A1

Possessivartikel im Deutschen

Possessivartikel

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Possessivartikel stehen vor einem Substantiv und zeigen meist Zugehörigkeit oder eine persönliche Beziehung: mein Buch, deine Schwester, unser Termin. Der Wortstamm richtet sich nach der Person, zu der etwas gehört; die Endung richtet sich nach Genus (grammatischem Geschlecht), Numerus (Einzahl oder Mehrzahl) und Kasus (der Aufgabe des Nomens im Satz).

Überblick

Mit Possessivartikeln kann man ausdrücken, wem etwas gehört oder zu wem jemand beziehungsweise etwas gehört: mein Schlüssel, ihre Eltern, euer Kurs. Der Ausdruck „Besitz“ ist dabei weit zu verstehen. In meine Mutter, unser Problem oder seine Idee geht es nicht um Eigentum, sondern um eine Beziehung, Zuordnung oder Urheberschaft.

Possessivartikel gehören zum Grundwissen auf Niveau A1, weil sie in Vorstellungen, Familiengesprächen und Alltagssituationen ständig vorkommen. Sie stehen wie ein Artikel direkt vor einem Substantiv (einem Wort für Personen, Dinge oder Begriffe): mein Freund, eine Freundin, das Wetter. In manchen Grammatiken heißen sie auch „Possessivbegleiter“ oder werden zusammen mit den Possessivpronomen behandelt. In diesem Artikel bezeichnet Possessivartikel die Formen vor einem Substantiv.

Die wichtigste Denkregel lautet: Zwei Informationen bestimmen die Form. Zuerst wählt man den passenden Stamm — etwa mein- für ich oder unser- für wir. Danach ergänzt man die Endung, die zum folgenden Substantiv und zu dessen Funktion im Satz passt. Das System ähnelt den Formen von ein/eine und ist deshalb leichter, wenn der, die, das und die grundlegenden Fälle schon bekannt sind.

Wie es funktioniert

Schritt 1: den Stamm nach der Bezugsperson wählen

Die Bezugsperson ist die Person, zu der etwas gehört. Sie bestimmt den Stamm des Possessivartikels.

Bezugsperson Possessivartikel Einfaches Beispiel
ich mein- mein Name
du dein- dein Name
er sein- sein Name
sie (eine Person) ihr- ihr Name
es sein- sein Ende
wir unser- unser Name
ihr euer- euer Name
sie (mehrere Personen) ihr- ihr Name
Sie (höfliche Anrede) Ihr- Ihr Name

Bei er, sie und es ist das grammatische Geschlecht der Bezugsperson entscheidend:

  • Paul sucht seinen Schlüssel. Der Schlüssel gehört Paul, deshalb steht sein-.
  • Mira sucht ihren Schlüssel. Der Schlüssel gehört Mira, deshalb steht ihr-.
  • Das Kind sucht seinen Schlüssel. Das Bezugswort Kind ist grammatisch sächlich, deshalb steht sein-.

Der Gegenstand selbst bestimmt nicht den Stamm. Sowohl Pauls Tasche als auch Pauls Rucksack werden mit sein- bezeichnet: seine Tasche, sein Rucksack.

Schritt 2: die Endung nach dem folgenden Substantiv wählen

Die Endung richtet sich nach Genus, Zahl und Fall des Substantivs. Possessivartikel werden im Wesentlichen wie der unbestimmte Artikel ein/eine dekliniert. Deklination bedeutet hier: Ein Wort verändert seine Endung passend zu seiner Aufgabe im Satz.

Für den Einstieg reichen oft Nominativ und Akkusativ:

Fall und Funktion Maskulin Feminin Neutrum Plural
Nominativ: meist Satzgegenstand mein Vater meine Mutter mein Kind meine Eltern
Akkusativ: meist direkt betroffenes Objekt meinen Vater meine Mutter mein Kind meine Eltern

Im Nominativ steht häufig das Subjekt (wer oder was etwas tut): Mein Bruder kocht. Im Akkusativ steht häufig das direkte Objekt (wen oder was eine Handlung betrifft): Ich besuche meinen Bruder. Nur beim Maskulinum ist der Unterschied hier sichtbar: mein Bruder wird zu meinen Bruder.

