B1

Der Genitiv im Deutschen

Genitiv

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Der Genitiv beantwortet meist die Frage wessen? und verbindet Personen oder Dinge miteinander: das Auto meines Vaters, die Mitte der Stadt. Außerdem steht er in der Standardsprache nach Präpositionen wie wegen, trotz, während und statt: trotz des Regens.

Überblick

Der Genitiv ist einer der vier deutschen Fälle. Ein Fall oder Kasus zeigt an, welche Aufgabe ein Wort oder eine Wortgruppe im Satz hat. Beim Genitiv geht es häufig um Zugehörigkeit, Besitz, Herkunft, einen Teil eines Ganzen oder eine nähere Bestimmung: die Tür des Hauses, eine Freundin meiner Schwester, das Ende des Films. „Besitz“ allein ist also etwas zu eng: Eine Stadt besitzt ihre Mitte nicht, trotzdem heißt es die Mitte der Stadt.

Im Alltag begegnet der Genitiv vor allem in zwei Mustern. Als Genitivattribut (eine nähere Bestimmung zu einem Nomen) steht er meist hinter einem anderen Nomen: der Schlüssel des Nachbarn. Nach bestimmten Präpositionen ist er Teil einer Angabe: während der Sitzung. Auf dem Niveau B1 lohnt es sich, zuerst diese beiden Muster sicher zu beherrschen.

Der Genitiv ist in geschriebener Standardsprache sehr häufig. In lockerer gesprochener Sprache werden manche Genitivkonstruktionen durch von + Dativ ersetzt. Auch nach wegen hört man oft den Dativ. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Genitiv „verschwindet“: In Texten, Nachrichten, formellen Gesprächen und vielen festen Wendungen ist er unverzichtbar.

So funktioniert der Genitiv

1. Die Artikel zeigen den Fall

Ein Nomen ist ein Wort für eine Person, ein Ding, einen Ort oder einen Begriff, zum Beispiel Vater, Auto, Stadt oder Hoffnung. Im Genitiv verändern sich vor allem der Artikel und – bei maskulinen und neutralen Nomen – häufig auch das Nomen selbst.

Geschlecht/Zahl Bestimmter Artikel Unbestimmter Artikel Beispiel
maskulin des eines die Jacke des/eines Mannes
neutral des eines die Tür des/eines Hauses
feminin der einer die Farbe der/einer Tasche
Plural der die Namen der Kinder

Bei verneinten und besitzanzeigenden Artikeln gelten dieselben Endungen:

  • maskulin: keines/meines/deines Vaters
  • neutral: keines/meines/deines Kinderzimmers
  • feminin: keiner/meiner/deiner Freundin
  • Plural: keiner/meiner/deiner Freunde

Ein gutes Erkennungssignal lautet deshalb: des/eines + -(e)s bei maskulinen und neutralen Nomen, der/einer bei femininen Nomen. Im Femininum und im Plural bekommt das Nomen normalerweise keine zusätzliche Genitivendung.

2. Maskuline und neutrale Nomen: -s oder -es

Maskuline und neutrale Nomen erhalten im Genitiv Singular in der Regel -s oder -es:

Typ Häufige Form Beispiele
einsilbige Nomen oft -es des Tages, des Mannes, des Buches
mehrsilbige Nomen meist -s des Lehrers, des Computers, des Hotels
Endung auf Zischlaut wie -s, -ß, -x, -z meist -es des Fußes, des Glases, des Satzes
Endung auf -el, -en oder -er meist -s des Mantels, des Gartens, des Vaters

Bei einigen Wörtern sind beide Formen möglich, etwa des Tags/des Tages. Die Form mit -es wirkt mitunter gehobener oder rhythmisch vollständiger. Zum Lernen ist es sinnvoll, häufige Verbindungen als Einheit zu speichern: am Ende des Tages, die Bedeutung des Wortes, die Kosten des Hotels.

Eine wichtige Sondergruppe bilden schwache maskuline Nomen. Sie enden außerhalb des Nominativs meist auf -n oder -en, nicht auf -s: der Student – des Studenten, der Junge – des Jungen, der Mensch – des Menschen. Bei Name lautet die Genitivform des Namens.

