine Bezeichnung nach είμαι („sein“) steht gewöhnlich im Nominativ, ähnlich wie im Deutschen: Ο Νίκος είναι γιατρός („Nikos ist Arzt“). Der Nominativ ist also nicht einfach „die erste Form im Wörterbuch“, sondern hat eine konkrete Satzfunktion.

Genitiv: Besitz, Zugehörigkeit und kurze Pronomen

Der Genitiv folgt meist auf das Wort, das näher bestimmt wird:

  • το βιβλίο της Μαρίας – Marias Buch / das Buch von Maria
  • η πόρτα του σπιτιού – die Tür des Hauses
  • ο φίλος του Νίκου – Nikos’ Freund

Das Neugriechische setzt bei Namen in solchen Ausdrücken häufig einen Artikel: της Μαρίας, του Νίκου. Das wirkt aus deutscher Sicht zunächst ungewohnt, ist aber normal.

Kurze unbetonte Pronomen können ebenfalls im Genitiv stehen und eine Person bezeichnen, die etwas erhält oder von einer Handlung betroffen ist: Του δίνω το βιβλίο heißt „Ich gebe ihm das Buch“. Bei einem ausgeschriebenen Empfänger ist im heutigen Standardgriechisch dagegen σε + Akkusativ sehr gebräuchlich: Δίνω το βιβλίο στον Νίκο („Ich gebe Nikos das Buch“).

Akkusativ: direktes Objekt und Präpositionen

Der Akkusativ kennzeichnet das direkte Objekt:

  • Αγοράζω τον καφέ. – Ich kaufe den Kaffee.
  • Ξέρεις τη Μαρία; – Kennst du Maria?
  • Διαβάζουμε τα βιβλία. – Wir lesen die Bücher.

Außerdem steht nach den meisten gebräuchlichen Präpositionen der Akkusativ, zum Beispiel nach με („mit“), από („aus, von“), για („für“) und χωρίς („ohne“): με τον φίλο μου, από την Ελλάδα, για το παιδί. Auch σε („in, an, zu“) verlangt den Akkusativ und verschmilzt mit dem bestimmten Artikel: σε + το = στο, σε + την = στην, σε + τους = στους.

Hier hilft die deutsche Fallfrage nicht immer. In „mit dem Freund“ steht im Deutschen ein Dativ, im Griechischen aber με τον φίλο, formal also ein Akkusativ. Entscheidend ist die griechische Präposition, nicht der Fall der deutschen Übersetzung.

Vokativ: direkte Anrede

Wer unmittelbar angesprochen wird, steht im Vokativ und gewöhnlich ohne Artikel. Bei weiblichen, sächlichen und vielen Mehrzahlformen sieht er genauso aus wie der Nominativ. Besonders bei männlichen Substantiven ist jedoch oft eine eigene Form sichtbar:

Nominativ Vokativ Bedeutung in der Anrede
ο κύριος κύριε mein Herr / Herr …
ο φίλος φίλε Freund!
ο Γιώργος Γιώργο Giorgos!
ο πατέρας πατέρα Papa! / Vater!
η Μαρία Μαρία Maria!
το παιδί παιδί Kind!

Die Aussage „Vokativ gleich Nominativ“ ist daher nur eine nützliche erste Orientierung, keine allgemeine Regel. Vor allem männliche Wörter auf -ος, -ας und -ης müssen mit ihrer Anredeform gelernt werden.

Beispiele im Kontext

Griechisch Deutsch Hinweis
Ο άντρας μιλάει. Der Mann spricht. Nominativ als Subjekt
Η Μαρία αγοράζει ψωμί. Maria kauft Brot. Der Name mit Artikel ist das Subjekt.
Βλέπω τον άντρα. Ich sehe den Mann. Akkusativ als direktes Objekt
Η Ελένη ανοίγει την πόρτα. Eleni öffnet die Tür. weiblicher Akkusativ
Οι φίλοι βλέπουν τις ταινίες. Die Freunde sehen die Filme. Nominativ und Akkusativ in der Mehrzahl
Το δωμάτιο του παιδιού είναι μικρό. Das Zimmer des Kindes ist klein. Genitiv für Zugehörigkeit
Το αυτοκίνητο της Μαρίας είναι έξω. Marias Auto steht draußen. Name im Genitiv
Του δίνω το βιβλίο. Ich gebe ihm das Buch. kurzes Pronomen im Genitiv
Πηγαίνω στο σχολείο. Ich gehe zur Schule. στο = σε + το, Akkusativ
Μιλάω με τους φίλους μου. Ich spreche mit meinen Freunden. Akkusativ nach με
Κύριε, ένα λεπτό! Einen Moment, mein Herr! männlicher Vokativ auf
Μαρία, έλα εδώ! Maria, komm her! direkte Anrede ohne Artikel
Φίλε μου, τι κάνεις; Mein Freund, wie geht es dir? Vokativ mit nachgestelltem μου

Häufige Fehler

Das Objekt im Nominativ lassen

  • Falsch: Βλέπω ο άντρας.
  • Richtig: Βλέπω τον άντρα.
  • Warum: Der Mann ist hier nicht der Handelnde, sondern das direkte Objekt von βλέπω („ich sehe“). Deshalb stehen Artikel und Substantiv im Akkusativ.

Nur den Artikel verändern

  • Falsch: το σπίτι του άντρας
  • Richtig: το σπίτι του άντρα
  • Warum: Artikel und Substantiv bilden eine Einheit. Beim männlichen άντρας fällt im Genitiv die Endung weg.

