Komplexe Passivkonstruktionen im Englischen
Complex Passive
Dieser Artikel ist Teil des Englisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Bei Aussagen aus zweiter Hand bietet das Englische zwei formelle Passivmuster: It is believed that he is innocent und He is believed to be innocent. Im zweiten Muster folgt auf das Subjekt eine passive Form eines Berichtsverbs und ein Infinitiv; dessen Form zeigt, ob ein Vorgang gleichzeitig stattfindet, gerade im Verlauf ist oder schon vorher abgeschlossen war.
Überblick
Mit komplexen Passivkonstruktionen gibt man wieder, was allgemein gesagt, vermutet, berichtet, erwartet oder beobachtet wird, ohne die Quelle in den Mittelpunkt zu stellen. Typisch sind Nachrichten, wissenschaftliche Texte, Behörden- und Geschäftssprache: The company is expected to announce its results tomorrow. Wer genau diese Erwartung hat, bleibt offen oder ist aus dem Zusammenhang bekannt.
Das Thema gehört auf C1-Niveau, weil mehrere bereits bekannte Bausteine zusammenwirken. Das Subjekt (wer oder was grammatisch im Mittelpunkt des Satzes steht) wird mit einer Passivform wie is believed verbunden. Danach folgt häufig ein Infinitiv (die Grundform des Verbs mit to) wie to be, to be doing oder to have done. Entscheidend ist nicht nur die Form, sondern auch das Zeitverhältnis zwischen dem Berichten und dem beschriebenen Vorgang.
Für deutschsprachige Lernende ist die unpersönliche Variante meist leicht zugänglich: It is said that ... entspricht ungefähr „Es heißt, dass ...“. Das persönliche Muster She is said to ... hat dagegen keine gleich häufige deutsche Entsprechung. Im Deutschen stehen hier oft „sie soll ...“, „angeblich ...“, ein dass-Satz oder in formeller Wiedergabe der Konjunktiv I. Deshalb sollte man das englische Muster als eigene Konstruktion lernen und nicht Wort für Wort aus dem Deutschen bauen.
So funktioniert es
Zwei Grundmuster
Ein aktiver Satz könnte eine unbestimmte Quelle nennen:
People believe that he is innocent.
Soll die Quelle zurücktreten, sind zwei Passivvarianten möglich:
| Muster | Aufbau | Beispiel | Natürliche deutsche Wiedergabe |
|---|---|---|---|
| unpersönliches Passiv | It + be + past participle + that-clause | It is believed that he is innocent. | Es wird angenommen, dass er unschuldig ist. |
| persönliches Passiv | subject + be + past participle + to-infinitive | He is believed to be innocent. | Man nimmt an, dass er unschuldig ist. |
Das past participle (Partizip Perfekt, also die dritte Verbform) lautet hier etwa said, believed, thought oder reported. Die Zeitform steckt in be: is believed, was believed, has been reported. Im persönlichen Muster richtet sich be nach dem neuen Subjekt: He is said ..., aber They are said ....
Das einleitende it der unpersönlichen Variante ist ein Platzhalter. Es verweist nicht auf eine Sache und wird nicht mit „dies“ übersetzt. Der eigentliche Inhalt folgt im that-Satz. That kann in sorgfältiger formeller Sprache stehen bleiben; seine Weglassung ist zwar teilweise möglich, bringt hier aber selten einen Vorteil.
Welche Verben passen?
Besonders häufig sind Verben des Berichtens, Meinens und Wissens:
| Bedeutung | Typische englische Verben |
|---|---|
| sagen oder berichten | say, report, allege, claim |
| glauben oder annehmen | believe, think, consider, suppose |
| wissen oder verstehen | know, understand |
| erwarten | expect |
Nicht jedes Verb, das auf Deutsch „berichten“ oder „mitteilen“ bedeuten kann, erlaubt automatisch beide Muster. Sicher und idiomatisch sind beispielsweise It was announced that the road would close und The road was expected to close. Ein persönliches Muster wie the road was announced to close ist dagegen nicht üblich. Bei Unsicherheit hilft ein Wörterbuchbeispiel oder die unpersönliche it + that-Variante.
