B1

Der Konditional im Ungarischen

Feltételes Mód

Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Der ungarische Konditional heißt feltételes mód und wird direkt am Verb markiert: olvasnék „ich würde lesen“, mennék „ich würde gehen“. Wie im Präsens gibt es eine unbestimmte und eine bestimmte Konjugation; deshalb stehen für „ich würde lesen“ je nach Objekt entweder olvasnék oder olvasnám. Dieselben Formen dienen auch für Wünsche, Vorschläge und höfliche Bitten: Kérnék egy kávét „Ich hätte gern einen Kaffee“.

Überblick

Der Konditional beschreibt eine Handlung nicht als Tatsache, sondern als vorgestellt, erwünscht oder von einer Bedingung abhängig. Im Deutschen verwendet man dafür oft würde + Infinitiv, eine Konjunktivform wie wäre oder eine höfliche Wendung mit möchte/könnte. Ungarisch braucht dagegen normalerweise kein separates Wort für „würde“: Die Bedeutung steckt in der Verbendung.

Dieses Thema gehört zum B1-Niveau. Die eigentliche Bildung ist überschaubar, setzt aber etwas Wichtiges voraus: Ungarische transitive Verben, also Verben mit einem Akkusativobjekt (der Person oder Sache, auf die sich die Handlung richtet), haben eine unbestimmte und eine bestimmte Konjugation. Vergleiche Olvasnék egy könyvet „Ich würde ein Buch lesen“ mit Olvasnám a könyvet „Ich würde das Buch lesen“.

Der Konditional begegnet dir sehr häufig im Alltag. Mit ihm bestellt man höflich, äußert Wünsche, macht vorsichtige Vorschläge und spricht über mögliche oder irreale Situationen. Die Personalform zeigt meist schon, wer handelt; ein Subjektpronomen wie én „ich“ muss daher nicht eigens stehen.

So funktioniert die Bildung

Die Grundidee

An den Verbstamm treten Konditionalendungen mit -n- und einem harmonierenden Vokal. Vokalharmonie bedeutet hier: Die Vokale der Endung passen sich meist an die Vokale im Stamm an. Bei hinteren Vokalen wie a, á, o, ó, u, ú erscheinen überwiegend Formen mit a/á; bei vorderen Vokalen wie e, é, i, í, ö, ő, ü, ű Formen mit e/é.

Praktisch lernst du am besten die vollständigen Endungen. Die erste Person Singular der unbestimmten Konjugation ist eine wichtige Ausnahme von der üblichen Vokalharmonie: Sie lautet immer -nék, auch nach hinteren Vokalen. Daher heißt es olvasnék, nicht olvasnák.

Unbestimmte Konjugation

Die unbestimmte Konjugation steht vor allem

  • ohne Objekt: mennék „ich würde gehen“,
  • mit einem unbestimmten Objekt: olvasnék egy könyvet „ich würde ein Buch lesen“,
  • mit Frage- und Indefinitpronomen wie mit? „was?“ oder valamit „etwas“.
Person Endung nach hinterem Vokal olvas „lesen“ Endung nach vorderem Vokal kér „bitten/verlangen“
én „ich“ -nék olvasnék -nék kérnék
te „du“ -nál olvasnál -nél kérnél
ő „er/sie“ -na olvasna -ne kérne
mi „wir“ -nánk olvasnánk -nénk kérnénk
ti „ihr“ -nátok olvasnátok -nétek kérnétek
ők „sie“ -nának olvasnának -nének kérnének

Bestimmte Konjugation

Die bestimmte Konjugation verwendest du, wenn das Objekt als bestimmt oder bereits identifiziert gilt, etwa bei a könyvet „das Buch“, ezt „dies hier“ oder einem Eigennamen. Sie baut auf demselben Unterschied auf wie die bestimmte Konjugation im Präsens.

Person Endung nach hinterem Vokal olvas „lesen“ Endung nach vorderem Vokal kér „bitten/verlangen“
én „ich“ -nám olvasnám -ném kérném
te „du“ -nád olvasnád -néd kérnéd
ő „er/sie“ -ná olvasná -né kérné
mi „wir“ -nánk olvasnánk -nénk kérnénk
ti „ihr“ -nátok olvasnátok -nétek kérnétek
ők „sie“ -nák olvasnák -nék kérnék

In der ersten und zweiten Person Plural sehen bestimmte und unbestimmte Formen gleich aus: olvasnánk, olvasnátok. Bei kérnék gibt es sogar zwei mögliche Analysen: „ich würde bitten“ (unbestimmt) oder „sie würden es verlangen“ (bestimmt). Objekt und Zusammenhang lösen solche Mehrdeutigkeiten fast immer auf.

Welcher Stamm wird verwendet?

Bei regelmäßigen Verben tritt die Endung an den Stamm: vár → várnék „ich würde warten“, beszél → beszélnék „ich würde sprechen“. Als praktische Kontrolle hilft oft der Infinitiv (die Wörterbuchform mit „zu“, etwa olvasni „lesen“): Nimmt man sein abschließendes -i weg, ist das für viele Verben bereits der Anfang der Konditionalform, zum Beispiel olvasn- + ék → olvasnék.

