Infinitivformen im Hebräischen
שם הפועל
Dieser Artikel ist Teil des Hebräisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Der hebräische Infinitiv heißt meist שֵׁם הַפֹּעַל und beginnt in seiner gewöhnlichen Form mit ל־: לכתוב „schreiben“, לדבר „sprechen“, להבין „verstehen“. Er verändert sich nicht nach Person, Geschlecht oder Zahl; seine genaue Form hängt jedoch vom Binyan, also vom jeweiligen Verbmuster, und von der Wurzel ab.
Überblick
Der Infinitiv ist die unveränderte Verbform, die im Deutschen etwa in „schreiben“, „zu schreiben“ oder „sprechen“ vorkommt. Im modernen Hebräisch begegnet er ständig: nach Wünschen und Fähigkeiten, bei Beginn oder Ende einer Handlung, in unpersönlichen Aussagen und zur Angabe eines Zwecks. אני רוצה לכתוב bedeutet „Ich möchte schreiben“, אסור לדבר „Sprechen ist verboten“ oder natürlicher „Man darf nicht sprechen“.
Auf B1-Niveau geht es nicht nur darum, das angefügte ל־ zu erkennen. Wichtig ist auch, die Infinitivformen verschiedener Binyanim (Verbbaureihen, die Wurzel und Vokalmuster verbinden) sicher zuzuordnen. לכתוב, לדבר, להבין und להתלבש haben dieselbe Satzfunktion, sehen aber verschieden aus, weil sie zu unterschiedlichen Binyanim gehören.
Für Deutschsprachige ist besonders zweierlei ungewohnt. Erstens wird ל־ direkt an das Verb geschrieben; es ist kein selbstständiges Wort wie deutsches „zu“. Zweitens steht es auch nach Wörtern wie „können“ und „müssen“, obwohl dort im Deutschen gerade kein „zu“ verwendet wird: אני יכול לבוא heißt „Ich kann kommen“.
So funktioniert es
Die Grundform mit ל־
Die im Alltag als שם הפועל bezeichnete Form ist historisch der Infinitivus constructus (eine Infinitivform, die sich mit Präfixen und in älteren Sprachstufen auch mit Endungen verbinden kann). Für den modernen Grundgebrauch genügt zunächst diese Regel:
ל־ + Infinitivstamm = שם הפועל
- כתב → לכתוב — schreiben
- דיבר → לדבר — sprechen
- הבין → להבין — verstehen
- התלבש → להתלבש — sich anziehen
Das ist eine Lernregel, keine zuverlässige Anleitung, den Infinitiv einfach von einer beliebigen gebeugten Form abzuschneiden. Wurzelkonsonanten, Vokale und manchmal auch Konsonanten verändern sich je nach Binyan. Deshalb sollte man bei jedem neuen Verb mindestens Präsensform und Infinitiv zusammen lernen, zum Beispiel כותב — לכתוב.
Das Präfix wird ohne Zwischenraum geschrieben. In unpunktiertem Hebräisch, also in gewöhnlichen Nachrichten, Büchern und Webseiten, sieht man meist לכתוב. Mit Vokalzeichen lautet dieselbe Form לִכְתֹּב.
Die wichtigsten Binyan-Muster
Die folgende Übersicht zeigt produktive Grundmuster. Ein „Muster“ ist keine Garantie dafür, dass jedes Verb genau dieselben Vokale hat: besonders Verben mit schwachen Wurzelkonsonanten wie א, ה, ו, י oder ע besitzen häufig eigene Formen.
| Binyan | Typische Infinitivform | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| פָּעַל / קַל | häufig לִקְטֹל, aber mit vielen Untergruppen | לכתוב, ללמוד, לשבת | schreiben, lernen, sitzen |
| נִפְעַל | häufig לְהִקָּטֵל | להיכנס, להיפגש | hineingehen, sich treffen |
| פִּעֵל | häufig לְקַטֵּל | לדבר, לספר | sprechen, erzählen |
| הִפְעִיל | häufig לְהַקְטִיל | להכתיב, להסביר | diktieren, erklären |
| הִתְפַּעֵל | häufig לְהִתְקַטֵּל | להתלבש, להתרגש | sich anziehen, sich freuen/aufgeregt sein |
Die Bedeutungsangaben eines Binyans sind nur Tendenzen. נפעל kann etwa passiv oder reflexiv wirken, und התפעל bezeichnet oft eine Handlung, die auf die handelnde Person zurückwirkt. Die tatsächliche Bedeutung muss trotzdem mit dem einzelnen Verb gelernt werden.
