B1

Relativsätze im Hawaiianischen

Kuhina

Dieser Artikel ist Teil des Hawaiisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Ein hawaiianischer Relativsatz steht nach dem Nomen, das er näher beschreibt: ka wahine i hele mai „die Frau, die kam“. Ein eigenes Relativpronomen wie deutsches der, die, das gibt es dabei meist nicht. Ist das beschriebene Nomen nicht der Handelnde, sind Muster mit einer a-Form des Handelnden und abschließendem ai besonders wichtig: ka puke aʻu i heluhelu ai „das Buch, das ich gelesen habe“.

Überblick

Ein Relativsatz liefert Zusatzinformationen zu einem Nomen (einem Wort für eine Person, einen Ort oder eine Sache). Im Deutschen geschieht das häufig mit der, die, das, den, dem oder wo: „das Buch, das ich gelesen habe“. Im Hawaiianischen folgt der beschreibende Satz ebenfalls auf das Nomen, beginnt aber normalerweise nicht mit einem Relativpronomen, das Genus und Fall anzeigt.

Das Thema gehört zum B1-Niveau, weil mehrere bereits bekannte Bausteine zusammenwirken: Satzpartikeln wie i und e, die übliche Stellung der Satzteile, Besitzformen und komplexe Sätze. Der Kern ist dennoch überschaubar: Zuerst wird das Bezugswort genannt, danach folgt die Information, die es identifiziert oder beschreibt.

Für deutschsprachige Lernende ist vor allem ein Gewohnheitswechsel nötig. Man darf nicht nach einer hawaiianischen Entsprechung für jedes deutsche der/die/das suchen. Stattdessen entscheidet die Rolle des Bezugsworts im Relativsatz darüber, welches Muster passt: Handelt es selbst, wird es als Subjekt verstanden; ist es Ziel der Handlung, Ort oder Zeitpunkt, kann ai auf diese ausgesparte Rolle zurückverweisen.

So funktioniert es

1. Das Bezugswort steht zuerst

Das Bezugswort ist das Nomen, über das der Relativsatz etwas sagt. Die Grundreihenfolge lautet:

Funktion des Bezugsworts Grundmuster Beispiel Bedeutung
Handelnder bei einem einfachen Verb Nomen + i + Verb + Ergänzungen ka wahine i hele mai die Frau, die kam
Handelnder, ausdrücklich hervorgehoben Nomen + nāna i + Verb + Objekt ke kanaka nāna i kūkulu i ka hale der Mann/die Person, der bzw. die das Haus baute
Ziel einer Handlung Nomen + Handelnder in a-Form + i + Verb + ai ka puke aʻu i heluhelu ai das Buch, das ich las
Ort oder Rahmen der Handlung Nomen + Handelnder in a-Form + i + Verb + ai ka wahi aʻu i noho ai der Ort, an dem ich wohnte

Das Nomen mit seinem Relativsatz bildet zusammen eine Nominalgruppe, also eine Wortgruppe, die im größeren Satz wie eine Person oder Sache verwendet wird. Sie kann beispielsweise Subjekt oder Objekt des ganzen Satzes sein.

2. Wenn das Bezugswort selbst handelt

Ist das Bezugswort das Subjekt (wer oder was die Handlung ausführt), kann der beschreibende Satz unmittelbar folgen:

  • ka wahine i hele mai — die Frau, die kam
  • nā haumāna i hiki mai i nehinei — die Lernenden, die gestern ankamen
  • ka poʻe e noho ana ma Hilo — die Leute, die in Hilo wohnen

i vor dem Verb begegnet häufig bei vergangenen oder abgeschlossenen Ereignissen. Für eine laufende oder allgemein betrachtete Handlung können die bereits bekannten Aspektmuster erhalten bleiben, etwa e + Verb + ana. Die Verbgruppe wird also nicht nach deutschem Vorbild ans Satzende verschoben.