3. Adjektive im Genitiv

Ein Adjektiv beschreibt eine Eigenschaft, zum Beispiel neu, lang oder schön. Nach einem Artikel endet es im Genitiv normalerweise auf -en:

  • die Reparatur des alten Autos
  • während einer langen Reise
  • die Stimmen der jungen Leute
  • trotz meines vollen Kalenders

So entsteht ein gut sichtbares Paket: wegen des starken Regens. Der Artikel zeigt den Genitiv, das Adjektiv erhält -en, und das maskuline Nomen bekommt -s.

Ohne Artikel kommen Genitivgruppen besonders in festen oder knappen Formulierungen vor: guten Mutes, sehenden Auges, wegen starken Regens. Solche Formen muss man auf B1 noch nicht frei bilden; wichtiger ist, sie beim Lesen zu erkennen.

4. Zugehörigkeit und nähere Bestimmung

Das Grundmuster lautet:

Nomen + Genitivgruppe

  • das Fahrrad meines Bruders
  • der Anfang des Kurses
  • eine Kollegin meiner Mutter
  • die Dächer der Altstadt

Die Frage wessen? hilft beim Erkennen: Wessen Fahrrad? – Das Fahrrad meines Bruders. Der Genitiv kann dabei sehr unterschiedliche Beziehungen ausdrücken:

  • Besitz: das Handy der Ärztin
  • Teil eines Ganzen: die Hälfte des Kuchens
  • Ort oder Bereich: das Zentrum der Stadt
  • Urheber: die Romane dieser Autorin
  • Thema oder Inhalt: das Ergebnis der Untersuchung

Im gesprochenen Deutsch ist von + Dativ oft eine natürliche Alternative: das Fahrrad von meinem Bruder. In einem sachlichen Text wirkt das Fahrrad meines Bruders meist kompakter und stilistisch passender. Bei kurzen, alltäglichen Sätzen sind beide Möglichkeiten verständlich; sie sind jedoch nicht in jeder festen Verbindung beliebig austauschbar.

5. Namen im Genitiv

Personennamen stehen meist vor dem Nomen und erhalten -s:

  • Marias Wohnung
  • Karims Schlüssel
  • Goethes Gedichte

Vor diesem -s steht kein Apostroph. Richtig ist also Marias Wohnung, nicht Maria's Wohnung. Endet ein Name bereits auf einen s-Laut, zeigt ein Apostroph die Genitivform an: Hans' Fahrrad, Max' Büro, Fritz' Idee. Mit Artikel oder Titel ist auch eine nachgestellte Form möglich: die Gedichte des jungen Goethe.

Bei Orts- und Ländernamen findet man ebenfalls den vorangestellten Genitiv: Deutschlands größte Insel, Berlins Museen. Die nachgestellte Form mit Artikel ist ebenso möglich: die größte Insel Deutschlands.

6. Präpositionen mit Genitiv

Eine Präposition ist ein kurzes Verhältniswort wie mit, in oder wegen. Die folgenden Präpositionen sind für den Kern dieses Themas besonders wichtig:

Präposition Bedeutung Beispiel
wegen nennt einen Grund wegen des Sturms
trotz nennt einen Gegensatz oder ein Hindernis trotz der Kälte
während bezeichnet einen Zeitraum während des Essens
statt/anstatt nennt einen Ersatz oder eine nicht gewählte Möglichkeit statt eines Taxis

Diese Gruppen können am Satzanfang oder im Mittelfeld stehen:

  • Wegen des Sturms bleibt die Schule geschlossen.
  • Die Schule bleibt wegen des Sturms geschlossen.

Während kann auch einen Nebensatz einleiten. Dann folgt kein Genitiv, sondern ein Satz mit Verb: Während wir aßen, klingelte das Telefon. Dagegen enthält während des Essens eine Genitivgruppe. Bei statt/anstatt ist ebenfalls ein Infinitiv mit zu möglich: Statt ein Taxi zu nehmen, gingen wir zu Fuß.

