B2

Partizip I als Adjektiv im Deutschen

Partizip I als Adjektiv

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Das Partizip I entsteht normalerweise aus Infinitiv + d: schlafen → schlafend. Steht es vor einem Nomen (einem Wort für eine Person, Sache oder Idee), erhält es zusätzlich dieselben Endungen wie ein gewöhnliches Adjektiv: das schlafende Kind, mit einem schlafenden Kind. Inhaltlich beschreibt es meist eine Handlung oder einen Vorgang, der gerade abläuft: Das Kind schläft.

Überblick

Das Partizip I, auch Partizip Präsens genannt, ist eine vom Verb abgeleitete Form. Ein Verb bezeichnet eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand, zum Beispiel lachen, wachsen oder fehlen. Aus diesen Verben entstehen die Formen lachend, wachsend und fehlend. Als Adjektiv beschreibt das Partizip I ein Nomen genauer: ein lachender Gast, eine wachsende Stadt, die fehlenden Unterlagen.

Dieses Thema gehört ungefähr zur Stufe B2, weil hier zwei bereits bekannte Bereiche zusammenkommen: Verben liefern die Bedeutung, die Adjektivdeklination liefert die Endung. Wer Formen wie der neue Zug, den neuen Zug und mit dem neuen Zug bilden kann, muss im Prinzip nur neu durch kommend ersetzen: der kommende Zug, den kommenden Zug, mit dem kommenden Zug.

Das Partizip I verdichtet Informationen. Statt die Frau, die am Fenster wartet kann man die am Fenster wartende Frau sagen. Solche Formen kommen besonders oft in Nachrichten, Sachtexten, Anleitungen und formeller Schriftsprache vor. Kurze, geläufige Verbindungen wie fließendes Wasser oder spielende Kinder sind aber auch im Alltag ganz natürlich.

So funktioniert es

Die Grundform bilden

Die regelmäßige Bildungsregel ist einfach:

Infinitiv (Grundform des Verbs) Bildung Partizip I
schlafen schlafen + d schlafend
kommen kommen + d kommend
arbeiten arbeiten + d arbeitend
lächeln lächeln + d lächelnd
wandern wandern + d wandernd
tun tun + d tuend

Auch trennbare Verben bleiben beim Partizip I zusammengeschrieben: ankommen → ankommend, vorbeifahren → vorbeifahrend, zunehmen → zunehmend. Anders als beim Partizip II erscheint dabei kein zusätzliches ge-.

Die unpersönliche Grundform endet auf -end oder, wenn der Infinitiv bereits auf -n endet, sichtbar oft auf -nd: lächelnd, wandernd. Einige Formen sind im heutigen Sprachgebrauch selten oder wirken gehoben. Zu sein gehört zwar formal seiend, doch meistens formuliert man natürlicher mit einem Relativsatz oder einem normalen Adjektiv.

Vor dem Nomen kommt eine Adjektivendung hinzu

Die Form schlafend ist noch nicht dekliniert. Deklination bedeutet hier: Die Endung wird an Genus (grammatisches Geschlecht), Numerus (Einzahl oder Mehrzahl) und Kasus (die Rolle der Nomengruppe im Satz) angepasst. Die Endung steht hinter dem -d:

  • schlaf + end + e → das schlafende Kind
  • schlaf + end + en → mit dem schlafenden Kind

Nach einem bestimmten Artikel zeigt sich das vollständige Muster so:

Kasus Maskulinum Femininum Neutrum Plural
Nominativ der kommende Zug die kommende Bahn das kommende Jahr die kommenden Züge
Akkusativ den kommenden Zug die kommende Bahn das kommende Jahr die kommenden Züge
Dativ dem kommenden Zug der kommenden Bahn dem kommenden Jahr den kommenden Zügen
Genitiv des kommenden Zuges der kommenden Bahn des kommenden Jahres der kommenden Züge

Der Nominativ markiert häufig, wer oder was handelt. Der Akkusativ steht oft beim direkten Objekt (wer oder was unmittelbar von der Handlung betroffen ist), der Dativ unter anderem nach Präpositionen wie mit, und der Genitiv drückt häufig Zugehörigkeit aus.

