Das rumänische Imperfekt (Imperfectul)
Imperfectul
Dieser Artikel ist Teil des Rumänisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Das Imperfectul beschreibt Gewohnheiten, andauernde Vorgänge, Zustände und den Hintergrund einer Erzählung in der Vergangenheit: Mergeam la școală în fiecare zi bedeutet „Ich ging jeden Tag zur Schule“. Für ein abgeschlossenes Einzelereignis verwendet man dagegen meist das Perfectul compus: Ieri am mers la școală – „Gestern bin ich zur Schule gegangen“.
Überblick
Das rumänische Imperfectul ist eine Vergangenheitsform. Es zeigt eine Handlung von innen, also während sie lief, sich wiederholte oder als Zustand bestand. Anfang und Ende stehen nicht im Mittelpunkt. Typische deutsche Entsprechungen sind „damals machte ich …“, „ich pflegte … zu tun“, „ich war gerade dabei …“ oder einfach das Präteritum. Welche Übersetzung natürlich klingt, hängt vom Zusammenhang ab.
Auf dem Niveau B1 wird das Imperfekt vor allem zusammen mit dem bereits bekannten Perfectul compus wichtig. Der entscheidende Unterschied ist nicht derselbe wie zwischen deutschem Präteritum und Perfekt. Im Deutschen hängt die Wahl oft von Region, Textsorte und Verb ab: „ich ging“ und „ich bin gegangen“ können dasselbe abgeschlossene Ereignis bezeichnen. Im Rumänischen wählt man nach der Sicht auf das Geschehen: mergeam stellt Verlauf, Gewohnheit oder Hintergrund dar, am mers ein abgeschlossenes Ereignis.
Das Imperfekt begegnet einem häufig in Erinnerungen, Erzählungen und Beschreibungen: Wie war das Wetter? Was tat jemand regelmäßig? Was lief bereits, als etwas Neues geschah? Es ist außerdem bei Verben wie a fi „sein“, a avea „haben“, a ști „wissen“, a vrea „wollen“ und a crede „glauben“ besonders gebräuchlich, weil diese Verben oft einen länger bestehenden Zustand ausdrücken.
So funktioniert es
Personenendungen
Jede Imperfektform besteht aus einer Imperfektbasis (dem Teil des Verbs vor der Personenendung) und einer der Endungen -am, -ai, -a, -am, -ați, -au. Das Subjekt (wer etwas tut oder in einem Zustand ist) kann wie im Rumänischen allgemein oft wegfallen, weil die Verbform die Person erkennen lässt.
| Person | Endung | a cânta „singen“ | a vedea „sehen“ | a merge „gehen“ | a dormi „schlafen“ |
|---|---|---|---|---|---|
| eu „ich“ | -am | cântam | vedeam | mergeam | dormeam |
| tu „du“ | -ai | cântai | vedeai | mergeai | dormeai |
| el/ea „er/sie“ | -a | cânta | vedea | mergea | dormea |
| noi „wir“ | -am | cântam | vedeam | mergeam | dormeam |
| voi „ihr“ / dumneavoastră „Sie“ | -ați | cântați | vedeați | mergeați | dormeați |
| ei/ele „sie“ | -au | cântau | vedeau | mergeau | dormeau |
Die erste Person Singular und Plural sieht gleich aus: eu mergeam und noi mergeam. Wer gemeint ist, ergibt sich aus dem Subjekt oder dem Kontext. Gerade bei einem Themenwechsel setzt man deshalb eu oder noi ausdrücklich dazu.
Die Personenendungen sind regelmäßig; unterschiedlich ist jedoch die Basis. Praktisch ist es daher, neue Verben mit der Form der ersten Person Singular zu lernen:
- a cânta → cântam „ich sang / ich pflegte zu singen“
- a vedea → vedeam „ich sah / ich war am Sehen“
- a merge → mergeam „ich ging / ich war unterwegs“
- a citi → citeam „ich las / ich war am Lesen“
- a dormi → dormeam „ich schlief“
- a coborî → coboram „ich ging hinunter“
Man sollte also nicht bei jedem Verb mechanisch nur den letzten Buchstaben des Infinitivs entfernen. Bei a citi lautet die Form zum Beispiel citeam, nicht citiam; bei a face heißt sie făceam, nicht faceam.
