Modalverben: dürfen und sollen im Deutschen
Modalverben: dürfen, sollen
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Dürfen drückt meist eine Erlaubnis aus; nicht dürfen bezeichnet ein Verbot: Du darfst gehen, aber Du darfst hier nicht parken. Sollen gibt einen Auftrag, eine Erwartung oder einen Rat weiter: Ich soll den Arzt anrufen. Beide Verben stehen in der konjugierten Form an Position zwei, während der Infinitiv am Satzende steht.
Überblick
Dürfen und sollen sind Modalverben. Ein Modalverb verändert die Bedeutung eines anderen Verbs: Es sagt zum Beispiel, ob eine Handlung erlaubt, verboten, empfohlen oder von jemandem verlangt ist. Das andere Verb steht dabei meist im Infinitiv (in der Grundform wie gehen, lernen oder anrufen).
Diese beiden Modalverben gehören zum Grundwortschatz auf A1-Niveau. Man braucht sie schon früh: um höflich um Erlaubnis zu bitten, Regeln zu verstehen, ärztliche oder berufliche Anweisungen wiederzugeben und anderen einen Rat zu geben. Besonders wichtig ist die Verneinung. Du darfst nicht gehen und Du musst nicht gehen bedeuten fast das Gegenteil voneinander.
Die einfache Anfängerregel lautet: dürfen = Erlaubnis, nicht dürfen = Verbot, sollen = Auftrag oder Empfehlung. Später kommen weitere Bedeutungen hinzu, etwa Vermutungen mit dürfte oder Informationen vom Hörensagen mit soll.
So funktioniert es
Die Formen im Präsens
Beide Verben verändern im Singular ihren Stamm. In der ersten und dritten Person Singular haben sie außerdem keine Endung.
| Person | dürfen | sollen |
|---|---|---|
| ich | darf | soll |
| du | darfst | sollst |
| er / sie / es | darf | soll |
| wir | dürfen | sollen |
| ihr | dürft | sollt |
| sie / Sie | dürfen | sollen |
Bei dürfen fällt der Umlaut in den Singularformen weg: dürfen, aber ich darf, du darfst, sie darf. Bei sollen ist vor allem die Endung wichtig: ich soll, du sollst, er soll.
Der Satzrahmen
In einem normalen Hauptsatz steht das konjugierte Modalverb an Position zwei. Das Verb mit der eigentlichen Handlung steht als Infinitiv ganz am Ende. Zusammen bilden beide Teile einen Satzrahmen: Sie umschließen den mittleren Teil des Satzes.
| Position 1 | Modalverb | Mittelfeld | Infinitiv |
|---|---|---|---|
| Ich | darf | heute länger | bleiben. |
| Du | sollst | deine Großmutter | anrufen. |
| Hier | darf | man nicht | rauchen. |
| Morgen | sollen | wir früher | kommen. |
Auch wenn eine Zeit- oder Ortsangabe am Anfang steht, bleibt das konjugierte Verb an Position zwei: Heute darf ich früher gehen. Nicht: Heute ich darf früher gehen.
Fragen mit dürfen
Für eine Ja/Nein-Frage steht das Modalverb am Satzanfang:
- Darf ich das Fenster öffnen?
- Dürfen wir hier sitzen?
- Darf man in diesem Raum fotografieren?
Mit dürfen fragt man direkt nach einer Erlaubnis. Kann ich das Fenster öffnen? kann im Alltag ebenfalls wie eine Bitte klingen, bezeichnet wörtlich aber zunächst eine Möglichkeit oder Fähigkeit. Wer ausdrücklich wissen will, ob etwas erlaubt ist, verwendet dürfen.
In kurzen Antworten kann der zweite Infinitiv fehlen, wenn die Handlung bereits klar ist:
- Darf ich reinkommen? – Ja, du darfst.
- Darf ich? – Natürlich.