Nach anderen Begleitwörtern gelten ebenfalls genau die normalen Regeln der Adjektivdeklination:

Umgebung Beispiel Endung
bestimmter Artikel das schlafende Kind -e
unbestimmter Artikel ein schlafendes Kind -es
Verneinung mit kein keine überraschende Nachricht -e
Possessivwort mein wartender Kollege -er
ohne Artikel fließendes Wasser -es
Plural ohne Artikel steigende Preise -e

Entscheidend ist also nicht, dass schlafend von einem Verb stammt. Sobald die Form attributiv vor einem Nomen steht, verhält sie sich bei der Endung wie ein Adjektiv.

Die handelnde Bedeutung erkennen

Das Partizip I hat gewöhnlich eine aktive Bedeutung: Die beschriebene Person oder Sache führt die Handlung selbst aus oder befindet sich in dem genannten Vorgang.

  • der bellende Hund = der Hund bellt
  • die wartenden Fahrgäste = die Fahrgäste warten
  • das kochende Wasser = das Wasser kocht
  • eine überraschende Nachricht = die Nachricht überrascht jemanden

Meist laufen die Handlung des Partizips und die im Satz beschriebene Situation gleichzeitig ab: Die wartenden Fahrgäste sahen auf die Uhr. Während sie auf die Uhr sahen, warteten sie. Je nach Wort und Zusammenhang kann die Form aber auch eine allgemeine Eigenschaft oder eine nahe Zukunft bezeichnen: eine überzeugende Begründung, in den kommenden Wochen.

Mit Ergänzungen und Angaben

Ein Partizip I kann die Ergänzungen seines Verbs behalten. Bei jemandem helfen bleibt der Dativ erhalten; bei die Straße überqueren bleibt das Akkusativobjekt erhalten:

  • die ihrer Nachbarin helfende Studentin
  • der die Straße überquerende Fußgänger
  • die seit Stunden auf den Bus wartenden Reisenden

Alle zusätzlichen Wörter stehen vor dem Partizip und damit vor dem Nomen. Das nennt man ein erweitertes Partizipialattribut: eine längere, vom Partizip geleitete Beschreibung eines Nomens. Solche Gruppen sind korrekt, können aber beim Lesen anspruchsvoll werden. Ein Relativsatz ist oft leichter verständlich: die Reisenden, die seit Stunden auf den Bus warten.

Außerhalb der Position vor dem Nomen

Ohne nachfolgendes Nomen bleibt das Partizip I normalerweise ohne Adjektivendung:

  • Das Kind kam lachend ins Zimmer.
  • Sie saß schweigend am Tisch.
  • Er beantwortete die Frage zögernd.

Hier beschreibt die Form, wie jemand etwas tut. Man nennt diese Verwendung adverbial, also auf die Handlung des Satzes bezogen. Eine Form wie Das Kind ist schlafend ist zwar verständlich, klingt aber meist unnatürlich. Üblicher sind Das Kind schläft oder, je nach Bedeutung, Das Kind ist eingeschlafen.

