Verbalnomen und Nominalisierung im Baskischen
Aditz Izenak
Dieser Artikel ist Teil des Baskisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Mit -tze/-te wird eine Handlung wie ein Nomen behandelt: ikasi „lernen“ wird zu ikastea „das Lernen“. Diese Form kann im Satz Subjekt oder Objekt sein und baskische Kasusendungen annehmen: ikastea, ikasteari, ikasteaz, ikastearen. Bildungen mit -pen sind dagegen meist eigenständige Wörter wie garapena „Entwicklung“ und müssen als Wortschatz gelernt werden.
Überblick
Ein Verbalnomen ist eine Verbform, die im Satz die Rolle eines Nomens übernimmt. Ein Nomen ist ein Wort für eine Person, Sache oder Vorstellung; beim Verbalnomen wird auch eine Handlung oder ein Vorgang zu einer solchen „Sache“. Deutsch macht das etwa mit das Lesen, beim Lesen oder statt zu gehen. Im Baskischen heißt das entsprechende Grundmuster irakurtzea, irakurtzean beziehungsweise joatearen ordez.
Das Thema gehört zum Niveau B2, weil hier mehrere bereits bekannte Bereiche zusammenkommen: Verbstämme, Nebensätze und die Kasusendungen. Ein Kasus ist eine Form, die zeigt, welche Aufgabe ein Ausdruck im Satz hat. Entscheidend ist: Das Baskische setzt nicht einfach überall einen unveränderlichen Infinitiv ein. Die nominalisierte Handlung erhält genau die Endung, die ihre Funktion verlangt.
Verbalnomen sind keineswegs nur gehobene Schriftsprache. Sie begegnen einem ständig: nach Verben des Mögens, Entscheidens oder Vergessens, in Verboten, bei Zweckangaben und nach Ausdrücken wie ordez „anstatt“. Wer die Formen als zusammengehörige Wortgruppe erkennt, versteht lange baskische Sätze deutlich leichter.
So funktioniert es
Der Stamm auf -tze oder -te
Aus der üblichen Wörterbuchform des Verbs entsteht zunächst ein Stamm auf -tze oder -te. In Grammatiken wird das gemeinsame Muster oft als -t(z)e geschrieben. Die Variante lässt sich nicht zuverlässig allein durch eine einzige einfache Regel vorhersagen. Viele häufige Verben zeigen jedoch wiederkehrende Veränderungen:
| Verb | Verbalnomenstamm | Form mit Artikel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| ikasi | ikaste- | ikastea | das Lernen |
| irakurri | irakurtze- | irakurtzea | das Lesen |
| hartu | hartze- | hartzea | das Nehmen |
| etorri | etortze- | etortzea | das Kommen |
| joan | joate- | joatea | das Gehen |
| egin | egite- | egitea | das Machen, Tun |
| jakin | jakite- | jakitea | das Wissen |
| esan | esate- | esatea | das Sagen |
Am praktischsten ist es, bei einem neuen Verb die Form auf -t(z)ea gleich mitzulernen: etorri — etortzea, nicht nur etorri. So prägen sich auch Stammänderungen ein.
Das -a in ikastea ist der bestimmte Artikel. Es gehört also nicht zum eigentlichen Verbalnomenstamm. Vor vielen Kasusendungen erscheint stattdessen eine andere Verbindung: ikasteari „dem Lernen“, ikastearen „des Lernens“. Das erklärt, warum man nicht einfach an ikastea noch eine weitere Endung anhängt.
Das Verbalnomen als Satzglied
Die Grundform auf -tzea/-tea steht häufig im Absolutiv, der unmarkierten Kasusform. Sie kann das Subjekt sein, also das, worüber eine Aussage gemacht wird:
- Ikastea garrantzitsua da. — Lernen ist wichtig.
- Erretzea debekatuta dago. — Rauchen ist verboten.
Sie kann auch die Ergänzung eines anderen Verbs bilden:
- Irakurtzea gustatzen zait. — Ich lese gern; wörtlich etwa: Das Lesen gefällt mir.
- Etxean geratzea erabaki dut. — Ich habe beschlossen, zu Hause zu bleiben.
Ein ganzes Stück Satz kann innerhalb der Nominalisierung stehen. In liburua ohean irakurtzea „das Lesen des Buches im Bett“ gehören liburua „das Buch“ und ohean „im Bett“ weiterhin zum Verb irakurri. Erst die gesamte Wortgruppe nimmt außen die Rolle eines Nomens ein. Auch eine Verneinung steht innen: liburua ez irakurtzea „das Buch nicht zu lesen“.
