Geben und Bekommen auf Japanisch: あげる・くれる・もらう
授受表現(あげる・もらう・くれる)
Dieser Artikel ist Teil des Japanisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Im Japanischen hängt das Verb davon ab, aus wessen Blickrichtung ein Geschenk betrachtet wird: あげる bewegt etwas vom Sprecher oder einer betrachteten Person weg, くれる bringt es zum Sprecher oder zu einer ihm nahestehenden Person, und もらう beschreibt den Vorgang aus Sicht des Empfängers. Darum kann das deutsche „geben“ je nach Richtung sowohl あげる als auch くれる entsprechen.
Überblick
Die drei Verben あげる („geben“), くれる („jemandem auf meiner Seite geben“) und もらう („bekommen, erhalten“) beschreiben denselben Vorgang aus verschiedenen Blickwinkeln. Dabei geht es nicht nur darum, wer gibt und wer empfängt. Entscheidend ist auch, ob das Geschenk auf den Sprecher zu oder von ihm weg bewegt wird. Diese Blickrichtung wird im Deutschen meist nicht im Verb ausgedrückt: „Meine Mutter gab mir ein Buch“ und „Ich gab meiner Mutter ein Buch“ enthalten beide „geben“. Japanisch wählt dafür unterschiedliche Verben.
Das Thema gehört zum Niveau A2 und baut unmittelbar auf den Partikeln が・を・に auf. Das Subjekt (die Person, von der der Satz grammatisch ausgeht) steht häufig mit が oder als Thema mit は. Das direkte Objekt (die Sache, die gegeben wird) steht mit を. に markiert je nach Verb den Empfänger oder die gebende Person.
Für den Anfang genügt eine klare Dreiteilung: あげる = von mir weg, くれる = zu mir hin, もらう = aus Sicht des Empfängers. Später lässt sich diese Regel auf Menschen ausweiten, die der Sprecher als „seine Seite“ empfindet, etwa Familienmitglieder. So verbindet die japanische Grammatik räumliche Richtung mit persönlicher Nähe und sozialer Perspektive.
So funktioniert es
Ein Vorgang, drei mögliche Blickrichtungen
Stell dir ein Buch vor, das von 田中さん zu dir gelangt:
- 田中さんが本をくれました。 – Tanaka hat mir ein Buch gegeben. Der Satz blickt auf das Geschenk, das zu mir kommt.
- 田中さんに本をもらいました。 – Ich habe von Tanaka ein Buch bekommen. Derselbe Vorgang wird von mir als Empfänger aus beschrieben.
Gibst du das Buch anschließend einem Freund, bewegt es sich von dir weg:
- 友達に本をあげました。 – Ich habe einem Freund das Buch gegeben.
Diese Richtungswahl ist der Kern des Systems.
あげる: jemand anderem etwas geben
Das Grundmuster lautet:
Geber は/が + Empfänger に + Sache を + あげる
- 私は妹に花をあげました。 – Ich habe meiner jüngeren Schwester Blumen gegeben.
- 山田さんは木村さんにチケットをあげました。 – Yamada hat Kimura eine Eintrittskarte gegeben.
Bei あげる ist der Geber der Ausgangspunkt. Der Empfänger steht mit に, die übertragene Sache mit を. Der Geber kann der Sprecher sein, muss es aber nicht. Wichtig ist, dass der Satz die Bewegung zur anderen Person hin betrachtet, nicht als Gabe an den Sprecher.
Auch gegenüber der angesprochenen Person ist あげる möglich:
- この写真をあげます。 – Ich schenke dir dieses Foto.
Das Pronomen „dir“ fehlt, weil der Empfänger aus der Situation klar ist. Japanisch lässt bekannte Satzteile häufig weg.
くれる: jemand gibt mir oder jemandem auf meiner Seite etwas
Das Grundmuster lautet:
Geber は/が + (Empfänger に) + Sache を + くれる
- 友達が私に辞書をくれました。 – Ein Freund hat mir ein Wörterbuch gegeben.
- 父が時計をくれました。 – Mein Vater hat mir eine Uhr geschenkt.
Bei くれる ist der Geber das Subjekt, genau wie bei あげる. Der Unterschied liegt beim Empfänger: Die Gabe kommt zum Sprecher oder zu einer Person, die der Sprecher seiner eigenen Seite zurechnet. Weil „an mich“ meist schon im Verb mitschwingt, wird 私に oft weggelassen.
