Deponentien im Neugriechischen
Αποθετικά Ρήματα
Dieser Artikel ist Teil des Griechisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Griechische Deponentien haben Endungen, die wie Formen des Mediums oder Passivs aussehen, aber meist eine aktive Bedeutung: έρχομαι heißt „ich komme“, nicht „ich werde gekommen“. Man lernt solche Verben am besten gleich mit der Form auf -μαι und ihren eigenen Stammformen: σκέφτομαι – σκέφτηκα – να σκεφτώ.
Überblick
Bei Verben wie έρχομαι (kommen), κοιμάμαι (schlafen), φοβάμαι (Angst haben/sich fürchten), σκέφτομαι (denken, nachdenken) und θυμάμαι (sich erinnern) passen Form und Bedeutung auf den ersten Blick nicht zusammen. Ihre Endungen gehören zur nichtaktiven Formenreihe des griechischen Verbs, ihre Bedeutung ist jedoch nicht passiv. Die traditionelle Bezeichnung dafür lautet αποθετικά ρήματα, auf Deutsch Deponentien oder deponentische Verben.
Das Thema wird auf A2 wichtig, weil diese Verben im Alltag ständig vorkommen. Die einfache Anfängerregel lautet: Eine Endung wie -ομαι oder -άμαι darf nicht automatisch mit deutschem „werden“ übersetzt werden. Betrachte σκέφτομαι genauso als vollständiges Verb wie deutsches „denken“.
Im Deutschen entspricht einem solchen griechischen Verb manchmal ein gewöhnliches aktives Verb (κοιμάμαι = schlafen), manchmal ein reflexives Verb mit sich (θυμάμαι = sich erinnern) und manchmal eine feste Wendung (φοβάμαι = Angst haben). Aus der deutschen Übersetzung lässt sich die griechische Form daher nicht zuverlässig ableiten.
So funktioniert es
Form und Bedeutung auseinanderhalten
Ein Verb besitzt eine Diathese, also eine grammatische Sicht darauf, wie die Beteiligten einer Handlung zueinander stehen. Bei einem echten Passiv erleidet das Subjekt (wer oder was im Satz handelt beziehungsweise betroffen ist) die Handlung: „Die Tür wird geöffnet.“ Bei einer Deponensform gibt es keine solche passive Bedeutung:
- Η Άννα σκέφτεται το ταξίδι. – Anna denkt über die Reise nach.
- Ο Νίκος κοιμάται. – Nikos schläft.
Anna wird nicht „gedacht“, und Nikos wird nicht „geschlafen“. Die nichtaktive Form gehört hier einfach zum Verb. Häufig gibt es im heutigen Griechisch keine gebräuchliche aktive Gegenform mit genau derselben Bedeutung.
Zwei häufige Präsensmuster
Im Präsens (der Zeitform für Gegenwärtiges und Regelmäßiges) begegnen besonders oft zwei Reihen. Die Personalendung zeigt bereits, wer handelt; deshalb kann das griechische Personalpronomen meist entfallen.
| Person | σκέφτομαι – denken | έρχομαι – kommen | φοβάμαι – Angst haben |
|---|---|---|---|
| εγώ – ich | σκέφτομαι | έρχομαι | φοβάμαι |
| εσύ – du | σκέφτεσαι | έρχεσαι | φοβάσαι |
| αυτός/αυτή/αυτό – er/sie/es | σκέφτεται | έρχεται | φοβάται |
| εμείς – wir | σκεφτόμαστε | ερχόμαστε | φοβόμαστε |
| εσείς – ihr/Sie | σκέφτεστε | έρχεστε | φοβάστε |
| αυτοί/αυτές/αυτά – sie | σκέφτονται | έρχονται | φοβούνται |
σκέφτομαι und έρχομαι zeigen die verbreiteten Endungen -ομαι, -εσαι, -εται, -όμαστε, -εστε, -ονται. Der Wortakzent kann dabei je nach Verb an einer anderen Stelle stehen. φοβάμαι, κοιμάμαι und θυμάμαι folgen einer Reihe mit -άμαι, -άσαι, -άται, -όμαστε, -άστε, -ούνται:
| Person | κοιμάμαι – schlafen | θυμάμαι – sich erinnern |
|---|---|---|
| εγώ | κοιμάμαι | θυμάμαι |
| εσύ | κοιμάσαι | θυμάσαι |
| αυτός/αυτή/αυτό | κοιμάται | θυμάται |
| εμείς | κοιμόμαστε | θυμόμαστε |
| εσείς | κοιμάστε | θυμάστε |
| αυτοί/αυτές/αυτά | κοιμούνται | θυμούνται |
Lerne den Akzent mit. Er ist im Griechischen Teil der korrekten Schreibung und Aussprache: κοιμάμαι, aber κοιμόμαστε und κοιμούνται.
