Zeitenfolge und Tempuswechsel im Dänischen
Tempusskift
Dieser Artikel ist Teil des Dänisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Im Dänischen richtet sich die Zeitform eines Nebensatzes nach seinem zeitlichen Bezugspunkt: Was gleichzeitig mit einem vergangenen Sagen, Denken oder Wahrnehmen geschieht, steht meist im Präteritum; was davor geschah, im Plusquamperfekt; was danach erwartet wurde, häufig mit ville oder skulle plus Infinitiv. Die Verschiebung ist jedoch nicht rein mechanisch: Eine weiterhin gültige Tatsache kann im Präsens bleiben.
Überblick
Die dänische tempusskift betrifft die Beziehungen zwischen mehreren Zeitstufen in einem komplexen Satz. Entscheidend ist nicht nur, ob etwas Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ist. Ebenso wichtig ist, von welchem Zeitpunkt aus man auf das Geschehen blickt. Dieser Zeitpunkt heißt hier zeitlicher Anker, also der Bezugspunkt, zu dem ein anderes Ereignis gleichzeitig, früher oder später liegt.
Besonders sichtbar wird das auf C1-Niveau in der indirekten Rede, in Gedankenberichten und in Erzählungen. Aus Jeg er træt („Ich bin müde“) wird nach einem Verb in der Vergangenheit typischerweise Han sagde, at han var træt („Er sagte, dass er müde war“). Das Präteritum var bezeichnet hier nicht unbedingt eine Zeit vor dem Sagen, sondern einen Zustand, der zum Zeitpunkt des Sagens galt.
Für deutschsprachige Lernende ist ein Unterschied zentral: Das Dänische besitzt in der normalen indirekten Rede keinen produktiven Konjunktiv wie deutsches er sei oder er habe. Es verwendet gewöhnlich den Indikativ, also die normale Aussageform des Verbs, und macht die zeitliche Perspektive durch Tempus, Modalverben und Zeitangaben deutlich.
So funktioniert die Zeitenfolge
1. Den zeitlichen Anker bestimmen
Ein Hauptsatz im Präsens verankert die Aussage meist in der aktuellen Sprechsituation:
- Hun siger, at hun er træt. – Sie sagt, dass sie müde ist.
- Hun siger, at hun har sovet dårligt. – Sie sagt, dass sie schlecht geschlafen hat.
- Hun siger, at hun kommer senere. – Sie sagt, dass sie später kommt.
Steht das einleitende Verb im Präteritum, wandert der Bezugspunkt normalerweise in die Vergangenheit:
- Hun sagde, at hun var træt. – Ihr Müde-Sein war gleichzeitig mit dem Sagen.
- Hun sagde, at hun havde sovet dårligt. – Das schlechte Schlafen lag vor dem Sagen.
- Hun sagde, at hun ville komme senere. – Das Kommen lag aus damaliger Sicht noch in der Zukunft.
2. Drei grundlegende Zeitbeziehungen
| Beziehung zum vergangenen Anker | Typische dänische Form | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| gleichzeitig | Präteritum (datid) | Han sagde, at han var syg. | Er war zu diesem Zeitpunkt krank. |
| vorher | Plusquamperfekt (førdatid) | Han sagde, at han havde været syg. | Er war schon vorher krank gewesen. |
| nachher | ville/skulle + Infinitiv | Han sagde, at han ville ringe. | Der Anruf war damals zukünftig. |
Das Plusquamperfekt besteht meist aus havde und einem Partizip (einer Verbform wie spist oder boet): havde spist, havde boet. Einige Bewegungs- und Zustandswechselverben können mit være gebildet werden: han var kommet bedeutet „er war gekommen“.