Der einfache Infinitiv: gleichzeitig oder später
To do beziehungsweise to be bezeichnet normalerweise einen Zustand oder Vorgang, der gleichzeitig mit dem Berichten gilt. Bei einem zukünftigen Verb wie expect kann er auch auf einen späteren Zeitpunkt verweisen.
- He is believed to be innocent. — Der Glaube und der angenommene Zustand gelten jetzt.
- They were thought to live abroad. — Damals dachte man, dass sie im Ausland lebten.
- The train is expected to arrive at six. — Die erwartete Ankunft liegt in der Zukunft.
Der Infinitiv trägt hier keine eigene Person- oder Zeitendung. Die zeitliche Einordnung ergibt sich aus seiner Form, dem Berichtsverb und dem Kontext.
Der Verlaufsinfinitiv: gerade im Gang
To be doing ist der continuous infinitive (Verlaufsinfinitiv). Er hebt hervor, dass eine Handlung zum relevanten Zeitpunkt im Verlauf ist:
- They are thought to be planning something. — Man nimmt an, dass sie gerade etwas planen.
- The engine was believed to be leaking. — Man glaubte, dass der Motor zu diesem Zeitpunkt undicht war.
Wie bei anderen englischen Verlaufsformen wird diese Form vor allem mit Tätigkeiten und Entwicklungen verwendet. Zustandsverben wie know, belong oder own stehen normalerweise nicht darin.
Der Perfektinfinitiv: schon vorher
To have done ist der perfect infinitive (Perfektinfinitiv). Er markiert, dass die Handlung vor dem Zeitpunkt des Berichtens, Glaubens oder Wissens liegt:
- She is said to have left. — Jetzt heißt es, dass sie bereits gegangen ist.
- He was believed to have hidden the documents. — Damals nahm man an, dass er die Dokumente schon zuvor versteckt hatte.
Die Form bleibt auch nach einem Berichtsverb in der Vergangenheit gleich. Was believed to have done ordnet das vermutete Ereignis vor einem damaligen Glauben ein. Das ist nicht dasselbe wie was believed to do, das einen damaligen gleichzeitigen oder gewohnheitsmäßigen Vorgang bezeichnet.
Kombinationen für Verlauf und Passiv
Für genauere Zeit- und Perspektivangaben lassen sich weitere Infinitivformen einsetzen:
| Infinitivform | Grundbedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| to do / to be | gleichzeitig, allgemein oder später | She is known to be reliable. |
| to be doing | gleichzeitig im Verlauf | She is believed to be working abroad. |
| to have done | vorher abgeschlossen | She is reported to have resigned. |
| to have been doing | schon vorher über eine Zeit hinweg | She is said to have been working all night. |
| to be done | Infinitiv selbst im Passiv | The bridge is expected to be completed in May. |
| to have been done | vorher abgeschlossen und passiv | The data is believed to have been altered. |
Bei to be done und to have been done gibt es somit zwei passive Ebenen. In The data is believed to have been altered ist is believed das Berichtsverb im Passiv; to have been altered sagt zusätzlich, dass jemand die Daten vorher verändert hat.
Wahrnehmungs- und Veranlassungsverben
Auch Verben wie see, hear und make zeigen im Passiv ein wichtiges Muster. Im Aktiv folgt häufig der Infinitiv ohne to:
- Witnesses saw the suspect enter the building.
- The manager made us wait outside.
Im Passiv erscheint dagegen to:
- The suspect was seen to enter the building.
- We were made to wait outside.
Bei Wahrnehmungsverben ist daneben die -ing-Form möglich: The suspect was seen entering the building. Sie zeigt eher die beobachtete Handlung im Verlauf; was seen to enter erfasst typischerweise den Eintritt als ganzen Vorgang.