Erlaubnis und Verbot mit dürfen
Ohne Verneinung bezeichnet dürfen eine Erlaubnis:
- Die Kinder dürfen draußen spielen.
- Sie dürfen jetzt eintreten.
Mit nicht wird daraus ein Verbot:
- Die Kinder dürfen nicht auf der Straße spielen.
- Hier darf man nicht parken.
Die Stellung von nicht kann je nach Satz variieren; beim allgemeinen Verbot steht es meist vor dem Infinitiv oder vor dem Teil, der verneint wird: Man darf hier nicht rauchen. — Man darf nicht hier, sondern nur draußen rauchen. Im zweiten Satz wird speziell der Ort hier korrigiert.
Auftrag, Erwartung und Rat mit sollen
Sollen zeigt oft, dass der Wunsch oder Auftrag von einer anderen Person, einer Regel oder einer Institution kommt. Die sprechende Person gibt ihn weiter:
- Der Chef sagt, ich soll den Bericht heute schicken.
- Wir sollen um neun Uhr da sein.
- Du sollst deine Medikamente regelmäßig nehmen.
Die Quelle muss nicht ausdrücklich genannt werden. Aus der Situation ist häufig klar, wer die Anweisung gegeben hat. Die Frage Was soll ich tun? bittet um eine Anweisung oder einen Rat. Soll ich die Tür schließen? bietet eine Handlung an oder fragt, ob sie gewünscht ist.
Sollen kann auch eine moralische Regel oder allgemeine Erwartung ausdrücken: Man soll anderen zuhören. Bei einem persönlichen Rat klingt jedoch solltest oft freundlicher als sollst. Dieser Unterschied gehört bereits zum fortgeschrittenen Gebrauch und wird weiter unten genauer erklärt.
Der wichtige Gegensatz zu müssen
Müssen bezeichnet eine Notwendigkeit; sollen verweist typischerweise auf einen Auftrag oder eine Erwartung von außen.
| Satz | Kernaussage |
|---|---|
| Ich muss heute arbeiten. | Die Arbeit ist notwendig; der Grund kann verschieden sein. |
| Ich soll heute arbeiten. | Jemand erwartet oder verlangt, dass ich arbeite. |
| Du musst nicht kommen. | Es ist nicht notwendig; du kannst trotzdem kommen. |
| Du darfst nicht kommen. | Es ist nicht erlaubt; du sollst wegbleiben. |
Gerade der letzte Gegensatz ist entscheidend: nicht müssen bedeutet „keine Pflicht“, nicht dürfen bedeutet „keine Erlaubnis“.
Beispiele im Zusammenhang
| Beispiel | Bedeutung in einfachem Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Darf ich hier rauchen? | Ist Rauchen hier erlaubt? | Frage nach Erlaubnis |
| Du darfst heute länger aufbleiben. | Es ist dir heute erlaubt, später ins Bett zu gehen. | persönliche Erlaubnis |
| Hier darf man nicht parken. | Parken ist an diesem Ort verboten. | allgemeine Regel mit man |
| Dürfen wir unseren Hund mitbringen? | Ist es erlaubt, dass unser Hund mitkommt? | höfliche praktische Frage |
| Sie dürfen im Wartezimmer Platz nehmen. | Sie haben die Erlaubnis, sich dort zu setzen. | höfliche Anrede mit Sie |
| Die Kinder dürfen den Computer nur eine Stunde benutzen. | Die Erlaubnis ist zeitlich begrenzt. | Einschränkung mit nur |
| Du sollst mehr schlafen. | Mehr Schlaf wird dir empfohlen oder von dir erwartet. | Rat oder Anweisung, je nach Situation |
| Ich soll Frau Weber zurückrufen. | Jemand hat mir gesagt, dass ich Frau Weber anrufen soll. | weitergegebener Auftrag |
| Was sollen wir zum Essen mitbringen? | Was wünschst du dir von uns? | Frage nach einer Erwartung |
| Soll ich dir mit den Taschen helfen? | Möchtest du, dass ich dir helfe? | Angebot |
| Ihr sollt um acht Uhr vor dem Hotel sein. | Es wird von euch erwartet, dass ihr um acht da seid. | Anweisung an mehrere Personen |
| Man soll genug Wasser trinken. | Genug Wasser zu trinken gilt als guter Rat. | allgemeine Empfehlung |
| Du sollst nicht alles glauben, was im Internet steht. | Es ist ratsam, nicht alles ungeprüft zu glauben. | negativer Rat, kein formelles Verbot |
| Wir dürfen morgen von zu Hause arbeiten, sollen aber erreichbar sein. | Homeoffice ist erlaubt; Erreichbarkeit wird erwartet. | Erlaubnis und Pflicht im selben Satz |
Häufige Fehler
Den Infinitiv nicht ans Satzende stellen
- Falsch: Ich darf gehen heute früher.