Beispiele im Zusammenhang

Beispiel Bedeutung in einfachen Worten Hinweis
Das schlafende Kind hört den Lärm nicht. Das Kind schläft und hört deshalb nichts. aktive, gleichzeitig ablaufende Handlung
Der kommende Zug endet heute in Köln. Der Zug, der als Nächstes kommt, fährt nur bis Köln. häufige Zeitbedeutung
Eine überraschende Nachricht änderte unsere Pläne. Die Nachricht überraschte uns und führte zu neuen Plänen. die Sache löst die Reaktion aus
Bitte melden Sie die fehlenden Unterlagen bis Freitag nach. Die Unterlagen, die noch fehlen, müssen eingereicht werden. häufig in formellen Mitteilungen
Wegen steigender Kosten wird das Projekt überprüft. Die Kosten steigen; deshalb prüft man das Projekt. typischer Stil in Nachrichten und Sachtexten
Die im Hof spielenden Kinder kamen zum Essen herein. Die Kinder spielten im Hof und kamen dann herein. Partizip mit Ortsangabe
Wir halfen einer am Boden liegenden Frau. Wir halfen einer Frau, die am Boden lag. Dativ nach helfen
Der die Straße überquerende Radfahrer gab ein Handzeichen. Der Radfahrer überquerte die Straße und zeigte seine Richtung an. das Partizip behält sein Akkusativobjekt
Fließendes Wasser ist in der Hütte nicht vorhanden. In der Hütte gibt es kein Wasser aus einer Leitung. feste, allgemein verständliche Verbindung
Die zunehmende Hitze belastete die Läuferinnen. Es wurde immer heißer, und das war anstrengend. zunehmend beschreibt eine Entwicklung
Sie begrüßte uns lächelnd an der Tür. Während sie uns begrüßte, lächelte sie. adverbial, daher ohne Endung
Die aus dem Gebäude kommenden Personen wurden befragt. Die Personen kamen aus dem Gebäude und wurden dann befragt. längeres Attribut vor dem Nomen

Häufige Fehler

1. Das -d vergessen

  • Falsch: das schlafene Kind
  • Richtig: das schlafende Kind
  • Warum? Zuerst entsteht schlafend aus schlafen + d. Erst danach kommt die Adjektivendung -e hinzu.

2. Keine Adjektivendung setzen

  • Falsch: der kommend Zug
  • Richtig: der kommende Zug
  • Warum? Vor einem Nomen muss das Partizip dekliniert werden. Artikel, Kasus, Genus und Numerus bestimmen die Endung genau wie bei der neue Zug.

3. Partizip I und Partizip II verwechseln

  • Falsch: das kochende Wasser, wenn bereits abgekochtes Wasser gemeint ist
  • Richtig: das gekochte Wasser
  • Warum? Kochendes Wasser kocht selbst gerade. Gekochtes Wasser ist zuvor gekocht worden. Das Partizip I ist meist aktiv und gleichzeitig, das Partizip II bezeichnet häufig ein Ergebnis oder hat passive Bedeutung.

4. Den falschen Handelnden anschließen

  • Falsch: Aus dem Fenster schauend, fiel mir der Unfall auf.
  • Richtig: Als ich aus dem Fenster schaute, fiel mir der Unfall auf.
  • Warum? Bei einer adverbialen Partizipgruppe soll das Subjekt des Hauptsatzes normalerweise auch die Handlung des Partizips ausführen. Im falschen Satz ist das grammatische Subjekt aber der Unfall; der Unfall schaut nicht aus dem Fenster.

5. Einen zu langen Ausdruck erzwingen

  • Schwer lesbar: die seit mehreren Monaten unter schwierigen Bedingungen an dem neuen Verfahren arbeitenden Fachleute
  • Klarer: die Fachleute, die seit mehreren Monaten unter schwierigen Bedingungen an dem neuen Verfahren arbeiten
  • Warum? Lange Partizipialattribute sind nicht automatisch falsch. Ein Relativsatz zeigt die Struktur jedoch oft schneller und klingt besonders im Gespräch natürlicher.

Hinweise zum Gebrauch

Kurze Partizip-I-Attribute sind in allen Registern üblich: weinende Kinder, wartende Kunden, sinkende Temperaturen. In Verwaltung, Wissenschaft und Journalismus werden auch längere Formen gern verwendet, weil sie viele Informationen in eine Nomengruppe packen: die für den Antrag geltenden Fristen. In spontaner Alltagssprache bevorzugt man bei mehreren Ergänzungen meist einen Relativsatz.

Nicht jede formal mögliche Form ist gleich gebräuchlich. Der seiende Mann ist grammatisch konstruierbar, aber kaum idiomatisch. Ebenso klingt ein Partizip I nach manchen Zustandsverben unnötig technisch. Im Zweifel hilft ein Blick auf echte Texte: Häufige Verbindungen wie anwesende Personen, bestehende Regeln und fehlende Angaben sollte man als ganze Einheiten lernen.