Bei einer transitiven Handlung, also einer Handlung mit einem direkten Objekt (wer oder was von der Handlung betroffen ist), kann der Handelnde mit na/nā- besonders klar bezeichnet werden:

  • ke kanaka nāna i kūkulu i ka hale — die Person, die das Haus baute
  • ke kumu nāna i aʻo mai iā mākou — die Lehrkraft, die uns unterrichtete

nāna bedeutet hier sinngemäß „von ihm/ihr; er/sie war es, der/die …“. Es verweist auf das vorangehende ke kanaka oder ke kumu zurück und kennzeichnet diese Person als Urheber der Handlung. Am sichersten lernt man zunächst die vollständige Verbindung Nomen + nāna i + Handlung; aus der deutschen Übersetzung allein lässt sich die Form nicht zuverlässig erraten.

3. Wenn das Bezugswort nicht selbst handelt: a-Form und ai

In ka puke aʻu i heluhelu ai ist ka puke nicht der Leser, sondern das Gelesene. Der Platz, den „das Buch“ innerhalb des Relativsatzes hätte, bleibt unausgesprochen. ai greift diese fehlende Rolle am Ende der Verbgruppe wieder auf.

Das häufige Muster lautet:

Bezugswort + a-Form des Handelnden + i + Verb + ai

  • ka puke aʻu i heluhelu ai — das Buch, das ich gelesen habe
  • ka meaʻai āna i hoʻomākaukau ai — das Essen, das er/sie zubereitet hat
  • ke kiʻi a Keola i pena ai — das Bild, das Keola gemalt hat

Die Formen aʻu, āu, āna sehen Besitzformen ähnlich, erfüllen hier aber die Aufgabe, den Handelnden des eingebetteten Satzes anzugeben. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Deutschen: Deutsch setzt „ich/du/er“ als gewöhnliches Subjekt ein; Hawaiianisch verwendet in diesem Muster eine a-Form.

Handelnder im Relativsatz a-Form Beispielanfang
ich aʻu ka puke aʻu …
du āu ka puke āu …
er/sie āna ka puke āna …
Keola a Keola ka puke a Keola …
wir (exklusiv) a mākou ka hale a mākou …

Die Unterscheidung zwischen aʻu und āna einerseits sowie naʻu und nāna andererseits ist nicht bloß eine Frage der Betonung. Sie hängt mit der grammatischen Rolle zusammen: Im ai-Muster benennt die a-Form den Handelnden, während das vorangestellte Nomen die ausgesparte Rolle übernimmt. Im nāna i-Muster ist das Bezugswort selbst der ausdrücklich identifizierte Handelnde.

4. Orte, Zeiten und andere Rahmenangaben

ai wird nicht nur verwendet, wenn das Bezugswort einem deutschen Akkusativobjekt entspricht. Es kann auch auf einen Ort, eine Zeit oder einen anderen bereits genannten Rahmen zurückweisen:

  • ka wahi aʻu i noho ai — der Ort, an dem ich wohnte
  • ka lā a kākou i hui ai — der Tag, an dem wir uns trafen
  • ka manawa āna i hiki mai ai — der Zeitpunkt, zu dem er/sie ankam

Deutsch wechselt hier zwischen an dem, zu dem, wo und weiteren Verbindungen. Hawaiianisch ordnet nicht jeder deutschen Variante ein anderes Relativpronomen zu. Entscheidend ist, dass der Rahmen vorangestellt ist und ai innerhalb des abhängigen Satzes darauf zurückweist.