Einige sehr häufige Pa'al-Infinitive weichen sichtbar vom einfachen Muster ab:
| Infinitiv | Bedeutung | Lernhinweis |
|---|---|---|
| ללכת | gehen | nicht aus הולך mechanisch ableiten |
| לקחת | nehmen | feste, unregelmäßige Form lernen |
| לתת | geben | verkürzte Wurzelform |
| לבוא | kommen | Wurzel mit ו |
| לעשות | machen, tun | Wurzel mit ה in anderen Formen |
| לראות | sehen | unregelmäßige Vokal- und Schreibform |
Die passiven Binyanim פֻּעַל und הֻפְעַל besitzen im modernen Standardhebräisch normalerweise keinen produktiven Infinitiv. Wenn eine passive Bedeutung benötigt wird, formuliert man häufig mit נפעל, mit einem gebeugten Passivverb oder aktiv um. Man sollte also nicht für jedes Verb zwanghaft eine Form in allen sieben Binyanim bilden.
Der Infinitiv bleibt unverändert
Das Subjekt (die Person oder Sache, die handelt) beeinflusst den Infinitiv nicht. Nur das vorangehende gebeugte Verb kann sich anpassen:
| Subjekt | Satz | Deutsch |
|---|---|---|
| אני, männlich | אני רוצה לכתוב. | Ich möchte schreiben. |
| אני, weiblich | אני רוצה לכתוב. | Ich möchte schreiben. |
| היא | היא רוצה לכתוב. | Sie möchte schreiben. |
| הם | הם רוצים לכתוב. | Sie möchten schreiben. |
| הן | הן רוצות לכתוב. | Sie möchten schreiben. |
Ohne Vokalzeichen sehen die beiden Formen רוצה gleich aus, werden aber je nach Geschlecht unterschiedlich ausgesprochen. לכתוב bleibt in allen Zeilen gleich.
Nach Wünschen, Fähigkeiten und Verlaufsverben
Viele Wörter verbinden sich direkt mit einem Infinitiv:
- Wunsch und Vorliebe: רוצה, מעדיף, אוהב
- Fähigkeit oder Versuch: יכול, מצליח, מנסה
- Beginn, Fortsetzung und Ende: מתחיל, ממשיך, מפסיק
- Entscheidung und Absicht: מחליט, מתכוון
Das erste Verb wird passend zu Person, Geschlecht, Zahl und Zeit gebeugt; der Infinitiv bleibt fest: התחלתי ללמוד „Ich begann zu lernen“, הן ימשיכו לעבוד „Sie werden weiterarbeiten“.
Unpersönliche Ausdrücke
Nach Wörtern wie צריך „es ist nötig/man muss“, אפשר „es ist möglich/man kann“, כדאי „es ist ratsam“, מותר „es ist erlaubt“, אסור „es ist verboten“, חשוב „es ist wichtig“ und קשה „es ist schwierig“ folgt sehr oft ein Infinitiv:
- צריך ללמוד. — Man muss lernen.
- אפשר להיכנס? — Darf man hereinkommen?/Kann man hineingehen?
- קשה להבין. — Es ist schwer zu verstehen.
Hebräisch benötigt hier weder ein unpersönliches „es“ noch „man“. Der Ausdruck kann direkt am Satzanfang stehen.
Zweck mit כדי
Für deutsches „um … zu“ verwendet man gewöhnlich כדי + Infinitiv:
באתי כדי לעזור. — Ich bin gekommen, um zu helfen.
Das deutsche „um“ darf nicht zusätzlich durch בשביל vor einer vollständigen Infinitivkonstruktion nachgebildet werden. כדי ist die sichere Standardwahl, wenn eine Handlung den Zweck einer anderen nennt.
Verneinung und Objekte
Zur Verneinung steht לא vor der vollständigen Infinitivform:
החלטתי לא לנסוע. — Ich habe beschlossen, nicht zu fahren.
Ein direktes Objekt (die Person oder Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet) folgt denselben Regeln wie bei einem gebeugten Verb. Ist es bestimmt, steht meist את:
- אני רוצה לקרוא ספר. — Ich möchte ein Buch lesen.
- אני רוצה לקרוא את הספר. — Ich möchte das Buch lesen.