Beispiele im Zusammenhang

Beispiel Bedeutung Muster
Das Auto meines Vaters steht vor dem Haus. Das Auto gehört meinem Vater. Zugehörigkeit, maskulin
Die Fenster des alten Gebäudes werden erneuert. Die Fenster gehören zu dem alten Gebäude. neutral mit Adjektiv
Wir treffen uns in der Mitte der Stadt. Der Treffpunkt liegt im Stadtzentrum. feminin
Die Eltern der Kinder warten draußen. Gemeint sind die Eltern dieser Kinder. Plural
Ich habe nur die Hälfte des Kuchens gegessen. Ein Teil des Kuchens blieb übrig. Teil eines Ganzen
Das ist Leas neuer Arbeitsplatz. Der neue Arbeitsplatz gehört Lea. Personenname vor dem Nomen
Wegen des starken Regens fiel das Spiel aus. Der Regen war der Grund für die Absage. wegen + Genitiv
Trotz der langen Wartezeit blieb sie geduldig. Die Wartezeit war lang, aber sie blieb geduldig. trotz + Genitiv
Während des Urlaubs blieb das Büro geschlossen. Das Büro war im gesamten Urlaub zu. während + Genitiv
Er nahm den Bus statt eines Taxis. Er wählte den Bus und nicht das Taxi. statt + Genitiv
Einer meiner Freunde arbeitet in Wien. Gemeint ist eine Person aus meinem Freundeskreis. Teil einer Gruppe
Wessen Schlüssel liegt hier? Gefragt wird, wem der Schlüssel gehört. Fragewort im Genitiv
Die Frau, deren Fahrrad gestohlen wurde, rief die Polizei. Das gestohlene Fahrrad gehört der Frau. Genitiv im Relativsatz

Häufige Fehler

1. Den Artikel ändern, aber das Nomen nicht

  • Falsch: die Tür des Haus
  • Richtig: die Tür des Hauses
  • Warum: Ein maskulines oder neutrales Nomen bekommt im Genitiv Singular normalerweise -s oder -es. Haus ist neutral und einsilbig; des Hauses ist die übliche Form.

2. Den Dativartikel mit dem Genitivartikel verwechseln

  • Falsch: trotz dem Regen in einem formellen Text
  • Richtig: trotz des Regens
  • Warum: Nach trotz steht in der Standardsprache gewöhnlich der Genitiv. Der bekannte Dativartikel dem darf nicht automatisch übernommen werden.

3. Bei femininen Nomen eine Endung ergänzen

  • Falsch: die Farbe der Tasches
  • Richtig: die Farbe der Tasche
  • Warum: Feminine Nomen erhalten hier keine Genitivendung. Der Artikel der markiert den Fall bereits.

4. Jedes maskuline Nomen mit -s bilden

  • Falsch: die Meinung des Students
  • Richtig: die Meinung des Studenten
  • Warum: Student gehört zur schwachen Deklination. Solche maskulinen Nomen haben im Genitiv meist -n oder -en.

5. Bei Namen einen unnötigen Apostroph setzen

  • Falsch: Laura's Fahrrad
  • Richtig: Lauras Fahrrad
  • Warum: Vor dem normalen Genitiv-s steht im Deutschen kein Apostroph. Nur wenn der Name bereits auf einen s-Laut endet, schreibt man beispielsweise Max' Fahrrad.

6. Nach während immer dieselbe Konstruktion erwarten

  • Falsch: Während des wir essen, hören wir Musik.
  • Richtig: Während des Essens hören wir Musik. / Während wir essen, hören wir Musik.
  • Warum: Vor einer Nomengruppe regiert während den Genitiv. Leitet es einen Nebensatz ein, folgen ein Subjekt und ein Verb; des hat dort keinen Platz.

Hinweise zum Gebrauch

In sorgfältiger Standardsprache sind wegen des Wetters, trotz des Problems und während des Gesprächs sichere Formen. Umgangssprachlich hört man besonders häufig wegen dem Wetter oder wegen mir. Solche Dativformen sind regional und im lockeren Gespräch verbreitet. Für Prüfungen, Bewerbungen, Berichte und andere formelle Texte ist der Genitiv die verlässlichere Wahl: wegen des Wetters. Bei Personalpronomen klingt die feste Form meinetwegen, deinetwegen, seinetwegen oft natürlicher als eine ausdrücklich gebildete Genitivform.

