B2

Verbalsubstantive und Gerundien im Yoruba

Orúkọ Ìṣe

Dieser Artikel ist Teil des Yoruba-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Yoruba kann eine Handlung wie eine Sache oder einen Vorgang benennen: Aus jẹ „essen“ wird jíjẹ „das Essen“, aus „kommen“ wird wíwá „das Kommen“. Solche Formen können im Satz wie ein Substantiv stehen, zugleich aber Ergänzungen der zugrunde liegenden Handlung behalten: Jíjẹ oúnjẹ tó dára ṣe pàtàkì bedeutet „Gutes Essen ist wichtig“.

Überblick

Ein Verbalsubstantiv ist ein Substantiv, das eine Handlung oder einen Vorgang bezeichnet. Statt direkt zu sagen, dass jemand isst, kommt oder arbeitet, spricht man also über „das Essen“, „das Kommen“ oder „das Erledigen einer Arbeit“. Im Yoruba heißt diese Kategorie orúkọ ìṣe. Die ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung Gerundium meint hier eine Verbform mit substantivischer Aufgabe; Verbalsubstantiv beschreibt die Funktion für deutschsprachige Lernende meist verständlicher.

Dieses B2-Thema baut auf der allgemeinen Nominalisierung auf: Nominalisierung bedeutet, dass aus einem Verb oder einem anderen Ausdruck ein Substantiv gebildet wird. Hier geht es besonders um produktive Handlungsbezeichnungen wie jíjẹ, wíwá, ṣíṣe und kíkọ́ und darum, wie eine ganze Handlung substantivisch in einen Satz eingebaut wird.

Im Deutschen verwenden wir dafür unterschiedliche Mittel: einen substantivierten Infinitiv wie „das Essen“, ein gewöhnliches Substantiv wie „die Ankunft“, einen Infinitiv mit zu oder einen Nebensatz mit dass. Yoruba muss diese deutschen Unterschiede nicht nachbilden. Eine einzige Form wie wíwá kann je nach Zusammenhang mit „Kommen“, „Ankunft“ oder „dass jemand kommt“ wiedergegeben werden.

Wie es funktioniert

Bildung durch teilweise Wiederholung

Das häufigste Muster ist eine partielle Reduplikation (die teilweise Wiederholung eines Wortanfangs). Vereinfacht wird der Anfangskonsonant des Verbs mit einem hochtonigen í vor das Verb gesetzt. Der ursprüngliche Verbstamm bleibt danach erkennbar.

Verb Bedeutung Verbalsubstantiv Bedeutung im Deutschen
jẹ essen jíjẹ Essen, das Essen
ṣe tun, machen ṣíṣe Tun, Ausführen
kommen wíwá Kommen, Ankunft
kọ́ lernen; lehren kíkọ́ Lernen; Lehren
lesen, zählen kíkà Lesen, Zählen
lọ gehen lílọ Gehen, Weggehen
gbọ́ hören, verstehen gbígbọ́ Hören, Verstehen
mu trinken, nehmen mímu Trinken, Nehmen

Die Formel hilft beim Erkennen und bei vielen häufigen Neubildungen. Sie ist aber keine Einladung, jede Form ohne Prüfung selbst zu konstruieren. Lautgestalt und Schreibung können bei gebräuchlichen Wörtern ein festes Muster zeigen. ríran „das Sehen“ zu „sehen“, eine der Formen dieses Lernstoffs, lernt man deshalb am besten als vollständiges Wort.

Wichtig sind die Yoruba-Buchstaben und Tonzeichen. In ṣíṣe gehören , í und zur korrekten Form; in kíkọ́ unterscheiden die Akzente die Töne. Sie sind keine bloße Aussprachehilfe, die man in sorgfältiger Schrift beliebig weglassen könnte.

Eine ganze Handlung als Subjekt

Ein Subjekt ist der Satzteil, über den etwas ausgesagt wird. Im folgenden Satz ist nicht eine einzelne Person das Subjekt, sondern die gesamte Tätigkeit:

  • Kíkọ́ èdè tuntun nira. — Eine neue Sprache zu lernen ist schwierig.