Die „eigene Seite“ ist keine starre Liste. Häufig gehören enge Familienangehörige dazu, wenn der Sprecher den Vorgang aus ihrer Perspektive miterlebt:
- 先生が弟に本をくれました。 – Die Lehrerin hat meinem jüngeren Bruder ein Buch gegeben.
Hier ist der Bruder dem Sprecher nah; deshalb kann die Gabe als Bewegung zur eigenen Seite dargestellt werden. Für A2 ist es jedoch am sichersten, くれる zunächst mit „jemand gibt mir etwas“ zu verankern.
もらう: etwas von jemandem bekommen
Das Grundmuster lautet:
Empfänger は/が + Geber に/から + Sache を + もらう
- 私は先生に本をもらいました。 – Ich habe von meiner Lehrerin ein Buch bekommen.
- 会社から記念品をもらいました。 – Ich habe von der Firma ein Erinnerungsstück erhalten.
Bei もらう ist nun der Empfänger das Subjekt. Die Person, von der etwas kommt, steht meist mit に oder から. から bedeutet wörtlich „von, aus“ und macht die Herkunft besonders deutlich. Bei Organisationen und Einrichtungen klingt から oft natürlicher: 学校から, 会社から, 市役所から.
Vergleiche die Satzrollen:
| Blickrichtung | Satzmuster | Leitfrage |
|---|---|---|
| あげる | Geber は Empfänger に Sache を あげる | Wem gibt der Geber etwas? |
| くれる | Geber が (mir/meiner Seite に) Sache を くれる | Wer gibt mir oder meiner Seite etwas? |
| もらう | Empfänger は Geber に/から Sache を もらう | Von wem bekommt der Empfänger etwas? |
は und が: Thema oder hervorgehobener Geber
Mit は wird meist festgelegt, über wen gesprochen wird. が kennzeichnet häufig die konkrete Person, die gibt, besonders wenn diese Information neu oder wichtig ist:
- 私は友達にお菓子をあげました。 – Was mich betrifft: Ich gab einem Freund Süßigkeiten.
- 友達がお菓子をくれました。 – Ein Freund war es, der mir Süßigkeiten gab.
Diese Gegenüberstellung ist keine ausnahmslose Übersetzungsregel. Für die Wahl zwischen あげる, くれる und もらう ist zuerst die Richtung entscheidend; die Feinheiten von は und が kommen danach.
Häufige Formen
Alle drei Verben enden in der Wörterbuchform auf る, doch くれる bildet die höfliche Form くれます. Die wichtigsten Formen sind:
| Bedeutung | あげる | くれる | もらう |
|---|---|---|---|
| neutral, Gegenwart/Zukunft | あげる | くれる | もらう |
| höflich, Gegenwart/Zukunft | あげます | くれます | もらいます |
| neutral, Vergangenheit | あげた | くれた | もらった |
| höflich, Vergangenheit | あげました | くれました | もらいました |
| neutral, verneint | あげない | くれない | もらわない |
| höflich, verneint | あげません | くれません | もらいません |
Die nicht vergangene Form kann Gegenwart oder Zukunft ausdrücken. Ob „gibt“ oder „wird geben“ gemeint ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang.