Beispiele im Kontext
| Englisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| It is believed that he is innocent. | Es wird angenommen, dass er unschuldig ist. | unpersönliches Muster |
| He is believed to be innocent. | Man nimmt an, dass er unschuldig ist. | persönliches Muster, gleichzeitiger Zustand |
| She is said to have left before noon. | Es heißt, sie sei vor Mittag gegangen. | die Abreise liegt vorher |
| They are thought to be planning something. | Man denkt, dass sie etwas planen. | Handlung gerade im Verlauf |
| The minister is expected to speak later today. | Der Minister wird voraussichtlich später heute sprechen. | erwartetes zukünftiges Ereignis |
| It was reported that several roads had been closed. | Es wurde berichtet, dass mehrere Straßen gesperrt worden waren. | unpersönliche Meldung in der Vergangenheit |
| Several roads were reported to have been closed. | Berichten zufolge waren mehrere Straßen gesperrt worden. | Perfektinfinitiv im Passiv |
| The company is known to employ more than 2,000 people. | Das Unternehmen beschäftigt bekanntermaßen mehr als 2.000 Menschen. | allgemein bekannte Tatsache |
| The actor was believed to have been living in France for years. | Man glaubte, der Schauspieler habe seit Jahren in Frankreich gelebt. | früher begonnener Verlauf |
| The missing painting is alleged to have been sold abroad. | Das verschwundene Gemälde soll im Ausland verkauft worden sein. | unbestätigte Behauptung |
| The suspect was seen to enter the building. | Der Verdächtige wurde dabei beobachtet, wie er das Gebäude betrat. | see im Passiv mit to |
| A child was heard crying in the next room. | Im Nebenzimmer hörte man ein Kind weinen. | wahrgenommener Verlauf mit -ing |
| The staff were made to work overtime. | Das Personal wurde gezwungen, Überstunden zu machen. | make bekommt im Passiv to |
Häufige Fehler
1. Einen that-Satz an das persönliche Subjekt hängen
- Falsch: He is believed that he is innocent.
- Richtig: It is believed that he is innocent.
- Auch richtig: He is believed to be innocent.
- Warum: Ein that-Satz gehört zum unpersönlichen Muster mit it. Nach he is believed folgt ein to-Infinitiv.
2. Für ein früheres Ereignis den einfachen Infinitiv verwenden
- Unpassend: She is said to leave yesterday.
- Richtig: She is said to have left yesterday.
- Warum: Yesterday legt die Abreise vor den gegenwärtigen Bericht. Deshalb braucht man den Perfektinfinitiv to have left.
3. To nach einem Passiv mit see oder make vergessen
- Falsch: The suspect was seen enter the building.
- Richtig: The suspect was seen to enter the building.
- Warum: Im aktiven Satz steht zwar saw him enter, doch im Passiv kehrt to zurück. Dasselbe gilt für We were made to wait.
4. Die Form von be nicht an das Subjekt anpassen
- Falsch: The results is expected to be published tomorrow.
- Richtig: The results are expected to be published tomorrow.
- Warum: Das finite Verb (die gebeugte Verbform mit Person und Zeit) richtet sich nach the results, also nach einem Subjekt im Plural.
5. Das deutsche „soll“ immer mit should übersetzen
- Falsch in der Bedeutung „es heißt“: She should have left for Berlin.
- Richtig: She is said to have left for Berlin.
- Warum: Should have left bedeutet meist, dass sie hätte abreisen sollen, es aber möglicherweise nicht tat. Das deutsche „sie soll abgereist sein“ gibt dagegen eine fremde Behauptung wieder und entspricht is said to have left.
6. Jedes Berichtsverb in das persönliche Muster zwingen
- Unüblich: The bridge was announced to reopen on Monday.
- Natürlich: It was announced that the bridge would reopen on Monday.
- Oder: The bridge is expected to reopen on Monday.
- Warum: Welche Ergänzungen ein Verb zulässt, ist Teil seines grammatischen Musters. Ein inhaltlich ähnliches Verb verhält sich nicht automatisch gleich.
Gebrauchshinweise
Komplexe Passivkonstruktionen wirken sachlich und distanziert. In Nachrichten sind is reported to, is believed to und is expected to sehr häufig, weil sie Information und Quelle voneinander trennen. In wissenschaftlichen oder behördlichen Texten vermeiden sie außerdem ein vages people think. In einem lockeren Gespräch klingen direkte Varianten oft natürlicher: statt He is believed to be at home eher People think he’s at home oder Apparently, he’s at home.
