B1

Indirekte Rede mit Konjunktiv I im Deutschen

Indirekte Rede (Konjunktiv I)

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Mit dem Konjunktiv I gibt man wieder, was eine andere Person gesagt, geschrieben oder gedacht hat, ohne ihre Aussage als eigene Behauptung zu formulieren: Er sagt, er sei krank. Besonders häufig ist diese Form in Nachrichten, Berichten und anderen sachlich-formellen Texten. Am wichtigsten sind zunächst die Formen sei, habe, werde und regelmäßige Formen wie komme.

Überblick

Die indirekte Rede gibt eine Äußerung sinngemäß wieder. Statt die ursprünglichen Worte als direktes Zitat in Anführungszeichen zu setzen — Er sagt: „Ich bin krank.“ — baut man sie in den eigenen Satz ein: Er sagt, er sei krank. Der Konjunktiv ist eine Verbform, mit der eine Aussage nicht einfach als Tatsache dargestellt wird. Beim Konjunktiv I zeigt er vor allem: „Das ist die Aussage einer anderen Person.“

Dieses Thema gehört zum Niveau B1. Es ist besonders wichtig, wenn man Zeitungsartikel, Nachrichtensendungen, Protokolle oder wissenschaftliche Texte verstehen möchte. Im spontanen Gespräch hört man dagegen oft den Indikativ, also die normale Wirklichkeitsform: Er sagt, dass er krank ist. Beide Varianten können grammatisch richtig sein, sie unterscheiden sich aber in Register und Wirkung.

Der Konjunktiv I bedeutet nicht automatisch, dass der Berichtende die Aussage bezweifelt. Er schafft zunächst sprachliche Distanz und macht die Quelle sichtbar. Ob Zweifel besteht, ergibt sich meist aus dem Kontext und aus Verben wie behaupten, bestreiten oder angeblich erklären.

Wie es funktioniert

Von der direkten zur indirekten Rede

Bei der Umformung ändern sich nicht nur die Verbformen. Häufig müssen auch Pronomen (Fürwörter wie ich, sie oder mein), Ortsangaben und Zeitangaben an die neue Sprechsituation angepasst werden.

Direkte Rede Indirekte Rede Was sich ändert
Lea sagt: „Ich bin müde.“ Lea sagt, sie sei müde. ich wird zu sie; bin wird zu sei
Amir sagt: „Ich habe heute keine Zeit.“ Amir sagt, er habe heute keine Zeit. ich wird zu er; habe bleibt formal gleich, hat aber eine andere Person
Die Sprecherin sagt: „Wir kommen morgen.“ Die Sprecherin sagt, sie kämen am nächsten Tag. Pronomen, Verbform und Zeitangabe werden angepasst

Die Person, aus deren Sicht berichtet wird, bestimmt die Pronomen: Aus mein kann zum Beispiel sein oder ihr werden. Wörter wie hier, heute und morgen müssen nur geändert werden, wenn Ort oder Zeitpunkt des Berichts nicht mehr dieselben sind. Es gibt dafür keinen rein mechanischen Austausch.

Bildung des Konjunktiv I

Bei den meisten Verben nimmt man den Verbstamm und fügt die Endungen -e, -est, -e, -en, -et, -en an. Der Verbstamm von kommen ist komm-.

Person kommen im Konjunktiv I Beispiel
ich komme ich komme
du kommest du kommest
er/sie/es komme er komme
wir kommen wir kommen
ihr kommet ihr kommet
sie/Sie kommen sie kommen

In der indirekten Rede ist die dritte Person besonders häufig, weil meist über eine andere Person oder Gruppe berichtet wird. Gerade im Singular ist die Form leicht zu erkennen: er komme, sie wohne, es funktioniere.

Die wichtigen Verben sein, haben und werden

Diese drei Verben braucht man sowohl selbstständig als auch zur Bildung zusammengesetzter Zeiten.

Person sein haben werden
ich sei habe werde
du seiest habest werdest
er/sie/es sei habe werde
wir seien haben werden
ihr seiet habet werdet
sie/Sie seien haben werden

Die Formen sei und seien sind besonders eindeutig. Bei haben und werden sehen einige Formen genauso aus wie der Indikativ. Was dann geschieht, wird weiter unten bei den Ersatzformen erklärt.

