B2

Indirekte Rede im Norwegischen

Indirekte Tale

Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

In der norwegischen indirekten Rede werden Aussagen meist mit at („dass“) und Ja-/Nein-Fragen mit om („ob“) angeschlossen: Hun sa at hun var trøtt und Han spurte om jeg kunne komme. Steht das einleitende Verb in der Vergangenheit, verschiebt sich häufig auch die Zeitform; außerdem passen sich Pronomen sowie Zeit- und Ortsangaben an die neue Perspektive an. Anders als im Deutschen gibt es dafür im modernen Norwegisch keinen besonderen Konjunktiv.

Überblick

Mit indirekter Rede gibt man wieder, was jemand gesagt, gefragt, gedacht oder geschrieben hat, ohne die ursprünglichen Worte genau zu zitieren. Aus «Jeg er trøtt», sa hun („Ich bin müde“, sagte sie) wird zum Beispiel Hun sa (at) hun var trøtt („Sie sagte, dass sie müde sei/war“). Die Anführungszeichen verschwinden, und die Äußerung wird als Nebensatz eingebaut. Ein Nebensatz ist hier ein Satzteil, der von einem Verb wie si „sagen“, fortelle „erzählen“, spørre „fragen“ oder tro „glauben“ abhängt.

Das Thema gehört ungefähr zur Stufe B2, weil mehrere bereits bekannte Bereiche zusammenkommen: Nebensatzwortstellung, Vergangenheitsformen, Modalverben und Pronomen. Besonders für Deutschsprachige ist zweierlei wichtig. Erstens wandert das gebeugte Verb im Norwegischen nicht wie im deutschen dass-Satz ans Ende. Zweitens verwendet Norwegisch keinen Konjunktiv I wie in Er sagt, er sei krank. Ob man sich von einer Aussage distanziert, zeigt man durch Wortwahl und Kontext, nicht durch eine eigene Verbform.

Indirekte Rede begegnet dir in Gesprächen, Nachrichten, Sitzungsprotokollen und Erzählungen. Die Regeln sind keine rein mechanische Umwandlung: Bleibt eine Aussage weiterhin gültig, kann die ursprüngliche Zeitform stehen bleiben. Auch Wörter wie her „hier“ oder i dag „heute“ ändern sich nur dann, wenn sich die Perspektive tatsächlich geändert hat.

So funktioniert es

Aussagen mit at

Das Grundmuster lautet:

Subjekt + Berichtsverb + (at) + Subjekt + Verb + übrige Satzteile

  • Mia sier at hun jobber hjemme. — Mia sagt, dass sie zu Hause arbeitet.
  • Mia sa at hun jobbet hjemme. — Mia sagte, dass sie zu Hause arbeitete.
  • Jeg tror du har rett. — Ich glaube, du hast recht.

Die Konjunktion at kann besonders nach häufigen Verben des Sagens, Denkens und Wissens wegfallen: Han sa han var opptatt, Jeg tror det går bra. Mit at sind dieselben Sätze ebenfalls richtig. In sorgfältiger Schriftsprache oder bei längeren, komplizierten Sätzen sorgt at oft für mehr Klarheit. Nach at steht im Norwegischen normalerweise kein Komma; das deutsche Komma vor dass darf also nicht übertragen werden.

Die Wortstellung im Nebensatz

Im deutschen Nebensatz steht das gebeugte Verb meist am Ende: „weil er nicht kommt“. Im norwegischen Nebensatz bleibt es näher am Subjekt. Ein Satzadverb wie ikke „nicht“, aldri „nie“ oder kanskje „vielleicht“ steht dabei vor dem finiten Verb. Das finite Verb ist die an Person und Zeit angepasste Verbform, etwa kommer, kom oder har.

Satzart Norwegisches Muster Beispiel
Hauptsatz Subjekt + finites Verb + ikke Han kommer ikke.
indirekte Aussage at + Subjekt + ikke + finites Verb Hun sa at han ikke kom.
indirekte Frage Fragewort/om + Subjekt + ikke + finites Verb Hun spurte hvorfor han ikke kom.

Bei einer indirekten Frage gibt es also keine Fragewortstellung mehr. Aus Hvor bor du? wird Han spurte hvor jeg bodde, nicht hvor bodde jeg. Auch ein Fragezeichen ist nur nötig, wenn der gesamte Satz selbst eine Frage ist: Vet du hvor hun bor? Dagegen endet Jeg spurte hvor hun bodde. mit einem Punkt.

Fragen mit om oder einem Fragewort

Ja-/Nein-Fragen werden mit om „ob“ eingeleitet:

  • «Kan du komme?»Han spurte om jeg kunne komme.
  • «Er butikken åpen?»Hun lurte på om butikken var åpen.