- Richtig: Ich darf heute früher gehen.
- Warum: Im Hauptsatz steht das Modalverb an Position zwei und der Infinitiv am Ende. Zeitangaben wie heute stehen dazwischen.
Den Infinitiv zusätzlich mit „zu“ verwenden
- Falsch: Du sollst mehr zu schlafen.
- Richtig: Du sollst mehr schlafen.
- Warum: Nach einem Modalverb steht der reine Infinitiv ohne zu.
Den Umlaut im Singular behalten
- Falsch: Ich dürfe hier sitzen.
- Richtig: Ich darf hier sitzen.
- Warum: Im normalen Präsens Indikativ heißen die Singularformen darf, darfst, darf. Dürfe existiert, gehört aber zu einem anderen Modus und nicht zur einfachen A1-Form.
nicht dürfen und nicht müssen verwechseln
- Falsch gemeint: Du musst hier nicht fotografieren, wenn Fotografieren verboten ist.
- Richtig: Du darfst hier nicht fotografieren.
- Warum: Nicht müssen hebt eine Pflicht auf: Fotografieren ist nicht nötig. Ein Verbot braucht nicht dürfen.
sollen für jeden freundlichen Rat verwenden
- Unpassend streng: Du sollst am Wochenende weniger arbeiten.
- Meist natürlicher: Du solltest am Wochenende weniger arbeiten.
- Warum: Du sollst kann wie eine Anweisung klingen. Für einen persönlichen, vorsichtigen Rat ist du solltest oft höflicher. In einer klaren ärztlichen oder elterlichen Anweisung kann du sollst dagegen passend sein.
Die dritte Person mit einer Endung bilden
- Falsch: Er sollt morgen anrufen.
- Richtig: Er soll morgen anrufen.
- Warum: Die erste und dritte Person Singular haben keine Endung: ich soll, er soll; ebenso ich darf, sie darf.
Hinweise zum Gebrauch
Ob sollen als Rat oder als Anweisung verstanden wird, hängt stark von Situation und Ton ab. Der Arzt sagt, du sollst dich ausruhen gibt eine fachliche Empfehlung weiter. Du sollst sofort dein Zimmer aufräumen! ist ein deutlicher Befehl. Ohne Kontext kann Du sollst mehr schlafen deshalb fürsorglich, aber auch bestimmend wirken.
Mit der Höflichkeitsform Sie bleibt die Grammatik dieselbe wie bei sie im Plural: Dürfen Sie hier warten? und Sie sollen dieses Formular ausfüllen. Die Großschreibung zeigt, dass eine Person oder mehrere Personen höflich angesprochen werden. In offiziellen Hinweisen liest man häufig unpersönliche Formulierungen wie Hier darf nicht geraucht werden; für A1 genügt zunächst die aktive Form Hier darf man nicht rauchen.