5. Der Relativsatz behält hawaiianische Satzmuster

Ein Relativsatz ist kein deutscher Nebensatz in hawaiianischen Wörtern. Aspekt- und Richtungsangaben bleiben bei ihrem Verb:

  • i hele mai — der/die hierherkam
  • e noho ana ma Hilo — der/die in Hilo wohnt/gerade lebt
  • i kākau ai — das, was geschrieben wurde beziehungsweise was jemand schrieb

Insbesondere gibt es keine deutsche Verbendstellung. Auch ein Komma wird nicht automatisch nur deshalb gesetzt, weil in der deutschen Übersetzung eines nötig wäre. Ob eine Information eng einschränkend oder eher als Einschub gemeint ist, ergibt sich aus Zusammenhang, Sprechpause und Zeichensetzung des jeweiligen Textes.

Beispiele im Zusammenhang

Hawaiianisch Deutsch Hinweis
Ka wahine i hele mai. Die Frau, die kam. Das Bezugswort handelt selbst.
Nā haumāna i hiki mai i nehinei. Die Lernenden, die gestern ankamen. Einfaches Subjektmuster mit i.
Ka poʻe e noho ana ma Hilo. Die Leute, die in Hilo wohnen. Laufende Handlung mit e … ana.
ʻO kēia ke kanaka nāna i kūkulu i ka hale. Das ist die Person, die das Haus gebaut hat. nāna i hebt den Urheber hervor.
Ua mahalo au i ke kumu nāna i aʻo mai iā mākou. Ich dankte der Lehrkraft, die uns unterrichtete. Der gesamte Ausdruck folgt auf ke kumu.
Ka puke aʻu i heluhelu ai. Das Buch, das ich gelesen habe. Das Buch ist das Gelesene; ai verweist darauf zurück.
Aia ka leka āu i kākau ai ma ka pākaukau. Der Brief, den du geschrieben hast, liegt auf dem Tisch. āu bezeichnet „du“ als Schreibenden.
Ua ʻike au i ke kiʻi a Keola i pena ai. Ich sah das Bild, das Keola gemalt hat. Ein Name folgt auf a.
Maikaʻi ka meaʻai āna i hoʻomākaukau ai. Das Essen, das er/sie zubereitet hat, ist gut. āna … ai für „das er/sie …“.
ʻO kēia ka hale a mākou i noho ai. Das ist das Haus, in dem wir wohnten. Das Bezugswort bezeichnet einen Ort.
Hoʻomanaʻo au i ka lā a kākou i hui ai. Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir uns trafen. ai greift den Zeitpunkt auf.
ʻO ia ka mea aʻu i ʻike ʻole ai. Das ist die Sache, die ich nicht gesehen habe. ʻole verneint das Verb innerhalb des Relativsatzes.

Häufige Fehler

Ein deutsches Relativpronomen Wort für Wort nachbilden

  • Falsch: ka puke kaʻu i heluhelu als pauschale Entsprechung von „das Buch, das ich las“
  • Richtig: ka puke aʻu i heluhelu ai
  • Warum: Das deutsche das hat hier keine eigenständige hawaiianische Entsprechung. Das hawaiianische Muster markiert den Handelnden mit aʻu und greift das Buch mit ai wieder auf.

ai beim vorangestellten Objekt weglassen

  • Falsch: ka puke aʻu i heluhelu
  • Richtig: ka puke aʻu i heluhelu ai
  • Warum: Im hier gelernten Objektmuster zeigt ai, dass die ausgesparte Ergänzung bereits als ka puke genannt wurde.

ai an jeden Relativsatz anhängen

  • Falsch: ka wahine i hele mai ai für die einfache Bedeutung „die Frau, die kam“
  • Richtig: ka wahine i hele mai
  • Warum: Die Frau ist hier selbst das Subjekt von hele mai. ai wird nicht als allgemeines Schlusszeichen für Relativsätze verwendet.

nāna und āna verwechseln

  • Falsch: ka puke nāna i heluhelu ai für „das Buch, das er/sie las“
  • Richtig: ka puke āna i heluhelu ai
  • Warum: Beim Objektmuster mit abschließendem ai steht hier die a-Form āna. nāna i gehört zum Muster, das den Handelnden als Bezugsgröße hervorhebt.