Einige sehr häufige Verben haben einen veränderten Stamm. Dieser ist meist auch im Infinitiv sichtbar und sollte als Ganzes gelernt werden:

Präsensform Infinitiv Konditional, 1. Person Singular Deutsch
megy menni mennék ich würde gehen
jön jönni jönnék ich würde kommen
eszik enni ennék ich würde essen
iszik inni innék ich würde trinken
tesz tenni tennék ich würde tun/legen
vesz venni vennék ich würde nehmen/kaufen
visz vinni vinnék ich würde bringen/tragen
hisz hinni hinnék ich würde glauben

Für „sein“ und „werden“ wird der Stamm len- gebraucht: lennék, lennél, lenne, lennénk, lennétek, lennének. Besonders häufig ist lenne „wäre“: Jó lenne „Das wäre gut“. Daneben gibt es volna, das unter anderem im Konditional der Vergangenheit eine feste Rolle hat.

Objektwahl Schritt für Schritt

Frage zuerst: Hat das Verb überhaupt ein Akkusativobjekt? Wenn nein, nimm die unbestimmte Form: Mennék „Ich würde gehen“. Gibt es ein Objekt, prüfe, ob es unbestimmt oder bestimmt ist:

  • egy filmet „einen Film“ → Néznék egy filmet.
  • a filmet „den Film“ → Nézném a filmet.
  • valamit „etwas“ → Ennék valamit.
  • ezt „dies“ → Megenném ezt.

Deutschsprachige Lernende müssen hier besonders aufpassen: Im Deutschen verändert der Unterschied zwischen „ein Buch“ und „das Buch“ nicht die Verbform. Im Ungarischen tut er das häufig.

Beispiele im Zusammenhang

Ungarisch Deutsch Hinweis
Olvasnék este. Ich würde heute Abend lesen. Kein Objekt, daher unbestimmt
Olvasnék egy regényt. Ich würde einen Roman lesen. Unbestimmtes Objekt
Olvasnám a regényt, de nincs időm. Ich würde den Roman lesen, aber ich habe keine Zeit. Bestimmtes Objekt
Mennék veletek. Ich würde mit euch gehen. Häufiger unregelmäßiger Stamm
Kérnék egy kávét. Ich hätte gern einen Kaffee. Höfliche Bestellung
Szeretnék pihenni. Ich möchte mich ausruhen. szeretnék + Infinitiv
Segítene nekem? Würden Sie mir helfen? Höfliche Frage; das Subjekt ön bleibt unausgesprochen
Mit ennél vacsorára? Was würdest du zu Abend essen? mit? verlangt die unbestimmte Form
Megennéd ezt? Würdest du das hier essen? ezt ist bestimmt
Ha több időm lenne, többet tanulnék magyarul. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehr Ungarisch lernen. Bedingung und Folge im Konditional
Ha esne, otthon maradnánk. Wenn es regnen würde, würden wir zu Hause bleiben. Vorgestellte Situation
Eljönnétek velünk? Würdet ihr mit uns kommen? Vorschlag oder Einladung
Jó lenne holnap találkozni. Es wäre gut, uns morgen zu treffen. Unpersönlicher Vorschlag mit lenne
Elolvashatnám az üzenetet? Könnte/dürfte ich die Nachricht lesen? Potentialsuffix -hat plus Konditional
Elmentem volna, de beteg voltam. Ich wäre gegangen, aber ich war krank. Konditional der Vergangenheit

Häufige Fehler

Die Vokalharmonie auf -nék anwenden

  • Falsch: Én olvasnák egy könyvet.
  • Richtig: Én olvasnék egy könyvet.
  • Warum: Die unbestimmte Endung der ersten Person Singular lautet stets -nék. Olvasnák ist eine andere Form: „sie würden es lesen“ in der bestimmten Konjugation.

Bei einem bestimmten Objekt die unbestimmte Form wählen

  • Falsch: Olvasnék a könyvet.
  • Richtig: Olvasnám a könyvet.
  • Warum: a könyvet bezeichnet „das Buch“ und ist bestimmt. Deshalb muss auch das Verb bestimmt konjugiert werden.

Nach deutschem Muster ein eigenes Wort für „würde“ einsetzen

  • Falsch: Volna menni Budapestre.
  • Richtig: Mennék Budapestre.
  • Warum: Im normalen Gegenwartskonditional trägt das Vollverb selbst die Endung. Die deutsche Konstruktion „würde gehen“ wird nicht Wort für Wort nachgebaut.

Nur den Folgesatz in den Konditional setzen

  • Unpassend für eine vorgestellte Situation: Ha lenne időm, elmegyek veled.
  • Richtig: Ha lenne időm, elmennék veled.
  • Warum: In ungarischen hypothetischen Bedingungssätzen stehen typischerweise sowohl die Bedingung als auch die Folge im Konditional. Das wird im Thema Bedingungssätze ausführlicher behandelt.