Die Verben drücken unterschiedliche Grade von Sicherheit aus. Is known to stellt etwas als bekannt dar; is believed/thought to signalisiert eine Annahme; is alleged to kennzeichnet eine nicht bewiesene, häufig belastende Behauptung. Gerade bei alleged sollte die Übersetzung den Vorbehalt bewahren, etwa mit „soll“, „angeblich“ oder „wird beschuldigt, ...“, je nach Kontext.
Das Agens (die handelnde Person) kann mit by ergänzt werden: The treatment is believed by many doctors to be effective. Solche Sätze werden jedoch schnell schwerfällig. Meist ist ein aktiver Satz wie Many doctors believe the treatment to be effective oder Many doctors believe that the treatment is effective klarer.
Deutsch und Englisch verteilen Information hier unterschiedlich. Deutsches „man“, „es heißt“, „angeblich“ und Konjunktiv I können alle als englisches persönliches Passiv erscheinen. Umgekehrt ist eine wörtliche deutsche Übersetzung wie „Sie wird gesagt, gegangen zu sein“ falsch. Übersetze daher zuerst die Aussage und den Grad der Gewissheit, nicht die äußere Form.
Über die Grundlagen hinaus
Die Stellung von not verändert den Fokus
Beide folgenden Formen sind möglich, aber sie gewichten die Verneinung verschieden:
- He is not believed to be involved. — Man glaubt nicht, dass er beteiligt ist; verneint wird vor allem die Annahme.
- He is believed not to be involved. — Man glaubt, dass er nicht beteiligt ist; der angenommene Sachverhalt ist negativ.
Im Alltag verschwimmt dieser Unterschied manchmal. In juristischen, wissenschaftlichen oder politischen Texten lohnt sich jedoch die genaue Unterscheidung.
Berichtszeit und Ereigniszeit sind zwei Achsen
Vergleiche die vier Kombinationen:
| Satz | Zeitliche Lesart |
|---|---|
| He is believed to live in Rome. | Heute glaubt man, dass er heute in Rom lebt. |
| He is believed to have lived in Rome. | Heute glaubt man, dass er früher in Rom lebte. |
| He was believed to live in Rome. | Damals glaubte man, dass er damals in Rom lebte. |
| He was believed to have lived in Rome. | Damals glaubte man, dass er schon vorher in Rom gelebt hatte. |
Diese Trennung ist besonders nützlich bei indirekter Rede: Der Infinitiv übernimmt nicht einfach mechanisch die Zeitform eines deutschen Nebensatzes. Er zeigt das Verhältnis zum Berichtszeitpunkt.
Fragen und Modalität
Auch Fragen sind grammatisch möglich: Is the drug believed to be safe? In neutraler Prosa ist das eine knappe Alternative zu Do experts believe that the drug is safe? Modalverben können innerhalb des that-Satzes stehen (It is believed that the plan may fail), lassen sich aber nicht immer elegant in das persönliche Infinitivmuster übertragen. Statt eine gezwungene Form zu bilden, bleibt man dann besser beim it + that-Satz.
Persönliches Passiv oder vorsichtiges Ausweichen?
Die Konstruktion kann Verantwortung für eine Aussage verdecken: Mistakes are believed to have been made nennt weder die Verantwortlichen für die Fehler noch die Quelle der Einschätzung. Das kann sachlich gerechtfertigt sein, aber auch ausweichend wirken. Gutes Schreiben fragt deshalb: Ist die Quelle wirklich unbekannt oder unwichtig? Falls nicht, ist Investigators believe that the team made several mistakes informativer.
Übungstipps
- Bilde immer ein Dreierpaket. Schreibe zu einem Inhalt einen aktiven Satz, das unpersönliche Passiv und das persönliche Passiv: Experts think that ... → It is thought that ... → X is thought to .... So lernst du die Struktur statt einzelner Formulierungen.
- Markiere zwei Zeitpunkte. Unterstreiche den Zeitpunkt des Berichtens und kreise den Zeitpunkt des Ereignisses ein. Wähle dann to do, to be doing oder to have done. Besonders hilfreich sind Satzpaare wie is believed to live und is believed to have lived.
- Sammle echte Fundstellen nach Verb. Lege kleine Gruppen für said, reported, believed, known, expected und alleged an. Notiere neben jedem Beispiel, ob es eine Tatsache, Annahme, Erwartung oder unbestätigte Behauptung ausdrückt.
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