Dasselbe Muster gilt für alle Stämme:

  • dein Vater, deine Mutter, dein Kind, deine Freunde
  • unser Vater, unsere Mutter, unser Kind, unsere Freunde
  • ihr Vater, ihre Mutter, ihr Kind, ihre Freunde

Die vollständige Deklination

Die folgende Tabelle verwendet mein-. Jeder andere Possessivstamm erhält dieselben Endungen.

Kasus Maskulin Feminin Neutrum Plural
Nominativ mein Bruder meine Schwester mein Buch meine Bücher
Akkusativ meinen Bruder meine Schwester mein Buch meine Bücher
Dativ meinem Bruder meiner Schwester meinem Buch meinen Büchern
Genitiv meines Bruders meiner Schwester meines Buches meiner Bücher

Der Dativ bezeichnet unter anderem eine empfangende oder beteiligte Person und steht nach bestimmten Verben und Präpositionen: Ich helfe meinem Bruder; mit meiner Schwester. Der Genitiv kennzeichnet häufig Zugehörigkeit und kommt eher in schriftlicher oder formeller Sprache vor: die Farbe meines Autos.

Als Merkhilfe kann man die Endungen ohne Substantive lernen:

Kasus Maskulin Feminin Neutrum Plural
Nominativ -e -e
Akkusativ -en -e -e
Dativ -em -er -em -en
Genitiv -es -er -es -er

Ein Gedankenstrich bedeutet: Der Possessivartikel hat keine zusätzliche Endung. Das Substantiv selbst kann trotzdem eine Kasusendung erhalten, besonders im Dativ Plural (meinen Freunden) und im Genitiv Singular (meines Bruders).

Die besondere Form euer-

Bei euer- fällt in den meisten Formen das zweite e weg, sobald eine Endung folgt:

Ohne Endung Mit Endung
euer Vater eure Mutter
euer Kind eure Freunde
euren Vater
eurem Kind
eurer Lehrerin

Die üblichen Standardformen sind also euer, aber eure, euren, eurem, eurer, eures. Die längeren Varianten wie euere kommen vor, sind jedoch deutlich weniger üblich.

Ihr oder ihr?

Die Großschreibung verändert die Bedeutung:

  • ihr kann „zu ihr gehörend“ oder „zu ihnen gehörend“ bedeuten: Das ist ihr Büro.
  • Ihr gehört zur höflichen Anrede Sie: Ist das Ihr Büro, Frau Klein?

Am Satzanfang hilft die Großschreibung allein nicht, weil dort jedes Wort groß beginnt. Dann zeigt nur der Zusammenhang, welche Bedeutung gemeint ist.

Beispiele im Kontext

Deutsch Bedeutung Hinweis
Das ist mein Buch. Das Buch gehört mir. mein- zu ich; Neutrum im Nominativ
Wo ist deine Tasche? Gesucht wird die Tasche der angesprochenen Person. Feminin im Nominativ
Seine Mutter ist Ärztin. Die Mutter eines Mannes oder Jungen ist Ärztin. sein- bezieht sich auf er
Unser Zug fährt um acht Uhr. Der Zug, den wir nehmen, fährt um acht Uhr. Maskulin im Nominativ
Habt ihr eure Tickets dabei? Gefragt wird nach den Tickets von mehreren angesprochenen Personen. Plural im Akkusativ
Ich suche meinen Schlüssel. Der Schlüssel gehört mir und wird gesucht. Maskulin im Akkusativ: -en
Lea besucht ihre Großeltern am Wochenende. Lea besucht die Großeltern, die zu ihrer Familie gehören. ihr- bezieht sich auf Lea; Plural
Das Kind räumt sein Zimmer auf. Das Zimmer gehört zum Kind. Kind ist grammatisch sächlich
Wir sprechen mit unserer Lehrerin. Die Lehrerin unserer Gruppe ist Gesprächspartnerin. Feminin im Dativ nach mit
Kann ich dein Fahrrad benutzen? Gefragt wird nach dem Fahrrad der angesprochenen Person. Neutrum im Akkusativ ohne Endung
Frau Yılmaz, ist das Ihr Mantel? Die höflich angesprochene Frau wird nach ihrem Mantel gefragt. Höfliches Ihr- wird großgeschrieben
Wegen seines Termins kommt Jonas später. Jonas kommt aufgrund seines Termins später. Maskulin im Genitiv nach wegen
Die Kinder spielen mit ihren Freunden. Die Freunde der Kinder spielen mit ihnen. ihr- für mehrere Bezugspersonen; Dativ Plural
Ist das Annas Handy? – Nein, ihr Handy liegt hier. Das hier liegende Handy gehört Anna. ihr- ersetzt den Namen als Bezug