Bei Fragen mit hvem „wer“, hva „was“, hvor „wo“, når „wann“, hvordan „wie“ oder hvorfor „warum“ bleibt das Fragewort erhalten:

  • «Når går toget?»De spurte når toget gikk.
  • «Hvorfor svarer du ikke?»Hun spurte hvorfor jeg ikke svarte.

Om darf in dieser Funktion nicht wie at weggelassen werden. Beachte außerdem die feste Verbindung lure på om „sich fragen, ob“.

Aufforderungen und Bitten wiedergeben

Ein Imperativ wie Vent her! lässt sich nicht einfach als Nebensatz übernehmen. Häufig verwendet man be „bitten/auffordern“ mit einer Person und einem Infinitiv (der Grundform des Verbs):

  • «Vent her!»Hun ba meg vente der.
  • «Kan dere sende dokumentet?»Han ba dem om å sende dokumentet.

Sowohl ba dem sende als auch ba dem om å sende ist möglich. Eine Anweisung kann auch mit si at und skulle wiedergegeben werden: Legen sa at jeg skulle hvile bedeutet „Der Arzt sagte, ich solle mich ausruhen.“ Skulle zeigt hier, was aus Sicht des damaligen Zeitpunkts geschehen sollte.

Tempusverschiebung nach einem Vergangenheitsverb

Steht das Berichtsverb in der Gegenwart, bleibt die Zeitform meist unverändert: Hun sier at hun er syk. Nach einem Berichtsverb in der Vergangenheit wird die Perspektive häufig in die Vergangenheit zurückverlegt. Dies nennt man Tempusverschiebung, also die Anpassung der Zeitform an den Zeitpunkt des Berichtens.

Direkte Aussage Häufige Form in der indirekten Rede Beispiel
Präsens: er, jobber Präteritum: var, jobbet Han sa at han jobbet hjemme.
Perfekt: har reist Plusquamperfekt: hadde reist De fortalte at de hadde reist.
Präteritum: reiste oft Plusquamperfekt: hadde reist Hun sa at hun hadde reist dagen før.
skal skulle Han sa at han skulle ringe.
vil ville Jeg trodde at hun ville bli med.
kan kunne Han spurte om jeg kunne hjelpe.
måtte Hun sa at hun måtte gå.

Das Plusquamperfekt bezeichnet etwas, das schon vor einem anderen vergangenen Zeitpunkt geschehen war; im Norwegischen besteht es aus hadde und dem Partizip, etwa hadde reist. Es macht die zeitliche Reihenfolge deutlich: Erst reisten sie ab, später erzählten sie davon.

Die Verschiebung ist jedoch nicht ausnahmslos Pflicht. Wenn eine Aussage noch gilt oder als allgemeine Tatsache gemeint ist, bleibt oft das Präsens:

  • Læreren sa at Oslo er Norges hovedstad. — Die Lehrkraft sagte, dass Oslo Norwegens Hauptstadt ist.
  • Nora sa at hun bor i Bergen. — Nora sagte, dass sie in Bergen wohnt; die sprechende Person stellt es als weiterhin gültig dar.
  • Nora sa at hun bodde i Bergen. — Neutrale Wiedergabe aus vergangener Perspektive; möglicherweise wohnt sie noch dort, möglicherweise nicht.

Der Unterschied ist daher nicht immer ein Unterschied zwischen „richtig“ und „falsch“, sondern oft zwischen aktueller und vergangener Perspektive.

Pronomen und Perspektivwörter anpassen

Pronomen müssen zeigen, wer im neuen Satz spricht. Aus dem jeg der ursprünglichen Sprecherin wird häufig hun; du kann je nach Adressat zu jeg, han, hun oder einem anderen Pronomen werden.

  • Eva: «Jeg har glemt nøklene mine.»Eva sa at hun hadde glemt nøklene sine.
  • Per zu mir: «Du kan låne bilen min.»Per sa at jeg kunne låne bilen hans.

Bei Possessivformen ist besondere Sorgfalt nötig. Sin/si/sitt/sine verweist auf das Subjekt desselben Satzes. In Eva sa at hun hadde glemt nøklene sine gehören die Schlüssel zu hun, also Eva. In Per sa at Eva hadde tatt boka hans gehört das Buch dagegen Per; boka si würde bedeuten, dass es Evas eigenes Buch ist.