In Gesprächen sind kurze Fragen mit sollen sehr häufig: Soll ich?, Soll ich anfangen?, Was soll das heißen? Die letzte Wendung bedeutet nicht einfach „Welche Anweisung gibt es?“, sondern meist „Was bedeutet das?“ oder, mit ärgerlichem Ton, „Was soll das?“ Solche festen Wendungen lernt man am besten als ganze Einheiten.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Verwendungen musst du auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, die dir in Gesprächen und Texten später begegnen werden.
sollte als höflicher oder vorsichtiger Rat
Sollte ist formal eine Form des Konjunktivs II (eine Verbform für Irreales, Höflichkeit oder vorsichtige Aussagen). Beim Ratschlag schwächt sie die Anweisung ab:
- Du sollst zum Arzt gehen. — Jemand verlangt oder erwartet es; der Ton ist deutlich.
- Du solltest zum Arzt gehen. — Ich halte es für eine gute Idee.
Im Alltag entspricht solltest daher oft eher einem freundlichen Rat, während sollst eine fremde Anweisung wiedergibt.
Vergangenheit
Im Präteritum (einer einfachen Vergangenheitsform) heißen die Formen durfte und sollte:
- Als Kind durfte ich lange aufbleiben.
- Ich sollte gestern den Kunden anrufen.
Achtung: sollte kann je nach Kontext Vergangenheit oder höflicher Rat sein. Gestern sollte ich anrufen liegt klar in der Vergangenheit; Du solltest mehr schlafen ist meist ein gegenwärtiger Rat.
Im Perfekt stehen Modalverben mit einem zweiten Verb meist in einer besonderen Konstruktion mit zwei Infinitiven: Ich habe länger bleiben dürfen. Diese Form wird Ersatzinfinitiv genannt, weil anstelle eines Partizips wie gedurft der Infinitiv dürfen steht. Ohne zweites Verb ist dagegen Das habe ich nicht gedurft möglich. Für den Anfang reichen die Präsensformen vollkommen aus.
Hörensagen und Vermutung
Sollen kann ausdrücken, dass eine Information von anderen stammt und die sprechende Person sie nicht selbst bestätigt:
- Der neue Kollege soll sehr nett sein. — Andere sagen, dass er sehr nett ist.
- Das Restaurant soll morgen öffnen. — Das wurde angekündigt oder berichtet.
Dürfte kann in gehobenerem oder vorsichtigem Deutsch eine Wahrscheinlichkeit ausdrücken:
- Der Zug dürfte bald ankommen. — Wahrscheinlich kommt der Zug bald an.
- Das dürfte reichen. — Das reicht vermutlich.
Diese Bedeutungen haben nichts mit einer direkten Erlaubnis zu tun. Der Kontext und die Form dürfte machen den Unterschied.
sollte in Bedingungen
In formeller Sprache kann sollte eine eher unwahrscheinliche oder vorsichtig formulierte Bedingung einleiten:
- Sollten Sie Fragen haben, rufen Sie uns an.
Das bedeutet ungefähr: Falls Sie Fragen haben. Diese Struktur ist besonders in geschäftlichen E-Mails und Hinweisen verbreitet.
Lerntipps
- Übe Bedeutungs-Paare statt einzelner Formen. Bilde zu einer Situation vier Sätze: Ich darf gehen. Ich darf nicht gehen. Ich muss gehen. Ich muss nicht gehen. So prägt sich der Unterschied zwischen Erlaubnis, Verbot und Notwendigkeit ein.
- Baue den Satz von außen nach innen. Setze zuerst das konjugierte Modalverb an Position zwei und den Infinitiv ans Ende: Wir dürfen … fotografieren. Ergänze danach Ort, Zeit und Objekt: Wir dürfen heute im Museum die Bilder fotografieren.
- Spiele kurze Alltagsszenen durch. Frage im Hotel, Büro oder Kurs um Erlaubnis (Darf ich …?) und gib anschließend eine Erwartung weiter (Die Lehrerin sagt, wir sollen …). Sprich die Formen laut, besonders darf–darfst–darf und soll–sollst–soll.
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