Häufige Fehler

Stamm und Endung nach derselben Person wählen

  • Falsch: Mara sucht seinen Schlüssel.
  • Richtig: Mara sucht ihren Schlüssel.
  • Warum: Der Stamm bezeichnet die Besitzerin Mara und lautet deshalb ihr-. Die Endung -en kommt dagegen vom maskulinen Akkusativ den Schlüssel.

Die feminine Endung auf ein neutrales Wort übertragen

  • Falsch: Das ist meine Buch.
  • Richtig: Das ist mein Buch.
  • Warum: Buch ist sächlich: das Buch. Im Nominativ hat der Possessivartikel vor einem neutralen Substantiv keine Endung.

Den maskulinen Akkusativ ohne -en bilden

  • Falsch: Ich sehe dein Bruder.
  • Richtig: Ich sehe deinen Bruder.
  • Warum: Bruder ist das direkte Objekt und steht im Akkusativ. Bei einem maskulinen Substantiv erhält der Possessivartikel die Endung -en.

Bei euer die Endung vergessen

  • Falsch: Ist das euer Wohnung?
  • Richtig: Ist das eure Wohnung?
  • Warum: Vor dem femininen Substantiv Wohnung braucht der Possessivartikel die Endung -e. Dabei fällt in der üblichen Form das zweite e von euer- weg: eure. Die längere Form euere ist ebenfalls möglich, aber seltener.

Höfliches Ihr kleinschreiben

  • Falsch: Herr Weber, ist das ihr Pass?
  • Richtig: Herr Weber, ist das Ihr Pass?
  • Warum: Der Possessivartikel zur höflichen Anrede Sie wird großgeschrieben. Kleines ihr würde normalerweise auf eine Frau oder auf mehrere andere Personen verweisen.

Im Plural keine Endung setzen

  • Falsch: Das sind mein Freunde.
  • Richtig: Das sind meine Freunde.
  • Warum: Possessivartikel haben Pluralformen. Im Nominativ und Akkusativ Plural steht -e; im Dativ Plural steht -en: mit meinen Freunden.

Gebrauchshinweise

Zugehörigkeit ist mehr als Eigentum

Nicht jede Verbindung mit einem Possessivartikel ist echter Besitz. Häufig geht es um Familie (meine Tochter), soziale Beziehungen (sein Kollege), Verantwortung (unser Projekt), Körperteile (ihre Hand) oder Erfahrungen (deine Reise). Die genaue Beziehung ergibt sich aus dem Substantiv und dem Zusammenhang.

sein und ihr brauchen einen klaren Bezug

Ein Satz wie Paul spricht mit Max über seine Wohnung kann ohne weiteren Kontext mehrdeutig sein: Ist Pauls oder Max’ Wohnung gemeint? Grammatisch ist beides möglich, weil beide Personen maskulin sind. In einem solchen Fall schafft ein Name oder eine andere Formulierung Klarheit: Paul spricht mit Max über Pauls Wohnung oder … über die Wohnung von Max.

ihr kann sogar drei Funktionen haben: Bezug auf eine einzelne weibliche Person, Bezug auf mehrere Personen oder — als Ihr — höfliche Anrede. Im Gespräch klärt meist die Situation die Bedeutung.

Possessivartikel werden oft nicht wiederholt

Bei eng verbundenen Substantiven kann ein Possessivartikel für mehrere Wörter gelten: Ich habe meinen Pass und Führerschein dabei. Sind die Beziehungen verschieden oder soll jedes Wort besonders klar markiert werden, ist eine Wiederholung sinnvoll: Sie brachte ihren Laptop und ihre Unterlagen mit. Die Wiederholung ist nie grundsätzlich falsch; sie kann den Satz deutlicher machen.