Häufige besondere Formen
Einige sehr häufige Verben haben eine besondere Imperfektbasis. Ihre Personenendungen bleiben dennoch dieselben.
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Person Singular | 3. Person Singular |
|---|---|---|---|
| a fi | sein | eram | era |
| a avea | haben | aveam | avea |
| a vrea | wollen | voiam | voia |
| a ști | wissen | știam | știa |
| a face | machen | făceam | făcea |
| a da | geben | dădeam | dădea |
| a sta | bleiben, sich aufhalten | stăteam | stătea |
| a bea | trinken | beam | bea |
| a lua | nehmen | luam | lua |
Besonders wichtig ist a fi. Die vollständige Reihe lautet eram, erai, era, eram, erați, erau. Diese Formen erscheinen ständig in Beschreibungen: Era frig „Es war kalt“, Eram obosit „Ich war müde“.
Verneinung und Fragen
Für die Verneinung steht nu direkt vor dem Verb:
- Nu dormeam. – „Ich schlief nicht.“
- Nu aveau timp. – „Sie hatten keine Zeit.“
Eine Entscheidungsfrage braucht keine besondere Verbform. In der gesprochenen Sprache signalisiert vor allem die Satzmelodie die Frage:
- Citeai ceva? – „Warst du gerade dabei, etwas zu lesen?“
- Era acasă? – „War er/sie zu Hause?“
Die vier Hauptfunktionen
1. Gewohnheiten und Wiederholungen: Ausdrücke wie în fiecare zi „jeden Tag“, mereu „immer“, de obicei „gewöhnlich“ oder adesea „oft“ weisen häufig auf das Imperfekt hin.
Vara mergeam la bunici. – „Im Sommer fuhren wir immer zu den Großeltern.“
2. Ein laufender Vorgang: Die Handlung war zu einem bestimmten Zeitpunkt im Gange. Oft tritt ein kürzeres Ereignis im Perfectul compus hinzu.
Citeam când a sunat telefonul. – „Ich las gerade, als das Telefon klingelte.“
3. Zustände und Beschreibungen: Wetter, Alter, Gefühle, Besitz, Wissen und die Umgebung bilden oft den Hintergrund.
Era frumos afară și oamenii stăteau pe terasă. – „Draußen war es schön, und die Leute saßen auf der Terrasse.“
4. Gleichzeitige Vorgänge: Zwei Handlungen liefen parallel; häufig verbindet în timp ce „während“ die Sätze.
Eu găteam, în timp ce el punea masa. – „Ich kochte, während er den Tisch deckte.“
Imperfectul oder Perfectul compus?
| Gemeinte Sicht | Imperfectul | Perfectul compus |
|---|---|---|
| regelmäßige Gewohnheit | Duminica jucam fotbal. – Sonntags spielten wir Fußball. | — |
| laufender Hintergrund | Ploua. – Es regnete. | — |
| abgeschlossenes Einzelereignis | — | A plouat două ore. – Es hat zwei Stunden lang geregnet. |
| laufende Handlung + neues Ereignis | Dormeam … – Ich schlief gerade … | … când ai venit. – … als du kamst. |
| Zustand in einer Lebensphase | Locuiam la Cluj. – Ich wohnte damals in Cluj. | Am locuit la Cluj trei ani. – Ich habe drei Jahre in Cluj gewohnt. |
Eine Zeitangabe mit Dauer erzwingt also nicht automatisch das Imperfekt. Am locuit acolo trei ani fasst drei Jahre als abgeschlossenen Abschnitt zusammen. Locuiam acolo când ne-am cunoscut macht dieselbe Wohnsituation zum Hintergrund: „Ich wohnte dort, als wir uns kennenlernten.“
Beispiele im Zusammenhang
| Rumänisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Mergeam la școală în fiecare zi. | Ich ging jeden Tag zur Schule. | vergangene Gewohnheit |
| Citeai ceva? | Warst du gerade dabei, etwas zu lesen? | laufender Vorgang als Frage |
| Era frumos afară. | Draußen war es schön. | Hintergrundbeschreibung |
| Când eram mic, jucam fotbal. | Als ich klein war, spielte ich Fußball. | Lebensphase und Gewohnheit |
| Dormeam când m-ai sunat. | Ich schlief gerade, als du mich angerufen hast. | laufender Vorgang und neues Ereignis |
| În fiecare vară mergeam la mare. | Jeden Sommer fuhren wir ans Meer. | regelmäßige Wiederholung |