Die deutsche Verbendstellung übertragen

  • Falsch gedacht: Erst alle Ergänzungen nennen und das hawaiianische Verb ans Ende stellen.
  • Richtig: ka meaʻai āna i hoʻomākaukau ai
  • Warum: Hawaiianische Verbpartikeln und das Verb bleiben zusammen. Die deutsche Übersetzung „das Essen, das er zubereitet hat“ ist kein Bauplan für die Wortstellung.

Gebrauchshinweise

Relativsätze stehen direkt beim Ausdruck, den sie erklären. Bei langen Sätzen hilft es deshalb, beim Lesen zuerst das Bezugswort zu markieren und dann das Ende der beschreibenden Einheit zu suchen. ai ist dabei ein wertvolles Signal, aber nicht jeder Relativsatz enthält es.

Das nāna i-Muster wirkt oft klar identifizierend: Es beantwortet sinngemäß „Wer war es, der das tat?“. Dadurch eignet es sich besonders, wenn der Urheber wichtig ist. Ein schlicht nachgestellter Satz wie ka wahine i hele mai genügt dagegen, wenn das Bezugswort als Handelnder ohne besondere Gegenüberstellung beschrieben wird.

Achte in sorgfältig geschriebenem Hawaiianisch auf ʻokina und kahakō. āna und nāna sind nicht austauschbare Schreibvarianten. Die Längenzeichen machen die Form sichtbar und unterstützen die richtige Aussprache. In älteren Texten können diakritische Zeichen fehlen; als Lernender sollte man daraus aber nicht schließen, dass sie bedeutungslos seien.

Über die Grundlagen hinaus

ai gehört zu einem größeren System abhängiger Sätze. Es kann auf vorangestellte Orte, Zeiten, Gründe oder andere Satzteile zurückweisen und erscheint daher auch außerhalb von Nominalgruppen, die sich im Deutschen mit der/die/das übersetzen lassen. Die genaue Funktion erkennt man aus dem Ausdruck vor dem abhängigen Satz und aus der Valenz des Verbs, also daraus, welche Ergänzungen das Verb normalerweise verlangt.

Fortgeschrittene Texte kombinieren Relativsätze außerdem mit Verneinung, Aspekt, Richtung und längeren Nominalgruppen. In ka mea aʻu i ʻike ʻole ai bleibt das Grundgerüst erkennbar, obwohl ʻole die Handlung verneint. Ebenso können statt einzelner Nomen Ausdrücke wie ka poʻe „die Leute“ oder ka manawa „die Zeit/der Zeitpunkt“ als Bezugsgröße dienen.

Nicht jeder deutsche Relativsatz sollte beim Übersetzen dieselbe hawaiianische Form erhalten. Deutsche Sätze mit was, wo, womit oder weshalb verdecken unterschiedliche grammatische Rollen. Eine zuverlässige Analyse geht daher in drei Schritten vor: Bezugswort bestimmen, seine Rolle im eingebetteten Satz prüfen und erst dann zwischen direkter Nachstellung, nāna i und einem ai-Muster wählen.

Übungstipps

  1. Rollen markieren: Unterstreiche in zehn deutschen Beispielen zuerst das Bezugswort. Notiere daneben „handelt selbst“, „ist betroffen“, „Ort“ oder „Zeit“. Bilde erst danach den hawaiianischen Satz.
  2. Muster paarweise üben: Stelle ke kanaka nāna i kākau i ka leka „die Person, die den Brief schrieb“ und ka leka āna i kākau ai „der Brief, den er/sie schrieb“ direkt gegenüber. So wird der Unterschied zwischen nāna und āna … ai hör- und sichtbar.
  3. Beim Lesen Signale sammeln: Suche in kurzen hawaiianischen Texten nach aʻu i … ai, āna i … ai und nāna i. Schreibe jeweils Bezugswort, Handelnden und ausgesparte Rolle in eine kleine Tabelle.

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