„Würde“ und „könnte/dürfte“ gleichsetzen

  • Andere Bedeutung: Elolvasnám. „Ich würde es lesen.“
  • Für Möglichkeit oder Erlaubnis: Elolvashatnám. „Ich könnte/dürfte es lesen.“
  • Warum: Das bloße Konditionalsuffix drückt keine Fähigkeit oder Erlaubnis aus. Dafür steht gewöhnlich zuerst -hat/-het und danach die Konditionalendung.

Hinweise zum Gebrauch

Der Konditional klingt bei Bitten zurückhaltender als das Präsens oder der Imperativ. Im Café sind Kérnék egy teát „Ich hätte gern einen Tee“ und Szeretnék egy teát „Ich möchte einen Tee“ ganz normale, höfliche Formulierungen. Kérek egy teát ist ebenfalls möglich und bedeutet wörtlicher „Ich nehme/bitte um einen Tee“, wirkt aber direkter.

Bei höflicher Anrede steht das Verb in der dritten Person Singular, passend zu ön oder maga: Segítene? „Würden Sie helfen?“ Das Anredepronomen wird oft weggelassen, wenn die Situation eindeutig ist. Ob die Verbform bestimmt oder unbestimmt ist, hängt trotzdem vom Objekt ab: Megnézné? „Würden Sie es sich ansehen?“ ist bestimmt, Várna egy kicsit? „Würden Sie ein wenig warten?“ unbestimmt.

Die Verneinung ist einfach: nem steht vor dem Verb, etwa Nem mennék „Ich würde nicht gehen“. Bei Verben mit Vorsilbe (zum Beispiel el- in elolvas „zu Ende lesen“) rückt die Vorsilbe nach dem verneinten Verb: Nem olvasnám el a könyvet „Ich würde das Buch nicht zu Ende lesen“. In einer neutralen positiven Aussage bleibt sie vorn: Elolvasnám a könyvet.

Über die Grundlagen hinaus

Der Konditional der Vergangenheit

Für nicht eingetretene Handlungen in der Vergangenheit verwendet Ungarisch die Vergangenheitsform des Verbs plus das unveränderliche Wort volna. Anders als beim Gegenwartskonditional erhält das Vollverb also keine -na/-ne-Endung:

Ungarisch Deutsch Hinweis
Elmentem volna. Ich wäre gegangen. Vergangenheitsform + volna
Elolvastam volna a levelet. Ich hätte den Brief gelesen. Bestimmtes Objekt
Ha szóltál volna, segítettem volna. Wenn du Bescheid gesagt hättest, hätte ich geholfen. Irreale Vergangenheit in beiden Teilsätzen

Volna verändert sich dabei nicht nach Person oder Zahl; die Personalinformation steckt schon in elmentem, szóltál, segítettem. Diese Konstruktion gehört auch zum Bereich der zusammengesetzten Zeitformen.

Konditional und Potentialsuffix kombinieren

Das Suffix -hat/-het drückt Möglichkeit, Fähigkeit oder Erlaubnis aus. Es steht vor der Konditionalendung: megy → mehet → mehetnék „ich könnte/dürfte gehen“, elolvas → elolvashat → elolvashatnám „ich könnte/dürfte es lesen“. Diese Kombination entspricht häufig dem deutschen könnte und wird im Potentialmodus mit -hat/-het vertieft.

Szeretnék und szeretném

Die Konditionalformen von szeret „lieben/mögen“ sind besonders häufig. Vor einem Infinitiv steht meist die unbestimmte Form: Szeretnék utazni „Ich möchte reisen“. Bei einem bestimmten Gegenstand steht die bestimmte Form: Szeretném ezt a könyvet „Ich möchte dieses Buch“. Die feste Einleitung Szeretném, ha … bedeutet „Ich möchte, dass …“ oder wörtlicher „Ich hätte es gern, wenn …“: Szeretném, ha eljönnél „Ich möchte, dass du kommst“.

Das besondere Objekt „dich/euch“

Handelt die erste Person Singular auf eine Person der zweiten Person ein, gibt es die besondere Endung -nálak/-nélek: Várnálak „Ich würde auf dich/euch warten“, Szeretnélek meghívni „Ich möchte dich/euch einladen“. Diese Form verbindet die Information „ich“ als Subjekt und „dich/euch“ als Objekt in einer einzigen Verbform. Für die sichere Alltagsverwendung reicht es zunächst, häufige Formen wie szeretnélek und várnálak als Einheit zu lernen.

Übungstipps

  1. Bilde immer Objektpaare. Sage zu fünf Verben jeweils einen Satz mit egy und einen mit a/az: Néznék egy filmet – Nézném a filmet. So übst du Bedeutung und Endung gleichzeitig.
  2. Lerne kurze höfliche Bausteine. Variiere Kérnék …, Szeretnék … und Segítene …? mit Dingen und Tätigkeiten aus deinem Alltag. Das macht die Formen sofort abrufbar.
  3. Markiere beim Lesen drei Elemente. Suche die Konditionalform, ihr Subjekt und gegebenenfalls ihr Objekt. Entscheide dann, warum die bestimmte oder unbestimmte Konjugation gewählt wurde.

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