Relativsätze im Deutschen
Relativsätze
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Ein Relativsatz ergänzt Informationen zu einem Nomen oder Pronomen: Das ist der Kollege, der mir geholfen hat. Das Relativpronomen übernimmt Genus und Numerus vom Bezugswort, sein Kasus hängt aber von seiner Aufgabe im Relativsatz ab. Wie in anderen Nebensätzen steht das konjugierte Verb normalerweise am Ende.
Überblick
Mit einem Relativsatz kann man Personen, Dinge, Orte oder ganze Sachverhalte näher beschreiben, ohne einen neuen Hauptsatz zu beginnen. Aus Dort steht ein Mann. Der Mann ist mein Lehrer. wird zum Beispiel: Der Mann, der dort steht, ist mein Lehrer. Das Bezugswort ist das Wort, auf das sich der Relativsatz bezieht — hier der Mann.
Relativsätze gehören zum Kernstoff auf B1-Niveau. Sie begegnen einem überall: in Gesprächen, Nachrichten, Anleitungen, Wohnungsanzeigen und beruflichen Texten. Besonders wichtig sind dabei drei Entscheidungen: Welches Wort ist das Bezugswort? Welche Form braucht das Relativpronomen? Und wo steht das Verb?
Die Formen ähneln meist dem bestimmten Artikel (der, die, das), erfüllen aber eine andere Aufgabe. Das Relativpronomen verbindet den Nebensatz mit dem Bezugswort und hat zugleich eine Funktion innerhalb des Nebensatzes. Es kann dort zum Beispiel Subjekt sein (wer etwas tut), Akkusativobjekt (wen oder was die Handlung direkt betrifft) oder Dativobjekt (wem etwas gegeben, gesagt oder geholfen wird).
So funktionieren Relativsätze
Der Grundbauplan
Ein Relativsatz steht direkt bei dem Ausdruck, den er erklärt, und wird durch Kommas abgegrenzt:
Bezugswort + Komma + Relativpronomen + weitere Satzteile + Verb am Ende
- Ich suche den Schlüssel, der auf dem Tisch liegt.
- Der Schlüssel, der auf dem Tisch liegt, gehört mir.
Im zweiten Beispiel ist der Relativsatz in den Hauptsatz eingeschoben. Deshalb braucht er vor und nach sich ein Komma. Nimmt man den Relativsatz heraus, bleibt ein vollständiger Hauptsatz: Der Schlüssel gehört mir.
Bei mehreren Verbteilen steht der zusammengehörige Verbkomplex am Ende:
- Das ist der Film, den wir gestern gesehen haben.
- Kennst du jemanden, der den Drucker reparieren kann?
Diese Endstellung ist bereits aus Nebensätzen mit weil und dass bekannt. Der Unterschied liegt vor allem am Anfang: Ein Relativsatz beginnt typischerweise mit einem Relativpronomen und beschreibt ein Bezugswort.
Die Formen der Relativpronomen
Genus bedeutet grammatisches Geschlecht (maskulin, feminin oder neutral), Numerus bedeutet Einzahl oder Mehrzahl. Beides kommt vom Bezugswort. Den Kasus oder Fall bestimmt dagegen die Funktion des Pronomens im Relativsatz.
| Kasus | Maskulin | Feminin | Neutral | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der | die | das | die |
| Akkusativ | den | die | das | die |
| Dativ | dem | der | dem | denen |
| Genitiv | dessen | deren | dessen | deren |
Auffällig sind vor allem die Formen denen im Dativ Plural sowie dessen und deren im Genitiv. Anders als beim bestimmten Artikel lautet der Dativ Plural des Relativpronomens also nicht den, sondern denen.
Genus und Numerus: Blick auf das Bezugswort
Zuerst betrachtet man das Bezugswort:
- der Mann → maskulin
- die Frau → feminin
- das Kind → neutral
- die Leute → Plural
Das grammatische Geschlecht zählt, nicht die Bedeutung. Deshalb heißt es das Mädchen, das dort wartet, weil Mädchen grammatisch neutral ist. Bei einem Pluralwort verwendet man die Pluralform: die Kinder, die draußen spielen.