Auch Zeit- und Ortsangaben können sich ändern:

Ursprüngliche Perspektive Mögliche Form im späteren Bericht Bedeutung
da jetzt → damals/zu diesem Zeitpunkt
i dag den dagen heute → an diesem Tag
i går dagen før gestern → am Tag zuvor
i morgen dagen etter / neste dag morgen → am folgenden Tag
her der hier → dort
denne den diese/r/s → jene/r/s bzw. die/der/das

Diese Ersetzungen sind nur nötig, wenn Ort oder Zeitpunkt nicht mehr derselbe ist. Wer eine Nachricht noch am selben Tag und am selben Ort wiedergibt, kann weiterhin i dag und her sagen.

Beispiele im Zusammenhang

Norwegisch Deutsch Hinweis
Hun sa at hun var trøtt. Sie sagte, dass sie müde sei/war. Aussage mit at und verschobenem Präsens
Hun sa hun var trøtt. Sie sagte, dass sie müde sei/war. at ist in diesem kurzen Satz ausgelassen
De fortalte at de hadde reist. Sie erzählten, dass sie abgereist seien/waren. Das Abreisen geschah vor dem Erzählen
Jeg trodde at du visste det. Ich dachte, dass du es wüsstest. vet wird aus vergangener Perspektive zu visste
Han spurte om jeg kunne komme. Er fragte, ob ich kommen könne. Ja-/Nein-Frage mit om
Hun lurte på hvor vi bodde. Sie fragte sich, wo wir wohnten. Fragewort bleibt, keine Inversion
Læreren spurte hvorfor Amir ikke hadde svart. Die Lehrkraft fragte, warum Amir nicht geantwortet hatte. ikke steht vor hadde
Legen sa at jeg måtte hvile. Der Arzt sagte, dass ich mich ausruhen müsse. wird zu måtte
Kari sa at hun skulle ringe neste dag. Kari sagte, dass sie am nächsten Tag anrufen werde. Zukunft aus vergangener Perspektive
Sjefen ba oss sende rapporten før fredag. Die Chefin bat uns, den Bericht vor Freitag zu schicken. wiedergegebene Bitte mit be + Infinitiv
Jon fortalte meg at han fortsatt bor i Tromsø. Jon erzählte mir, dass er noch immer in Tromsø wohnt. Präsens bleibt, weil die Aussage weiter gilt
Meteorologen forklarte at vann fryser ved null grader. Die Meteorologin erklärte, dass Wasser bei null Grad gefriert. allgemeine Tatsache ohne Tempusverschiebung
Eva sa at hun hadde lagt passet sitt her. Eva sagte, dass sie ihren Pass hier hingelegt habe. her bleibt, wenn der Ort gleich ist
Per sa at Eva hadde tatt boka hans. Per sagte, dass Eva sein Buch genommen habe. hans, weil das Buch Per und nicht Eva gehört

Die deutschen Übersetzungen verwenden je nach Stil Konjunktiv I, Konjunktiv II oder Indikativ. Diese Unterschiede stecken nicht in einer besonderen norwegischen Verbform. Hun sa at hun var trøtt kann deshalb je nach Zusammenhang mit „sie sei müde“ oder „sie war müde“ wiedergegeben werden.

Häufige Fehler

1. Deutsche Verbendstellung übernehmen

  • Falsch: Hun sa at hun hjemme jobbet.
  • Richtig: Hun sa at hun jobbet hjemme.
  • Warum: Im norwegischen at-Satz steht das finite Verb nicht am Satzende. Die normale Folge ist hier hun + jobbet + hjemme.

2. In einer indirekten Frage invertieren

  • Falsch: Han spurte hvor bodde jeg.
  • Richtig: Han spurte hvor jeg bodde.
  • Warum: Eine eingebettete Frage hat Nebensatzwortstellung: zuerst das Fragewort, dann das Subjekt, dann das Verb.

3. Ikke hinter das finite Verb setzen

  • Falsch: Jeg visste at hun kom ikke.
  • Richtig: Jeg visste at hun ikke kom.
  • Warum: Im Nebensatz steht ikke vor dem finiten Verb. Das gilt auch in indirekten Fragen: Han spurte hvorfor hun ikke kom.

4. At statt om bei einer Ja-/Nein-Frage verwenden

  • Falsch: Hun spurte at jeg hadde tid.
  • Richtig: Hun spurte om jeg hadde tid.
  • Warum: At leitet eine Aussage ein, om eine indirekte Frage, auf die man mit Ja oder Nein antworten könnte.

5. Ein deutsches Komma vor at setzen

  • Falsch: Han sa, at han var syk.
  • Richtig: Han sa at han var syk.
  • Warum: Norwegisch setzt zwischen einem Berichtsverb und dem folgenden at- oder om-Satz normalerweise kein Komma.

