A2

Der Imperativ im Türkischen

Emir Kipi

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Kurz gesagt

Für einen direkten Befehl an eine vertraute Person verwendet man im Türkischen meist einfach den Verbstamm: gel! „komm!“. Bei mehreren Personen oder einer höflich angesprochenen Person kommt -(y)in/-(y)ın/-(y)un/-(y)ün hinzu: gelin!, oturun!. Die Verneinung wird mit -me/-ma gebildet: gelme! „komm nicht!“.

Überblick

Der türkische Imperativ heißt emir kipi. Ein Imperativ ist eine Verbform, mit der man jemanden zu einer Handlung auffordert: als Befehl, Bitte, Einladung, Warnung oder Anleitung. Auf dem Niveau A2 sind vor allem drei Muster wichtig: der bloße Verbstamm für ein vertrautes „du“, die Endung -(y)İn für „ihr“ oder das höfliche „Sie“ und -sİn für Aufforderungen an eine dritte Person. Das große İ steht hier als Kurzschreibweise für einen Vokal, der sich nach der Vokalharmonie als i, ı, u oder ü zeigt.

Der Imperativ begegnet einem ständig: in Gesprächen, Rezepten, Wegbeschreibungen, Bedienungsanleitungen und auf Schildern. Dabei ist nicht jede Imperativform schroff. Buyurun kann eine freundliche Einladung sein, Lütfen bekleyin eine höfliche Bitte und Dikkatli olun ein gut gemeinter Hinweis.

Für Deutschsprachige sind zwei Unterschiede besonders wichtig. Erstens steht für das türkische „du“ keine besondere Endung am Verb. Zweitens deckt dieselbe Form mit -(y)İn sowohl das deutsche „ihr“ als auch das höfliche „Sie“ ab. Wer gemeint ist, ergibt sich aus Situation und Anrede.

So funktioniert der Imperativ

1. Den Verbstamm finden

Der Verbstamm ist der Teil des Verbs, an den Endungen angefügt werden. Man erhält ihn bei den meisten Verben, indem man die Infinitivendung -mek oder -mak entfernt. Der Infinitiv ist die Grundform, die im Deutschen meist auf „-en“ endet.

Infinitiv Verbstamm Bedeutung
gelmek gel- kommen
bakmak bak- schauen
beklemek bekle- warten
okumak oku- lesen
oturmak otur- sitzen; sich setzen

Für die vertraute zweite Person Singular, also türkisch sen und deutsch „du“, ist dieser Stamm bereits der vollständige positive Imperativ:

  • Gel! — Komm!
  • Bak! — Schau!
  • Bekle! — Warte!
  • Oku! — Lies!

Das Personalpronomen sen wird normalerweise nicht dazugesetzt. Sen gel! ist zwar möglich, hebt aber die Person hervor: „Du sollst kommen!“ oder „Komm du!“.

2. Formen nach Person und Anrede

Gemeinte Person Positives Muster Beispiel mit gelmek Deutsche Entsprechung
sen — eine vertraute Person Verbstamm Gel! Komm!
siz — mehrere Personen oder höfliche Anrede Stamm + -(y)İn Gelin! Kommt! / Kommen Sie!
o — er, sie oder eine genannte Person Stamm + -sİn Gelsin! Er/Sie soll kommen!
onlar — mehrere nicht direkt Angesprochene Stamm + -sİnlEr Gelsinler! Sie sollen kommen!

Türkisch unterscheidet bei o nicht zwischen „er“ und „sie“. Deshalb kann Gelsin! je nach Zusammenhang „Er soll kommen!“ oder „Sie soll kommen!“ bedeuten.

Für „ich“ und „wir“ gibt es keinen eigentlichen Imperativ. Bedeutungen wie „Lass mich gehen“ oder „Gehen wir!“ werden mit Formen des türkischen Wunsch- und Aufforderungsmodus ausgedrückt: gideyim und gidelim. Diese Formen werden weiter unten kurz behandelt.

3. Die Form für siz: Vokalharmonie und Bindekonsonant

Die Endung für mehrere oder höflich angesprochene Personen hat vier Varianten. Die Vokalharmonie bedeutet, dass sich der Vokal einer Endung an den letzten Vokal des Stamms anpasst.