Kasus: Blick in den Relativsatz
Um den Kasus zu finden, kann man den Relativsatz zunächst als einfachen Satz denken und das Bezugswort durch ein Personalpronomen ersetzen:
- Der Mann steht dort. → Er steht dort. → Nominativ → der Mann, der dort steht
- Ich sehe den Mann. → Ich sehe ihn. → Akkusativ → der Mann, den ich sehe
- Ich helfe dem Mann. → Ich helfe ihm. → Dativ → der Mann, dem ich helfe
Der Kasus des Bezugswortes im Hauptsatz kann dabei völlig anders sein:
- Ich spreche mit dem Mann, der neben Anna sitzt.
Dem Mann steht im Hauptsatz wegen mit im Dativ. Im Relativsatz ist derselbe Mann jedoch das Subjekt: Er sitzt neben Anna. Deshalb lautet das Relativpronomen der, nicht dem.
Umgekehrt funktioniert es genauso:
- Der Mann, dem ich helfe, ist neu im Team.
Der Mann ist im Hauptsatz Nominativ. Im Relativsatz verlangt helfen aber den Dativ: Ich helfe ihm. Daher steht dem.
Präpositionen stehen vor dem Relativpronomen
Gehört eine Präposition zur Konstruktion, steht sie vor dem Relativpronomen. Sie bestimmt meist auch dessen Kasus:
- die Kollegin, mit der ich arbeite — mit + Dativ
- das Thema, über das wir sprechen — über + Akkusativ
- der Stuhl, auf dem die Tasche liegt — Ort, auf + Dativ
- der Stuhl, auf den ich die Tasche lege — Richtung, auf + Akkusativ
Die Präposition darf im Standarddeutschen nicht einfach ans Satzende verschoben werden. Man sagt also die Person, mit der ich gesprochen habe, nicht die Person, die ich gesprochen habe mit.
Beispiele im Kontext
| Beispielsatz | Aussage in einfachen Worten | Hinweis |
|---|---|---|
| Der Mann, der dort steht, ist mein Lehrer. | Der dort stehende Mann ist mein Lehrer. | der: maskulin, Nominativ |
| Das Buch, das ich lese, ist interessant. | Ich lese ein interessantes Buch. | das: neutral, Akkusativ |
| Die Frau, der ich helfe, wohnt nebenan. | Ich helfe einer Frau aus der Nachbarschaft. | der: feminin, Dativ |
| Kennst du den Nachbarn, den alle nur Tom nennen? | Alle nennen diesen Nachbarn Tom. | den: maskulin, Akkusativ |
| Das Mädchen, das am Fenster sitzt, wartet auf den Bus. | Ein Mädchen am Fenster wartet auf den Bus. | grammatisch neutral trotz weiblicher Person |
| Die Gäste, denen wir Kaffee angeboten haben, kommen aus Wien. | Wir haben den Gästen Kaffee angeboten. | denen: Dativ Plural |
| Wo ist die Jacke, die gestern hier hing? | Die gestern hier hängende Jacke wird gesucht. | die: feminin, Nominativ |
| Das ist der Zug, mit dem wir nach Hamburg fahren. | Mit diesem Zug fahren wir nach Hamburg. | Präposition mit + Dativ |
| Der Park, in dem wir uns treffen, liegt am Fluss. | Unser Treffpunkt ist ein Park am Fluss. | Ort: in + Dativ |
| Der Raum, in den wir gehen, ist gleich links. | Wir gehen in einen Raum auf der linken Seite. | Richtung: in + Akkusativ |
| Der Student, dessen Fahrrad gestohlen wurde, hat die Polizei gerufen. | Das Fahrrad des Studenten wurde gestohlen. | dessen: maskuliner Besitzer |
| Die Firma, deren Produkte weltweit verkauft werden, wächst schnell. | Die Produkte dieser Firma werden weltweit verkauft. | deren: feminines Bezugswort |
| Alles, was du für die Reise brauchst, liegt auf dem Tisch. | Auf dem Tisch liegen alle nötigen Reisesachen. | was nach alles |
| Wer die Aufgabe beendet hat, darf gehen. | Jede Person mit fertiger Aufgabe darf gehen. | freier Relativsatz ohne ausdrückliches Bezugswort |
Häufige Fehler
Den Kasus aus dem Hauptsatz übernehmen
- Falsch: Ich kenne den Mann, den dort arbeitet.