Der vollständige Ausdruck kíkọ́ èdè tuntun bildet hier eine Einheit. Das Verbalsubstantiv behält eine verbähnliche Eigenschaft: Es kann angeben, worauf sich die Handlung richtet. èdè tuntun beantwortet die Frage, was gelernt wird.

Ein häufiges Grundmuster lautet daher:

Verbalsubstantiv + Ergänzung + Satzaussage

  • Jíjẹ oúnjẹ tó dára + ṣe pàtàkì. — Gutes Essen + ist wichtig.
  • Ṣíṣe iṣẹ́ rẹ dáadáa + ṣe pàtàkì. — Deine Arbeit gut zu erledigen + ist wichtig.

Im Deutschen steht am Anfang oft ein Infinitiv mit zu. Das darf nicht dazu verleiten, im Yoruba einfach das unveränderte Verb an dieselbe Stelle zu setzen.

Als Objekt oder Ergänzung

Ein Objekt ist ein Satzteil, auf den sich ein Verb richtet. Auch eine benannte Handlung kann diese Stelle einnehmen:

  • Mo fẹ́ràn kíkà ìwé. — Ich lese gern. / Ich mag das Lesen von Büchern.
  • Ó dẹ́kun mímu ọtí. — Er oder sie hörte auf, Alkohol zu trinken.

In solchen Sätzen folgt die Tätigkeit einem anderen Verb. Die natürliche deutsche Übersetzung muss nicht ebenfalls ein Substantiv enthalten. „Ich lese gern“ klingt meist besser als „Ich mag das Bücherlesen“, obwohl die Yoruba-Struktur substantivisch ist.

Verbalsubstantive können außerdem nach einer Präposition stehen:

  • Mo dúpẹ́ fún wíwá yín. — Ich danke Ihnen/euch fürs Kommen.
  • A sọ̀rọ̀ nípa wíwá wọn. — Wir sprachen über ihre Ankunft.

Besitzangaben stehen danach

Eine Besitzangabe nennt, zu wem etwas gehört oder mit wem ein Vorgang verbunden ist. Sie folgt im Yoruba auf das Verbalsubstantiv. Das ist für Deutschsprachige ungewohnt, weil deutsche Possessivwörter normalerweise davor stehen: „mein Kommen“, aber wíwá mi.

Yoruba Deutsch
wíwá mi mein Kommen
wíwá rẹ dein Kommen
wíwá rẹ̀ sein/ihr Kommen
wíwá wa unser Kommen
wíwá yín euer/Ihr Kommen
wíwá wọn ihr Kommen
wíwá Adé Adés Kommen

Gerade rẹ und rẹ̀ zeigen, warum der Ton bedeutungstragend ist: rẹ bezeichnet hier „dein“, rẹ̀ dagegen „sein/ihr“. In einem Satz wie Wíwá rẹ mú mi dùn ist rẹ die Person, deren Kommen gemeint ist.

Achte außerdem auf den Bereich einer Besitzangabe. In ṣíṣe iṣẹ́ rẹ folgt rẹ unmittelbar auf iṣẹ́ „Arbeit“; die naheliegende Bedeutung ist daher „das Erledigen deiner Arbeit“. Der Ausdruck bedeutet nicht automatisch „dein Erledigen der Arbeit“. Die Wortgruppe muss immer von innen nach außen gelesen werden.

Substantivisch und verbähnlich zugleich

Die Form hat zwei Seiten:

Substantivische Seite Verbähnliche Seite
Sie kann Subjekt oder Objekt sein. Die Handlung kann eine inhaltliche Ergänzung behalten.
Sie kann nach einer Präposition stehen. Ein Ausdruck wie dáadáa „gut“ kann die Art der Handlung beschreiben.
Sie kann eine nachgestellte Besitzangabe haben. Die beteiligten Personen oder Dinge bleiben inhaltlich wichtig.

Das erklärt die Bezeichnung Verbalsubstantiv: Es handelt sich weder einfach um ein gewöhnliches konjugiertes Verb noch um ein völlig vom Verb gelöstes Substantiv.