Auch von + Dativ ist nicht grundsätzlich falsch. Das ist das Auto von meinem Bruder klingt in einem Gespräch ganz normal. Häufen sich solche Gruppen in einem Text, wird der Stil jedoch schnell schwerfällig. Der Genitiv ist dann kürzer: das Auto meines Bruders. Bei Eigennamen ist die Form mit -s besonders natürlich: Noras Idee statt die Idee von Nora.

Mehrere Genitive hintereinander sind grammatisch möglich, aber schwer zu lesen: die Reparatur des Daches des Hauses. Besser ist oft eine Umformulierung, etwa die Reparatur am Hausdach oder die Reparatur des Hausdaches. Gutes Deutsch besteht nicht darin, möglichst viele Genitive zu verwenden, sondern die passende und verständlichste Form zu wählen.

Über B1 hinaus: weitere Verwendungen

Fortgeschrittene Texte verwenden noch weitere Genitivpräpositionen, zum Beispiel innerhalb, außerhalb, oberhalb, unterhalb, diesseits, jenseits, angesichts, aufgrund und mithilfe: innerhalb eines Monats, außerhalb der Öffnungszeiten, angesichts der Lage. Manche dieser Wörter kommen in Behörden-, Nachrichten- und Fachtexten besonders häufig vor.

Der Genitiv erscheint außerdem in Mengen- und Auswahlkonstruktionen:

  • einer meiner Kollegen
  • viele der Befragten
  • keines dieser Bücher

Dabei bezeichnet die Genitivgruppe die ganze Menge, aus der eine Person oder Sache ausgewählt wird. Das Verb richtet sich nach dem ersten Teil: Einer meiner Kollegen kommt, aber Viele der Befragten kommen.

In Relativsätzen zeigen dessen und deren eine Zugehörigkeit an. Ein Relativsatz ist ein Nebensatz, der eine Person oder Sache näher erklärt:

  • Der Mann, dessen Auto dort steht, wartet draußen.
  • Die Firma, deren Produkte wir nutzen, sitzt in Köln.
  • Die Leute, deren Zug ausfiel, bekamen ein Hotelzimmer.

Dessen bezieht sich auf ein maskulines oder neutrales Wort, deren auf ein feminines Wort oder einen Plural. Entscheidend ist das Wort vor dem Relativsatz, nicht das Geschlecht des folgenden Nomens.

Schließlich lebt der Genitiv in vielen festen adverbialen Wendungen weiter. Adverbial bedeutet hier: Die Wortgruppe beschreibt die Umstände des ganzen Satzes, etwa Zeit, Art oder Einschätzung. Häufig sind eines Tages, letzten Endes, meines Erachtens, guten Gewissens und schweren Herzens. Solche Wendungen lernt man am besten vollständig, statt jede Endung neu zu berechnen.

Einige Verben können in gehobener oder amtlicher Sprache ein Genitivobjekt haben, zum Beispiel einer Sache bedürfen oder der Opfer gedenken. Im heutigen Alltagsdeutsch sind solche Verbindungen selten. Für B1 genügt es, sie beim Lesen zu erkennen; die produktiv wichtigsten Bereiche bleiben das Genitivattribut und die Genitivpräpositionen.

Übungstipps

  1. Bilde täglich fünf Wessen-Fragen. Schreibe zuerst eine normale Aussage wie Das Fahrrad gehört meinem Nachbarn und forme sie dann um: Wessen Fahrrad ist das? – Das Fahrrad meines Nachbarn. Wechsle dabei zwischen maskulinen, neutralen, femininen und pluralischen Nomen.
  2. Lerne ganze Wortgruppen statt einzelner Endungen. Sammle typische Verbindungen wie wegen des Wetters, während der Arbeit, am Ende des Jahres und die Hälfte der Zeit. Markiere Artikel, Adjektivendung und Nomenendung in verschiedenen Farben.
  3. Vergleiche gesprochene und geschriebene Sprache. Achte in Gesprächen auf von + Dativ und suche in Nachrichten nach entsprechenden Genitivformen. Formuliere dann selbst um: der Chef von meinem Bruderder Chef meines Bruders.

Verwandte Themen

  • Voraussetzung: Dativ (Artikel) — der Vergleich von dem/der mit des/der hilft, Dativ und Genitiv sicher auseinanderzuhalten.

Voraussetzung

Dativartikel im DeutschenA2

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