Zwei mögliche Satzmuster

Indirekte Rede kann ohne oder mit dass stehen.

  1. Ohne dass: Das konjugierte Verb steht wie in einem Hauptsatz an zweiter Stelle: Die Ärztin sagt, der Patient sei stabil.
  2. Mit dass: Das konjugierte Verb steht am Ende des Nebensatzes: Die Ärztin sagt, dass der Patient stabil sei.

Der Konjunktiv I ist also nicht an dass gebunden. In journalistischen Texten ist die Variante ohne dass sehr verbreitet. Nach einem dass-Satz kann im Alltag auch der Indikativ stehen: Sie sagt, dass sie keine Zeit hat.

Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit und Nachzeitigkeit

Die Zeitform richtet sich danach, wann das berichtete Geschehen im Verhältnis zur ursprünglichen Äußerung stattfindet. Das Partizip II ist dabei die Form aus dem Perfekt, etwa gemacht, gesehen oder gegangen.

Zeitverhältnis Form Direkte Aussage Indirekte Rede
gleichzeitig Konjunktiv I Präsens „Ich bin krank.“ Er sagt, er sei krank.
vorher Konjunktiv I Perfekt „Ich habe den Brief geschrieben.“ Er sagt, er habe den Brief geschrieben.
vorher, mit sein Konjunktiv I Perfekt „Ich bin früh gegangen.“ Er sagt, er sei früh gegangen.
später Konjunktiv I Futur I „Ich werde anrufen.“ Er sagt, er werde anrufen.

Anders als in manchen Sprachen gibt es im Deutschen keine automatische Verschiebung in die Vergangenheit, nur weil das einleitende Verb im Präteritum steht: Er sagte, er sei krank ist korrekt. Entscheidend ist das Zeitverhältnis, nicht einfach die Form von sagte.

Für Zukünftiges genügt oft das Präsens mit einer Zeitangabe: Er sagt, er komme morgen. Die Form er werde morgen kommen hebt die Zukunft deutlicher hervor.

Indirekte Fragen

Eine Ja-Nein-Frage wird mit ob eingeleitet. Bei einer Frage mit Fragewort bleibt dieses Fragewort erhalten. In beiden Fällen steht das Verb am Ende des Nebensatzes; die Wortstellung einer direkten Frage wird nicht übernommen.

Das Subjekt (wer oder was handelt) steht dabei nicht hinter dem Verb wie in der direkten Frage:

  • „Kommt Nina mit?“ → Er fragt, ob Nina mitkomme.
  • „Wann beginnt die Sitzung?“ → Sie möchte wissen, wann die Sitzung beginne.
  • „Warum ist der Zug verspätet?“ → Der Reporter fragt, warum der Zug verspätet sei.

Beispiele im Kontext

Die folgende Tabelle zeigt typische Situationen. Die mittlere Spalte rekonstruiert jeweils die zugrunde liegende direkte Aussage; sie muss nicht wörtlich so gefallen sein.

Indirekte Rede Zugrunde liegende direkte Aussage Hinweis
Er sagt, er sei krank. „Ich bin krank.“ sein im Konjunktiv I
Sie meint, sie habe keine Zeit. „Ich habe keine Zeit.“ haben im Konjunktiv I
Er behauptet, er komme morgen. „Ich komme morgen.“ regelmäßige Form auf -e
Die Ministerin erklärt, die Lage sei unter Kontrolle. „Die Lage ist unter Kontrolle.“ sachlich-formeller Bericht
Der Zeuge sagt, er habe nichts gesehen. „Ich habe nichts gesehen.“ Vorzeitigkeit: Konjunktiv I Perfekt
Mara berichtet, sie sei schon am Montag abgereist. „Ich bin schon am Montag abgereist.“ Perfekt mit sein
Der Techniker versichert, das Gerät funktioniere wieder. „Das Gerät funktioniert wieder.“ Stamm plus -e
Die Firma teilt mit, sie werde die Kosten erstatten. „Wir werden die Kosten erstatten.“ Nachzeitigkeit mit werde
Paul sagt, er könne heute länger bleiben. „Ich kann heute länger bleiben.“ Modalverb können
Die Ärztin erklärt, man müsse die Ergebnisse abwarten. „Man muss die Ergebnisse abwarten.“ Modalverb müssen
Die Journalistin fragt, ob der Termin feststehe. „Steht der Termin fest?“ indirekte Ja-Nein-Frage
Der Kunde möchte wissen, wann die Lieferung eintreffe. „Wann trifft die Lieferung ein?“ indirekte Frage mit Fragewort
Im Bericht heißt es, mehrere Straßen seien gesperrt. „Mehrere Straßen sind gesperrt.“ Plural von sein
Die Forschenden erklären, sie hätten keine Abweichung festgestellt. „Wir haben keine Abweichung festgestellt.“ Konjunktiv II als Ersatzform