Gesprochenes und geschriebenes Deutsch

Im informellen Gespräch hört man manchmal verkürzte Formen wie mein’ Bruder oder meine Eltern ihr Haus. Solche Formen gehören nicht zur neutralen Standardsprache. Für Prüfungen und formelle Texte sind mein Bruder beziehungsweise das Haus meiner Eltern oder meiner Eltern Haus die sicheren Formen.

Über A1 hinaus: weitere Verwendungen

Die folgenden Einzelheiten müssen am Anfang noch nicht aktiv beherrscht werden. Sie erklären aber Formen, die in längeren Texten und natürlichen Gesprächen häufig vorkommen.

Possessivartikel und Possessivpronomen

Ein Possessivartikel begleitet ein Substantiv: Das ist mein Buch. Ein Possessivpronomen steht dagegen allein und ersetzt das Substantiv: Das Buch ist meins. Die Formen sind nicht immer gleich.

Mit Substantiv: Possessivartikel Ohne Substantiv: Possessivpronomen
Ist das dein Stift? Ja, das ist meiner.
Ist das deine Jacke? Ja, das ist meine.
Ist das dein Handy? Ja, das ist meins.
Sind das deine Schlüssel? Ja, das sind meine.

Daneben gibt es die Konstruktion Das Buch ist mein. Sie ist möglich, wirkt heute aber oft gehoben oder regional; im neutralen Alltag ist Das Buch ist meins üblich.

Körperteile: oft Dativpronomen statt Possessivartikel

Wenn die betroffene Person bereits durch ein Reflexivpronomen genannt wird, verwendet das Deutsche bei Körperteilen und Kleidungsstücken häufig den bestimmten Artikel:

  • Ich wasche mir die Hände statt Ich wasche meine Hände.
  • Er putzt sich die Zähne statt Er putzt seine Zähne.
  • Sie zieht sich die Jacke an.

Die Varianten mit Possessivartikel sind grammatisch möglich, heben den Besitz aber stärker hervor oder stehen in einem anderen Zusammenhang: Der Arzt untersucht meine Hände.

Der Genitiv und alternative Formulierungen

Possessivartikel können auch im Genitiv stehen: die Reparatur meines Fahrrads, die Meinung ihrer Kollegin. In gesprochener Sprache sind je nach Ausdruck auch Konstruktionen mit von üblich: die Meinung von ihrer Kollegin. In sorgfältigen Texten ist der Genitiv oft knapper und stilistisch passender.

Bei Namen ohne Artikel steht im Deutschen häufig ein vorangestellter Genitiv: Annas Fahrrad, Herrn Müllers Büro. Ein Apostroph steht normalerweise nur dann, wenn der Name bereits auf einen s-Laut endet: Max’ Fahrrad.

Geschlecht der Bezugsperson und inklusive Formulierungen

Die Wahl zwischen sein- und ihr- verlangt in der dritten Person eine grammatische Zuordnung. Ist die Person unbekannt oder soll kein Geschlecht genannt werden, kann man den Satz oft umformulieren: statt Jeder Teilnehmer bringt seinen Pass mit etwa Alle Teilnehmenden bringen ihre Pässe mit oder Bitte bringen Sie Ihren Pass mit. Welche Form am besten passt, hängt von Textsorte, Zielgruppe und gewünschtem Stil ab.

Übungstipps

  1. In zwei Schritten entscheiden: Frage bei jedem Satz zuerst „Zu wem gehört es?“ und wähle den Stamm. Frage danach „Welches Genus und welcher Fall?“ und setze erst dann die Endung. So werden Stamm und Endung nicht verwechselt.
  2. Mit Artikelpaaren üben: Bilde Reihen wie der Bruder – mein Bruder – ich sehe meinen Bruder und die Schwester – meine Schwester – mit meiner Schwester. Der bestimmte Artikel macht Genus und Kasus sichtbar.
  3. Den eigenen Alltag beschreiben: Schreibe zehn kurze Sätze über Familie, Wohnung, Arbeit oder Termine. Verwende dabei bewusst mein-, dein-, unser- und euer- sowie mindestens einen Akkusativ und einen Dativ.

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