Den deutschen Präpositionsfall übernehmen

  • Falsch: με ο φίλος μου
  • Richtig: με τον φίλο μου
  • Warum: Nach με steht im Neugriechischen der Akkusativ. Dass die deutsche Entsprechung „mit meinem Freund“ einen Dativ hat, ändert die griechische Form nicht.

Bei Namen den Genitivartikel weglassen

  • Falsch: το βιβλίο Μαρίας in einer neutralen Alltagsaussage
  • Richtig: το βιβλίο της Μαρίας
  • Warum: Personenname und Genitivartikel stehen im normalen Sprachgebrauch meist zusammen. Der Artikel zeigt Geschlecht und Fall klar an.

In der Anrede den Nominativ mit Artikel verwenden

  • Falsch: Ο κύριος, περιμένετε!
  • Richtig: Κύριε, περιμένετε!
  • Warum: Eine direkt angesprochene Person steht im Vokativ, normalerweise ohne Artikel. κύριε ist die Vokativform von κύριος.

Alle Vokative mit dem Nominativ gleichsetzen

  • Falsch: Φίλος, έλα εδώ!
  • Richtig: Φίλε, έλα εδώ!
  • Warum: Viele weibliche und sächliche Formen bleiben zwar unverändert, doch zahlreiche männliche Substantive haben eine eigene Anredeform.

Hinweise zum Gebrauch

Im gesprochenen Griechisch liefern Artikel besonders verlässliche Hinweise auf den Fall, weil manche Substantivformen gleich klingen oder gleich aussehen. In το παιδί zeigt erst der Satz, ob Nominativ oder Akkusativ vorliegt; in ο φίλος – τον φίλο markieren sowohl Artikel als auch Endung den Unterschied. Beim Hören lohnt es sich daher, nicht nur auf das letzte Stück des Substantivs, sondern auf die ganze Gruppe zu achten.

Personennamen stehen im Griechischen in Aussagen gewöhnlich mit Artikel: Η Μαρία είναι εδώ („Maria ist hier“) und Βλέπω τον Νίκο („Ich sehe Nikos“). Bei direkter Anrede entfällt er: Μαρία! Νίκο! Dieser Gebrauch ist viel regelmäßiger als im Standarddeutschen und sollte nicht als überflüssiger Zusatz betrachtet werden.

Die Wortstellung ist im Neugriechischen beweglicher als im Deutschen, weil die Fälle Rollen sichtbar machen. Η Μαρία βλέπει τον Νίκο ist die neutrale Reihenfolge. Τον Νίκο βλέπει η Μαρία hebt Nikos hervor, ohne ihn zum Subjekt zu machen: Die Formen τον Νίκο und η Μαρία bleiben eindeutig. Für Anfänger ist die neutrale Reihenfolge dennoch am sichersten.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Punkte musst du auf A1 noch nicht aktiv beherrschen, wirst ihnen aber später begegnen.

Der Genitiv bezeichnet weit mehr als materiellen Besitz. Er kann Beziehungen, Urheberschaft oder eine nähere Einordnung ausdrücken, etwa η μητέρα του παιδιού („die Mutter des Kindes“), η ιστορία της Ελλάδας („die Geschichte Griechenlands“) oder ένα έργο του Καζαντζάκη („ein Werk von Kazantzakis“). Bei manchen Substantiven verändert sich im Genitiv außerdem die Betonung, besonders in der Mehrzahl. Solche Muster gehören in die einzelnen Deklinationsgruppen und sollten wortweise gelernt werden.

Auch der Akkusativ hat erweiterte Funktionen. Er kann Dauer, Strecke, Preis oder Maß angeben: Περπάτησα μια ώρα („Ich ging eine Stunde lang“) und Κοστίζει δέκα ευρώ („Es kostet zehn Euro“). Umgekehrt erscheint der Genitiv in bestimmten Zeitangaben und festen Wendungen. Diese Verwendungen werden auf höherem Niveau als erweiterter Fallgebrauch systematisch behandelt.

In förmlicher oder erstarrter Sprache begegnen Reste des altgriechischen Dativs, zum Beispiel εν τω μεταξύ („inzwischen“) oder τοις εκατό („Prozent“). Daraus folgt nicht, dass das heutige Griechisch im normalen Sprachgebrauch einen fünften Fall hätte. Solche Ausdrücke werden am besten als feste Einheiten gelernt.

Beim Vokativ gibt es neben den Grundformen Unterschiede nach Worttyp, Betonung und Sprachgebrauch. Adjektive passen sich ebenfalls an: αγαπητέ φίλε („lieber Freund“). Das Anredepartikel ω wirkt heute meist gehoben oder literarisch, während βρε umgangssprachlich und je nach Ton vertraut, scherzhaft oder auch schroff klingen kann. Für neutrale Kommunikation genügt zunächst der Vokativ ohne Partikel.

Übungstipps

  1. Lerne Dreierreihen mit Artikel. Schreibe zu fünf häufigen Substantiven jeweils Nominativ, Genitiv und Akkusativ auf, zum Beispiel ο φίλος – του φίλου – τον φίλο. Ergänze den Vokativ erst danach.
  2. Markiere Satzrollen. Unterstreiche in kurzen Sätzen das Subjekt einmal und das direkte Objekt zweimal. Prüfe dann zuerst den Artikel und anschließend die Endung: Η γυναίκα βλέπει τον φίλο.
  3. Übe mit kleinen Umbauten. Beginne mit Ο Νίκος βλέπει τη Μαρία und tausche Handelnden, Objekt und Zahl aus. Sprich die gesamte Nominalgruppe laut, nicht nur das Substantiv.

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