Kasusendungen an der nominalisierten Handlung
Weil die Form wie ein Nomen funktioniert, kann sie dekliniert werden, also je nach Satzaufgabe verschiedene Endungen erhalten.
| Form | Funktion | Beispiel | Deutsche Entsprechung |
|---|---|---|---|
| -tzea/-tea | Absolutiv | Ikastea ona da. | Lernen ist gut. |
| -tzeak/-teak | Ergativ | Ez lo egiteak nekatzen nau. | Nicht zu schlafen macht mich müde. |
| -tzeari/-teari | Dativ | Erretzeari utzi dio. | Er/Sie hat mit dem Rauchen aufgehört. |
| -tzearen/-tearen | Genitiv | Bidaiatzearen abantailak | die Vorteile des Reisens |
| -tzean/-tean | Inessiv, oft zeitlich | Etxera iristean, deitu. | Ruf bei der Ankunft zu Hause an. |
| -tzetik/-tetik | Ausgangspunkt | Esatetik egitera alde handia dago. | Vom Sagen bis zum Tun ist es ein weiter Weg. |
| -tzera/-tera | Zielrichtung | Ogia erostera noa. | Ich gehe Brot kaufen. |
| -tzeaz/-teaz | Instrumental bzw. Thema/Anlass | Zu ezagutzeaz pozten naiz. | Ich freue mich, dich kennenzulernen. |
Der Ergativ markiert im Baskischen unter anderem den Handelnden bei einem transitiven Verb, also bei einem Verb mit direktem Objekt. Deshalb hat die nominalisierte Handlung in Ez lo egiteak nekatzen nau die Endung -k: Das Nichtschlafen ist hier der Verursacher dessen, was „mich“ müde macht.
Besonders wichtig ist, die Endung nicht nach einer deutschen Präposition auszuwählen, sondern nach der baskischen Konstruktion. utzi im Sinn von „mit etwas aufhören“ verlangt beispielsweise den Dativ: erretzeari utzi.
-tzeko: Zweck und nähere Bestimmung
Die Form -tzeko/-teko verbindet das Verbalnomen mit -ko. Sie bezeichnet oft einen Zweck oder bestimmt ein folgendes Nomen näher:
- Euskara ikasteko etorri naiz. — Ich bin gekommen, um Baskisch zu lernen.
- Ez dut irakurtzeko astirik. — Ich habe keine Zeit zum Lesen.
- Hitz egiteko modua aldatu du. — Er/Sie hat die Art zu sprechen geändert.
- Atea irekitzeko giltza behar dut. — Ich brauche den Schlüssel, um die Tür zu öffnen.
Die deutsche Übersetzung kann „um zu“, „zum“ oder eine Verbindung mit „für“ enthalten. Im Baskischen bleibt das Grundmuster dasselbe. Steht ein Ziel der Bewegung im Vordergrund, ist dagegen -tzera/-tera typisch: liburutegira ikastera joan naiz „Ich bin zum Lernen in die Bibliothek gegangen“.
Nicht mit -tzen/-ten verwechseln
-tzen/-ten sieht ähnlich aus, erfüllt aber oft eine andere Aufgabe. Es bildet unter anderem den imperfektiven Aspekt, also eine Form für gewohnheitsmäßige oder gerade ablaufende Handlungen, und steht in bestimmten Verbverbindungen.
| Form | Hauptfunktion | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| irakurtzea | Handlung als Nomen | Irakurtzea gustatzen zait. | Ich lese gern. |
| irakurtzen | Aspekt oder vom Verb verlangte Ergänzung | Egunero irakurtzen dut. | Ich lese jeden Tag. |
| irakurtzen ari | Handlung gerade im Verlauf | Irakurtzen ari naiz. | Ich lese gerade. |
| irakurtzeko | Zweck oder Bestimmung | Irakurtzeko liburu bat. | ein Buch zum Lesen |
| irakurtzera | Ziel einer Bewegung | Irakurtzera joan da. | Er/Sie ist weggegangen, um zu lesen. |
Welche Ergänzung ein Verb verlangt, muss teilweise mitgelernt werden. Man sagt etwa irakurtzea erabaki „beschließen zu lesen“, aber irakurtzen hasi „anfangen zu lesen“.