Häufige Fehler

Den Indikativ als Konjunktiv I ausgeben

  • Falsch: Er sagt, er ist krank. — wenn ausdrücklich formelle indirekte Rede geübt wird
  • Richtig: Er sagt, er sei krank.
  • Warum: ist ist Indikativ. Im Alltag ist der erste Satz möglich, aber er zeigt die berichtende Distanz nicht so deutlich wie sei.

Nach dass die Verbposition vergessen

  • Falsch: Sie erklärt, dass sie habe keine Zeit.
  • Richtig: Sie erklärt, dass sie keine Zeit habe.
  • Warum: dass leitet einen Nebensatz ein; das konjugierte Verb steht deshalb am Ende.

Die Wortstellung einer direkten Frage beibehalten

  • Falsch: Er fragt, wann beginnt der Kurs.
  • Richtig: Er fragt, wann der Kurs beginne.
  • Warum: Eine indirekte Frage ist ein Nebensatz. Das Subjekt steht vor dem Verb, und das konjugierte Verb steht am Ende.

Pronomen nicht anpassen

  • Falsch: Laura sagt: „Mein Zug ist spät.“ → Laura sagt, mein Zug sei spät.
  • Richtig: Laura sagt, ihr Zug sei spät.
  • Warum: In der berichtenden Situation gehört der Zug Laura. Daher wird mein aus ihrer Aussage zu ihr.

Jede frühere Aussage ins Präteritum setzen

  • Falsch: Er sagte, er war krank. — als formelle indirekte Rede
  • Richtig: Er sagte, er sei krank.
  • Warum: Das vergangene sagte erzwingt im Deutschen keine Vergangenheitsform im berichteten Satz. War die Krankheit schon vor der Aussage abgeschlossen, heißt es zum Beispiel: Er sagte, er sei krank gewesen.

Konjunktiv I und Konjunktiv II wahllos mischen

  • Ungünstig: Sie sagt, sie wäre müde, wenn die eindeutige Form sei gemeint ist
  • Neutral-formell: Sie sagt, sie sei müde.
  • Warum: wäre ist Konjunktiv II und kann stärker nach Zweifel, Irrealität oder umgangssprachlicher Ersatzform klingen. Wo der Konjunktiv I eindeutig ist, ist er für die neutrale formelle Wiedergabe meist die klarste Wahl.

Verwendungshinweise

Der Konjunktiv I ist vor allem eine Form der geschriebenen Standardsprache. Nachrichten verwenden ihn, damit klar bleibt, welche Information von einer Quelle stammt: Nach Angaben der Polizei habe niemand das Gebäude betreten. Auch Protokolle, wissenschaftliche Arbeiten und formelle Berichte greifen häufig darauf zurück.

Im Gespräch sind dass plus Indikativ und der Konjunktiv II sehr verbreitet: Er hat gesagt, dass er später kommt oder Er hat gesagt, er würde später kommen. Das macht den Konjunktiv I nicht veraltet. Einige Formen wie sei, habe und werde sind auch mündlich gut verständlich, wirken dort aber oft bewusst sachlich oder berichtend.

Das einleitende Verb beeinflusst die Wirkung. Sagen, erklären, berichten und mitteilen sind relativ neutral. Behaupten kann Distanz oder Zweifel andeuten; zugeben stellt die Äußerung als Eingeständnis dar. Der Konjunktiv I selbst bewertet den Wahrheitsgehalt jedoch nicht zuverlässig.