Beispiele im Zusammenhang
| Japanisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| 友達にプレゼントをあげました。 | Ich habe einem Freund ein Geschenk gegeben. | Geschenk bewegt sich vom Sprecher weg |
| 妹に古いパソコンをあげます。 | Ich gebe meiner jüngeren Schwester meinen alten Rechner. | geplanter Vorgang mit あげる |
| 誕生日に何をあげますか。 | Was wirst du zum Geburtstag schenken? | Empfänger ist aus dem Zusammenhang bekannt |
| 山田さんは木村さんに花をあげました。 | Yamada hat Kimura Blumen geschenkt. | Geber und Empfänger sind dritte Personen |
| 母が本をくれました。 | Meine Mutter hat mir ein Buch gegeben. | 私に ist ausgelassen |
| 友達が私に地図をくれました。 | Ein Freund hat mir eine Karte gegeben. | Empfänger wird ausdrücklich genannt |
| 先生が弟に辞書をくれました。 | Die Lehrerin hat meinem Bruder ein Wörterbuch gegeben. | Gabe an eine nahestehende Person |
| これ、だれがくれたの? | Wer hat dir das hier gegeben? | lockere Alltagssprache; Empfänger aus der Situation klar |
| 先生に本をもらいました。 | Ich habe von meiner Lehrerin ein Buch bekommen. | Empfänger ist der Sprecher |
| 会社からカレンダーをもらいました。 | Ich habe von der Firma einen Kalender bekommen. | から bei einer Organisation |
| 誕生日に何をもらいましたか。 | Was hast du zum Geburtstag bekommen? | Frage nach der erhaltenen Sache |
| 姉は友達にチケットをもらいました。 | Meine ältere Schwester hat von einer Freundin eine Karte bekommen. | 姉 ist Empfängerin und Satzthema |
| 私は何ももらいませんでした。 | Ich habe nichts bekommen. | verneinte Vergangenheitsform |
| この人形は祖母にもらいました。 | Diese Puppe habe ich von meiner Großmutter bekommen. | die Sache steht als Thema mit は |
Häufige Fehler
1. あげる verwenden, obwohl die Gabe zum Sprecher kommt
- Falsch: 友達が私に本をあげました。
- Richtig: 友達が私に本をくれました。
- Warum: Der Freund gibt das Buch dem Sprecher. Aus dessen Blickrichtung kommt die Gabe zu ihm hin, daher passt くれる. Der falsche Satz ist nicht bloß eine falsche Endung, sondern nimmt eine unpassende Perspektive ein.
2. Bei もらう den Geber zum Subjekt machen
- Falsch: 先生が私に本をもらいました。 – wenn gemeint ist: „Ich bekam ein Buch von der Lehrerin.“
- Richtig: 私は先生に本をもらいました。
- Warum: Bei もらう ist der Empfänger das Subjekt beziehungsweise Thema. Im falschen Satz wäre die Lehrerin diejenige, die etwas erhält.
3. Die Rolle von に unverändert auswendig lernen
- Falsch: annehmen, に bezeichne immer den Empfänger
- Richtig: 妹に本をあげる („der Schwester geben“), aber 妹に本をもらう („von der Schwester bekommen“)
- Warum: Bei あげる markiert に das Ziel der Gabe; bei もらう markiert es ihre Quelle. Lerne deshalb immer das ganze Satzmuster, nicht die Partikel allein.
4. くれる ohne Bezug zum Sprecher verwenden
- Falsch: 田中さんが山田さんに本をくれました。 – wenn weder Yamada noch Tanaka eine besondere Beziehung zum Sprecher haben
- Richtig: 田中さんが山田さんに本をあげました。
- Warum: くれる setzt normalerweise voraus, dass die Gabe beim Sprecher oder auf seiner Seite ankommt. Bei einem neutral berichteten Vorgang zwischen zwei anderen Personen ist あげる die sichere Wahl.
5. くれる regelmäßig wie くれります bilden
- Falsch: 母が本をくれりました。
- Richtig: 母が本をくれました。
- Warum: Die höfliche Form lautet くれます, die höfliche Vergangenheit くれました. Diese Formen sollten als feste Reihe gelernt werden.
Hinweise zum Gebrauch
Der Empfänger bleibt oft unausgesprochen
In deutschen Sätzen ist „mir“ oder „dir“ meist nötig. Japanisch lässt eine Person weg, wenn sie aus der Situation eindeutig ist. 母が本をくれた wird daher gewöhnlich als „Meine Mutter gab mir ein Buch“ verstanden. Ebenso kann これ、あげる ohne genanntes あなたに einfach „Das schenke ich dir“ bedeuten.
Das Weglassen ist nicht nachlässig, sondern normal. Zu viele Pronomen wie 私 und あなた können einen japanischen Satz unnötig schwer oder unnatürlich wirken lassen.
Geschenk, Leihgabe oder dauerhaftes Überlassen
あげる bedeutet häufig „schenken“, kann aber allgemeiner ausdrücken, dass jemand etwas überlässt. もらう heißt entsprechend „bekommen“ oder „erhalten“. Bei geliehenen Dingen verwendet man dagegen Verben wie 貸す („leihen, verleihen“) und 借りる („ausleihen“), sofern der Gegenstand zurückgegeben werden soll.