3. Typische Verschiebungen aus direkter Rede
| Direkte Aussage | Bericht mit vergangenem Anker | Funktion |
|---|---|---|
| Jeg er klar. | Hun sagde, at hun var klar. | Präsens → gleichzeitiges Präteritum |
| Jeg har læst bogen. | Hun sagde, at hun havde læst bogen. | Perfekt → Plusquamperfekt |
| Jeg kommer i morgen. | Hun sagde, at hun ville komme næste dag. | Zukunft → Zukunft aus vergangener Sicht |
| Jeg kan hjælpe. | Hun sagde, at hun kunne hjælpe. | kan → kunne |
| Jeg skal arbejde. | Hun sagde, at hun skulle arbejde. | skal → skulle |
Diese Übersicht beschreibt häufige Muster, aber keine Pflicht zur blinden Formverschiebung. Ein ursprüngliches Präteritum bleibt zum Beispiel oft Präteritum, wenn eine Zeitangabe die frühere Situation eindeutig festlegt: Han fortalte, at han boede i Aarhus som barn. Das Plusquamperfekt wird vor allem dann gebraucht, wenn die Vorzeitigkeit für das Verständnis wichtig ist.
4. Präsens bei weiterhin gültigen Aussagen
Der vergangene Anker zwingt nicht jedes Verb ins Präteritum. Wenn eine Aussage weiterhin gilt oder als allgemeine Tatsache präsentiert wird, ist Präsens natürlich:
- Læreren forklarede, at jorden kredser om solen. – Der Lehrer erklärte, dass die Erde um die Sonne kreist.
- Hun fortalte mig, at hun bor i Odense nu. – Sie erzählte mir, dass sie jetzt in Odense wohnt.
Mit dem Präteritum verändert sich die Perspektive:
- Hun fortalte mig, at hun boede i Odense. – Ihr Wohnen in Odense wird an den damaligen Zeitpunkt gebunden; ob es heute noch gilt, bleibt offen.
Der Wechsel zwischen bor und boede ist daher keine bloße Stilfrage. Er zeigt, ob der Sprecher die Aussage an die Gegenwart oder nur an die damalige Situation anbindet.
5. Zukunft aus vergangener Sicht: ville und skulle
Beide Verben können auf etwas verweisen, das zu einem vergangenen Zeitpunkt noch bevorstand, doch sie setzen unterschiedliche Akzente:
- ville bezeichnet häufig eine Absicht, Erwartung oder Vorhersage: Han sagde, at han ville ringe.
- skulle bezeichnet häufig einen Plan, eine Verpflichtung oder einen vorgesehenen Ablauf: Mødet skulle begynde klokken ni.
Im Deutschen kann beides je nach Zusammenhang mit „würde“, „wollte“, „sollte“ oder einer Umschreibung wiedergegeben werden. Deshalb sollte man nicht jedes deutsche „würde“ automatisch mit ville übersetzen.
6. Mehrere Zeitebenen in einem Satz
In längeren Sätzen hat jeder Nebensatz eine Beziehung zu einem Anker. Man liest am zuverlässigsten von außen nach innen:
Han sagde, at han ville komme, når han havde spist.
- sagde setzt einen Anker in der Vergangenheit.
- ville komme liegt nach diesem Anker.
- havde spist ist bereits abgeschlossen, bevor das Kommen stattfinden soll.
In temporalen Nebensätzen mit når („wenn/sobald“) steht nicht automatisch noch einmal ville. Das Zeitverhältnis ergibt sich aus dem übergeordneten Satz und aus Formen wie kom oder havde spist.