Letzter Stammvokal Endung nach Konsonant Beispiel
e, i -in gelin — kommt / kommen Sie
a, ı -ın bakın — schaut / schauen Sie
o, u -un oturun — setzt euch / setzen Sie sich
ö, ü -ün görün — seht / sehen Sie

Endet der Stamm bereits auf einen Vokal, tritt ein y als Bindekonsonant dazwischen. Es verhindert, dass zwei Vokale direkt aufeinandertreffen:

  • bekle- + -yinbekleyin — wartet / warten Sie
  • oku- + -yunokuyun — lest / lesen Sie
  • söyle- + -yinsöyleyin — sagt / sagen Sie

Bei einigen häufigen Verben verändert sich vor der vokalisch beginnenden Endung der letzte Konsonant. Besonders wichtig sind gitmek und etmek: Gidin! „Geht!“ und Edin! etwa in Dikkat edin! „Passt auf!“. Die vertrauten Formen ohne Endung bleiben Git! und Et!.

4. Verneinte Aufforderungen

Für „nicht!“ setzt man -me oder -ma unmittelbar hinter den Stamm. Welche Variante gewählt wird, richtet sich nach der einfachen Vokalharmonie: Nach e, i, ö, ü steht -me, nach a, ı, o, u steht -ma.

Person/Anrede Muster gelmek bakmak
sen Stamm + -mE Gelme! Bakma!
siz Stamm + -mE-y-İn Gelmeyin! Bakmayın!
o Stamm + -mE-sİn Gelmesin! Bakmasın!
onlar Stamm + -mE-sİnlEr Gelmesinler! Bakmasınlar!

Das y in gelmeyin und bakmayın verbindet die beiden Endungen. Die Verneinung wird nicht mit değil gebildet. Değil verneint unter anderem Nomen und Eigenschaften, ist aber nicht das Zeichen für einen negativen Imperativ.

5. Aufforderungen an eine dritte Person

Mit -sİn fordert man nicht unmittelbar „dich“ oder „Sie“ auf, sondern sagt, was eine andere Person tun soll:

  • Ali gelsin. — Ali soll kommen.
  • Biraz dinlensin. — Er/Sie soll sich etwas ausruhen.
  • Gitmesin. — Er/Sie soll nicht gehen.
  • Çocuklar içeri girsinler. — Die Kinder sollen hereinkommen.

Im Deutschen braucht man dafür gewöhnlich „sollen“ oder eine Umschreibung mit „lass“: Gitmesin! kann je nach Situation „Er/Sie soll nicht gehen!“ oder „Lass ihn/sie nicht gehen!“ heißen. Die türkische Form selbst nennt kein grammatisches Geschlecht.

6. Satzstellung und Ergänzungen

Türkische Verben stehen häufig am Satzende. Das gilt auch für Aufforderungen. Ein Objekt — also die Person oder Sache, auf die sich die Handlung richtet — steht meist vor dem Imperativ:

  • Kapıyı kapat. — Mach die Tür zu.
  • Beni dinleyin. — Hören Sie mir zu.
  • Bu kitabı oku. — Lies dieses Buch.

Ein Personalpronomen als Subjekt ist dagegen meist unnötig, weil die Imperativendung die angesprochene Person erkennen lässt. Zur Hervorhebung kann es dennoch erscheinen: Siz burada bekleyin, biz içeri girelim. — „Warten Sie hier; wir gehen hinein.“

Beispiele im Kontext

Türkisch Deutsch Hinweis
Gel! Komm! vertrautes „du“, bloßer Stamm
Biraz bekle. Warte ein wenig. vertraute, neutrale Aufforderung
Kapıyı kapat. Mach die Tür zu. Objekt vor dem Verb
Lütfen oturun. Bitte setzen Sie sich. höfliche Anrede mit lütfen
Burada bekleyin. Wartet hier. / Warten Sie hier. siz: Mehrzahl oder höflich
Önce ellerinizi yıkayın. Wascht euch zuerst die Hände. / Waschen Sie sich zuerst die Hände. Anweisung mit siz-Form
Dikkatli olun. Seid vorsichtig. / Seien Sie vorsichtig. Imperativ von olmak
Beni akşam arayın. Ruft mich heute Abend an. / Rufen Sie mich heute Abend an. aramakarayın
Geç kalma. Komm nicht zu spät. negativer Imperativ für sen
Bunu unutmayın. Vergesst das nicht. / Vergessen Sie das nicht. negativer Imperativ für siz
Burada sigara içmeyin. Raucht hier nicht. / Rauchen Sie hier nicht. Verbot
Ali şimdi gelsin. Ali soll jetzt kommen. Aufforderung an eine dritte Person
Gitmesin! Er/Sie soll nicht gehen! verneinte dritte Person
Kimse konuşmasın. Niemand soll sprechen. kimse mit negativer Verbform
Çocuklar dışarı çıksınlar. Die Kinder sollen hinausgehen. dritte Person Mehrzahl

