Der Imperativ im Italienischen
Imperativo
Dieser Artikel ist Teil des Italienisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Mit dem italienischen Imperativ gibt man Anweisungen, macht Vorschläge oder äußert Bitten: Ascolta! („Hör zu!“), Entrate! („Kommt herein!“). Besonders wichtig sind drei Regeln: Bei tu endet ein regelmäßiges Verb auf -are meist auf -a, die höfliche Lei-Form entspricht dem congiuntivo presente, und der verneinte tu-Imperativ besteht aus non + Infinitiv: Non parlare! („Sprich nicht!“).
Überblick
Der Imperativ, auf Italienisch imperativo, ist die Verbform für Aufforderungen. Er kann einen scharfen Befehl ausdrücken, ist aber keineswegs nur „Befehlssprache“. Im Alltag hört man ihn beim Erklären eines Weges (Giri a destra), in Rezepten (Aggiungete il sale), bei Einladungen (Entra pure!) und in gemeinsamen Vorschlägen (Andiamo!). Tonfall, Situation und Wörter wie per favore entscheiden mit darüber, wie freundlich eine Aufforderung klingt.
Das Thema gehört zum Niveau B1, weil mehrere bereits bekannte Bereiche zusammenkommen: Präsensformen, die Unterscheidung zwischen vertrauter und höflicher Anrede sowie Objekt- und Reflexivpronomen. Ein Pronomen ist hier ein kurzes Wort, das für eine Person oder Sache steht, etwa lo für „ihn/es“ oder mi für „mir/mich“. Anders als im Deutschen wird ein solches Wort beim bejahten Imperativ oft direkt an das Verb angehängt: Prendilo! („Nimm es!“).
Italienisch verwendet normalerweise Imperativformen für tu, Lei, noi und voi. Eine eigene Form für io ist nicht sinnvoll, denn man fordert gewöhnlich nicht sich selbst auf. Noi entspricht dem deutschen „Lasst uns …“, während voi eine oder mehrere vertraut angesprochene Personen meint. Die höfliche Anrede Lei steht grammatisch in der dritten Person Singular, auch wenn man nur eine Person direkt anspricht.
So funktioniert es
Die regelmäßigen Formen
Bei regelmäßigen Verben ergibt sich folgendes Grundmuster:
| Infinitiv | tu | Lei | noi | voi |
|---|---|---|---|---|
| parlare | parla | parli | parliamo | parlate |
| prendere | prendi | prenda | prendiamo | prendete |
| dormire | dormi | dorma | dormiamo | dormite |
| finire | finisci | finisca | finiamo | finite |
Für den Einstieg helfen vier Merksätze:
- tu: Verben auf -are enden auf -a (parla!), Verben auf -ere und -ire meist auf -i (prendi!, dormi!). Verben wie finire, die im Präsens -isc- haben, behalten diese Erweiterung: finisci!
- Lei: Diese höfliche Form verwendet den congiuntivo presente (eine besondere Verbform, die unter anderem bei Bewertungen, Wünschen und höflichen Aufforderungen vorkommt): parli, prenda, dorma, finisca.
- noi: Die Form ist gleich dem Präsens mit noi: parliamo, prendiamo, dormiamo. Sie bedeutet „Lasst uns …“.
- voi: Auch diese Form ist gleich dem Präsens mit voi: parlate, prendete, dormite.
Für Deutschsprachige ist besonders tu parla! ungewohnt. Im Deutschen wird beim Imperativ häufig nur die Endung entfernt: „du sprichst“ → „sprich!“. Im Italienischen darf man dagegen nicht einfach immer die vertraute Präsensform übernehmen: Es heißt tu parli im Aussagesatz, aber parla! in der Aufforderung. Bei -ere und -ire sind Präsens und Imperativ hingegen oft gleich: tu prendi → prendi!, tu dormi → dormi!.
Welche Anrede passt?
| Angesprochene Person(en) | Form | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| eine vertraute Person | tu | Aspetta! | Warte! |
| eine höflich angesprochene Person | Lei | Aspetti! | Warten Sie! |
| die eigene Gruppe einschließlich Sprecher | noi | Aspettiamo! | Warten wir! |
| mehrere vertraut oder neutral Angesprochene | voi | Aspettate! | Wartet! / Warten Sie! |
Das deutsche „Sie“ kann Singular oder Plural sein. Italienisch unterscheidet stärker: Lei gilt für eine höflich angesprochene Einzelperson, voi ist die normale Pluralform. In einer Ansage an mehrere Menschen ist deshalb etwa Entrate, per favore üblich. Die besonders förmliche Pluralanrede Loro kommt heute nur noch selten vor und wird weiter unten behandelt.