Die Wörterbuchform ist nicht der Infinitiv
Das Neugriechische verwendet keinen produktiven Infinitiv wie deutsches „kommen“ oder „schlafen“. Im Wörterbuch steht gewöhnlich die erste Person Singular Präsens: έρχομαι bedeutet wörtlich der Form nach „ich komme“, dient aber zugleich als Nennform des Verbs. Deshalb sollte eine Vokabelkarte nicht nur „kommen = έρχ-“ enthalten, sondern έρχομαι = kommen.
Nach einem zweiten Verb steht häufig να plus eine gebeugte Verbform:
- Θέλω να κοιμηθώ. – Ich möchte schlafen.
- Μπορεί να έρθει. – Er/Sie kann kommen.
Die Form nach να richtet sich nach der Person: να έρθω (dass ich komme/kommen), να έρθεις (dass du kommst/kommen), να έρθει (dass er oder sie kommt/kommen).
Satzbau und Ergänzungen
Jedes Verb bringt seinen eigenen Satzbau mit. Der deutsche Satz ist dabei nur eine Orientierung:
- σκέφτομαι + Akkusativ: Σκέφτομαι τις διακοπές. Der Akkusativ ist die Form für das direkte Objekt, also hier für das, worüber man nachdenkt.
- φοβάμαι + Akkusativ: Φοβάμαι το σκοτάδι. Vor dem gefürchteten Gegenstand steht normalerweise kein griechisches Wort für „vor“.
- θυμάμαι + Akkusativ oder Nebensatz: Θυμάμαι τη διεύθυνση. / Θυμάμαι ότι μένει εδώ.
- έρχομαι + από/σε: Έρχομαι από τη Γερμανία. / Έρχομαι στο γραφείο.
- κοιμάμαι steht meist ohne Objekt: Κοιμάμαι οκτώ ώρες.
Die Verneinung im Präsens ist unkompliziert: δεν steht vor dem Verb, etwa Δεν θυμάμαι („Ich erinnere mich nicht“) oder Δεν φοβόμαστε („Wir haben keine Angst“).
Beispiele im Zusammenhang
| Griechisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Κοιμάμαι νωρίς. | Ich gehe früh schlafen. | κοιμάμαι, 1. Person Singular |
| Τα παιδιά κοιμούνται ακόμα. | Die Kinder schlafen noch. | Plural auf -ούνται |
| Σκέφτομαι τις διακοπές. | Ich denke über den Urlaub nach. | Direktes Objekt im Akkusativ |
| Τι σκέφτεσαι; | Woran denkst du? | Die Person ist an der Endung erkennbar. |
| Φοβάμαι το σκοτάδι. | Ich habe Angst vor der Dunkelheit. | Im Griechischen ohne Präposition |
| Δεν φοβόμαστε τα σκυλιά. | Wir haben keine Angst vor Hunden. | Verneinung mit δεν |
| Δεν θυμάμαι το όνομά του. | Ich erinnere mich nicht an seinen Namen. | θυμάμαι mit direktem Objekt |
| Θυμάσαι πού μένει; | Erinnerst du dich, wo er/sie wohnt? | Danach kann ein Nebensatz folgen. |
| Η Μαρία έρχεται στις οκτώ. | Maria kommt um acht. | Gegenwart mit zukünftiger Zeitangabe |
| Ερχόμαστε από τη Θεσσαλονίκη. | Wir kommen aus Thessaloniki. | Herkunft mit από |
| Θέλω να κοιμηθώ λίγο. | Ich möchte ein wenig schlafen. | Einmaliges Ziel nach να |
| Αύριο θα έρθουν οι φίλοι μας. | Morgen werden unsere Freunde kommen. | Einmalige zukünftige Ankunft |
| Χτες σκέφτηκα τη συμβουλή σου. | Gestern dachte ich über deinen Rat nach. | Abgeschlossene Vergangenheit |
| Φοβήθηκε, αλλά δεν έφυγε. | Er/Sie bekam Angst, ging aber nicht weg. | φοβήθηκε ist aktiv gemeint. |
Häufige Fehler
1. Eine aktive Endung erfinden
- Falsch: Εγώ σκέφτω το πρόβλημα.