Beispiele im Zusammenhang
| Hebräisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| אני רוצה לכתוב. | Ich möchte schreiben. | Wunsch mit רוצה |
| צריך ללמוד. | Man muss lernen. | unpersönliches צריך |
| אסור לדבר כאן. | Hier darf man nicht sprechen. | Verbot mit אסור |
| קשה להבין את השאלה. | Es ist schwer, die Frage zu verstehen. | unpersönlicher Ausdruck; bestimmtes Objekt |
| היא אוהבת לקרוא לפני השינה. | Sie liest vor dem Schlafengehen gern. | Vorliebe mit אוהבת |
| אנחנו יכולים להיפגש מחר. | Wir können uns morgen treffen. | Fähigkeit; Nif'al-Infinitiv |
| התחלתי לעבוד בשמונה. | Ich habe um acht angefangen zu arbeiten. | Beginn einer Handlung |
| הם הפסיקו לעשן. | Sie haben aufgehört zu rauchen. | Ende einer Handlung |
| כדאי להזמין מקום מראש. | Es ist ratsam, im Voraus zu reservieren. | Empfehlung mit כדאי |
| מותר להיכנס? | Darf man hereinkommen? | Frage nach Erlaubnis |
| באתי כדי לעזור לך. | Ich bin gekommen, um dir zu helfen. | Zweck mit כדי |
| החלטנו לא לנסוע ברכב. | Wir haben beschlossen, nicht mit dem Auto zu fahren. | לא vor dem Infinitiv |
| הוא ניסה להסביר את הבעיה. | Er versuchte, das Problem zu erklären. | Versuch; Hif'il-Infinitiv |
| חשוב לזכור את הכתובת. | Es ist wichtig, sich die Adresse zu merken. | unpersönliches חשוב |
| הילדים צריכים להתלבש מהר. | Die Kinder müssen sich schnell anziehen. | Hitpa'el-Infinitiv |
Häufige Fehler
1. ל־ als eigenes Wort schreiben
- Falsch: אני רוצה ל כתוב.
- Richtig: אני רוצה לכתוב.
- Warum: Das Infinitivpräfix ל־ wird unmittelbar mit der Verbform verbunden. Ein Leerzeichen wie vor deutschem „zu“ ist nicht möglich.
2. Nach „können“ die Form ohne ל־ verwenden
- Falsch: אני יכול כתוב.
- Richtig: אני יכול לכתוב.
- Warum: Deutsches „Ich kann schreiben“ enthält kein „zu“. Hebräisch verlangt nach יכול trotzdem die gewöhnliche Infinitivform mit ל־.
3. Den Infinitiv an das Subjekt anpassen
- Falsch: הן רוצות כותבות.
- Richtig: הן רוצות לכתוב.
- Warum: רוצות stimmt mit dem weiblichen Plural הן überein. Der Infinitiv לכתוב hat dagegen weder Person noch Geschlecht noch Zahl.
4. Den Infinitiv nur aus dem Präsens erraten
- Falsch: aus הולך eine Form wie להולך bilden
- Richtig: ללכת
- Warum: Gerade häufige Pa'al-Verben können unregelmäßige Infinitive haben. Präsens und Infinitiv sollten als Formenpaar gelernt werden.
5. Deutsches „um zu“ Wort für Wort nachbauen
- Falsch: באתי לעזור כדי
- Richtig: באתי כדי לעזור.
- Warum: כדי steht vor dem Infinitiv und leitet den Zweck ein. Die hebräische Reihenfolge folgt nicht der geteilten deutschen Konstruktion „um … zu“.
6. לא zwischen ל־ und den Stamm setzen
- Falsch: החלטתי ללא נסוע.
- Richtig: החלטתי לא לנסוע.
- Warum: לא verneint die ganze Infinitivgruppe und steht davor. ללא ist eine eigene Präposition mit der Bedeutung „ohne“ und passt hier nicht.
Hinweise zum Gebrauch
In gesprochener Sprache sind unpersönliche Infinitivsätze besonders häufig. אפשר לקבל חשבון? heißt wörtlich ungefähr „Ist es möglich, eine Rechnung zu bekommen?“, ist aber eine ganz normale höfliche Bitte: „Kann ich bitte die Rechnung bekommen?“ Ebenso kann כדאי לבדוק je nach Zusammenhang „Es wäre gut, das zu prüfen“ oder „Das sollte man prüfen“ bedeuten.
Auf Schildern und in kurzen Anweisungen steht oft ein verneinter Infinitiv: לא לגעת! „Nicht berühren!“ oder höflicher נא לא להיכנס „Bitte nicht eintreten“. Diese Form nennt keine angesprochene Person und wirkt deshalb allgemein. In einem persönlichen Gespräch kann dagegen ein Imperativ oder eine andere direkte Verbform natürlicher sein.