| Ea gătea, iar copiii se jucau în cameră. | Sie kochte, während die Kinder im Zimmer spielten. | zwei gleichzeitige Vorgänge |
| Nu știam răspunsul. | Ich wusste die Antwort nicht. | Wissenszustand |
| Pe atunci aveam douăzeci de ani. | Damals war ich zwanzig Jahre alt. | Alter in der Vergangenheit |
| De obicei luam autobuzul, dar ieri am mers pe jos. | Normalerweise nahm ich den Bus, aber gestern ging ich zu Fuß. | Gewohnheit gegenüber Einzelereignis |
| Ploua și bătea vântul. | Es regnete, und der Wind wehte. | Wetter als Kulisse |
| Voiam să vă întreb ceva. | Ich wollte Sie etwas fragen. | höflich abgeschwächte Bitte |
| La ora opt încă lucram. | Um acht arbeitete ich noch. | zu einem Zeitpunkt im Verlauf |
| Oamenii vorbeau, muzica se auzea încet, iar luminile erau stinse. | Die Leute unterhielten sich, leise Musik war zu hören, und die Lichter waren ausgeschaltet. | erzählerischer Hintergrund |
Häufige Fehler
1. Die deutsche Tempuswahl direkt übertragen
- Falsch: Ieri mergeam la medic. – wenn ein einmaliger, abgeschlossener Arztbesuch gemeint ist
- Richtig: Ieri am mers la medic.
- Warum: Das deutsche „Gestern ging ich zum Arzt“ steht zwar im Präteritum, ist aber ein abgeschlossenes Ereignis. Im Rumänischen ist dafür gewöhnlich das Perfectul compus nötig.
2. Ein Hilfsverb vor das Imperfekt setzen
- Falsch: Am mergeam la școală.
- Richtig: Mergeam la școală.
- Warum: Das Imperfekt ist eine einfache Verbform und braucht kein Hilfsverb. Am mers gehört zum Perfectul compus; die beiden Bauarten dürfen nicht vermischt werden.
3. Die Basis nur nach dem Schriftbild des Infinitivs bilden
- Falsch: Citiam o carte. / Faceam mâncare.
- Richtig: Citeam o carte. / Făceam mâncare.
- Warum: Manche Verben ändern ihre Basis. Die Form der ersten Person Singular sollte deshalb als Lernform mitgespeichert werden.
4. Jede Handlung mit când ins Imperfekt setzen
- Falsch: Când eram acasă, telefonul suna. – wenn ein einzelnes Klingeln gemeint ist
- Richtig: Când eram acasă, telefonul a sunat.
- Warum: Când „als/wenn“ entscheidet nicht allein über die Zeitform. Eram beschreibt den bestehenden Hintergrund; a sunat bezeichnet das neu eintretende Einzelereignis.
5. Eine abgeschlossene Dauer grundsätzlich als Imperfekt behandeln
- Falsch: Am fost la București și locuiam acolo trei ani. – wenn der dreijährige Aufenthalt vollständig beendet ist
- Richtig: Am locuit acolo trei ani.
- Warum: Eine Handlung kann lange dauern und trotzdem als Ganzes abgeschlossen sein. Dann steht meist das Perfectul compus.
Hinweise zum Gebrauch
Das Imperfekt ist weder gehoben noch selten. Es gehört in gesprochener und geschriebener Standardsprache zum normalen Erzählen. In einer Geschichte liefert es häufig die Kulisse, während das Perfectul compus die Handlung voranbringt: Era târziu. Străzile erau goale. Deodată, am auzit un zgomot. – „Es war spät. Die Straßen waren leer. Plötzlich hörte ich ein Geräusch.“
Pronomen wie eu oder noi werden nur gesetzt, wenn sie zur Klarheit, Betonung oder Gegenüberstellung beitragen. Weil cântam sowohl „ich sang“ als auch „wir sangen“ heißen kann, wird das Pronomen in einem unklaren Zusammenhang eher genannt: Eu cântam, iar ei dansau – „Ich sang, und sie tanzten.“
Die deutsche Übersetzung mit „gerade“ oder „immer“ ist oft hilfreich, aber diese Wörter müssen im rumänischen Satz nicht vorkommen. Umgekehrt sind Signalwörter keine unumstößliche Regel. Entscheidend bleibt, ob der Sprecher einen Verlauf beziehungsweise Hintergrund oder ein abgeschlossenes Ganzes darstellen will.