Der verneinte Imperativ
Nur bei tu gibt es eine auffällige Sonderregel: Nach non steht der Infinitiv (die Grundform des Verbs, etwa parlare oder uscire).
| Person | Muster | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| tu | non + Infinitiv | Non parlare! | Sprich nicht! |
| Lei | non + Lei-Form | Non parli! | Sprechen Sie nicht! |
| noi | non + noi-Form | Non parliamo! | Reden wir nicht! |
| voi | non + voi-Form | Non parlate! | Redet nicht! / Sprechen Sie nicht! |
Auch unregelmäßige Verben folgen bei verneintem tu diesem einfachen Muster: Non andare via! („Geh nicht weg!“), Non fare rumore! („Mach keinen Lärm!“), Non essere impaziente! („Sei nicht ungeduldig!“).
Wichtige unregelmäßige Verben
Einige sehr häufige Imperative muss man als Formenfamilien lernen:
| Infinitiv | tu | Lei | noi | voi |
|---|---|---|---|---|
| essere | sii | sia | siamo | siate |
| avere | abbi | abbia | abbiamo | abbiate |
| andare | va’ / vai | vada | andiamo | andate |
| dare | da’ / dai | dia | diamo | date |
| dire | di’ | dica | diciamo | dite |
| fare | fa’ / fai | faccia | facciamo | fate |
| stare | sta’ / stai | stia | stiamo | state |
| sapere | sappi | sappia | sappiamo | sappiate |
| venire | vieni | venga | veniamo | venite |
Der Apostroph in va’, da’, fa’ und sta’ zeigt, dass eine Silbe weggefallen ist. Er ist kein Akzent. Die längeren Formen vai, dai, fai, stai sind ebenfalls gebräuchlich. Bei di’ verhindert der Apostroph außerdem die Verwechslung mit der Präposition di („von/aus“).
Pronomen anhängen oder voranstellen
Beim bejahten Imperativ mit tu, noi und voi hängt man unbetonte Pronomen an das Verb und schreibt alles als ein Wort:
- prendi + lo → prendilo! („Nimm es!“)
- aspetta + mi → aspettami! („Warte auf mich!“)
- alza + ti → alzati! („Steh auf!“)
- sedete + vi → sedetevi! („Setzt euch!“)
- andiamo + ci → andiamoci! („Gehen wir dorthin!“)
Ein direktes Objekt bezeichnet die Person oder Sache, auf die eine Handlung unmittelbar zielt: In Prendi il libro ist il libro das direkte Objekt. Ersetzt man es durch lo, entsteht Prendilo. Ein indirektes Objekt bezeichnet häufig den Empfänger, also „wem“ etwas gesagt oder gegeben wird: Dimmi la verità bedeutet wörtlich „Sag mir die Wahrheit“.
Bei der höflichen Lei-Form steht das Pronomen dagegen vor dem Verb: Mi dica, lo prenda, si accomodi. Das gilt auch in der Verneinung: Non si preoccupi („Machen Sie sich keine Sorgen“).
Beim verneinten tu sind zwei Positionen möglich. Das Pronomen kann vor dem Infinitiv stehen oder angehängt werden:
- Non lo toccare! = Non toccarlo! („Fass es nicht an!“)
- Non ti preoccupare! = Non preoccuparti! („Mach dir keine Sorgen!“)
Beide Varianten sind korrekt. Die angehängte Form ist besonders häufig und sollte als zusammengehörige Einheit geübt werden. Auch bei verneintem noi und voi begegnen beide Stellungen, etwa Non lo fate! und Non fatelo!.
Bei den kurzen Imperativen da’, di’, fa’, sta’ und va’ wird der erste Konsonant vieler angehängter Pronomen verdoppelt: dammi, dimmi, fallo, stammi vicino, vacci. Eine wichtige Form ohne Verdopplung ist dagli („gib ihm“).