Auch בלי „ohne“ und במקום „anstatt“ können vor der normalen ל־Form stehen: בלי לדבר „ohne zu sprechen“, במקום לעבוד „anstatt zu arbeiten“. Nicht jede deutsche Präposition lässt sich aber so übertragen. Vor „bevor“ und „nachdem“ verwendet Hebräisch meist einen Satz mit ש־ oder ein Substantiv: לפני שיוצאים „bevor man hinausgeht“, nicht eine wörtliche Nachbildung von „vor hinauszugehen“.
Die Vokalzeichen werden im Alltag gewöhnlich weggelassen. Dadurch sind die Binyan-Muster optisch weniger deutlich als in einem Lehrbuch. Beim Lesen helfen bekannte Anfangsfolgen wie להת־ bei vielen Hitpa'el-Infinitiven und להי־ bei vielen Nif'al-Infinitiven. Sie sind gute Hinweise, ersetzen aber nicht das Lernen des einzelnen Verbs.
Über die Grundlagen hinaus
Infinitiv und Verbalsubstantiv sind nicht dasselbe
Deutsch kann einen Infinitiv durch Großschreibung wie ein Substantiv verwenden: „Schreiben macht Spaß.“ Hebräisch hat dafür oft ein Verbalsubstantiv (ein Substantiv, das eine Handlung bezeichnet), auf Hebräisch שֵׁם פְּעֻלָּה:
| Verb | Infinitiv | Verbalsubstantiv | Beispiel |
|---|---|---|---|
| כתב | לכתוב — schreiben | כתיבה — das Schreiben | הכתיבה חשובה. — Das Schreiben ist wichtig. |
| דיבר | לדבר — sprechen | דיבור — das Sprechen/die Rede | הדיבור ברור. — Die Aussprache bzw. Rede ist klar. |
| למד | ללמוד — lernen | לימוד — Lernen/Studium | הלימוד דורש זמן. — Das Lernen braucht Zeit. |
Nach רוצה, יכול oder כדאי braucht man normalerweise den Infinitiv. Wenn die Handlung selbst als Gegenstand benannt, mit einem Artikel versehen oder näher beschrieben wird, ist häufig das Verbalsubstantiv passender.
Gehobene und feste flektierte Formen
In formellem, literarischem und älterem Hebräisch kann der Infinitivus constructus mit Präfixen und besitzanzeigenden Endungen erscheinen. Die Endung bezeichnet dann oft die handelnde Person:
- בבואו — bei seinem Kommen, als er kam
- בצאתה — bei ihrem Hinausgehen, als sie hinausging
- לראותו — ihn zu sehen
Solche Formen sind für das Verständnis von Nachrichten, Literatur und festen Wendungen nützlich. Im Alltagshebräischen werden sie häufig durch einen vollständigen Nebensatz oder durch את plus Objekt ersetzt, etwa כשהוא בא „als er kam“ oder לראות אותו „ihn zu sehen“.
Nicht mit מקור מוחלט verwechseln
Der מָקוֹר מֻחְלָט „absolute Infinitiv“ ist eine andere, vor allem biblische und gehobene Form. Er kann ein gebeugtes Verb verstärken, etwa שָׁמוֹר תִּשְׁמֹר sinngemäß „Du sollst es ganz gewiss bewahren“. Er trägt normalerweise nicht das alltägliche ל־ und ist nicht die Form, die nach רוצה, צריך oder כדי steht. Die ähnlichen deutschen Fachbezeichnungen dürfen daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um zwei verschiedene Konstruktionen handelt.
Tipps zum Üben
- Lerne Formenpaare statt Einzelwörter. Notiere zu jedem neuen Verb Präsens und Infinitiv, zum Beispiel מדבר — לדבר, מבין — להבין, מתלבש — להתלבש. Markiere dabei den Binyan.
- Baue eine Satzleiter. Verwende denselben Infinitiv nacheinander mit רוצה, יכול, צריך, אסור und כדי. So wird deutlich, dass die Infinitivform gleich bleibt, während sich der Satzrahmen ändert.
- Achte beim Hören auf die Anfänge. Sammle in Gesprächen oder Podcasts Formen mit ל־, להי־ und להת־. Prüfe anschließend im Wörterbuch Bedeutung, Binyan und unpunktierte Schreibweise.
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Voraussetzung
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