Einige Partizipien haben sich weitgehend zu normalen Adjektiven entwickelt. spannend, dringend, anstrengend, entscheidend und überzeugend bezeichnen oft nicht nur eine gerade sichtbare Handlung, sondern eine bewertete oder dauerhafte Eigenschaft: ein spannender Roman, eine dringende Frage. Bei solchen lexikalisierten, also fest im Wortschatz verankerten Formen, tritt die ursprüngliche Verbbedeutung etwas in den Hintergrund.

Über die Grundlagen hinaus

Partizip I und Partizip II im direkten Vergleich

Die Gegenüberstellung zeigt häufig einen Unterschied zwischen laufendem Vorgang und Ergebnis:

Partizip I Partizip II Unterschied
das schmelzende Eis das geschmolzene Eis Es schmilzt gerade / es ist bereits geschmolzen.
die fallenden Blätter die gefallenen Blätter Sie fallen / sie liegen nach dem Fallen da.
die verletzende Bemerkung die verletzte Person Die Bemerkung verletzt / die Person ist betroffen.
die überraschende Nachricht die überraschten Gäste Die Nachricht löst Überraschung aus / die Gäste empfinden sie.

Diese Gegenüberstellung ist eine gute Orientierung, aber keine starre Zeitformel. Die genaue Bedeutung hängt immer auch vom Verb und vom Zusammenhang ab.

Steigerung nur bei echter Eigenschaft

Partizipien mit einer klaren Adjektivbedeutung können häufig gesteigert werden: eine spannendere Aufgabe, die überzeugendste Erklärung. Bei einer rein laufenden Handlung ist eine Steigerung dagegen meist nicht sinnvoll: Man sagt nicht gewöhnlich das schlafendere Kind. Soll eine Handlung verglichen werden, formuliert man anders, etwa das Kind, das länger schläft.

Verneinung

Die Verneinung steht vor dem Partizip und gehört zur ganzen Beschreibung:

  • die nicht funktionierende Heizung
  • ein kaum auffallender Unterschied
  • die noch immer fehlenden Belege

Auch hier trägt nur das Partizip selbst die Adjektivendung. Wörter wie nicht, kaum oder noch immer bleiben unverändert.

Das Gerundiv mit zu

Eine besondere fortgeschrittene Form verbindet zu mit einem Partizip-I-ähnlichen Attribut: die zu lösende Aufgabe, die einzuhaltende Frist. Dieses Gerundiv drückt meist aus, dass etwas getan werden muss, soll oder kann, und hat eine passive Bedeutung:

  • die zu lösende Aufgabe = die Aufgabe, die gelöst werden muss
  • ein leicht zu öffnendes Fenster = ein Fenster, das leicht geöffnet werden kann
  • die einzuhaltenden Regeln = die Regeln, die eingehalten werden müssen

Bei trennbaren Verben steht zu innerhalb des Verbs: einhalten → einzuhalten → einzuhaltend. Inhaltlich darf man diese Form nicht mit dem normalen aktiven Partizip I gleichsetzen: die lösende Person löst etwas selbst; die zu lösende Aufgabe soll von jemandem gelöst werden.

Tipps zum Üben

  1. In drei Schritten bilden: Schreibe zuerst den Infinitiv, dann das Partizip I und zuletzt die deklinierte Form: warten → wartend → die wartenden Gäste. So bleibt das -d sichtbar und die Adjektivendung wird nicht vergessen.
  2. Relativsätze umformen: Verwandle täglich einige Sätze wie die Frau, die dort wartet in die dort wartende Frau und wieder zurück. Prüfe dabei, wer die Handlung ausführt und welche Ergänzungen zum Verb gehören.
  3. Partizip I und II paarweise sammeln: Notiere Kontraste wie steigende Preise – gestiegene Preise oder schmelzendes Eis – geschmolzenes Eis. Ganze Gegensatzpaare prägen Bedeutung und Gebrauch besser ein als einzelne Formen.

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