Lexikalische Nomen mit -pen
Das Suffix -pen bildet ebenfalls Nomen aus verbalen Grundlagen. Das Ergebnis bezeichnet oft einen Vorgang, ein Ergebnis oder einen fest gewordenen Begriff:
| Verwandte Formen | Unterschied |
|---|---|
| garatzea — das Entwickeln | die konkret gemeinte Handlung |
| garapena — Entwicklung | ein etablierter Begriff für Prozess oder Ergebnis |
| adieraztea — das Äußern/Ausdrücken | die Handlung in einem bestimmten Satz |
| adierazpena — Aussage, Erklärung | ein eigenständiges lexikalisches Nomen |
| ekoiztea — das Produzieren | die Tätigkeit |
| ekoizpena — Produktion, Erzeugnis | Fach- oder Sachbegriff |
-pen ist nicht einfach eine frei austauschbare Variante von -tze. Solche Wörter haben eine eigene Bedeutung und nicht jedes Verb bildet auf dieselbe Weise ein gebräuchliches Nomen. Man sollte daher adierazpena oder garapena wie ein neues Vokabelwort mit Artikel und Bedeutung lernen. Sobald es gebildet ist, verhält es sich wie ein gewöhnliches Nomen und kann zum Beispiel im Plural stehen oder durch ein Adjektiv ergänzt werden.
Beispiele im Kontext
| Baskisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Ikastea garrantzitsua da. | Lernen ist wichtig. | Die Handlung ist das Subjekt. |
| Irakurtzea gustatzen zait. | Ich lese gern. | Wörtlich steht „das Lesen“ als das, was gefällt. |
| Etxean geratzea erabaki dugu. | Wir haben beschlossen, zu Hause zu bleiben. | Ergänzung zu erabaki. |
| Erretzea debekatuta dago hemen. | Rauchen ist hier verboten. | Häufige unpersönliche Formulierung. |
| Gaizki lo egiteak nekatzen nau. | Schlecht zu schlafen macht mich müde. | Ergativ -ak, weil die Handlung etwas bewirkt. |
| Kafea edateari utzi diot. | Ich habe aufgehört, Kaffee zu trinken. | Dativ nach utzi. |
| Joatearen ordez, geratu naiz. | Statt zu gehen, bin ich geblieben. | Genitiv vor ordez. |
| Bidaiatzearen abantailak ezagutzen ditugu. | Wir kennen die Vorteile des Reisens. | Genitiv vor dem Bezugsnomen. |
| Etxera iristean, bidali mezua. | Schick bei deiner Ankunft zu Hause eine Nachricht. | -tzean drückt den Zeitpunkt aus. |
| Ogia erostera joan naiz. | Ich bin Brot kaufen gegangen. | -tzera nach einem Bewegungsverb. |
| Euskara ikasteko denbora behar da. | Man braucht Zeit, um Baskisch zu lernen. | -tzeko bestimmt denbora näher. |
| Hitz egiteko modua oso argia da. | Die Art zu sprechen ist sehr klar. | -tzeko vor einem Nomen. |
| Liburua ez irakurtzea erabaki du. | Er/Sie hat beschlossen, das Buch nicht zu lesen. | Die Verneinung steht innerhalb der Nominalisierung. |
| Enpresaren garapena azkarra izan da. | Die Entwicklung des Unternehmens ist schnell verlaufen. | garapena ist ein lexikalisches Nomen auf -pen. |
Häufige Fehler
Die Wörterbuchform unverändert einsetzen
- Falsch: Ikasi garrantzitsua da.
- Richtig: Ikastea garrantzitsua da.
- Warum: Wenn die Tätigkeit selbst Subjekt ist, braucht man hier die nominalisierte Form mit Artikel, nicht bloß die Wörterbuchform ikasi.
Immer -tzea statt der verlangten Kasusform verwenden
- Falsch: Erretzea utzi diot.
- Richtig: Erretzeari utzi diot.
- Warum: utzi in der Bedeutung „mit etwas aufhören“ verbindet sich mit dem Dativ. Die gesamte Handlung erhält deshalb -ari.
-tzea und -tzen vertauschen
- Falsch: Egunero irakurtzea dut.
- Richtig: Egunero irakurtzen dut.
- Warum: Eine regelmäßige Tätigkeit wird hier mit dem imperfektiven Aspekt -tzen ausgedrückt. -tzea macht die Handlung dagegen zum Satzglied wie in Irakurtzea gustatzen zait.
Bei einer Bewegung -tzeko statt -tzera setzen
- Unpassend: Ogia erosteko joan naiz.
- Natürlich: Ogia erostera joan naiz.
- Warum: Bei joan und anderen Bewegungsverben bezeichnet -tzera typischerweise das Ziel der Bewegung. -tzeko ist besonders üblich für einen allgemeinen Zweck oder als Bestimmung eines Nomens.
-pen frei an jedes Verb hängen
- Falsch: aus jedem beliebigen Verb automatisch ein Wort auf -pen bilden
- Richtig: gebräuchliche Wörter wie garapena, adierazpena und ekoizpena einzeln lernen
- Warum: -pen ist ein wortbildendes Suffix. Das Ergebnis ist ein lexikalisches Nomen mit eigener, konventioneller Bedeutung; seine Existenz und genaue Form sind nicht immer vorhersagbar.