Beispiele im Kontext
| Dänisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Han sagde, at han ville komme, når han havde spist. | Er sagte, dass er kommen würde, sobald er gegessen hatte. | Zukunft aus damaliger Sicht; das Essen liegt vor dem Kommen. |
| De troede, at vi allerede var gået. | Sie glaubten, dass wir schon gegangen waren. | var gået markiert Vorzeitigkeit. |
| Jeg vidste ikke, at du havde boet her. | Ich wusste nicht, dass du hier gewohnt hattest. | Das Wohnen liegt vor dem damaligen Wissen. |
| Hun forklarede, at hun ikke kunne deltage. | Sie erklärte, dass sie nicht teilnehmen könne/konnte. | kunne ist gleichzeitig zum Erklären möglich oder unmöglich. |
| Mads lovede, at han ville sende filen senere. | Mads versprach, die Datei später zu schicken. | ville drückt die damalige Absicht aus. |
| Vi fik at vide, at toget skulle afgå klokken seks. | Uns wurde mitgeteilt, dass der Zug um sechs abfahren sollte. | skulle bezeichnet den Fahrplan oder vorgesehenen Ablauf. |
| Lægen sagde, at medicinen virker hurtigt. | Der Arzt sagte, dass das Medikament schnell wirkt. | Präsens: Die Aussage wird als weiterhin gültig dargestellt. |
| Lægen sagde, at medicinen virkede hurtigt. | Der Arzt sagte, dass das Medikament schnell wirkte. | Präteritum: Die Aussage bleibt in der damaligen Situation verankert. |
| Hun fortalte, at hun boede i Berlin, da muren faldt. | Sie erzählte, dass sie in Berlin wohnte, als die Mauer fiel. | Zwei gleichzeitige vergangene Sachverhalte. |
| Hvis hun havde vidst, at han var kommet, ville hun have ringet. | Wenn sie gewusst hätte, dass er gekommen war, hätte sie angerufen. | Irreale Vergangenheit mit gestaffelter Vorzeitigkeit. |
| Peter opdagede, at nogen havde åbnet vinduet. | Peter bemerkte, dass jemand das Fenster geöffnet hatte. | Das Öffnen geschah vor dem Bemerken. |
| Hun håbede, at børnene sov, når hun kom hjem. | Sie hoffte, dass die Kinder schliefen, wenn sie nach Hause kam. | Der Blick bleibt in der damaligen Zukunft. |
| Han havde glemt, at vi skulle mødes den dag. | Er hatte vergessen, dass wir uns an diesem Tag treffen sollten. | skulle verweist auf eine damalige Vereinbarung. |
| Hun åbnede brevet. I morgen ville alt være anderledes. | Sie öffnete den Brief. Morgen würde alles anders sein. | Erzählerische Zukunft aus Sicht der Figur. |
Häufige Fehler
Einen deutschen Konjunktiv im Dänischen nachbilden
- Falsch: Han sagde, at han være træt.
- Richtig: Han sagde, at han var træt.
- Warum: Die normale indirekte Rede verwendet den Indikativ. Es gibt keine frei einsetzbare dänische Form, die dem deutschen sei entspricht.
Gleichzeitigkeit und Vorzeitigkeit verwechseln
- Missverständlich: Hun sagde, at hun var syg, wenn die Krankheit schon vor dem Gespräch beendet war.
- Passender: Hun sagde, at hun havde været syg.
- Warum: var syg ist normalerweise gleichzeitig zum Sagen; havde været syg legt die Krankheit davor.
Jede weiterhin gültige Aussage zurückverschieben
- Unpassend: Læreren forklarede, at vand kogte ved 100 grader, wenn eine allgemeine Tatsache gemeint ist.
- Natürlich: Læreren forklarede, at vand koger ved 100 grader.
- Warum: Allgemeingültige Aussagen bleiben oft im Präsens. Das Präteritum kann dagegen nach einer konkreten Versuchssituation klingen.
ville in jeden zukünftigen Nebensatz setzen
- Falsch: Han sagde, at han ville ringe, når han ville komme hjem.
- Richtig: Han sagde, at han ville ringe, når han kom hjem.
- Warum: Der når-Satz übernimmt den vergangenen Blickpunkt. Ein zweites ville ist hier weder nötig noch idiomatisch.
ville und skulle gleich behandeln
- Ungenau: Toget ville afgå klokken seks, wenn nur der Fahrplan gemeint ist.
- Passender: Toget skulle afgå klokken seks.
- Warum: skulle passt zu Plan, Vorgabe oder Vereinbarung; ville kann eher wie eine Vorhersage, Absicht oder erwartete Entwicklung wirken.
Die deutsche würde-Form im irrealen hvis-Satz übernehmen
- Falsch: Hvis hun ville have vidst det, ville hun have ringet.
- Richtig: Hvis hun havde vidst det, ville hun have ringet.
- Warum: Im irrealen Bedingungssatz der Vergangenheit steht havde plus Partizip. Ville have gehört in den Folgesatz.
Hinweise zum Gebrauch
In gesprochener Sprache wird die Zeitenfolge oft stärker vom Zusammenhang getragen als in sorgfältig geplanter Schriftsprache. Sprecher behalten ein Präsens bei, wenn sie sich ausdrücklich zur heutigen Gültigkeit einer Aussage bekennen. Ein Tempuswechsel zeigt deshalb nicht automatisch Zweifel oder Distanz; er kann schlicht den vergangenen Blickpunkt markieren.