- Richtig: Ich kenne den Mann, der dort arbeitet.
- Warum: Den Mann ist zwar das Akkusativobjekt von kennen. Im Relativsatz führt der Mann die Handlung aus: Er arbeitet. Das Relativpronomen steht deshalb im Nominativ.
Den Dativ nach bestimmten Verben vergessen
- Falsch: Die Frau, die ich helfe, ist meine Nachbarin.
- Richtig: Die Frau, der ich helfe, ist meine Nachbarin.
- Warum: Das Verb helfen verlangt den Dativ: Man hilft jemandem. Für ein feminines Bezugswort lautet die Dativform der.
Das Verb auf Position zwei setzen
- Falsch: Das ist das Buch, das liegt auf meinem Schreibtisch.
- Richtig: Das ist das Buch, das auf meinem Schreibtisch liegt.
- Warum: Der Relativsatz ist ein Nebensatz. Sein konjugiertes Verb steht normalerweise am Ende.
Ein notwendiges Komma auslassen
- Falsch: Die Wohnung die wir besichtigt haben ist schon vermietet.
- Richtig: Die Wohnung, die wir besichtigt haben, ist schon vermietet.
- Warum: Relativsätze werden immer durch Kommas vom übrigen Satz getrennt. Das gilt auch dann, wenn die Information notwendig ist, um das Bezugswort eindeutig zu bestimmen.
Bei einer Präposition nur die Grundform wählen
- Falsch: Der Kollege, mit der ich telefoniere, ist heute im Büro.
- Richtig: Der Kollege, mit dem ich telefoniere, ist heute im Büro.
- Warum: Mit verlangt den Dativ; das Bezugswort der Kollege ist maskulin. Die passende Form ist daher dem.
Ein zusätzliches Pronomen wiederholen
- Falsch: Das ist die Frau, der ich ihr den Schlüssel gegeben habe.
- Richtig: Das ist die Frau, der ich den Schlüssel gegeben habe.
- Warum: Der übernimmt im Relativsatz bereits die Dativfunktion. Ein zusätzliches ihr ist unnötig und im Standarddeutschen falsch.
Hinweise zum Gebrauch
Relativsätze sind immer Komma-Nebensätze
Im Deutschen entscheidet nicht die Bedeutung darüber, ob Kommas stehen. Sowohl notwendige als auch nur ergänzende Relativsätze werden mit Kommas markiert:
- Mitarbeiter, die nachts arbeiten, erhalten einen Zuschlag.
- Herr Yilmaz, der seit zehn Jahren hier arbeitet, leitet das Projekt.
Der erste Satz kann die Gruppe auf die nachts arbeitenden Mitarbeiter beschränken. Der zweite fügt eine Zusatzinformation zu einer bereits bestimmten Person hinzu. Die Zeichensetzung bleibt gleich.
der, die, das oder welcher, welche, welches?
Auch welcher, welche, welches kann einen Relativsatz einleiten: Das Buch, welches auf dem Tisch liegt, gehört Mia. Diese Formen wirken heute oft formeller, schriftsprachlicher oder schwerfälliger. Im normalen Gespräch und in klarer Alltagssprache sind der, die, das meist die natürlichere Wahl. Welcher kann im geschriebenen Text gelegentlich helfen, eine unschöne Wiederholung zu vermeiden, etwa die Regel, die die Lehrerin erklärt — nötig ist es aber nicht.
Orte und das Relativadverb wo
Bei klaren Ortsangaben ist wo möglich: Das ist der Ort, wo alles begann. In sorgfältiger Standardsprache sind Verbindungen wie an dem, in dem oder aus dem oft genauer: der Ort, an dem alles begann; die Stadt, in der ich wohne. Bei Zeitangaben wie der Tag, wo wir uns trafen ist wo vor allem umgangssprachlich; standardsprachlich heißt es der Tag, an dem wir uns trafen.