Verwendungshinweise
Formen auf -t(z)e gehören sowohl zur Alltagssprache als auch zu formellen Texten. Im Deutschen wechseln die Übersetzungen stärker: etortzea kann je nach Satz „das Kommen“, „zu kommen“ oder einen ganzen Nebensatz wiedergeben. Beim Verstehen ist es daher besser, zuerst die baskische Funktion zu bestimmen, statt jedes Vorkommen mit „das + substantivierter Infinitiv“ zu übersetzen.
Auch die deutsche Großschreibung hilft beim Baskischen nicht weiter. Deutsch schreibt „Lesen“ als Nomen groß; Baskisch schreibt irakurtzea innerhalb eines Satzes klein. Dass die Form nominal ist, erkennt man an ihrem Aufbau und an der Kasusendung, nicht an einem Großbuchstaben.
Zeitliche Formen wie iristean sind sehr kompakt. Je nach Zusammenhang entsprechen sie „beim Ankommen“, „wenn man ankommt“ oder „als jemand ankam“. Die baskische Form nennt nicht immer ausdrücklich die Person; diese ergibt sich häufig aus dem Hauptsatz oder aus dem Gesprächskontext.
Bei -pen-Wörtern reicht die allgemeine Bedeutung „Vorgang“ nicht aus. adierazpena kann je nach Zusammenhang „Aussage“, „Erklärung“ oder „Äußerung“ bedeuten. Wörterbuch und authentischer Kontext sind hier wichtiger als eine vermeintlich mechanische Ableitungsregel.
Über die Grundlagen hinaus
Eine ganze Klausel wird nominalisiert
Das Verbalnomen kann eigene Ergänzungen, Orts- und Zeitangaben sowie eine Verneinung behalten. Dadurch entstehen umfangreiche nominalisierte Klauseln, also Wortgruppen mit einem verbalen Kern, die außen wie ein Nomen funktionieren:
- Goizean etxetik goiz ateratzea zaila egiten zait. — Es fällt mir schwer, morgens früh das Haus zu verlassen.
- Anek liburua asteburuan irakurtzea erabaki du. — Ane hat beschlossen, das Buch am Wochenende zu lesen.
Im zweiten Beispiel gehört Anek zum übergeordneten Verb erabaki du. Die nicht ausdrücklich genannte handelnde Person von irakurtzea wird als dieselbe Person verstanden. Solche Bezüge ergeben sich oft aus dem übergeordneten Verb und dem Kontext.
Nominalisierung oder finiter Nebensatz
Ein finiter Nebensatz enthält ein gebeugtes Verb, also eine Form, die unter anderem Person oder Zeit ausdrücken kann. Er stellt oft eine vollständige Tatsache oder Aussage in den Vordergrund:
- Badakit Ane etorri dela. — Ich weiß, dass Ane gekommen ist.
- Ane etortzea garrantzitsua da. — Es ist wichtig, dass Ane kommt / Anes Kommen ist wichtig.
Die erste Form mit -la gibt den Inhalt des Wissens wieder. Die zweite behandelt das Ereignis als Gegenstand einer Bewertung. Die Grenzen hängen auch vom übergeordneten Ausdruck ab; man kann deutsche „dass“- oder „zu“-Sätze daher nicht Wort für Wort nach einem einzigen Schema übertragen.
Erst außen zeigt sich die Satzrolle
Bei langen Formen lohnt sich das Lesen von rechts nach links. In ez etortzearen arrazoia steht ganz rechts zunächst -aren, der Genitiv: „der Grund des Nichtkommens“. Davor erkennt man etor-tze, den Verbalnomenstamm, und ez verneint die Handlung. Diese Lesestrategie ist besonders nützlich, weil Baskisch grammatische Beziehungen bevorzugt durch angehängte Endungen zeigt.
Übungstipps
- Lerne Formen als kleine Reihe. Bilde zu fünf häufigen Verben jeweils die Wörterbuchform, -t(z)ea, -t(z)eko und -t(z)era: etwa ikasi — ikastea — ikasteko — ikastera. Sprich jede Reihe laut.
- Tausche nur die äußere Endung aus. Beginne mit bidaiatzea und bilde Sätze mit bidaiatzeari, bidaiatzearen, bidaiatzean und bidaiatzera. So wird sichtbar, dass der ganze Vorgang dekliniert wird.
- Markiere beim Lesen drei verschiedene Muster. Unterstreiche -tzea als nominale Handlung, -tzen als Aspekt oder Verb-Ergänzung und -tzeko/-tzera als Zweck beziehungsweise Ziel. Notiere immer den vollständigen Ausdruck, nicht nur das Suffix.
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