A1

Modalverben können und müssen im Deutschen

Modalverben: können, müssen

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Können drückt vor allem eine Fähigkeit oder Möglichkeit aus, müssen eine Notwendigkeit oder Pflicht. Im Hauptsatz wird das Modalverb an die Person angepasst und steht an Position zwei; das zweite Verb bleibt als Infinitiv (Grundform) am Satzende: Ich kann heute länger bleiben. Bei einer Ja/Nein-Frage steht das Modalverb vorn: Kannst du morgen kommen?

Überblick

Können und müssen gehören zu den Modalverben. Ein Modalverb verändert die Bedeutung eines anderen Verbs: Es sagt zum Beispiel, ob jemand etwas beherrscht, ob etwas möglich ist oder ob etwas notwendig ist. Vergleiche Ich schwimme mit Ich kann schwimmen: Im zweiten Satz geht es um die Fähigkeit zu schwimmen. In Ich muss schwimmen erscheint dieselbe Tätigkeit dagegen als notwendig.

Diese beiden Verben begegnen dir schon auf Niveau A1 ständig: bei Fähigkeiten, Arbeitszeiten, Terminen, Regeln, Reiseplänen und Bitten. Sie sind unregelmäßig, aber ihr Satzbau folgt einem gut erkennbaren Muster. Die konjugierte Form (die Form, die zur handelnden Person passt) steht im Hauptsatz an der üblichen Verbposition. Das Verb mit der eigentlichen Tätigkeit steht als Infinitiv am Ende.

Für den Anfang reichen zwei Kernbedeutungen: können = eine Fähigkeit oder Möglichkeit haben und müssen = etwas ist notwendig. Später kommen weitere Bedeutungen hinzu, etwa höfliche Bitten mit können, Vermutungen wie Das kann stimmen und Schlussfolgerungen wie Er muss krank sein. Diese Feinheiten sind weiter unten klar vom A1-Grundstoff getrennt.

So funktioniert es

Die Formen im Präsens

Präsens bedeutet Gegenwartsform. Bei beiden Verben ändert sich im Singular der Stamm: können wird zu kann- und müssen zu muss-. In der ersten und dritten Person Singular gibt es außerdem keine zusätzliche Endung: ich kann, er muss.

Person können müssen
ich kann muss
du kannst musst
er / sie / es kann muss
wir können müssen
ihr könnt müsst
sie / Sie können müssen

Die Formen können, müssen, könnt und müsst behalten den Umlaut. Die Singularformen kann, kannst, muss, musst haben dagegen keinen Umlaut. Besonders nützlich ist die Gemeinsamkeit von erster und dritter Person: ich kann – er kann und ich muss – sie muss.

Der Hauptsatz: Modalverb vorn, Infinitiv am Ende

Im normalen Aussagesatz steht das konjugierte Modalverb an Position zwei. „Position“ meint hier einen Satzteil, nicht unbedingt genau ein Wort. Der Infinitiv steht am Satzende.

Position 1 Position 2: Modalverb Mittelfeld Satzende: Infinitiv
Ich kann heute nicht kommen.
Meine Kollegin muss am Samstag arbeiten.
Morgen können wir länger schlafen.
Nach dem Kurs musst du noch Vokabeln lernen.

Modalverb und Infinitiv bilden dabei eine Satzklammer: Die beiden Verbteile stehen wie eine Klammer um andere Satzteile herum. Das ist im Deutschen sehr häufig.

Das Verb am Ende bleibt immer in der Grundform. Es passt sich nicht an die Person an:

  • Ich kann schwimmen.
  • Du kannst schwimmen.
  • Wir können schwimmen.

Nur können verändert sich; schwimmen bleibt gleich. Vor dem Infinitiv steht bei Modalverben kein zu: richtig ist Ich muss arbeiten, nicht Ich muss zu arbeiten.

Welche Bedeutung hat können?

1. Fähigkeit

Können sagt, dass jemand etwas gelernt hat oder körperlich beziehungsweise geistig dazu in der Lage ist:

  • Mila kann gut kochen.
  • Ich kann ein bisschen Deutsch sprechen.
  • Kann dein Sohn schon lesen?