6. Sin und hans/hennes verwechseln

  • Falsch: Per sa at Eva hadde tatt boka si, wenn das Buch Per gehört.
  • Richtig: Per sa at Eva hadde tatt boka hans.
  • Warum: Si bezieht sich auf das Subjekt des Nebensatzes, hier Eva. Für Pers Buch braucht man hans.

Hinweise zum Gebrauch

In Gesprächen fällt at nach si, tro und mene sehr häufig weg: Jeg tror han kommer snart. Das klingt natürlich und ist nicht nachlässig. Bei langen Sätzen, bei möglichen Missverständnissen und in formelleren Texten ist at oft hilfreicher. Om und Fragewörter dürfen bei indirekten Fragen dagegen nicht einfach entfallen.

Die Wahl des Berichtsverbs prägt den Ton. Si ist neutral und sehr häufig. Fortelle hebt das Mitteilen oder Erzählen hervor, forklare eine Erklärung, påstå eine Behauptung und innrømme ein Eingeständnis. Auch die Ergänzungen unterscheiden sich: Man sagt Hun sa til meg at … oder Hun fortalte meg at …, nicht standardsprachlich Hun sa meg at …. Das ist für Deutschsprachige leicht zu übersehen, weil „jemandem sagen“ im Deutschen ohne „zu“ auskommt.

Norwegisches var oder hadde zeigt nicht, ob die berichtende Person die Aussage für wahr hält. Wer Abstand markieren möchte, verwendet passende Ausdrücke, zum Beispiel ifølge henne „ihrer Aussage zufolge“, hun hevdet at … „sie behauptete, dass …“ oder det ble påstått at … „es wurde behauptet, dass …“. Der deutsche Konjunktiv darf daher nicht Wort für Wort durch eine bestimmte norwegische Form ersetzt werden.

Über die Grundlagen hinaus

Perspektive statt starrer Zeitenfolge

In längeren Erzählungen kann die erzählende Person zwischen der damaligen und der gegenwärtigen Perspektive wählen. Han sa at han var syk ordnet die Krankheit der vergangenen Gesprächssituation zu. Han sa at han er syk rückt die Information in die Gegenwart und legt nahe, dass sie noch gilt. Dasselbe Prinzip erklärt, warum allgemeine Wahrheiten meist im Präsens bleiben.

Bei mehreren vergangenen Handlungen schafft das Plusquamperfekt Übersicht: Han sa at han ville komme når han hadde spist — „Er sagte, er werde kommen, sobald er gegessen habe.“ Ville komme liegt nach dem Sagen, hadde spist aber vor dem geplanten Kommen. Solche verschachtelten Zeitbeziehungen gehören zur fortgeschrittenen Zeitenfolge.

Hörensagen mit skal

Skal kann in Nachrichten und sachlicher Sprache anzeigen, dass eine Information von anderen stammt:

  • Han skal være svært rik. — Er soll sehr reich sein.
  • Hun skal ha reist til Sverige. — Sie soll nach Schweden gereist sein.

Die zweite Konstruktion besteht aus skal ha plus Partizip und verweist auf eine angeblich bereits abgeschlossene Handlung. Das ist eine kompakte Form des Hörensagens, aber kein allgemeiner Ersatz für jeden at-Satz.

Direkte, indirekte und erlebte Rede

Direkte Rede bewahrt den genauen Wortlaut und eignet sich, wenn die Formulierung selbst wichtig ist: Hun sa: «Jeg kommer ikke.» Indirekte Rede integriert den Inhalt in den eigenen Satz: Hun sa at hun ikke kom. In literarischen Texten findet man außerdem erlebte Rede (fri indirekte tale): Gedanken oder Worte erscheinen aus der Perspektive einer Figur, aber ohne einleitendes hun tenkte at und ohne Anführungszeichen. Diese Form sollte man auf B2 vor allem erkennen; für den sicheren eigenen Gebrauch sind direkte und normale indirekte Rede wichtiger.

Tipps zum Üben

  1. Wandle kurze Dialoge in Berichte um. Schreibe jeden Tag drei direkte Äußerungen auf und verändere gezielt jeg/du, die Zeitform sowie i dag/i morgen/her. Prüfe bei jeder Änderung, ob die Perspektive sie wirklich verlangt.
  2. Übe Aussagen und Fragen getrennt. Markiere in einem Text at-Sätze in einer Farbe und indirekte Fragen mit om oder Fragewort in einer anderen. Kontrolliere danach besonders die Stellung von ikke.
  3. Höre auf Varianten mit und ohne at. Notiere aus norwegischen Gesprächen Beispiele wie Jeg tror det går bra und Jeg tror at det går bra. So entwickelst du ein Gefühl dafür, wann die kürzere Form klar und natürlich klingt.

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