- Richtig: Σκέφτομαι το πρόβλημα.
- Warum: „Denken/nachdenken“ wird mit σκέφτομαι ausgedrückt. Die Form auf -μαι ist kein Zusatz, den man entfernen kann.
2. Die Form wörtlich als Passiv übersetzen
- Falsch verstanden: Η Ελένη έρχεται. = „Eleni wird gekommen.“
- Richtig: Η Ελένη έρχεται. = „Eleni kommt.“
- Warum: Nichtaktive Endungen tragen bei Deponentien keine passive Bedeutung. Entscheidend ist der gesamte Wörterbucheintrag, nicht die Endung allein.
3. Deutsche Präpositionen übernehmen
- Falsch: Φοβάμαι από το σκοτάδι.
- Richtig: Φοβάμαι το σκοτάδι.
- Warum: Deutsch sagt „Angst vor etwas haben“; φοβάμαι nimmt den gefürchteten Gegenstand direkt im Akkusativ. Übersetze nicht Wort für Wort.
4. -ται und -τε verwechseln
- Falsch: Αυτός σκέφτεστε πολύ.
- Richtig: Αυτός σκέφτεται πολύ.
- Warum: -ται bezeichnet hier die 3. Person Singular, -τε beziehungsweise -στε die 2. Person Plural: εσείς σκέφτεστε. Beide Endungen klingen ähnlich, werden aber anders geschrieben.
5. Für jedes Zeitverhältnis die Präsensform verwenden
- Falsch: Χτες σκέφτομαι το πρόβλημα.
- Richtig: Χτες σκέφτηκα το πρόβλημα.
- Warum: χτες bezeichnet gestern; eine abgeschlossene Überlegung verlangt hier den Aorist σκέφτηκα, eine griechische Vergangenheitsform für ein als Ganzes betrachtetes Ereignis.
6. Ein deutsches sich mechanisch ins Griechische übertragen
- Falsch gedacht: Weil „sich erinnern“ reflexiv ist, müsse im Griechischen zusätzlich ein Wort für „sich“ stehen.
- Richtig: Θυμάμαι τη διεύθυνση.
- Warum: Die Bedeutung ist bereits im Verb θυμάμαι enthalten. Umgekehrt braucht κοιμάμαι eine nichtaktive griechische Form, obwohl deutsches „schlafen“ gar nicht reflexiv ist.
Gebrauchshinweise
Subjektpronomen nur bei Bedarf
Wie bei anderen griechischen Verben genügt meist die Endung: Έρχομαι αύριο heißt bereits „Ich komme morgen“. Εγώ έρχομαι αύριο setzt einen Kontrast, etwa „Ich komme morgen, die anderen aber nicht“. Wer aus dem Deutschen jedes ich, du oder wir übernimmt, spricht nicht ungrammatisch, klingt aber schnell unnötig betont.
Präsens kann eine geplante Zukunft ausdrücken
Mit einer klaren Zeitangabe kann das Präsens einen festen Plan bezeichnen: Έρχομαι αύριο στις δέκα („Ich komme morgen um zehn“). Θα έρθω αύριο στις δέκα stellt die zukünftige Ankunft ausdrücklicher als einmaliges Ereignis dar. Beide Sätze sind möglich; der erste klingt oft wie eine bereits feststehende Verabredung.