Bei a vrea dient das Imperfekt auch der Höflichkeit: Voiam să vă întreb… („Ich wollte Sie fragen …“) klingt zurückhaltender als Vreau să vă întreb… („Ich will/möchte Sie fragen …“). Wie im Deutschen bezieht sich der Wunsch dabei häufig auf die aktuelle Gesprächssituation und nicht wirklich auf eine vergangene Absicht.
Über die Grundlagen hinaus
Perspektive statt objektiver Handlungsart
Oft kann dasselbe reale Geschehen je nach Blickwinkel in beiden Zeiten stehen. Am citit toată seara fasst den ganzen Abend als abgeschlossenen Zeitraum zusammen: „Ich habe den ganzen Abend gelesen.“ Citeam toată seara kann dagegen eine wiederholte Gewohnheit in einer früheren Phase meinen oder das Lesen als laufenden Hintergrund darstellen. Nicht die Länge allein, sondern die gewählte Perspektive entscheidet.
Auch punktuelle Tätigkeiten können im Imperfekt erscheinen, wenn sie sich wiederholen: Bătea la ușă kann „Er/Sie klopfte wiederholt an die Tür“ oder „Er/Sie war gerade am Klopfen“ bedeuten. Das Imperfekt macht aus einzelnen Schlägen eine laufende Szene.
Zustandsverben und Bedeutungsnuancen
Bei Zustandsverben ist das Imperfekt sehr häufig:
- Știam adevărul. – „Ich wusste die Wahrheit.“
- Credeam că e acasă. – „Ich glaubte, er/sie sei zu Hause.“
- Avea o mașină veche. – „Er/Sie hatte ein altes Auto.“
Eine Form im Perfectul compus kann denselben Zustand als begrenzte, abgeschlossene Phase darstellen oder eine andere Gesprächsabsicht haben. Am vrut să te ajut blickt auf einen konkreten, abgeschlossenen Wunsch oder Versuch zurück; voiam să te ajut beschreibt die damals bestehende Absicht. Solche Unterschiede lassen sich im Deutschen oft nur durch Kontext oder zusätzliche Wörter ausdrücken.
Umgangssprachliche irreale Bedingungen
In der gesprochenen Sprache kann das Imperfekt in irrealen Bedingungssätzen erscheinen:
Dacă știam, veneam mai devreme. – „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich früher gekommen.“
Die Form bezeichnet hier keine wirkliche vergangene Gewohnheit, sondern eine nicht eingetretene Möglichkeit. In sorgfältiger oder formeller Sprache begegnet oft die ausdrückliche Konditionalstruktur Dacă aș fi știut, aș fi venit mai devreme. Für B1 reicht es, die umgangssprachliche Imperfektvariante zu erkennen; die vollständige Beherrschung solcher Bedingungssätze gehört zu einem späteren Lernschritt.
Lerntipps
- Lerne Kontraste statt Einzelformen. Bilde zu einer Situation zwei Sätze: De obicei mergeam cu autobuzul „Normalerweise fuhr ich mit dem Bus“ und Ieri am mers pe jos „Gestern ging ich zu Fuß“. So wird der Perspektivunterschied automatisiert.
- Speichere jedes neue Verb mit der Ich-Form. Notiere beispielsweise a face – făceam, a citi – citeam, a fi – eram. Danach lassen sich die übrigen Personen mit den regelmäßigen Endungen bilden.
- Erzähle eine alte Alltagsszene. Beschreibe zwei Minuten lang Kindheit, eine frühere Wohnung oder einen Urlaub. Nutze dabei pe atunci „damals“, de obicei „gewöhnlich“, în fiecare zi „jeden Tag“ und mindestens ein plötzliches Ereignis im Perfectul compus.
Verwandte Themen
- Voraussetzung: Perfectul compus – die übliche Form für abgeschlossene Ereignisse und der wichtigste Kontrast zum Imperfectul
- Nächster Schritt: Mai-mult-ca-perfectul – beschreibt, was bereits vor einem anderen vergangenen Zeitpunkt geschehen war
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