Gesprochene und geschriebene Sprache
Relativsätze sind in beiden Bereichen häufig. Beim Sprechen helfen kurze Relativsätze, Informationen direkt an ein Nomen anzuhängen. In formellen Texten können mehrere lange Einschübe einen Satz jedoch schwer lesbar machen. Dann sind zwei kürzere Sätze oft klarer. Grammatische Komplexität ist nicht automatisch guter Stil.
Über die Grundlagen hinaus
Genitiv mit dessen und deren
Der Genitiv drückt hier meist Zugehörigkeit oder Besitz aus. Dessen steht nach einem maskulinen oder neutralen Bezugswort, deren nach einem femininen Bezugswort oder einem Bezugswort im Plural:
- der Autor, dessen Roman ausgezeichnet wurde
- das Kind, dessen Rucksack fehlt
- die Autorin, deren Roman ausgezeichnet wurde
- die Nachbarn, deren Garten an unseren grenzt
Die Form richtet sich nach dem Besitzer, also dem Bezugswort — nicht nach der Sache, die jemandem gehört. Deshalb bleibt dessen in der Mann, dessen Tochter … und der Mann, dessen Kinder … gleich. Nach dessen oder deren steht normalerweise kein zusätzlicher Artikel: die Frau, deren neues Büro statt deren das neue Büro.
was statt das
Das Relativpronomen was verwendet man häufig nach unbestimmten Pronomen wie alles, etwas, nichts, vieles:
- Nichts, was er sagte, überzeugte mich.
- Gibt es etwas, was ich tun kann?
Es steht außerdem oft nach einem substantivierten Superlativ (einer Höchstform, die wie ein Nomen gebraucht wird): Das Schönste, was wir erlebt haben, war der Sonnenaufgang. Auch ein ganzer vorheriger Satz kann das Bezugswort sein: Sie hat sofort zugesagt, was mich überrascht hat. Hier bezieht sich was auf die gesamte Tatsache des Zusagens.
Relativadverbien mit wo(r)-
Bei Sachen können Verbindungen wie womit, worüber, woran einen Relativsatz einleiten:
- Das ist genau das Werkzeug, womit ich die Schraube lösen kann.
- Das Thema, worüber wir gesprochen haben, bleibt vertraulich.
In formelleren Texten werden häufig mit dem und über das bevorzugt. Bei Personen verwendet man die Verbindung aus Präposition und Relativpronomen: die Person, mit der ich gesprochen habe, nicht die Person, womit ich gesprochen habe.
Freie Relativsätze
Ein freier Relativsatz hat kein ausdrücklich genanntes Bezugswort. Er übernimmt selbst eine Satzfunktion:
- Wer zuerst kommt, bekommt den besten Platz.
- Nimm, was du brauchst.
- Wem das nicht reicht, der kann nachbestellen.
Wer meint dabei ungefähr „die Person, die“, was ungefähr „das, was“. Im Hauptsatz kann ein hinweisendes Wort wie der oder das stehen, muss aber nicht immer stehen.
Verschachtelungen bewusst begrenzen
Auf höheren Niveaus können Relativsätze weitere Nebensätze enthalten: Die Kollegin, die gesagt hat, dass sie später kommt, hat gerade angerufen. Solche Satzgefüge sind korrekt, verlangen aber genaue Planung der Verbendstellungen. Mehrere ineinander geschobene Relativsätze — der Mann, der das Buch, das ich ihm gab, gelesen hat — sind besonders anspruchsvoll. In Alltagstexten ist eine Aufteilung meist leichter zu verstehen.
Übungstipps
- Prüfe in zwei Schritten. Markiere zuerst das Bezugswort und notiere Genus und Numerus. Formuliere dann nur den Relativsatz als einfachen Satz, um seinen Kasus zu erkennen: Ich danke der Kollegin → die Kollegin, der ich danke.
- Bilde täglich Satzpaare um. Verbinde zwei kurze Sätze: Ich habe einen Laptop gekauft. Der Laptop war reduziert. → Ich habe einen Laptop gekauft, der reduziert war. Variiere danach die Funktion: Der Laptop, den ich gekauft habe, war reduziert.
- Lerne Verben zusammen mit ihrem Kasus. Sammle besonders Dativverben wie helfen, danken, folgen, gefallen und Präpositionen wie mit, von, für, über. Dadurch wird die Wahl des Relativpronomens wesentlich sicherer.
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