Ähnliche Formen, unterschiedliche Verben
Einige Deponentien stehen neben aktiven Verben, die aber etwas anderes bedeuten. Diese Paare sind besonders nützlich:
| Deponens | Bedeutung | Aktives Verb | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| κοιμάμαι | schlafen | κοιμίζω | jemanden zum Schlafen bringen |
| φοβάμαι | Angst haben | φοβίζω | jemanden erschrecken |
| θυμάμαι | sich erinnern | θυμίζω | jemanden an etwas erinnern |
Der Formenunterschied entspricht hier einem Bedeutungsunterschied: Το παιδί κοιμάται („Das Kind schläft“), aber Η μητέρα κοιμίζει το παιδί („Die Mutter bringt das Kind zum Schlafen“).
Über A2 hinaus: weitere Zeiten und Aspekte
Diesen Abschnitt musst du auf A2 noch nicht vollständig beherrschen. Wichtig ist zunächst, die Präsensformen sicher als aktive Aussagen zu verstehen. Später zeigt sich jedoch, warum Deponentien immer mit mehreren Stammformen gelernt werden sollten.
Griechische Verben unterscheiden den Aspekt, also ob eine Handlung als Verlauf/Wiederholung oder als einmaliges Ganzes betrachtet wird. Bei häufigen Deponentien verändert sich dafür oft der Stamm:
| Wörterbuchform | Abgeschlossene Vergangenheit (Aorist) | Einmaliges Ziel nach να | Einmalige Zukunft |
|---|---|---|---|
| έρχομαι | ήρθα | να έρθω | θα έρθω |
| κοιμάμαι | κοιμήθηκα | να κοιμηθώ | θα κοιμηθώ |
| φοβάμαι | φοβήθηκα | να φοβηθώ | θα φοβηθώ |
| σκέφτομαι | σκέφτηκα | να σκεφτώ | θα σκεφτώ |
| θυμάμαι | θυμήθηκα | να θυμηθώ | θα θυμηθώ |
Die Formen κοιμήθηκα, φοβήθηκα und θυμήθηκα ähneln formal einem passiven Aorist. Ihre Bedeutung bleibt dennoch aktiv: φοβήθηκα heißt „ich bekam Angst“ oder „ich erschrak“, nicht „ich wurde gefürchtet“.
Auch der Gegensatz zwischen Verlauf und einmaligem Ereignis bleibt erhalten:
- Κάθε καλοκαίρι θα έρχομαι στην Ελλάδα. – Jeden Sommer werde ich nach Griechenland kommen. (wiederholt)
- Αύριο θα έρθω στην Ελλάδα. – Morgen werde ich nach Griechenland kommen. (einmalige Ankunft)
- Θέλω να κοιμάμαι οκτώ ώρες κάθε βράδυ. – Ich möchte jede Nacht acht Stunden schlafen. (Gewohnheit)
- Θέλω να κοιμηθώ τώρα. – Ich möchte jetzt schlafen. (einmaliges Ziel)
Befehlsformen können ebenfalls einen besonderen Stamm haben: Έλα! („Komm!“), Σκέψου το! („Denk darüber nach!“), Κοιμήσου! („Schlaf!“). Solche Formen sollte man als eigene Stammformen aufnehmen, statt sie spontan aus dem Präsens abzuleiten.
Nicht jedes Verb mit nichtaktiver Form ist automatisch eine Deponens. Formen wie πλένομαι („ich wasche mich/werde gewaschen“) können reflexiv oder tatsächlich passiv verstanden werden. Bei Deponentien wie έρχομαι gehört die nichtaktive Form dagegen zur Grundbedeutung. Diese Unterscheidung wird beim Thema reflexive Konstruktionen ausführlicher wichtig.
Übungstipps
- Lerne drei Formen statt nur einer. Notiere zum Beispiel σκέφτομαι – σκέφτηκα – να σκεφτώ und sprich zu jeder Form einen kurzen Satz. So bleibt nicht nur das Präsens hängen.
- Baue eine Personenkette. Konjugiere täglich ein Verb laut durch: φοβάμαι, φοβάσαι, φοβάται, φοβόμαστε, φοβάστε, φοβούνται. Achte besonders auf Akzent und auf den Unterschied zwischen -ται und -τε/-στε.
- Übersetze nach Bedeutung, nicht nach Form. Sammle kleine Paare wie κοιμάμαι = schlafen, θυμάμαι = sich erinnern, φοβάμαι = Angst haben. Markiere dabei, ob das Deutsche ein aktives Verb, ein reflexives Verb oder eine Wendung verwendet.
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