Nach Verben des Sagens und Denkens kann die Konjunktion at („dass“) häufig entfallen: Hun sagde, hun var træt. Mit at ist der Satz ebenfalls korrekt und in komplexen Sätzen oft leichter zu lesen. Die Auslassung verändert die zeitliche Beziehung nicht.
Auch Zeit- und Ortsangaben richten sich nach der Perspektive. Bei einem Wechsel vom ursprünglichen Sprechzeitpunkt zur späteren Berichterstattung werden häufig nu zu dengang, i dag zu den dag, i morgen zu næste dag oder dagen efter und her zu der. Das ist aber nur nötig, wenn sich der tatsächliche Bezugspunkt geändert hat. Wer noch am selben Ort und am selben Tag berichtet, kann her und i dag behalten.
Vertiefung: Perspektivwechsel und komplexe Verankerung
Fortgeschrittene Texte wechseln mitunter bewusst zwischen zwei Ankern. In Hun sagde, at hun bor i Aalborg nu, men at hun havde boet i Odense i ti år bindet bor die erste Aussage an die Gegenwart des Erzählers, während havde boet auf eine abgeschlossene Phase vor einem bereits besprochenen vergangenen Zeitpunkt zurückblickt. Solche Mischungen sind korrekt, wenn jede Form eine klare zeitliche Aufgabe erfüllt.
In Erzählungen kann die Perspektive vorübergehend nah an eine Figur rücken. Der Satz I morgen ville alt være anderledes enthält i morgen, obwohl die gesamte Geschichte in der Vergangenheit erzählt wird. „Morgen“ wird hier aus der damaligen Sicht der Figur verstanden, nicht vom heutigen Sprechzeitpunkt des Erzählers. Diese Form der erlebten Perspektive kommt besonders in literarischer Prosa vor.
Modalverben tragen zusätzlich eine eigene Bedeutung. Han sagde, at hun måtte gå kann je nach Kontext bedeuten, dass sie gehen durfte oder gehen musste; das Tempus allein löst diese Mehrdeutigkeit nicht. Ebenso kann ville sowohl Zukunft aus vergangener Sicht als auch einen Willen ausdrücken. Der weitere Zusammenhang muss daher immer mitgelesen werden.
Bei mehreren Rückblicken sollte man das Plusquamperfekt gezielt einsetzen. Es eröffnet häufig eine frühere Zeitebene; sobald diese Ebene klar etabliert ist, kann ein Autor in längeren Erzählpassagen teilweise zum Präteritum zurückkehren, ohne dass jedes einzelne Verb im Plusquamperfekt stehen muss. Für Lernende ist zunächst die sichere Strategie besser: beim ersten wichtigen Rücksprung havde oder var plus Partizip verwenden und erst dann stilistisch variieren, wenn die zeitliche Abfolge eindeutig bleibt.
Übungstipps
- Markiere den Anker. Unterstreiche in einem Nachrichtentext Verben wie sagde, troede, vidste und opdagede. Schreibe neben jeden Nebensatz „gleichzeitig“, „vorher“ oder „nachher“.
- Forme kurze Aussagen um. Beginne mit drei Sätzen in direkter Rede und leite sie einmal mit hun siger und einmal mit hun sagde ein. Prüfe danach besonders er/var, har/havde und vil/ville.
- Vergleiche zwei Perspektiven. Bilde Satzpaare wie Han sagde, at hun bor der und Han sagde, at hun boede der. Erkläre laut, was der Sprecher jeweils über die heutige Situation behauptet oder offenlässt.
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Indirekte Rede – führt dänische Berichtsätze, Änderungen bei Pronomen und die Verwendung von at und om ein.
Voraussetzung
Indirekte Rede im DänischenB2Mehr C1-Konzepte
Dieses Konzept in anderen Sprachen
In allen Sprachen vergleichen
Übe Tempusskift auf Dänisch mit einem kostenlosen Settemila-Lingue-Konto. Wir richten Dänisch · C1 ein und erstellen Karten genau zu diesem Grammatikkonzept.
Dieses Konzept üben