Beispiele im Kontext
| Italienisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Ascolta! | Hör zu! | vertraute Anrede mit tu |
| Scusi, mi può aiutare? | Entschuldigen Sie, können Sie mir helfen? | höfliche Anrede; scusi ist eine feste Alltagsform |
| Non preoccuparti! | Mach dir keine Sorgen! | verneintes tu mit angehängtem Reflexivpronomen |
| Dimmi la verità. | Sag mir die Wahrheit. | di’ + mi wird zu dimmi |
| Chiudi la finestra, per favore. | Schließ bitte das Fenster. | höflich abgeschwächte Bitte unter Vertrauten |
| Prenda pure un biscotto. | Nehmen Sie ruhig einen Keks. | höfliche Lei-Form; pure wirkt einladend |
| Andiamo a casa. | Gehen wir nach Hause. | gemeinsamer Vorschlag mit noi |
| Ragazzi, venite qui un attimo. | Leute, kommt kurz her. | Aufforderung an mehrere Personen |
| Non usare il telefono durante la riunione. | Benutze während der Besprechung nicht das Handy. | non + Infinitiv bei tu |
| Non attraversate la strada! | Überquert die Straße nicht! | verneinter Imperativ mit voi |
| Mi dica il suo nome, per favore. | Sagen Sie mir bitte Ihren Namen. | Pronomen vor der höflichen Form |
| Provate questo ristorante: è ottimo. | Probiert dieses Restaurant: Es ist ausgezeichnet. | Empfehlung an mehrere Personen |
| Sii paziente ancora cinque minuti. | Hab noch fünf Minuten Geduld. | unregelmäßiger Imperativ von essere |
| Fallo subito, per favore. | Mach es bitte sofort. | fa’ + lo mit verdoppeltem l |
| Non lo dire a nessuno. | Sag es niemandem. | Pronomen vor dem Infinitiv; non dirlo wäre ebenfalls möglich |
Häufige Fehler
1. Bei Verben auf -are die Präsensform für tu verwenden
- Falsch: Parli più lentamente! (zu einem Freund)
- Richtig: Parla più lentamente!
- Warum: Parli ist hier die höfliche Lei-Form. Der vertraute Imperativ eines regelmäßigen Verbs auf -are endet auf -a.
2. Den verneinten tu-Imperativ wie einen bejahten bilden
- Falsch: Non parla così!
- Richtig: Non parlare così!
- Warum: In der Verneinung verlangt tu non + Infinitiv, unabhängig von der Verbgruppe.
3. Ein Pronomen nach der höflichen Form anhängen
- Falsch: Dicalo di nuovo, per favore.
- Richtig: Lo dica di nuovo, per favore.
- Warum: Bei höflichem Lei stehen unbetonte Pronomen vor dem Verb. Dillo wäre dagegen die korrekte vertraute Form.
4. Das deutsche „Sie“ immer mit Lei wiedergeben
- Falsch: Signore e signori, entri! (zu einer ganzen Gruppe)
- Richtig: Signore e signori, entrate!
- Warum: Höfliches Lei bezeichnet eine einzelne Person. Für mehrere Angesprochene verwendet man im heutigen Standarditalienisch normalerweise voi.
5. Jede Aufforderung ohne Rücksicht auf den Tonfall verwenden
- Unpassend: Dammi un caffè! (zu einer unbekannten Bedienung)
- Besser: Mi dà un caffè, per favore? oder Vorrei un caffè, per favore.
- Warum: Die Grammatik von dammi ist richtig, doch die Form kann in dieser Situation fordernd klingen. Wie im Deutschen sind eine Frage, der Konditional („würde“-Form) oder per favore oft angemessener.
6. Den Apostroph mit einem Akzent verwechseln
- Falsch: fà, dà als Imperativ
- Richtig: fa’, da’ oder die längeren Formen fai, dai
- Warum: In den kurzen Imperativen kennzeichnet der Apostroph die ausgelassene Silbe. Fa ohne Zeichen ist ebenfalls häufig zu sehen; in sorgfältiger Standardschreibung macht fa’ die Verkürzung deutlich.
Hinweise zum Gebrauch
Ein Imperativ kann freundlich, neutral oder schroff wirken. Entra! kann je nach Ton ein herzliches „Komm rein!“ oder ein knapper Befehl sein. Per favore („bitte“) macht Bitten ausdrücklich höflicher. Pure bedeutet in Aufforderungen oft „ruhig/nur“ und wirkt einladend: Si accomodi pure („Nehmen Sie ruhig Platz“). Auch un attimo oder un momento schwächt eine Aufforderung ab: Aspetta un attimo („Warte kurz“).
In Geschäften und Restaurants wählen italienische Sprecher häufig eine Frage oder den Konditional statt eines direkten Imperativs: Mi può aiutare? („Können Sie mir helfen?“), Potrebbe ripetere? („Könnten Sie das wiederholen?“), Vorrei pagare („Ich möchte bezahlen“). Das heißt nicht, dass der Imperativ unhöflich wäre. Bei Wegbeschreibungen, Erklärungen und Einladungen ist die höfliche Form ganz normal: Giri a sinistra, compili questo modulo, entri pure.
Die Wahl zwischen tu und Lei hängt von Alter, Beziehung, Region und Umfeld ab. Unter jungen Erwachsenen wird oft schnell tu angeboten oder selbstverständlich verwendet; in formellen Kontakten bleibt Lei sicherer. Das Verb zeigt die Anrede meist schon, sodass das eigentliche Pronomen gewöhnlich fehlt: Man sagt eher Entri! als Lei entri!. Ein ausdrücklich genanntes Lei kann einen Gegensatz hervorheben: Entri Lei, noi aspettiamo qui („Gehen Sie hinein; wir warten hier“).