Beispiele im Kontext

Yoruba Deutsch Hinweis
Jíjẹ oúnjẹ tó dára ṣe pàtàkì. Gutes Essen ist wichtig. Die gesamte Tätigkeit ist das Subjekt.
Wíwá rẹ mú mi dùn. Dein Kommen machte mich froh. rẹ folgt auf wíwá.
Ṣíṣe iṣẹ́ rẹ dáadáa ṣe pàtàkì. Es ist wichtig, deine Arbeit gut zu erledigen. rẹ gehört hier zu iṣẹ́.
Kíkọ́ èdè tuntun nira. Eine neue Sprache zu lernen ist schwierig. Tätigkeit mit inhaltlicher Ergänzung.
Mo fẹ́ràn kíkà ìwé. Ich lese gern. Das Verbalsubstantiv ergänzt fẹ́ràn.
Lílọ sí ọjà gba àkókò. Zum Markt zu gehen braucht Zeit. sí ọjà gibt das Ziel an.
Gbígbọ́ orin yìí mú mi balẹ̀. Dieses Lied zu hören beruhigt mich. orin yìí gehört zur benannten Handlung.
Wíwá Adé yà wá lẹ́nu. Adés Kommen überraschte uns. Ein Name steht als Besitzangabe danach.
Mo dúpẹ́ fún wíwá yín. Ich danke Ihnen/euch fürs Kommen. Die Form steht nach fún.
A sọ̀rọ̀ nípa wíwá wọn. Wir sprachen über ihre Ankunft. wọn bezeichnet die zugehörigen Personen.
Ó dẹ́kun mímu ọtí. Er oder sie hörte auf, Alkohol zu trinken. Die Tätigkeit ergänzt „aufhören“.
Ríran rẹ lẹ́ẹ̀kan sí i mú mi dùn. Dich wiederzusehen machte mich froh. ríran bezeichnet den Vorgang des Sehens.

Häufige Fehler

Das einfache Verb als Subjekt verwenden

  • Falsch: Jẹ oúnjẹ tó dára ṣe pàtàkì.
  • Richtig: Jíjẹ oúnjẹ tó dára ṣe pàtàkì.
  • Warum: jẹ ist das Verb „essen“. Wenn das Essen als Tätigkeit das Subjekt bildet, wird hier jíjẹ gebraucht.

Das Verbalsubstantiv als konjugiertes Hauptverb behandeln

  • Falsch: Mo jíjẹ oúnjẹ. für „Ich esse.“
  • Richtig: Mo jẹ oúnjẹ.
  • Warum: jíjẹ benennt die Tätigkeit; es behauptet nicht allein, dass das Subjekt gerade handelt. Für einen normalen Verbalsatz steht das Verb jẹ.

Die deutsche Reihenfolge der Besitzangabe übernehmen

  • Falsch: rẹ wíwá
  • Richtig: wíwá rẹ
  • Warum: Im Deutschen steht „dein“ vor „Kommen“. Im Yoruba folgt die Besitzangabe auf das Wort, zu dem sie gehört.

Die Besitzangabe dem falschen Wort zuordnen

  • Missverständlich: ṣíṣe iṣẹ́ rẹ pauschal als „dein Erledigen der Arbeit“ übersetzen
  • Passend: ṣíṣe iṣẹ́ rẹ als „das Erledigen deiner Arbeit“ lesen
  • Warum: rẹ steht direkt nach iṣẹ́. Die Stellung zeigt, welcher Teil der Wortgruppe näher bestimmt wird.

Tonzeichen und besondere Buchstaben weglassen

  • Ungeeignet in sorgfältiger Standardschreibung: sise, kiko, jije
  • Richtig: ṣíṣe, kíkọ́, jíjẹ
  • Warum: s und , e und sowie die verschiedenen Töne sind im Yoruba nicht austauschbar. Ohne Markierungen können Form, Aussprache und Bedeutung unklar werden.

Jede Form nur nach der einfachsten Formel erfinden

  • Unsicher: eine unbekannte Form allein nach dem Schema „Konsonant + í + Verb“ bilden
  • Sicher: häufige Paare wie jẹ → jíjẹ, ṣe → ṣíṣe und rí → ríran als Einheiten lernen und neue Formen nachschlagen
  • Warum: Das Muster ist produktiv, doch gebräuchliche Formen können feste lautliche oder lexikalische Besonderheiten haben.