Häufige Fehler

Den Infinitiv statt des Stamms verwenden

  • Falsch: Gelmek!
  • Richtig: Gel!
  • Warum: Gelmek bedeutet „kommen“ und ist der Infinitiv. Der direkte Imperativ für sen besteht nur aus dem Stamm gel-.

Die vertraute Form gegenüber einer höflich angesprochenen Person benutzen

  • Unpassend: Otur! zu einem unbekannten Gast oder einer Kundin
  • Passend: Lütfen oturun.
  • Warum: Die bloße Stammform gehört zur sen-Anrede und kann in einer formellen Situation zu direkt wirken. Für das höfliche „Sie“ verwendet man siz und die Endung -(y)İn.

Die Verneinung mit değil bilden

  • Falsch: Git değil!
  • Richtig: Gitme!
  • Warum: Negative Aufforderungen brauchen die Verbsilbe -me/-ma. Değil ist hier nicht verwendbar.

Eine direkt angesprochene Form für eine dritte Person verwenden

  • Falsch: Ali gel! im Sinn von „Ali soll kommen“
  • Richtig: Ali gelsin!
  • Warum: Richtet man die Aufforderung an jemand anderen als den Handelnden, steht in der dritten Person -sİn. Ali, gel! mit Komma wäre dagegen eine direkte Anrede: „Ali, komm!“.

Vokalharmonie oder Bindekonsonant übersehen

  • Falsch: Okuyin!; Beklein!
  • Richtig: Okuyun!; Bekleyin!
  • Warum: Der Endungsvokal richtet sich nach dem letzten Stammvokal. Nach einem Stammvokal wird außerdem y eingeschoben: oku-y-un, bekle-y-in.

Hinweise zum Gebrauch

Befehl, Bitte oder Einladung?

Die grammatische Form allein sagt noch nicht, wie streng eine Aufforderung klingt. Beziehung, Tonfall und zusätzliche Wörter entscheiden mit. Unter Freunden ist Gel! oft völlig normal. In einer Dienstleistungs- oder Behördensituation klingt Lütfen gelin höflicher. Lütfen bedeutet „bitte“, macht aber einen sehr strengen Satz nicht automatisch herzlich; auch die Stimme und die Situation zählen.

Häufige freundliche Imperative sind:

  • Buyurun. — Bitte sehr; bitte kommen Sie; bitte nehmen Sie Platz, je nach Situation.
  • Hoş geldiniz. — Herzlich willkommen. Wörtlich ist dies kein Imperativ, erfüllt aber oft die Funktion einer Begrüßung.
  • Kendinize iyi bakın. — Passen Sie gut auf sich auf.
  • Afiyet olsun. — Guten Appetit. Die Form olsun ist ein Imperativ der dritten Person von olmak.

Wenn eine Bitte besonders zurückhaltend klingen soll, verwendet das Türkische oft eine Frage statt eines Imperativs, ähnlich wie das Deutsche: Kapıyı kapatır mısınız? bedeutet „Würden Sie bitte die Tür schließen?“. Diese Form ist länger, aber in vielen formellen Situationen weicher als Kapıyı kapatın.

Siz bedeutet „ihr“ und „Sie“

Anders als im Deutschen besitzt Türkisch keine getrennten Imperativformen für „ihr“ und das höfliche „Sie“. Gelin kann daher „Kommt!“ oder „Kommen Sie!“ bedeuten. Großschreibung löst diesen Unterschied nicht zuverlässig; maßgeblich ist der Zusammenhang. Mit Namen oder Anreden wie arkadaşlar „Freunde/Leute“ wird die Mehrzahl deutlich: Arkadaşlar, gelin!.