Rezepte, Bedienungsanleitungen und öffentliche Hinweise verwenden je nach Stil unterschiedliche Formen. Ein Rezept kann Leser direkt mit voi ansprechen (Tagliate le verdure) oder den Infinitiv als unpersönliche Anweisung verwenden (Tagliare le verdure). Dieser sogenannte Anweisungsinfinitiv benennt die Handlung, ohne eine bestimmte Person anzureden. Er ist typisch für knappe schriftliche Schritte und Verbote wie Non fumare („Rauchen verboten“); nicht jedes non + Infinitiv ist daher automatisch eine persönliche tu-Aufforderung.
Für Fortgeschrittene
Mehrere Pronomen und kleine Formänderungen
Zwei Pronomen können gemeinsam an den bejahten Imperativ treten: Dammelo! („Gib es mir!“), Portaglieli! („Bring sie ihm!“), Spiegacelo! („Erklär es uns!“). Dabei verändern manche Pronomen ihre Form: mi, ti, ci, vi werden vor lo, la, li, le, ne zu me, te, ce, ve. Solche Verbindungen wirken zunächst lang, folgen aber denselben Regeln wie andere kombinierte Pronomen.
Bei reflexiven noi-Formen fällt das letzte -i von -iamo vor ci weg: alziamoci („stehen wir auf“), sediamoci („setzen wir uns“). Bei andare ist andiamocene! („gehen wir von hier weg“) eine sehr häufige Verbindung aus Verb, ci und ne; ci wird dabei vor ne zu ce: andiamocene.
Die seltene höfliche Pluralform Loro
Traditionell besitzt Italienisch auch einen höflichen Imperativ für mehrere Personen. Er steht in der dritten Person Plural des congiuntivo presente: Entrino, signore e signori; Pronomen stehen davor: Si accomodino. Diese Loro-Anrede klingt heute meist sehr förmlich, distanziert oder altmodisch. Im normalen Gespräch und bei modernen Durchsagen verwendet man fast immer voi: Entrate, accomodatevi. Die Loro-Form sollte man vor allem erkennen können.
Imperativformen als feste Gesprächssignale
Einige Formen haben Bedeutungen entwickelt, die über einen wörtlichen Befehl hinausgehen:
- Senti, … oder höflich Senta, … leitet eine Frage oder einen Einwand ein, ähnlich wie „Hör mal …“ beziehungsweise „Entschuldigen Sie …“.
- Guarda, … bedeutet im Gespräch oft „Also, pass auf …“ und fordert nicht unbedingt zum Hinsehen auf.
- Dai! kann „Komm schon!“, „Los!“ oder erstaunt „Ach was!“ bedeuten.
- Figurati! beziehungsweise höflich Si figuri! reagiert auf Dank oder Entschuldigung: „Keine Ursache!“ / „Aber nicht doch!“
- Prego, entri oder venga pure verbindet eine höfliche Einladung mit dem Imperativ.
Solche Wendungen versteht man am besten aus Situation und Tonfall. Ihre grammatische Form bleibt ein Imperativ, ihre Gesprächsfunktion ist jedoch oft Ermunterung, Themenwechsel oder höfliche Reaktion.
Aufforderungen über eine dritte Person
Für Wünsche oder Aufforderungen an eine nicht direkt angesprochene dritte Person verwendet Italienisch den congiuntivo: Che venga domani („Er/Sie soll morgen kommen“), Che aspettino fuori („Sie sollen draußen warten“). Das ist keine zusätzliche alltägliche Imperativperson, erfüllt aber eine ähnliche Funktion. In gehobener oder älterer Sprache kann viva in Ausrufen stehen: Viva l’Italia! („Es lebe Italien!“).
Übungstipps
- Bilde Viererreihen. Nimm täglich fünf Verben und sprich die Formen für tu, Lei, noi, voi: aspetta – aspetti – aspettiamo – aspettate. Ergänze danach die verneinte tu-Form: non aspettare. So wird die entscheidende Sonderregel automatisch.
- Verknüpfe Verb und Pronomen als Klangpaket. Übe nicht nur dire, sondern gleich dimmi, dillo, non dirlo, mi dica. Bei reflexiven Verben eignen sich Reihen wie alzati, si alzi, alziamoci, alzatevi.
- Spiele Alltagssituationen durch. Formuliere dieselbe Bitte zuerst an einen Freund und dann an eine unbekannte Person: Aspetta qui – Aspetti qui, per favore; Dimmi il tuo nome – Mi dica il suo nome. Achte dabei nicht nur auf die Endung, sondern auch auf angemessene Höflichkeit.
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