Verwendungshinweise

Verbalsubstantive kommen sowohl im Gespräch als auch in geschriebenem Yoruba vor. Sie sind besonders nützlich, wenn nicht der handelnde Mensch, sondern die Tätigkeit selbst bewertet, besprochen oder zum Thema gemacht wird: etwas ist wichtig, schwierig, erfreulich oder überraschend. Die Konstruktion ist daher kein bloß förmlicher Ersatz für einen einfachen Satz.

In informeller digitaler Schrift fehlen Tonzeichen und Unterpunkte manchmal. Für Lernende ist es dennoch sinnvoll, die vollständige Standardschreibung zu verwenden. Wer jíjẹ, ṣíṣe und kíkọ́ mit ihren Zeichen abspeichert, lernt zugleich die passende Aussprache und verwechselt Wörter seltener.

Die deutsche Wiedergabe richtet sich nach dem ganzen Satz. Wíwá kann „Kommen“, „Ankunft“ oder „dass jemand kommt“ heißen; kíkọ́ kann je nach Ergänzung unter anderem Lernen, Lehren oder Schreiben bezeichnen. Übersetze deshalb nie nur die isolierte Form, sondern immer die vollständige Wortgruppe.

Auch die deutsche Großschreibung darf nicht auf das Yoruba übertragen werden. Im Deutschen erkennt man „das Essen“ als Substantiv unter anderem am Artikel und am großen Anfangsbuchstaben. Im Yoruba entsteht die substantivische Funktion durch die Form und ihre Stellung im Satz, nicht durch einen Artikel das oder durch Großschreibung.

Über die Grundlagen hinaus

Verbalsubstantive sind kompakt, können aber viel Information enthalten. In ṣíṣe iṣẹ́ rẹ dáadáa stecken die Handlung, ihr inhaltlicher Bezug iṣẹ́ rẹ „deine Arbeit“ und die Art der Ausführung dáadáa „gut“. Bei längeren Ausdrücken sollte man zuerst den Kern finden und dann prüfen, welche Ergänzung zu welchem Wort gehört.

Nicht jede von einem Verb abgeleitete Bezeichnung hat dieselbe Bedeutung. Die allgemeine Nominalisierung des Yoruba umfasst neben der teilweisen Wiederholung auch andere Muster. So kann eine Form eine Tätigkeit oder einen Verlauf hervorheben, während ein anderes abgeleitetes Substantiv eher ein Ergebnis, ein Ereignis oder einen festen Begriff bezeichnet. Deshalb sind formal verwandte Wörter nicht automatisch frei austauschbar.

Auf fortgeschrittenem Niveau begegnen außerdem negative Handlungsbegriffe und weitere Ableitungen. Sie sollten als eigene Bildungsmuster gelernt werden, statt einfach ein deutsches „Nicht-“ vor eine bekannte Yoruba-Form zu setzen. Der sichere Ausgangspunkt bleibt: eine belegte Form zusammen mit ihrer Ergänzung und einem vollständigen Beispielsatz lernen.

Schließlich kann eine knappe substantivische Gruppe mehrdeutig werden, wenn mehrere Personen an einer Handlung beteiligt sind. Dann genügt eine deutsche Possessivübersetzung nicht immer, um Handelnden und Betroffenen auseinanderzuhalten. In einem echten Text liefern der vorherige Satz und die nachfolgenden Ergänzungen die nötige Information; beim eigenen Schreiben ist eine ausführlichere Satzkonstruktion besser als eine unklare Häufung von Besitzangaben.

Übungstipps

  1. Bilde Dreiergruppen. Schreibe jeweils Verb, Verbalsubstantiv und einen vollständigen Satz auf: jẹ → jíjẹ → Jíjẹ oúnjẹ tó dára ṣe pàtàkì. So lernst du Form und Satzfunktion zusammen.
  2. Markiere den Kern. Unterstreiche in einem Satz zuerst das Verbalsubstantiv, klammere dann seine Ergänzung ein und bestimme schließlich seine Aufgabe im Gesamtsatz: Subjekt, Objekt oder Ausdruck nach einer Präposition.
  3. Übe Besitzangaben mit Tönen. Sprich und schreibe Kontraste wie wíwá rẹ „dein Kommen“ und wíwá rẹ̀ „sein/ihr Kommen“. Tausche danach mi, wa, yín, wọn ein, ohne die Reihenfolge zu verändern.

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