Bei Sprachen und manchen erlernten Fähigkeiten kann das zweite Verb entfallen, wenn die Bedeutung klar ist: Sie kann Italienisch bedeutet gewöhnlich Sie kann Italienisch sprechen.

2. Möglichkeit oder Gelegenheit

Können kann auch bedeuten, dass Zeit, Umstände oder Regeln etwas möglich machen:

  • Wir können uns am Freitag treffen.
  • Heute kann ich nicht länger bleiben.
  • Hier kann man mit Karte bezahlen.

Mit dem unpersönlichen Pronomen man spricht man allgemein über Menschen, ohne eine bestimmte Person zu nennen.

3. Bitte oder Erlaubnis

Eine Frage mit können kann als Bitte dienen:

  • Kannst du bitte das Fenster schließen?
  • Können Sie mir helfen?

Außerdem kann können im Alltag eine Erlaubnis bezeichnen: Du kannst jetzt nach Hause gehen. Wenn ausdrücklich nach einer Regel oder Erlaubnis gefragt wird, ist jedoch oft dürfen genauer: Darf ich hier parken?

Welche Bedeutung hat müssen?

1. Notwendigkeit

Müssen sagt, dass eine Handlung nötig ist. Der Grund kann eine Regel, eine Situation, ein Termin oder ein körperliches Bedürfnis sein:

  • Ich muss morgen früh aufstehen.
  • Wir müssen die Rechnung heute bezahlen.
  • Du musst für die Reise einen Pass mitnehmen.

Ob der Sprecher selbst oder eine andere Person die Notwendigkeit bestimmt, sagt müssen allein nicht. Der Zusammenhang liefert diese Information.

2. Pflicht und starke Aufforderung

In Sätzen mit du oder ihr kann müssen sehr direkt wirken:

  • Du musst jetzt zuhören.
  • Ihr müsst leise sein.

Solche Sätze passen zu klaren Regeln oder dringenden Situationen. Als freundlicher Rat sind weichere Formulierungen oft besser, zum Beispiel Du solltest mehr schlafen.

Fragen mit können und müssen

Bei einer Ja/Nein-Frage steht das konjugierte Modalverb an erster Stelle. Der Infinitiv bleibt am Ende:

  • Kannst du heute kommen?
  • Müssen wir ein Ticket kaufen?

Bei einer W-Frage beginnt der Satz mit einem Fragewort. Danach folgen Modalverb und die Person oder Sache, um die es geht:

  • Wann kannst du kommen?
  • Warum muss Leon früher gehen?
  • Wie lange müssen Sie warten?

Die Satzklammer bleibt also auch in Fragen erhalten.

Verneinung: nicht können und nicht müssen

Bei nicht können fehlt eine Fähigkeit oder Möglichkeit:

  • Ich kann nicht Auto fahren.
  • Sie kann heute nicht kommen.

Bei nicht müssen fehlt dagegen die Notwendigkeit. Der Satz bedeutet: Es ist freiwillig oder nicht nötig.

  • Du musst morgen nicht arbeiten. = Morgen zu arbeiten ist nicht nötig.
  • Ihr müsst nichts mitbringen. = Es ist nicht nötig, etwas mitzubringen.

Das ist ein wichtiger Unterschied: nicht müssen ist kein Verbot. Für ein Verbot verwendet man normalerweise nicht dürfen: Du darfst hier nicht rauchen.

Wenn kein zweiter Infinitiv steht

Manchmal fehlt das zweite Verb, weil es aus dem Zusammenhang leicht ergänzt werden kann:

  • Kannst du Deutsch? – gemeint ist: Kannst du Deutsch sprechen?
  • Ich muss jetzt nach Hause. – gemeint ist etwa: Ich muss jetzt nach Hause gehen.
  • Musst du morgen ins Büro? – gemeint ist: Musst du morgen ins Büro kommen/gehen?

Für den Anfang ist die Konstruktion mit einem sichtbaren Infinitiv am Satzende trotzdem das sicherste Grundmuster.