Die längere Form auf -(y)İnİz, etwa geliniz, bekleyiniz, okuyunuz, ist ebenfalls korrekt. Sie wirkt häufig förmlicher, amtlicher oder schriftsprachlicher und erscheint in Durchsagen, Hinweisen und sorgfältig formulierten Anweisungen. Im normalen Gespräch ist die kürzere Form gelin, bekleyin, okuyun meist natürlicher.

Satzzeichen und schriftliche Anweisungen

Ein türkischer Imperativ braucht nicht immer ein Ausrufezeichen. In Rezepten und sachlichen Anleitungen steht oft ein Punkt: Soğanları doğrayın. Yağı ekleyin. — „Schneiden Sie die Zwiebeln. Geben Sie das Öl hinzu.“ Ein Ausrufezeichen verstärkt Warnung, Dringlichkeit oder Nachdruck: Dokunmayın! — „Nicht berühren!“.

Auf Verbotsschildern findet man neben Imperativen auch unpersönliche Formen wie Sigara içilmez „Rauchen verboten“. Das ist grammatisch kein direkter Imperativ, erfüllt praktisch aber dieselbe Funktion.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Formen muss man auf A2 noch nicht vollständig beherrschen. Sie sind aber häufig genug, dass man sie erkennen sollte.

Aufforderungen mit „lass uns“ und „lass mich“

Da der eigentliche Imperativ keine erste Person hat, nutzt Türkisch Formen des istek kipi, also eines Modus für Wünsche und Vorschläge:

Bedeutung Form Beispiel Übersetzung
„Lass mich …“ -(y)eyim/-(y)ayım Ben söyleyeyim. Lass mich das sagen.
„Lass uns …“ -(y)elim/-(y)alım Hadi başlayalım. Fangen wir an.
gemeinsamer Vorschlag -(y)elim/-(y)alım Eve gidelim. Gehen wir nach Hause.

Diese Formen gehören funktional zu Aufforderungen, grammatisch aber nicht zur einfachen Imperativreihe. Hadi oder haydi verstärkt die Bedeutung „los“ oder „komm, wir …“: Hadi gidelim! — „Los, gehen wir!“.

Umgangssprachliche Aufforderungen mit -sana/-sene

In Gesprächen hört man Formen wie baksana, gelsene oder höflich beziehungsweise im Plural baksanıza. Sie können eine Aufforderung freundlicher, drängender oder erstaunter wirken lassen; die genaue Färbung hängt stark vom Tonfall ab:

  • Baksana! — Schau mal!
  • Gelsene! — Komm doch!
  • Bir dakika beklesenize. — Warten Sie doch einen Moment.

Diese Formen sollte man zunächst verstehen, aber nicht als universellen Ersatz für den normalen Imperativ behandeln. Ein unpassender Ton kann auch ungeduldig klingen.

Wiederholung und Nachdruck

Ein Pronomen oder ein Anredewort kann einen Gegensatz herstellen: Sen kal, siz gidin. — „Du bleibst hier, ihr geht.“ Auch die Stellung kann Nachdruck erzeugen. In emotionaler Rede steht der Imperativ manchmal früher als sonst: Gel buraya! — „Komm her!“ Neutraler ist häufig ebenfalls Buraya gel..

Dritte-Person-Formen erscheinen außerdem in festen Wünschen und Höflichkeitsformeln. Geçmiş olsun wünscht gute Besserung, Kolay gelsin gutes Gelingen bei der Arbeit und İyi yolculuklar olsun eine gute Reise. Solche Wendungen übersetzt man am besten als Ganzes und nicht Wort für Wort.

Übungstipps

  1. Bilde Viererreihen. Nimm täglich fünf häufige Verben und sprich die Formen für sen, siz, o und die verneinte sen-Form: gel – gelin – gelsin – gelme. So prägen sich Endungen und Vokalharmonie gemeinsam ein.
  2. Übe mit echten Alltagssituationen. Formuliere Anweisungen für ein Rezept, einen Weg oder ein Gerät: Sağa dönün. Düz gidin. Burada bekleyin. Entscheide dabei bewusst, ob du eine Person vertraut oder höflich ansprichst.
  3. Höre auf die Wirkung, nicht nur auf die Form. Sammle Beispiele mit lütfen, hadi, buyurun und höflichen Fragen. Vergleiche, wie derselbe Inhalt als Kapıyı kapat, Lütfen kapıyı kapatın und Kapıyı kapatır mısınız? unterschiedlich wirkt.

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