Eine längere Passage muss nicht in jedem Satz erneut mit er sagte beginnen. Wenn die Quelle eindeutig bleibt, kann der Konjunktiv I den Bericht über mehrere Sätze tragen: Die Sprecherin erklärte, die Verhandlungen seien schwierig. Eine Einigung sei dennoch möglich. Man werde am nächsten Tag weiterreden.

Über die Grundlagen hinaus

Ersatzformen bei mehrdeutigen Formen

Viele Formen des Konjunktiv I sehen genauso aus wie der Indikativ: wir kommen und sie kommen können beides sein. In formeller indirekter Rede verwendet man dann häufig den Konjunktiv II als Ersatzform, sofern er eindeutig ist:

  • direkte Aussage: „Wir kommen später.“
  • formal mehrdeutiger Konjunktiv I: Sie sagen, sie kommen später.
  • eindeutige Ersatzform: Sie sagen, sie kämen später.

Bei haben wird aus dem mehrdeutigen sie haben häufig sie hätten; bei Modalverben etwa sie könnensie könnten. Deshalb steht im Beispielsatz Die Forschenden erklären, sie hätten keine Abweichung festgestellt. Die Form hätten drückt hier nicht zwingend Irrealität aus, sondern ersetzt den nicht erkennbaren Konjunktiv I haben.

In der tatsächlichen Sprachpraxis ist die Grenze nicht immer streng. Ein Indikativ kann bewusst gewählt werden, wenn die schreibende Person die Aussage als Tatsache übernimmt. Eine würde-Form kann umgangssprachlich sein oder zusätzliche Distanz ausdrücken: Er sagte, er würde später kommen. Für einen klaren formellen Bericht gilt als nützliche Reihenfolge: zuerst eindeutiger Konjunktiv I, bei Formgleichheit eindeutiger Konjunktiv II, danach nur bei Bedarf eine würde-Form.

Aufforderungen und Wünsche wiedergeben

Eine Aufforderung hat keinen einfachen Konjunktiv-I-Imperativ in der indirekten Rede. Häufig verwendet man sollen:

  • Die Ärztin sagte: „Bleiben Sie zu Hause.“Die Ärztin sagte, er solle zu Hause bleiben.
  • Der Chef sagte: „Rufen Sie mich an.“Der Chef sagte, sie solle ihn anrufen.

In gehobener oder amtlicher Sprache kann möge einen Wunsch oder eine Aufforderung wiedergeben: Die Vorsitzende bat darum, man möge die Unterlagen prüfen. Solche vollständigen Verwendungsweisen und seltenere Personenformen gehören zum weiterführenden Konjunktiv-I-System.

Passiv und unpersönliche Wendungen

In formellen Texten erscheint der Konjunktiv I oft zusammen mit dem Passiv: Es werde geprüft, ob die Vorschriften eingehalten worden seien. Solche Sätze bündeln mehrere fortgeschrittene Strukturen. Zum Verständnis hilft es, zuerst die Quelle, dann das Zeitverhältnis und schließlich die Verbgruppe am Satzende zu bestimmen.

Übungstipps

  1. Forme kurze Zitate in drei Schritten um. Markiere zuerst Sprecher und Pronomen, wähle dann das Zeitverhältnis und setze zuletzt das Verb in den Konjunktiv I: „Ich bin angekommen“Sie sagtsie sei angekommen.
  2. Sammle eindeutige Signalformen. Suche in Nachrichten nach sei, seien, habe, werde, könne und müsse. Notiere zu jedem Fund die vermutlich zugrunde liegende direkte Aussage.
  3. Übe Kontraste. Schreibe denselben Inhalt als direktes Zitat, als alltäglichen dass-Satz und als formelle indirekte Rede. So wird der Unterschied zwischen „Ich komme“, er sagt, dass er kommt und er sagt, er komme hör- und sichtbar.

Verwandte Konzepte

  • Voraussetzung: Konjunktiv II: wäre, hätte — hilft dabei, Irrealität von berichtender Distanz zu unterscheiden und Ersatzformen zu erkennen.
  • Nächster Schritt: Konjunktiv I (vollständig) — vertieft alle Personenformen, Ersatzformen und weitere formelle Verwendungsweisen.

Voraussetzung

Konjunktiv II mit wäre und hätte im DeutschenB1

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