Beispiele im Zusammenhang

Beispiel Bedeutung in einfachem Deutsch Hinweis
Ich kann schwimmen. Ich habe die Fähigkeit zu schwimmen. Fähigkeit
Du musst arbeiten. Für dich ist die Arbeit notwendig. Pflicht oder Notwendigkeit
Können Sie mir helfen? Ich bitte Sie höflich um Hilfe. formelle Anrede
Meine Schwester kann sehr gut kochen. Meine Schwester beherrscht das Kochen gut. erlernte Fähigkeit
Heute kann ich schon um vier Uhr gehen. Die Umstände erlauben mir, um vier Uhr zu gehen. Möglichkeit
Wir können uns vor dem Bahnhof treffen. Ein Treffen dort ist möglich. Vorschlag oder Möglichkeit
Kannst du bitte langsamer sprechen? Ich bitte dich, langsamer zu sprechen. informelle Bitte
Hier kann man kostenlos Wasser nachfüllen. Alle haben hier diese Möglichkeit. allgemeine Aussage mit man
Der Zug fährt um sechs; wir müssen uns beeilen. Beeilen ist wegen der Abfahrtszeit nötig. äußere Notwendigkeit
Muss ich dieses Formular unterschreiben? Ich frage, ob die Unterschrift notwendig ist. Ja/Nein-Frage
Warum müsst ihr heute länger bleiben? Ich frage nach dem Grund für die Notwendigkeit. W-Frage
Morgen musst du nicht früh aufstehen. Frühes Aufstehen ist morgen nicht nötig. fehlende Notwendigkeit
Ich kann heute leider nicht kommen. Mein Kommen ist heute nicht möglich. verneinte Möglichkeit
Nach dem Essen müssen die Kinder ihre Zähne putzen. Das Zähneputzen ist nach dem Essen eine feste Regel. regelmäßige Pflicht
Können wir die Rechnung getrennt bezahlen? Wir fragen, ob getrenntes Bezahlen möglich ist. typische Frage im Restaurant

Häufige Fehler

1. Beide Verben werden konjugiert

  • Falsch: Ich kann schwimme.
  • Richtig: Ich kann schwimmen.
  • Warum: Nur das Modalverb wird an die Person angepasst. Das zweite Verb steht als Infinitiv am Satzende.

2. Der Infinitiv steht direkt nach dem Modalverb

  • Falsch: Ich muss arbeiten morgen im Büro.
  • Richtig: Ich muss morgen im Büro arbeiten.
  • Warum: Im deutschen Hauptsatz bildet das Modalverb mit dem Infinitiv eine Satzklammer. Andere Angaben stehen normalerweise dazwischen.

3. Vor dem Infinitiv steht zu

  • Falsch: Wir müssen zu warten.
  • Richtig: Wir müssen warten.
  • Warum: Nach können und müssen steht der reine Infinitiv ohne zu.

4. Die Singularformen bekommen fälschlich einen Umlaut

  • Falsch: Er könnt heute kommen. / Du müsst jetzt gehen.
  • Richtig: Er kann heute kommen. / Du musst jetzt gehen.
  • Warum: Im Singular heißen die Formen kann, kannst, muss, musst. Könnt und müsst gehören zu ihr.

5. nicht müssen wird als Verbot verstanden

  • Missverständlich oder falsch für ein Verbot: Du musst hier nicht fotografieren.
  • Richtiges Verbot: Du darfst hier nicht fotografieren.
  • Warum: Nicht müssen bedeutet „nicht nötig sein“. Nicht dürfen bedeutet „verboten sein“.

6. In der Frage bleibt die Wortstellung des Aussagesatzes

  • Falsch: Du kannst mir helfen? als neutrale Standardfrage
  • Richtig: Kannst du mir helfen?
  • Warum: Eine normale Ja/Nein-Frage beginnt mit dem konjugierten Verb. Die Wortfolge Du kannst mir helfen? kommt zwar gesprochen als überraschte Nachfrage vor, ist aber nicht das A1-Grundmuster.

Hinweise zum Gebrauch

Können Sie …? ist eine normale höfliche Bitte in formellen Situationen. Unter Freunden oder in der Familie verwendet man Kannst du …? Die Höflichkeit entsteht nicht allein durch das Modalverb: bitte, ein freundlicher Ton und die passende Anrede sind ebenfalls wichtig. Können Sie das Fenster schließen? ist eine Bitte und meist keine Frage nach der körperlichen Fähigkeit.