Soziale Nähe ist eine Perspektive, keine Besitzregel
Die Unterscheidung zwischen „meiner Seite“ und „anderen“ wird im Japanischen oft 内・外(うち・そと) genannt, also „innen“ und „außen“. Wer als nah gilt, hängt von Situation und Blickwinkel ab. Die eigene Familie kann nach innen gehören, wenn man mit Außenstehenden spricht; in einem anderen Gespräch kann ein einzelnes Familienmitglied einfach als eigenständige Person betrachtet werden. Für den aktiven A2-Gebrauch muss diese Abstufung noch nicht perfekt beherrscht werden. Entscheidend bleibt: くれる signalisiert eine Gabe, die der Sprecher als zu sich oder seiner Seite gerichtet darstellt.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Feinheiten begegnen dir später häufig. Du musst sie auf A2 noch nicht alle aktiv verwenden, solltest sie aber erkennen können.
Höfliche und respektvolle Gegenstücke
Wenn die soziale Stellung wichtig ist, werden neutralere Verben durch respektvollere Formen ersetzt:
| Grundverb | Fortgeschrittene Form | Typische Blickrichtung |
|---|---|---|
| あげる | 差し上げる(さしあげる) | der Sprecher gibt einer höhergestellten Person |
| くれる | くださる | eine höhergestellte Person gibt dem Sprecher oder seiner Seite |
| もらう | いただく | der Sprecher erhält demütig etwas von einer höhergestellten Person |
Beispiel: 先生が本をくださいました。 bedeutet „Die Lehrerin hat mir freundlicherweise ein Buch gegeben.“ 先生に本をいただきました。 beschreibt denselben Vorgang respektvoll aus Sicht des Empfängers. Diese Formen gehören zur Höflichkeitssprache und verlangen mehr Aufmerksamkeit für Rollen und gesellschaftlichen Abstand.
Mit あげる gegenüber einer deutlich höhergestellten Person kann es außerdem ungeschickt wirken, die eigene Gabe als Wohltat hervorzuheben. In formellen Situationen ist deshalb nicht nur die Verbform, sondern auch eine zurückhaltende Formulierung wichtig.
やる bei Tieren, Pflanzen und in rauer Sprache
やる kann ebenfalls „geben“ bedeuten. Man hört es besonders bei Tieren und Pflanzen:
- 犬に水をやりました。 – Ich gab dem Hund Wasser.
- 花に水をやります。 – Ich gieße die Blumen.
Gegenüber Menschen kann やる je nach Beziehung grob oder herablassend klingen. あげる ist für Lernende meist die sicherere neutrale Form. Bei Haustieren wird im heutigen Alltag ebenfalls oft あげる benutzt, weil sie als Familienmitglieder betrachtet werden.
Von Dingen zu Gefälligkeiten
Die drei Blickrichtungen gelten nicht nur für Gegenstände. In Verbindung mit der て-Form eines Verbs können sie ausdrücken, dass jemand für eine andere Person etwas tut:
- 手伝ってくれました。 – Jemand hat mir geholfen.
- 説明してもらいました。 – Ich habe es mir erklären lassen.
Dabei kommen zusätzliche Bedeutungsnuancen wie Dankbarkeit, Nutzen oder mitunter Bevormundung hinzu. Dieses eigene Grammatikthema baut direkt auf der hier erklärten Perspektive auf.
Übungstipps
- Zeichne Pfeile statt nur Vokabelgleichungen. Schreibe links den Geber, rechts den Empfänger und zeichne die Bewegung der Sache ein. Führt der Pfeil zu dir, prüfe くれる; gehst du vom Empfänger aus, bilde denselben Vorgang noch einmal mit もらう.
- Formuliere jeden Vorgang doppelt. Aus 友達が本をくれました wird 友達に本をもらいました. So lernst du, dass nicht die deutsche Übersetzung, sondern die japanische Blickrichtung die Satzrollen bestimmt.
- Sammle echte Geschenksituationen. Notiere fünf Dinge, die du erhalten hast, und fünf Dinge, die du anderen gegeben hast. Verwende zunächst vollständige Muster mit は・に・を; lass bekannte Satzteile erst später weg.
Verwandte Konzepte
- Voraussetzung: Grundpartikeln は・が・を・に – hilft dabei, Geber, Empfänger und übertragene Sache zu kennzeichnen
- Nächster Schritt: Gefälligkeiten mit てあげる・てくれる・てもらう – überträgt dieselben Blickrichtungen vom Geben von Dingen auf Handlungen
Voraussetzung
Die Partikeln は, が, を und に im JapanischenA1Konzepte, die darauf aufbauen
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