Müssen kann je nach Situation sachlich oder streng klingen. Sie müssen hier unterschreiben ist bei einem notwendigen Formular normal. In einer persönlichen Unterhaltung kann derselbe direkte Satz jedoch wie ein Befehl wirken. Für Empfehlungen stehen oft sollen oder der Konjunktiv sollten: Sie sollten mehr trinken.

In der gesprochenen Sprache lässt man einen leicht verständlichen Infinitiv häufig weg, besonders bei Richtungsangaben: Ich muss los, Wir müssen nach Hause, Kann ich rein? Beim sorgfältigen Lernen hilft es trotzdem, die vollständige Konstruktion mitzudenken: losgehen, nach Hause gehen, reinkommen.

Die Form kann bezeichnet nicht nur eine stabile Fähigkeit. In Ich kann am Dienstag bedeutet sie „Ich habe am Dienstag Zeit“. Was genau möglich ist, ergibt sich aus dem Gespräch.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Punkte musst du auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, die dir früh in Gesprächen und Texten begegnen können.

Nebensätze

In einem Nebensatz (einem abhängigen Satzteil, oft mit weil, dass oder wenn) steht das konjugierte Modalverb am Ende, direkt nach dem Infinitiv:

  • Ich gehe früh ins Bett, weil ich morgen arbeiten muss.
  • Sie sagt, dass sie sehr gut schwimmen kann.
  • Wenn du kommen kannst, ruf mich bitte an.

Im Hauptsatz heißt es also Ich muss morgen arbeiten; im Nebensatz heißt es weil ich morgen arbeiten muss.

Vergangenheit

Im gesprochenen und geschriebenen Deutsch verwendet man bei Modalverben sehr oft das Präteritum (eine einfache Vergangenheitsform):

Person können müssen
ich / er / sie / es konnte musste
du konntest musstest
wir / sie / Sie konnten mussten
ihr konntet musstet
  • Als Kind konnte ich noch nicht lesen.
  • Gestern mussten wir lange warten.

Auch hier steht ein weiterer Infinitiv am Ende. Das Perfekt ist möglich, hat mit einem zweiten Verb aber eine besondere Form mit zwei Infinitiven: Ich habe lange arbeiten müssen. Für den aktiven Gebrauch ist zunächst das einfachere Ich musste lange arbeiten empfehlenswert.

Höfliche und vorsichtige Formen

Könnte und müsste gehören zum Konjunktiv II (einer Form für Höflichkeit, Möglichkeiten und nicht sichere Aussagen):

  • Könnten Sie mir kurz helfen? klingt zurückhaltender als Können Sie mir helfen?
  • Wir könnten morgen ins Museum gehen. macht einen Vorschlag.
  • Ich müsste noch einkaufen. bedeutet oft: Eigentlich wäre Einkaufen nötig, aber der Plan ist noch nicht fest.

Vermutung und Schlussfolgerung

Auf höheren Niveaus können beide Modalverben die Einschätzung des Sprechers zeigen:

  • Das kann stimmen. = Es ist möglich, dass das stimmt.
  • Das kann nicht stimmen. = Der Sprecher hält es für unmöglich.
  • Er muss krank sein. = Die Hinweise führen zu dieser Schlussfolgerung.

In Er muss krank sein zwingt also niemand den Mann, krank zu sein. Müssen drückt hier eine sehr wahrscheinliche Schlussfolgerung aus. Diese sogenannte subjektive Verwendung wird später ausführlicher behandelt.

Übungstipps

  1. Lerne die Formen paarweise. Sprich täglich beide Reihen laut: ich kann – ich muss, du kannst – du musst, er kann – er muss. Achte besonders auf den fehlenden Umlaut im Singular und auf ihr könnt – ihr müsst.
  2. Baue Satzklammern. Schreibe fünf kurze Tätigkeiten auf, etwa kochen, fahren, lernen, warten, anrufen. Setze dann in jeden Satz eine Zeit- oder Ortsangabe zwischen Modalverb und Infinitiv: Ich muss heute Abend meine Mutter anrufen.
  3. Übe Bedeutungsgegensätze. Formuliere zu einem Satz drei Varianten: Ich kann morgen arbeiten (es ist möglich), Ich kann morgen nicht arbeiten (es ist unmöglich), Ich muss morgen nicht arbeiten (es ist nicht nötig). So wird der wichtige Unterschied zwischen nicht können und nicht müssen hörbar.

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